Thrill Me – OFF Stage Tournee 2018

© Nico Stank
© Nico Stank

Der im vergangenen Jahr gegründete Verein Offstage Germany hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Off-Musicals in Deutschland einen Raum zu geben. Zu erschwinglichen Preisen werden Stücke etabliert, die an großen Häusern leider nur wenig Chancen haben Fuß zu fassen, jedoch an Qualität und Inhalt den populären Produktionen in nichts nachstehen. Im Ausland ist dies schon lange Gang und Gäbe, doch hierzulande ist es beinahe ein Novum, diese Stücke zu zeigen und dem interessierten Publikum in der Landessprache zugänglich zu machen.

Sein Debut gibt der gemeinnützige Verein mit „Thrill Me“, dem Musical-Thriller von Stephen Dolginoff aus dem Jahre 2003, welches seine deutschsprachige Uraufführung erst vor drei Jahren hatte. Die Geschichte um die Chicago Thrill Killers, die 1924 ihr Unwesen trieben, entstand nach einer wahren Begebenheit. Regisseur Michael Heller inszeniert diesen durchaus schwierigen Stoff mit außerordentlich viel Feingefühl und bringt damit ein kleines Meisterwerk auf die Nebenbühne des Berliner Admiralspalastes.

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Foto by Julia Bornkessel Fotografie – mit Gerrit Hericks und Kevin Köhler

Die Geschichte beginnt 1958 in einem Gefängnis, in welchem ein Mann mittleren Alters um Begnadigung bittet. Er sieht seine Schuld als abgegolten, niemandem wird mehr ein Leid geschehen. Rückblenden entführen das Publikum in die Zeit 34 Jahre zuvor, in welcher sich Dinge ereigneten, die der Stoff aus dem Verbrecherträume sind, zu sein scheinen. Nathan Leopold und Richard Loeb sind zwei junge Jurastudenten, die ihr Leben noch vor sich haben. Beide plagt eine Besessenheit, die sie ausleben müssen, wie die Luft zum Atmen brauchen und beide suchen ebenso den Kick im Leben. Für jeden von ihnen bedeutet das etwas anderes, doch sind ihre Schicksale unweigerlich miteinander verwoben. Ist Richard besessen davon zunächst kleine, dann immer größere Verbrechen zu begehen, so liegt Nathans Besessenheit an ganz anderer Stelle. Er vergöttert seinen Partner und würde, um mit ihm zusammen zu sein, ihn exklusiv zu haben, einfach alles tun. Sie schließen einen Pakt, der sie für immer aneinander bindet.

Die beiden überdurchschnittlich intelligenten jungen Männer, die sich mit Nietzsche identifizieren und selbst als „Übermenschen“ sehen, kommen mit ihren kriminellen Machenschaften stets davon. Allerdings nur so lange, bis Richard Einbrüche und Brandstiftungen nicht mehr genügen, und er das perfekte Verbrechen plant. Ein Mord soll es sein, am liebsten an seinem verhassten Bruder John. Nathan kann ihn von letzterem zwar gerade noch abhalten, es bleibt aber die Idee einem Kind das Leben zu nehmen und Lösegeld zu erpressen auch weiterhin bestehen. Richard entführt und tötet einen Jungen aus der Nachbarschaft, während Nathan für das Verwischen der Spuren verantwortlich zeichnet. Einem Missgeschick geschuldet führt der Weg der Polizei jedoch zu Leopold und er gesteht als sich seine Liebe von ihm abwendet, mehr noch, er zieht den Partner mit in die Verantwortung. Nach ihrer Verhaftung sorgt Leopolds Vater für den besten mit Geld zu bezahlenden Anwalt, Clarence Darrow, der in einem zwölfstündigen, ergreifenden Plädoyer dafür sorgt, dass die Todesstrafe für beide in eine lebenslängliche Haft plus 99 Jahre abgewendet wird.

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Foto by Julia Bornkessel Fotografie – mit Gerrit Hericks und Kevin Köhler

Selbige sollen sie in der gleichen Zelle verbringen, womit Nathan am Ende mit seiner Obsession zu siegen scheint. Er wird Richard auf alle Zeit für sich allein haben. Dieser wird allerdings nur einige Jahre nach ihrer Inhaftierung von einem Mitinsassen ermordet, so dass Nathan nach 34 Jahren auf Begnadigung hofft und am Ende frei kommt.

Die beiden Rollen sind mit Gerrit Hericks (Richard Loeb) und Kevin Köhler (Nathan Leopold) besetzt. Auf beeindruckende Weise entwickeln sie ihre Figuren auf der Bühne. Mit nur wenigen Requisiten hauchen sie ihren Charakteren Leben ein und es braucht auch nicht mehr als das, um das Publikum abzuholen und auf eine Reise zu entführen, die es so schnell nicht vergisst. Die Texte, im deutschen von Bernd Julius Arends, sind eindringlich und die Lichtstimmung, gepaart mit dem verzweifelten Spiel der Protagonisten, treibt einem die Gänsehaut über den gesamten Körper. „Thrill Me“ ist keine leichte Kost, keine Unterhaltung für nebenbei und sicher nichts, was sich so schnell abschütteln lässt. Es fasziniert, wie kleine Gesten, die pure ehrliche Mimik der Aktiven und als zentrales Requisit lediglich ein Turm in der Bühnenmitte platziert – mal als Lampe für ein Verhör, dann wieder als Zimmer oder auch als eine Art Ausguck genutzt -, genügen, um das Publikum zu fesseln, gar zu reizen und diesem das beklemmende Gefühl zu geben, Zeuge von etwas Verbotenem zu sein.

„Thrill Me“ läuft noch einmal vom 27. bis 30. April 2018 im First Stage Theater in Hamburg. Karten sind noch reichlich zu haben. Wer also die Gelegenheit hat, dem raten wir sich dieses großartige Debut von Offstage Germany nicht entgehen zu lassen. Sehen Sie selbst, wie sehr der Einsatz einer einzigen Taschenlampe Sie frösteln lassen kann – lassen Sie sich thrillen! 

Text: Andrea

Eine Produktion von OFFstage Germany
Regie & Choreographie: Michael Heller
Musikalische Leitung: Lidia Kalendareva
Nathan Leopold: Kevin Köhler Official
Richard Loeb: Gerrit Hericks Music
Fotos by Julia Bornkessel Fotografie