Intensiv +++ Anspruchsvoll +++ Berührend

Next to normal – Premiere am 16.11.2017

Das Musical Ensemble Erft hat es wieder einmal geschafft und ein Stück auf die Bühne geholt, das bereits große Erfolge gefeiert hat. Mit Next to Normal – fast normal, legen sie die Messlatte ziemlich hoch, denn das Stück, welches bereits 2009 am Broadway seine umjubelte Premiere feierte, befasst sich mit Tabuthemen in unserer heutigen Gesellschaft.

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Nicht immer ist alles wie es auf den ersten Blick scheint. Das erfahren die Zuschauer nach und nach in der mitreißenden Inszenierung des Stückes von Brian Yorkey und Tom Kitt. Familie Goodman macht auf den ersten Blick einen ganz normalen Eindruck, doch hinter der Fassade haben sie alle ihr Päckchen zu tragen. Mutter Diana leidet an einer schweren multiplen Störung, die die ganze Familie beeinflusst und leiden lässt. Zwar stehen sie zusammen, doch zeigen sich immer mehr Probleme auf, die sich im Verlauf der Handlung offenbaren. Vater Dan kämpft zudem selber mit Depressionen, da er seit Jahren seine Bedürftnisse zurück stellt und Tochter Natalie versucht verzweifelt eine Lücke zu füllen, von der sie nicht mal etwas weiß.

Mit Gabi Schmidt konnte das Ensemble die Rolle der Diana Goodman mit einer studierten Musicaldarstellerin besetzen. Sie ist keine Unbekannte, hat man sie doch bereits in zahlreichen Hauptrollen bewundern können. Unter anderem spielte sie in Evita, Jesus Christ Superstar, Kiss me Kate oder Fame – um nur einige zu nennen. Derzeit konzentriert sie sich auf ihre Arbeit als Gesangspädagogin, und bildet in diesem Rahmen auch einige Mitglieder dieser Gruppe stimmlich fort.

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Die Rollen des Dan Goodman, der Tochter Natalie und Natalies Freund Henry besetzen Jonas Wender, Laura Hatko und Tim Stranowsky. Sie sind bereits längere Zeit Mitglieder im Musical Ensemble Erft e.V. und standen unter anderem im Stück „Addams Family“ auf der Bühne. Neu hinzu gekommen, aber nicht minder erfahren, ist Philipp Schwerhoff, der Gabe Goodman, den in Alter von nur acht Monaten verstorbenen Sohn der Familie verkörpert. Heute geistert dieser als junger, offenbar nie gestorbener Erwachsener durch die Gedankenwelt seiner Mutter und zeichnet für ihre psychische Krankheit verantwortlich. Bereits seit 2014 agiert Schwerhoff als musikalischer Leiter des Ensembles. Alexander Geiger debütiert in der Doppelrolle der Psychiater Dr. Fine/Dr. Madden. Ihm kommt für diese Rollen seine private Ausbildung zugute, ist er doch Doktorand der Neurowissenschaften.

Unter der künstlerischen Gesamtleitung von Barbara Franck kommt das Stück, welches seit 2013 auch in Deutschland häufig zu sehen war, sich großer Beliebtheit erfreut und schon von großen Darstellern gespielt wurde, nun auf die kleine, jedoch nicht zu unterschätzende Bühne des semiprofessionellen Vereins Musical Ensemble Erft.

Das Bühnenbild ist ebenso einfach wie raffiniert gestaltet, eine hübsche Holzkonstruktion zeichnet ein realitätsnahes, anheimelndes Bild der Goodman’schen Wohnung mit tatsächlich drei, auf verschiedenen Ebenen vorhandenen „Zimmern“ und unzähligen Möglichkeiten. Kostüme benötigt das Stück wenige – eigentlich nur die Psychologen und Ärzte im Krankenhaus; die Protagonisten tragen durchweg Straßenkleidung – aber diese sind passend gewählt. Musikalisch begleitet werden die Aktiven von einer Live-Band unter der Leitung von David Mertin.

Wieder einmal überzeugen die ambitionierten Amateure des Musical Ensemble Erft e. V. auf ganzer Linie. Sie spielen die schwierigen Emotionen, die eine solche Thematik mit sich bringt, überaus überzeugend und klar strukturiert. Das Gesangspotential der jungen Leute ist enorm, so dass es nicht verwunderlich ist, dass schon einige bekannte Musicaldarsteller aus ihren Reihen hervorgegangen sind. Keineswegs brauchen sich die Darsteller – weder gesanglich noch schauspielerisch – hinter einem Profi zu verstecken. Der Besuch einer von diesem Verein organisierten Veranstaltung ist immer wieder eine Reise wert.

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Das Publikum entlohnte die Bühnenaktiven mit frenetischem Applaus und stehenden Ovationen. Dieses spezielle Stück verlangt nicht nur den Darstellern gesanglich wie schauspielerisch einiges ab, auch die Zuschauer haben eine große Herausforderung zu bewältigen. Die Handlung ist intensiv, rührt und berührt, stimmt nachdenklich und lässt Vergleiche mit sich und der eigenen Lebenssituation ziehen, es ist emotional und ehrlich, aber auch gepaart mit intelligentem Humor. Es wurde gelacht und geweint, gehofft und gefiebert. Mir bleibt hier nur zu sagen: Chapeau Musical Ensemble Erft! Ihr habt diese große Herausforderung fantastisch gemeistert.

Wer die Möglichkeit hat, sich diese ergreifende Inszenierung anzusehen, sollte seine Chance nutzen! Next to Normal – fast normal wird noch bis Sonntag, 19. November 2017 in der Aula des Gymnasiums Kerpen, Philipp-Schneider-Straße, aufgeführt. Tickets gibt es online – täglich bis 12 Uhr – auf der Homepage www.musical-ensemble-erft.de oder danach an der Abendkasse.


Artikel von Bilder von Astrid