GODSPELL – Stage Focus e.V. 2018

Wiederaufnahme Februar 2018 im Urania Theater Köln

GUTE NACHRICHTEN, FROHE BOTSCHAFT…

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…so lautet die sinngemäße Bedeutung des ursprünglich altenglischen Wortes für Gospel (Evangelium), welches den Titel für das in den 1970er-Jahren so häufig wie kein anderes Musical gespielte und gefeierte Stück lieferte. Wie bereits Jesus Christ Superstar, basiert auch diese Off-Broadway-Produktion auf dem Lebensgefühl der „Hippie-Ära“ (Jesus People Bewegung).

1970 besuchte der Autor, John-Michael Tebelak, einen Ostergottesdienst, welchen er leblos und uninspirierend fand. Auf dem Weg nach Hause wurde er von kontrollierenden Polizisten, wegen seiner langen Haare, für einen Drogenabhängigen gehalten. Durch diese weniger erfreulichen Ereignisse angestachelt, entstand das Stück Godspell. Tebelak wollte einen jungen, modernen Zugang zum Matthäus-Evangelium von der Taufe Jesu im Jordan, über die Berufung der Jünger, die verschiedenen Gleichnisse, die Bergpredigt, bis hin zu Verrat, Gefangennahme und Kreuzigung, schaffen.

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Die von ihm geschriebene Musik wurde zunächst abgelehnt und letzten Endes der damals noch junge Stephen Schwartz beauftragt, eine für jedermann passende mitreißende Komposition hinzuzufügen, welche in Verbindung mit den witzigen Texten bis heute für eine „etwas andere“ Verkündigung der Geschichte zu Jesu Tod und Auferstehung sorgt.

Der gemeinnützige Musicalverein „Stage Focus e.V.“ entstand 2007 aus einer Gruppe junger Menschen, die ein gemeinsames Hobby teilen, und zwar singend, tanzend und schauspielernd auf der Bühne zu stehen. Wie mir Matthias Knaab (musikalische Leitung & Regie) in einem kurzen Gespräch erläutert, stehen alle Vereinsmitglieder im realen Leben in den unterschiedlichsten Berufen ihre/n Frau/Mann und bringen die Projekte des Vereins aus reiner Freude auf die Bühne. Auch seine Ausbildung (heute ist er ausgebildeter Musicaldarsteller) begann beim Stage Focus e.V., wo er selbst erste Bühnenerfahrung sammeln konnte und viele Jahre mitwirkte.

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Angefixt durch eine Rezension über das Musical, in welcher es lautete „Godspell ist alles außer konventionell“, brachten er und Franziska Polten (Choreografie & Regie), den Gedanken in die Runde, gerade dieses Stück zu verwirklichen und ernteten zunächst eher ungläubige Gesichter. Die erste Frage lautete nicht unbedingt „Wie sollen wir das schaffen?“, sondern eher „Was bitte ist das?“. Trotzdem stand der Entschluss, dieses in Deutschland eher unbekannte Stück im Verein zu inszenieren, schnell und sicher.

Durch ein Casting Anfang Januar 2017, konnte mit Arne Sell ein absoluter Musical-Neuling für die Rolle des Jesus hinzugewonnen werden. Der charismatische junge Mann ist mit seiner sympathischen Ausstrahlung die perfekte Besetzung dieses Hauptcharakters und kann auf ganzer Linie überzeugen. In der diesjährigen Wiederaufnahme (die Premiere fand im Sommer 2017 statt) spielt an seiner Seite – nicht weniger eingängig – Musicaldarsteller Jan-Peter Müller (Johannes der Täufer/Judas), als Vertretung des im letzten Jahr in der Anfangscast gestandenen Stephan Jacob-Emmert. Auch Müller ist seine ersten Schritte im Stage Focus e.V. gegangen und kann – ebenso wie Knaab – auf bereits einige namhafte Engagements als Profi zurückblicken.

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Der in dieser Wiederaufnahme gezeigten Inszenierung dienen lediglich zwei Bauzaunelemente und neun Holzwürfel als Bühnenrequisite, so dass es den dreizehn Darstellern komplett alleine obliegt, die Message der Story in das Publikum zu transportieren. Die Art und Weise, in der sie ihre Figuren vorstellen, bleibt jedem sicher lange im Gedächtnis. Die jungen Leute besitzen eine enorme Bühnenpräsenz, gepaart mit großem gesang- und schauspielerischem Talent und nehmen die Zuschauer mit auf eine witzige, interessante Reise durch die vielleicht nicht Jedermann ansprechende christliche-religiöse Geschichte.

So erlebt man Ansätze von durchaus bekannten neuen Liedern, die man mit dieser alten Geschichte eher weniger in Verbindung bringt, wie zum Beispiel „Mamma Mia“ (Abba), „Wahnsinn“ (Wolfgang Petry), „Ewiger Kreis“ (König der Löwen) oder „Viva Colonia“ (Höhner), um nur einige zu nennen. Die Reise durch die Städte der Vorzeit, wird in dieser Inszenierung durch solche in Deutschland ersetzt, man nennt Berlin, München oder Köln. Ebenso sieht der Zuschauer Jesus als Zauberer und auch Lebensmittel aus jetziger Zeit finden Erwähnung (Popcorn, m&m‘s, Mon Cherie oder auch Marshmallows). Szenen werden als Puppentheater dargestellt, die gesamte Cast steckt in clownesker Kleidung und Maske und wandelt sich, den gerade gespielten Gleichnissen anpassend, in die jeweiligen Figuren. Die Musik ist außerordentlich facettenreich, fasst sie neben Rock- und Popsongs auch Rap und Gospel.

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Im Vorwort ihres Programmheftes titelt der Musicalverein Stage Focus e.V. …

Außerdem bedeutet Godspell aber auch:

  • Detailliert von Gott erzählen, fantasievoll, verzaubernd, fesselnd
  • Gott buchstabieren / Gott wörtlich nehmen
  • Spiel von Gott
  • Magische Wirkung Gottes“

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…und setzt genau das in ihrer Inszenierung meisterlich um. Sie nehmen nicht nur gläubige Menschen gefangen, sondern führen ebenso denjenigen die Geschichte um das Leben und Sterben Jesus Christus auf lebendige Weise vor Augen, die mit Kirche und Religion an sich, so gar nichts anzufangen wissen.
Chapeau, Musicalverein Stage Focus e. V., dass was ihr mit diesem Stück auf die Beine gestellt habt, ist groß, bunt und zeigt eindrücklich, dass sich auch in semiprofessionellen Vereinen große Talente finden lassen.


Artikel & Bilder von Astrid