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“Doktor Schiwago” erstmals Open Air – Tecklenburg 2019

Große Gefühle auf der Freilichtbühne

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In den letzten Jahren lockte die kleine Festspielstadt Tecklenburg immer wieder vermehrt Musicalbegeisterte zu sich. Sei es mit „Artus – Excalibur“, „Rebecca“ oder „Les Misérables“. In diesem Jahr bringen sie nun unter der Regie von Ulrich Wiggers erstmals das Musical über „Doktor Schiwago“, welches 2006 in San Diego uraufgeführt wurde, auf die Bühne. Auch wenn der Stoff nicht ganz einfach ist, so überzeugt das Musical auf ganzer Linie mit grandioser Musik von Lucy Simons, einem perfekt besetzten Ensemble und einer raffinierten Inszenierung.

Das Musical „Doktor Schiwago“ erzählt nicht die komplette Biografie Schiwagos, vielmehr werden Akzente von 1903 bis 1930 gesetzt. Im Mittelpunkt des knapp 3,5-stündigen Abends stehen die Liebesgeschichte von Juri Schiwago zwischen zwei Frauen und eine Gesellschaft zwischen aristokratischer Diktatur und Revolution.

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Die Musik von Lucy Simons ist zwar sehr duett- und vor allem balladenträchtig, verbindet aber die unterschiedlichsten Stile – ob russische Volksmusik, Walzer-Melodien oder Pop-Sequenzen. Besonderer Clou ist die geschickt eingesetzte Leitmotivik, wie man sie aus der Oper kennt und auch Lara`s Theme aus dem Spielfilm mit Omar Sharif in der Titelrolle findet im Arrangement von Simons seinen Platz.

Das Orchester unter der Leitung von Tjaard Kirsch fängt an diesem sommerlichen Abend, der Premiere von „Doktor Schiwago“ am 26. Juli 2019, an zu spielen. Der große Chor sowie einige Protagonisten betreten die Bühne. In der Mitte ein Sarg, daneben der kleine Juri Schiwago sowie der Rechtsanwalt der Familie, Viktor Komarovskij (Bernhard Bettermann). Ein bewegender Moment. Da Juri nun Waise ist, nimmt ihn die Familie seiner Cousine Tonja in Obhut, sie beide werden gemeinsam groß. Dieses erste Bild der Inszenierung lässt einem schon nach wenigen Sekunden Gänsehaut über den Körper laufen. Nicht nur die Kinderdarsteller können ihr gesangliches Talent unter Beweis stellen, denn sie werden schließlich von den Profis abgelöst: Jan Ammann als erwachsener Juri Schiwago sowie Wietske van Tongeren als Tonja, aber auch im unteren Bühnenbereich Milica Jovanovic als Lara. Sie alle gemeinsam zaubern ein gefühlvolles und starkes „Zwei Welten“ auf die Bühne.

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Freilichtspiel-Intendant Beuleke und sein Team haben keine Kosten und Mühen gescheut eine perfekte Besetzung der einzelnen Rollen zu finden. Bereits bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Leipzig verkörperte Jan Ammann Dr. Juri Schiwago. Ammann spielt nicht nur Schiwago, er ist Schiwago. Dies geschieht aber nicht nur bei Ammann, sondern auch bei den anderen Protagonisten. Sie ziehen das Publikum förmlich in ihren Bann durch ihr Schauspiel und ihren Gesang. Ammann überzeugt vor allem mit seinem stimmgewaltigen Timbre.

Perfekt harmoniert Ammann mit van Tongeren und Jovanovic. Bei jedem Duett mit den beiden bleibt dem Zuschauer fast der Atem weg. Für Wietske van Tongeren ist ihre Darbietung als Tonja das erste größere Engagement nach der Babypause. Ihre Interpretation der Tonja zaubert viel Wärme auf die doch eigentlich kalte Bühne. Das Duett „It comes no surprise“ im zweiten Akt mit Milica Jovanovic sorgt nun spätestens für die ein oder andere Träne.

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Milica Jovanovic hat sich in den letzten vier Jahren in die Herzen des Tecklenburger Publikums gesungen und nicht nur das, sie hat auch die Liebe ihres Lebens gefunden. Gemeinsam mit ihrem Mann (die beiden gaben sich am 01. August das Ja-Wort) Dominik Hees darf sie in den diesjährigen Produktionen ein Liebespaar spielen. Doch so fröhlich das Pärchen bei „Don Camillo & Peppone“ sein darf, umso dramatischer ist die Beziehung zwischen Lara und ihrem Pascha in „Doktor Schiwago“. Egal ob im Duett mit Dominik Hees oder Jan Ammann, Jovanovic präsentiert eine starke Frau, die ein Geheimnis mit sich herum trägt und am Ende diejenige ist, die mit Juris Tochter an dessen Grab steht.

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Auch Dominik Hees konnte man bereits in den vergangenen Jahren in Tecklenburg erleben. Als Pascha macht er nun eine Verwandlung vom schüchternen, jungen Mann zum knallharten Gegner des Zars. Erst am Ende wird klar, dass Pascha die ganze Zeit Schiwago und Lara aus Liebe schützen wollte. Hees überrascht somit mit seiner Darbietung und kann auf ganzer Linie von sich überzeugen. Dem Publikum präsentiert er gekonnt eine ganz andere Seite seines künstlerischen Könnens.

Erstmals in Tecklenburg dabei ist Schauspieler Bernhard Bettermann, den meisten bekannt als Dr. Martin Stein aus „In aller Freundschaft“. Auch er überrascht das Publikum, sowohl mit seinem Gesangstalent als auch durch seine bitterbösen Seite als Rechtsanwalt Viktor Komarovskij. Er ist der Drahtzieher an diesem Abend und das alles nur zum Wohle von Schiwago.

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Kevin Tarte und Bettina Meske als Ehepaar Gromeko können in diesem Jahr leider nicht so brillieren, da ihre Rollen relativ klein angelegt sind. In den Momenten, in denen sie allerdings präsent sein dürfen, überzeugen sie auf ganzer Linie.

Die Freilichtspiele Tecklenburg überzeugen aber nicht nur immer wieder mit einer perfekt besetzen Hauptcast, sondern eben auch mit einem grandiosen Ensemble aus neuen und alten Gesichtern sowie mit einem 18-köpfigen Orchester.

Ulrich Wiggers gelingt es nicht nur die Darsteller ins perfekte Licht zu rücken, sondern auch in der Konzeption des Bühnenbildes setzt er neue Akzente. Unterstützt von Jens Janke ziehen neue Bühnenelemente in Tecklenburg ein. So zeigt sich nach einigen Spielzeiten der burgeigene Brunnen wieder und wird gekonnt ins Stück integriert. Aber auch auf der Hauptbühne wird durch eine weitere Holzkonstruktion, welche als Kreuz einen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte darstellt, ein neues Element geschaffen, das im Schlussbild noch eine weitere Bedeutung erhält.

„Doktor Schiwago“ ist bei den Freilichtspielen Tecklenburg noch bis zum 14. September 2019 zu erleben. Tickets gibt es an allen bekannten VVK-Stellen.

Weitere Impressionen


Artikel von Anna-Virginia, Fotos: Holger Bulk & Stefan Drewianka


Cast & Crew

  • REGIE: Ulrich Wiggers
  • MUSIKALISCHE LEITUNG: Tjaard Kirsch
  • CHOREOGRAFIE: Zoltán Fekete
  • KOSTÜMBILD: Karin Alberti
  • Jurij Andréitsch Schiwago – Arzt und Dichter: Jan Ammann
  • Larissa Guichard – genannt Lara: Milica Jovanovic
  • Viktor Komarovskij – Rechtsanwalt: Bernhard Bettermann
  • Pawel Antipov – genannt Pascha / Strelnikow: Dominik Hees – ab 29. 8.  Fabio Diso
  • Antonina Gromeko – genannt Tonia: Wietske van Tongeren
  • Anna Iwanowna Gromeko – Tonias Mutter: Bettina Meske
  • Alexander Gromeko – Tonias Vater: Kevin Tarte
  • Janko: Nicolai Schwab
  • Liberius: Florian Soyka

ENSEMBLE
Jennifer Kohl, Esther-Larissa Lach, Sophie Blümel, Eva Kewer, Alexandra Hoffmann, Tamara Peters, Dominique Aref, Celena Pieper, Wolfgang Postlbauer, Julian Schier, Jörg Neubauer, Jan Altenbockum, Bosse Vogt, Florian Albers, Zoltán Fekete, David Hammann, Mathias Meffert, Andrew Hill, Nicolai Schwab

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