Mitternachtsball – Theatre of blood – Essen 2017

Konzertabend in 4 Akten, 19:30 Uhr – 01:30 Uhr

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© Sound of music

„Märchen schreibt die Zeit…“, dieses doch sehr passende Zitat kommt einem recht früh in den Sinn, doch dieser Halloweenabend 2017 im Colosseum Theater in Essen taugt für mehr. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich Berichte und Gerüchte gleichermaßen. Diejenigen, die das Glück haben dabei zu sein, wohnen der Geburtsstunde eines neuen Mythos‘ bei. „Mitternachtsball“, ein Wort voller Verheißung und Vorfreude, ein Kribbeln, ein Gefühl, etwas Besonderes wie Perlen im Champagner oder ein erlesener Wein. Ein Wort, dessen Bedeutung neu und alt verbindet. Den altmodischen, strengen, vielleicht etwas steifen Ball aus grauer Vorzeit und die Mitternacht, den Beginn eines neuen Tages, auch wenn das erste Tageslicht noch lange auf sich warten lässt. Zudem ist da natürlich auch noch die sagenumwobene Geisterstunde in der sich die Kreaturen der Nacht aus dem Schatten wagen und ihr Unwesen treiben. Gerade an einem solchen Datum, wie dem 31.10. – Halloween – sind all jene für Spuk und Zauber der Verblichenen und unsterblichen Seelen empfänglich, die sich gern aus dem Alltag entführen lassen.

Lange schon warf das Event, groß angekündigt, seine Schatten voraus. Zunächst munkelte man, es gab Gerüchte, schließlich Ankündigungen, bis hin zum ersten Plakat, welches den Vorverkauf ankündigte. Einem Augenzwinkern gleich war das Theater mit seinen knapp 1500 Sitzplätzen bis auf den letzten Platz restlos ausgebucht und die Warteliste für einen Platz war lang. Die Vorfreude begann sich zu steigern, je näher der Tag rückte und jede noch so kleine Information wurde begierig aufgesaugt. Ein Dresscode in rot, schwarz oder rot-schwarz wurde von den Zuschauern erbeten, was dem Ganzen eine mystische Aura verlieh und die Diskussionen in unzähligen Foren anheizte. Mit der Ankündigung der Darsteller, die an jenem Abend auf der Bühne stehen sollten, war auch das nächste Geheimnis gelüftet. In vier Akten sollten sich vierzehn namenhafte Darsteller die Klinke in die Hand geben, um den Abend, bis tief in die Nacht mit den Zuschauern zu verbringen. Sound of Music Concerts lud also zum Tanz oder viel mehr zum Zuhören. Mit dabei waren: Jan Ammann, David Arnsperger, Andreas Bieber, Tobias Bieri, Thomas Borchert, Mercedesz Csampai, Mathias Edenborn, Maya Hakvoort, Dennis Henschel, Alexander Kerbst, Christina Patten, Michaela Schober, Mark Seibert und Sabrina Weckerlin. Unterstützung erhielten sie von „The Vampire Dancers“ und dem „Choir of the Undead“.

Schon beim Betreten des Foyers, des großen Theaters, welches vollständig mit rotem Teppich ausgelegt ist, und damit die Garderobe der ankommenden Gäste noch untermalt, ist die Spannung beinahe greifbar. Es summt wie in einem Bienenstock und fast ausschließlich halten sich die Gäste an die erbetenen Farben. Doch damit nicht genug, schlichte Hemden und Blusen werden von pompösen Ballkleidern und fantasievollen Kostümen abgelöst, denen man die Liebe zum Detail ansieht. Es ist kaum genug Zeit, sich satt zu sehen, ehe der Gong zum ersten Akt ertönt und das Warten vorüber ist.

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Zunächst ist die Bühne, abgesehen von der Band, leer. Aus dem Off ertönen die ersten Töne von „Jeanny“, aus Falco Meets Amadeus, was den Auftakt in den Abend gibt. Dass die Show nicht ganz jugendfrei werden wird, zeigt sich hier zum ersten Mal. Mit (Kunst)Blut wird genauso wenig gespart, wie mit nackter Haut. Augenblicklich wird das Publikum in den Bann des Bühnengeschehens gezogen. Kostümiert und szenisch dargestellt wird das Lied nicht nur zum Ohren-, sondern auch zum Augenschmaus. Als der Chor die Bühne verlässt, bleibt Alexander Kerbst allein zurück.

Eine eindrucksvolle Anmoderation beginnt, der die Begrüßung des Publikums vorausgeht. Um die Einladung zum Mitternachtsball zu erhalten, dem eigentlichen letzten Akt, muss eine Prüfung bestanden werden. Geheimnisvoll heißt es, nur wer die ersten drei Akte übersteht, das Grauen der dort aufgeführten Musicals durchsteht, kann schließlich am Ende teilnehmen. Das Gelächter auf diese Ankündigung löst die Anspannung, lässt jedoch die Erwartung steigen. Der vielseitige Darsteller moderiert den gesamten Abend äußerst charmant und witzig, und nimmt das Publikum gekonnt schon vor dem eigentlichen Akt mit in die Welt des jeweils angekündigten Musicals. Unterteilt in Blöcke kündigt Kerbst nun zunächst Frank Wildhorns „Dracula“ an, welches nach dem Roman von Bram Stoker entstand, und verlässt die Bühne, als die ersten Akkorde erklingen. Unschwer lässt sich an den Reaktionen des Publikums erkennen, dass dieser erste Block durchaus Gefallen findet, lauter Jubel ertönt als “Witby Bay“, gesungen von Andreas Bieber und Christina Patten erklingt. Auch Thomas Borchert tritt mit „Ein Leben mehr“ in diesem Block zum ersten Mal an diesem Abend in Aktion. Die Protagonisten bleiben gleich und passen in ihren Kostümen hervorragend auf die schlichte Bühne. Sie hauchen ihren Figuren Leben ein und reißen das Publikum sichtlich mit. Begeisterungsstürme wogen durch den großen Saal und wollen kaum enden, als nach dem letzten Ton von „Je länger ich lebe“ schließlich wieder Alexander Kerbst in Aktion tritt. Diesmal ist er jedoch nicht allein. Bereits jetzt spielen sich stille Szenen im Hintergrund ab, die erahnen lassen, dass der nächste Block seinen Anfang findet.

Nach einem Roman von Stephen King hat Michael Gore die Musik zur Handlung des nächsten Stückes geschrieben. In Auszügen kommt „Carrie“ auf die Bühne. Ein am Off-Broadway geflopptes und in Deutschland nur wenig beachtetes Musical über die 16jährige Carrie White, die von ihrer streng religiösen Mutter unterdrückt wird und von ihren Mitschülern gehänselt. Irgendwann entdeckt sie telekinetische Fähigkeiten, beginnt sich für ihre Qualen zu rächen und die Geschichte endet in einem Desaster. Die Ankündigung ist interessant, dennoch ist die erste Reaktion des Publikums eher verhalten. Vorsichtiger Applaus, abgesehen von jenen, die das Stück kennen, und in lauten Jubel ausbrechen.

In diesem Part treten Michaela Schober als Miss Gardner, Sabrina Weckerlin als Carrie und Dennis Henschel als Tommy auf den Plan. Die Mutter von Carrie verkörpert Maya Hakvoort und auch Mathias Edenborn sehen wir zum ersten Mal an diesem Abend auf der Bühne. Tatkräftig unterstützt werden die Protagonisten vom hervorragenden Chor, der immer präsent, aber nie aufdringlich die Szenen des Geschehens im Hintergrund lebendig werden lässt und gesanglich untermalt. Die anfängliche Zurückhaltung des Publikums weicht schnell und spätestens nach dem dritten Lied des Blocks – „Carrie“ – ist die Skepsis verflogen und heftiger Beifall ertönt für Sabrina Weckerlin, die das schüchterne Mädchen darstellt. Doch auch Dennis Henschel überzeugt mit seiner Ballade „Ein Träumer“, die vor allem inhaltlich einiges zu erzählen hat.

Plötzlich steht Alexander Kerbst erneut auf der Bühne. Doch er ist alles andere als er selbst. Steif und mit starkem französischem Akzent erklärt er, Gaston Leroux zu sein. Weltbekannt wurde er, als er 1910 seinen Roman „Das Phantom der Oper“ veröffentlichte, jenes Buch über die geheimnisvollen Vorfälle im Pariser Opernhaus. Oft wurde der Stoff seitdem adaptiert und zu weiteren Büchern, zu Filmen und Musicals verarbeitet. Die bekannteste Musicalversion schrieb Andrew Lloyd Webber, diese kam 1986 zur Uraufführung und feierte im vergangenen Jahr ihr 30jähriges Bühnenjubiläum. Als Leroux nun den Schauplatz räumt, tritt das Phantom – oder soll man besser sagen, treten die Phantome auf den Plan. Mathias Edenborn und David Arnsperger schlüpfen in die Rolle des maskierten Mannes, der in den Katakomben des Opernhauses lebt und um die Liebe der Opernsängerin Christine Daaé, die heute von Mercedesz Csampai verkörpert wird, buhlt. Die „Musik der Nacht“ singt David Arnsperger allein und reißt das Publikum derart mit, dass vereinzelt Tränen zu fließen beginnen und verstohlen Taschentücher gezückt werden. Den Abschluss des Phantom-Blocks gibt Mathias Edenborn mit „So sehr fehlt mit dein Gesang“ aus Liebe stirbt nie, der Fortsetzung der Geschichte um das Phantom und seine große Liebe.

Hierauf folgt die erste von drei Pausen. Der Abend ist in vier Akte unterteilt und das Durchatmen ist nach drei mitreißenden Musicalblöcken durchaus nötig. Vielstimmig summt es im Foyer, neue Kontakte werden geknüpft und alte aufgefrischt, während einige sehr geduldige Besucher versuchen, ein Getränk zu ergattern. Die ersten Stimmen die man einfängt sind durchweg positiv. Der eigene Eindruck wird bestätigt, es wird von Gänsehaut gesprochen, beeindruckenden Momenten und von Rührung. Die Spannung auf den zweiten Akt steigt und die Stimmung ist ausgelassen.

Aufgeregt und frisch gestärkt nehmen die Zuschauer ihre Plätze wieder ein. Während es draußen bereits Nacht geworden ist und ein ständiger Nieselregen auf das Theater niederprasselt, ist es im Theater warm und die einzigen kühlen Schauer treibt die Aufregung über die Arme. Verstärkt werden diese noch, als Moderator Kerbst gut gelaunt auf die Bühne tritt und die Geschichte des Kleinen Horrorladen zum Besten gibt. Alan Menken schrieb die Musik dazu und die Uraufführung fand 1982 in New York statt. Die Geschichte um den schlecht laufenden Blumenladen in einem New Yorker Vorort, in dem die Angestellte Audrey heimlich von Seymour geliebt wird, der ebenfalls in dem Laden arbeitet, sie selbst ist aber mit einem sadistischen Zahnarzt verlobt – ist rasant, witzig, tragisch, charmant und durch und durch bunt und durchgeknallt. Wie könnte es auch nicht, wenn eine fleischfressende Pflanze eine tragende Rolle spielt. Dennis Henschel, Michaela Schober, Maya Hakvoort und Alexander Kerbst entführen das Publikum, welches lautstark jubelt, in diese bunte, manchmal auch nachdenkliche Welt. Auch wenn die Rollen hier vielleicht nicht immer optisch perfekt besetzt wirken, so sind sie es stimmlich zu jeder Zeit. Das ist das Besondere an Konzerten, alles ist möglich und jedes Experiment zulässig. Der Chor leistet wieder unterstützende Arbeit und der Auftakt in den zweiten Akt ist durchweg gelungen.

Erneut steht Alexander Kerbst auf der Bühne. Diesmal verkörpert er William Brodie aus Edinburgh, der als Vorlage für die Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ aus der Feder von Robert Louis Stevenson diente. Diese 1886 verfasste Novelle dient wiederum als Vorlage für das gleichnamige Musical von Frank Wildhorn, welches im Jahr 1990 Premiere feierte und noch heute gern und oft aufgeführt wird. Der hoch angesehene Arzt Dr. Jekyll schafft es, das Böse mit einem Trank von der menschlichen Seele zu trennen und schafft so Mr. Edward Hyde. Leider verselbstständigt sich sein Experiment mit der Zeit und es geschehen grauenvolle Verbrechen. Um diese zu beenden, bleibt Jekyll nur ein einziger Ausweg.

Eindrucksvoll gibt hier der Chor die Einleitung, ehe Thomas Borchert auftritt. Sabrina Weckerlin und David Arnsperger gemeinsam sind in diesem Akt ein echter Ohrenschmaus, doch das Highlight ist die „Konfrontation“ zwischen Jekyll & Hyde, vorgetragen von Thomas Borchert und David Arnsperger. Das Publikum wird förmlich in den Sitz gesungen, die Künstler treiben einander über die Bühne und jagen sich gegenseitig mit einer Aggressivität in der Stimme, dass einem beinahe der Atem wegbleibt. Ein Herzschlag lang, fast zu lange herrscht Stille nach dem Lied, bevor ein ohrenbetäubender Jubel ertönt, zustimmendes Johlen und Pfiffe.

Als wäre der Jubel noch nicht genug, steht als nächstes die Rocky Horror Show an, ein Musical von Richard O‘ Brien, welches bereits im Jahre 1973 Premiere feierte und noch heute ein beliebtes Stück ist. Derzeit läuft eine Deutschland-Tournee über Brad Majors und Janet Weiss, die bei einer Reifenpanne Hilfe in einem nahegelegenen Schloss suchen und statt des erhofften Telefons dort in eine völlig verrückte Welt geraten. Jene, des außerirdischen Wissenschaftlers Dr. Frank N. Furter. Das äußert witzige und vor allem skurrile Stück mit sehr freizügigen Kostümen und ohne jegliches Schamgefühl regt das Publikum sofort zum Mitmachen an.

Bereits im ersten Lied, „There’s a Light“, welches Christina Patten und Dennis Henschel vortragen, verwandelt sich der gesamte Zuschauerraum in ein buntes Lichtermeer und das Publikum schwenkt bunte Knicklichter durch die Dunkelheit. Beim „Time Warp“ und „Sweet Transvestite“ hält es kaum jemanden auf den Sitzen. Dennis Henschel, Christina Patten, Michaela Schober, David Arnsperger, Alexander Kerbst und der Chor, sowie die Tänzer erfüllen die Bühne mit sehr buntem und freizügigem Leben. Das Publikum buchstäblich von den Sitzen reißt jedoch Andreas Bieber in diesem Teil als Dr. Frank N. Furter, der sich mit einem Hauch von Nichts auf der Bühne räkelt und mit jedem auf der Bühne interagiert. Stehende Ovationen, die den Ablauf der Show stoppen erhält er für diese Performance.

Um die Gemüter etwas abzukühlen, steht nun bereits die zweite Pause bevor, die sich alle, ob auf oder vor der Bühne, redlich verdient haben. Doch zuvor wird noch die fantastische Band vorgestellt, die die Sänger unter Leitung von Bernd Stölzel souverän durch den Abend begleitet. Allen voran am Flügel Marina Kommisartchik, weiterhin vertreten sind Sebastian Hartung am Keyboard, Hannes Kühn an der Gitarre, Christian Niehus am Bass und Mathias Plewka am Schlagzeug, sowie Melanie Werner.

Noch immer ist in den Gesichtern des Publikums keine Spur von Müdigkeit erkennbar. Sie sind aufgedreht die Stimmung ist großartig. Sie gleicht einem großen Fest. Lässt man den Blick schweifen, kann man bewundernd das ein oder andere Kostüm entdecken und sich kaum satt sehen an den zahllosen rot und schwarz gewandeten und teilweise aufwändig geschminkten Gestalten. Als die Glocke zum dritten Akt ruft, steigt die Spannung. Angekündigt waren noch einige Musicals, und nach dem Ausschlussprinzip bleiben genau diese, vom Publikum viel geliebten Stücke jetzt noch übrig. Ebenso fehlen noch Auftritte einiger angekündigter Darsteller und auch diese rücken nun in greifbare Nähe. Während andere augenscheinlich omnipräsent den ganzen Abend auf der Bühne stehen, hat man andere noch gar nicht zu Gesicht bekommen.

Als österreichischer Kaiser Franz Josef tritt Alexander Kerbst nun auf und klagt dem Publikum sein Leid. Elisabeth habe ihm ewige Liebe bis zum Tod geschworen. Dass dies so schnell gehe, damit habe auch er nicht gerechnet. Elisabeth, das erfolgreichste deutschsprachige Musical überhaupt wird den dritten Akt eröffnen. Aus der Feder Michael Kunzes und Sylvester Levays, hatte das Stück bereits 1992 seine Uraufführung in Wien und wird bis heute gespielt. Die Geschichte um die österreichische Kaiserin Elisabeth und ihre Ehe, sowie ihre Liebe zum Tod, der hier als personifizierte Gestalt auftritt, zieht noch immer unzählige Fans in ihren Bann.

Mark Seibert, völlig in schwarz gekleidet, hat mit „Der letzte Tanz“ seinen ersten Auftritt des Abends und wird mit großem Jubel vom Publikum empfangen, während ihn der Chor dabei tatkräftig unterstützt. Gemeinsam mit Maya Hakvoort, die in diesem Part die Rolle der Kaiserin übernimmt und Andreas Bieber singt er sich durch diesen ersten Teil des dritten Aktes.

Als nächstes tritt Alexander Kerbst mit Staubwedel und Totenschädel auf die Bühne und erklärt, er sei Robert. Als Butler habe er das Drama um Rebecca mitbekommen und könne über beide Ehen seines Hausherren aus dem Nähkästchen plaudern. Daphne du Maurier hat die Romanvorlage geliefert, die später mehrfach verfilmt wurde und letztendlich als Stoff für das Musical herhielt. Erneut zeichnen Kunze und Levay für die musikalische Grundlage verantwortlich. Nun haucht Jan Ammann, erstmals auf der Bühne an diesem Abend, und mit großem Jubel empfangen, dem verzweifelten Maxim de Winter Leben ein. Fahrig und sehr emotional, gehetzt und aggressiv prescht er über die Bühne und zweifelt bei „Gott warum“ zunächst an sich selbst. Maya Hakvoort und Christina Patten, begleitet vom Chor geben das Titellied des Musicals zum Besten und Jan beschließt den Abschnitt mit einem äußerst emotionalen Auftritt, dem zweiten großen Solo Maxim de Winters, „Kein Lächeln war je so kalt“.

Nun endlich, die Geisterstunde rückt mit großen Schritten näher, kündigt Alexander Kerbst Roman Polanskis Meisterwerk „Tanz der Vampire“ an. An einem solchen Abend darf das natürlich nicht fehlen, zumal die „Einladung zum Ball“ aus diesem Stück stammt. Das Publikum ist begeistert und gespannt auf den Block.

Tobias Bieri, erstmals zu sehen, spielt den Alfred, den Gehilfen des etwas trotteligen Professors Abronsius und sehr offensichtlich in Sarah verliebten jungen Mann, der in dem Gasthaus von Sarahs Eltern strandet. Ohne Frage nimmt man ihm, der die Rolle derzeit in der Schweiz spielt, zu jeder Zeit ab, dass er unsterblich verliebt ist und seine erfrischende Art weckt den Wunsch ihn einmal in dieser Rolle live zu erleben – nicht nur in Auszügen.

Mercedesz Csampai schlüpft in die Rolle der Sarah, während Michaela Schober die Magd Magda für den Moment verkörpert, die den Tod ihres Hausherren betrauert. Die Rolle des Grafen teilen sich anfangs Thomas Borchert und Mathias Edenborn bei „Gott ist tot“, die Einladung zum Ball hingegen übernehmen wie auch die „Totale Finsternis“ Jan Ammann und Mark Seibert.

Das Ende des Tanz der Vampire Blocks jedoch bestreiten alle vier Grafen gemeinsam, indem sie „Die Unstillbare Gier“ gemeinsam singen und das Publikum damit von den Sitzen reißen. Damit dürfte für den Moment zumindest die „Grafendiskussion“ geklärt sein und in den Hintergrund rücken, da auf diese Weise jeder seinen Liebling in seiner großen Ballade zu hören bekommt. Vier unsterbliche Grafen in einem unsterblichen Lied. Einzig David Arnsperger, der als nächstes den Umhang überstreifen wird, fehlt in dieser Runde (noch).

Die letzte Pause ist gekommen, ein letztes Mal Zeit zum Durchatmen. Die Geisterstunde ist angebrochen, Halloween längst Geschichte. Zurück auf den Plätzen ist der Bühnenvorhang zugezogen. Etwas Neues wurde versprochen, etwas, das noch nie da gewesen ist. Gespannt richten sich die Augen des Publikums auf den Vorhang. Als dieser sich hebt sind die Instrumente verschwunden und an ihre Stelle sind vier mannshohe Throne gerückt. Sonst ist die Bühne leer. Alexander Kerbst tritt ein letztes Mal allein moderierend auf selbige und kündigt den letzten Teil an. Er zeigt sich verwundert, dass das Publikum bis hierhin durchgehalten hat. Mit großem Applaus werden die Protagonisten zurück empfangen. Mathias Edenborn, Thomas Borchert, Jan Ammann und Mark Seibert nehmen nebeneinander auf jeweils einem Thron Platz. Unterdessen führt Andreas Bieber, als Page Napoleons, Sarah vor die Grafen und der Chor folgt. Die Bühne füllt sich mit mystischen Gestalten. Graf Borchert küsst seine Sarah und führt sie von der Bühne, gefolgt von allen anderen, bis Sabrina Weckerlin als Erstgebissene zurückbleibt. „Dann holt mich mein Herz wieder ein“, titelt ihre Ballade, eine Erinnerung daran wie es war als die Reihe an ihr war und zu sehen, wie Jahr für Jahr andere erwählt werden. Es dauert einen Augenblick die Geschichte zu erfassen, doch die gedankliche Fortführung der eigentlichen Tanz der Vampire Geschichte ist interessant, um mehr über die Charaktere zu erfahren.

Die Antwort auf sei bereit heißt „Die Nacht gehört dir“, gesungen von den weiblichen Vampiren, einzig Sarah fehlt noch. Sich zu nehmen was man möchte, wenn sich die Gelegenheit bietet, ist der Appell hierin.

Mathias kommt mit dem Chor zurück auf die Bühne und singt eine ergreifende Ballade, „Unbezahlbare Schuld“. Er erinnert sich an die Gebissenen, ihn ergreift Eifersucht, dass es für jeden jemanden gibt, der an ihn denkt, doch er selbst niemanden hat der für ihn betet. Doch äußerlich ist es ihm wichtig Stärke zu zeigen.

Zwischenzeitlich wurde Sarah (Mercedesz Csampai) gebissen und in einen Vampir verwandelt. Mit „Ich tanz im Sternlicht“ begrüßt sie ihr neues Leben, ehe Mark Seibert mit „Unsterblich“ den nächsten Meilenstein setzt. Gefühlvoll sinniert er über das Leben und die Unsterblichkeit, sowie die Unendlichkeit.

Das neue Sternkind und die Erstgebissene nähern sich langsam an einander an. Mit ihrem Lied „Stärker als wir wirklich sind“, versucht die Erstgebissene ihrer Rivalin zunächst die Illusionen zu nehmen, indem sie ihr erklärt, dass sie unscheinbar, klein und schwach seien, woraufhin die Neue schließlich kontert, sie seien stärker als sie glauben.

David Arnsperger beginnt mit der Ballade „Dem Himmel so fern“ und Andreas Bieber, sowie der Chor unterstützen tatkräftig dabei. Gemeinsam singen sie äußerst emotional über die Unendlichkeit und ihr Schicksal, bevor sie von Jan Ammann abgelöst werden, der seine Ballade „Vater Unser“ vorträgt.

Dies ist jedoch nicht ein Gebet an Gott, sondern an die Finsternis. Er hadert mit seinem Schicksal und betet zum einzigen Wesen, welches ihn noch erhören kann. Sämtliche Vampire und Schattenwesen kommen dazu und lauschen diesem Gebet.

Die plötzliche Stille bis zum Beginn des Applauses dröhnt beinahe in den Ohren. Das Publikum steht und der Applaus für diesen letzten Akt ist frenetisch. Die Cast findet sich auf der Bühne zusammen, um „Ist nichts mehr heilig“ als Zugabe und damit als letztes Lied des Abends vorzutragen. Dieses taugt auch gut als Hymne und könnte ebenso für sich allein stehen. Lang anhaltender Applaus und viele Verbeugungen später, endet der erste Mitternachtsball schließlich nach gut sechs Stunden.

Es war ein unglaublich intensives und sehr interessantes Konzerterlebnis. Die Organisation des Ganzen in der Hand von Andreas Luketa und Sound of Music war hervorragend und klar strukturiert. Nicht nur den angekündigten Hauptakteuren, sondern auch der herausragenden Band, die sich den ganzen Abend über die Finger für das Publikum wund gespielt hat, und auch dem Chor und den Tänzern gilt ein großer Dank. Mit Recht kann man sagen, dass der Mitternachtsball DAS Konzerterlebnis des Jahres 2017 war und man sich getrost auf das kommende Jahr freuen darf. Ein neuer Mythos ist geboren.


Artikel von Andrea, Fotos von Astrid