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Die “Rocky Horror Show” – in Aachen

Premiere: 13.12.2018 im Grenzlandtheater –

rezensierte Vorstellung: 16.12.2018

 

(c) Kerstin Brandt

(c) Kerstin Brandt

Wie in jeder Winterspielzeit setzt das Grenzlandtheater Aachen auch in diesem Jahr auf ein Stück aus dem Musicalbereich. Bereits 1973 in London uraufgeführt, feiern die aus transsexual Transsylvania stammenden Besucher auf der kleinen, aber feinen Theaterbühne mit ihrer aus der Feder von Richard O’Brien stammenden „Rocky Horror Show“ am 13. Dezember 2018 eine umjubelte Premiere. Wir durften die Vorstellung am 16. Dezember besuchen und nehmen direkt vorweg: Ein Besuch lohnt sich absolut, vorausgesetzt Sie können mit witziger, skurriler und schräger Unterhaltung umgehen.

Nicht nur Knicklichter, Wasserpistole, Zeitung und Toilettenpapier gehören dazu, wenn man das verklemmte und noch unschuldige Paar Brad und Janet auf ihrem Weg über eine Autopanne bis hin zum Horrorschloss von Frank’n’Furter begleitet, sondern man sollte ebenso keine Berührungsängste mit allen möglichen zwischenmenschlichen Beziehungen haben. Bei ihrer Ankunft im Anwesen ahnen die beiden frisch verlobten jungen Leute noch nicht, wen und vor allem was sie in dieser Nacht dort noch alles kennen lernen werden – nämlich einen mit jeder Menge schräger und abgedrehter Vögel besetzten Dienerstab und einen schnell reizbaren sowie leicht irren Hausherrn, der vor ihren Augen seine Adonis-Schöpfung „Rocky“ ins Leben ruft, der ihm in jeglicher Hinsicht dienen soll. Nicht zuletzt werden auch ihre biederen Ehrvorstellungen in den Grundfesten erschüttert.

(c) Kerstin Brandt

(c) Kerstin Brandt

Regisseur Udo Stürmer inszeniert die „Rocky Horror Show“ zielsicher und auf den Punkt. Die düster-bizarre, aber in vielen Teilen variable Bühne von Steven Koop, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, unterstützt die finsteren und angsteinflößenden Figuren. Die Kostüme entblößen unter den Strapsen, Netzstrümpfen sowie knappen Slips und Lederkorsagen sehr viel nackte Haut und stehen im unmissverständlichen Gegensatz zur Klamotte des jungen Paares.

Joshua Hien und Janice Rudelsberger (Brad und Janet) spielen die schüchternen, biederen „Normalos“ mit einer komödiantischen Selbstverständlichkeit, dass der Zuschauer beinahe in Mitleid zerfließen mag. Sie erleben eine sexuelle Verwandlung, die in den Szenen fast greifbar klar, aber ebenso geschickt versteckt dargestellt wird. Ihr Tanz und Gesang lässt keine Wünsche offen, trägt die Schüchternheit und stellt die Veränderung der Figuren klar heraus.

Marc Lamberty (Frank’n’Furter) brilliert mit einer enormen Bühnenpräsenz, die sich nicht nur in seiner kraftvollen und unglaublich starken Stimme zeigt. Seine auffallend rot geschminkten Lippen, der durchtrainierte Körper, schmale Hüften und schier unendlich lang erscheinende Beine komplettieren sein von großer Leidenschaft und bizarren Posen begleitetes Spiel und runden das Bild des irren, transsexuellen Meisters gekonnt ab. Er bewegt sich mit einer Leichtigkeit vermittelnden Sicherheit auf seinen Pfennigabsatz-Highheels, die jede Frau staunen lässt und nicht nur seine dadurch alle überragende Körpergröße lässt seine Figur dominant erscheinen.

(c) Kerstin Brandt

(c) Kerstin Brandt

Als die ihm am nächsten stehenden Diener überzeugen Tobias Rusnak in der Rolle des bleichen Riff Raff und Tina Podstawa (Magenta), deren feuerrote Löwenmähne einen leuchtenden Blickpunkt zwischen den bleichen Gesichtern der anderen „Phantome“ bildet. Beide gewinnen das Publikum durch ihr passendes Spiel sowie großartigen Gesang für sich. Der erschaffene Rocky, in seiner kindlichen Unbefangenheit hervorragend dargestellt von Lucas Baier, bringt genau das auf die Bühne, was man von einem Adonis erwartet – nahezu körperliche und muskuläre Perfektion, hier ebenfalls gepaart mit einer tiefdringenden Stimme. Einzig Lasarah Sattler (Columbia) bleibt ein wenig hinter den Erwartungen zurück, klingt ihre sonst so weiche und angenehme Stimme am heutigen Abend oft schrill – ihr Solo wiederum findet aber großen Anklang.

Die größte Herausforderung, mit dem die Verantwortlichen in jedem Jahr während der Produktion ihres Musicals zu kämpfen haben, ist der für Tanzeinlangen immens begrenzte Platz auf der kleinen Bühne. Unter der Führung von Marga Render als Choreografin löst sich dieses Problem aber schnell in Luft auf – unterstützt von wendigen, athletischen Darstellern gelingen auch die Tanznummern perfekt.

(c) Kerstin Brandt

(c) Kerstin Brandt

Begleitet werden die Bühnenaktiven wie gewohnt live, durch eine fünfköpfige Band, die sich im oberen Bereich hinter dem Bühnenbild versteckt und unter der musikalischen Leitung von Gero Körner steht. Kultige Songs wie „Time Warp“, „There’s a light“ oder „Sweet Transvestite“ werden so zu zum Mitsingen herausfordernden Highlights. Mit seiner überaus emotionalen Interpretation von „I’m going Home“ gelingt es Lamberty trotz vieler am Abend gelaufener Lachtränen, auch die der Wehmut und Traurigkeit auf die Gesichter im Publikum zu zaubern. Tosender Applaus und nicht enden wollende Rufe nach Zugaben sind dementsprechend der Lohn für die bis in die letzte Rolle mit hervorragenden Darstellern besetzte Cast.

Ein wenig schade ist, dass die Aufforderung zum „Mitmachen“ – sei es das Spritzen mit der Wasserpistole, der Einsatz der Knicklichter oder das Schmeißen von Konfetti, am heutigen Abend hinter den Erwartungen zurück bleiben – lebt das Stück doch gerade dadurch und damit. Nichtsdestotrotz reagieren sowohl Marco Wohlwend (Erzähler) als auch Lamberty betont gelassen und mit großem Improvisationstalent auf das durch Zwischenrufe interagierende Publikum. Gelungen ist mit der „Rocky Horror Show“ eine kurzweilige Inszenierung, die mit den eingebauten Elementen aus anderen „Galaxien“ interessant und mit viel Ironie daherkommt. Das Stück ist inhaltlich wenig gehaltvoll, aber das benötigt es auch nicht. Hier zählt einfach Spaß haben, mitmachen und vor allem mitlachen.

(c) Kerstin Brandt

(c) Kerstin Brandt

Noch bis zum 20. Januar 2019 kann man die „Rocky Horror Show“ auf der Bühne der Hauptspielstätte und anschließend bis zum 7. Februar 2019 an den verschiedenen Nebenstandorten in der Städteregion Aachen erleben. Die zumeist nur noch Resttickets sind an der Theaterkasse in der Elisengalerie zu erhalten. Die Darsteller freuen sich über die Interaktionen des Publikums. Daher sollten die Zuschauer sich nicht scheuen, zu den Vorstellungen die erlaubten Mitmachartikel – eine Liste mit „Dos and Don’ts“ gibt es im Theater sowie auf der Homepage – mitzubringen.


Text: Astrid

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