WIR SIND AM LEBEN – Das Berlin Musical – Uraufführung 2026

„Das ist eine besondere Hülle, für einen ganz besonderen Inhalt!

© Claudia Künne

Premiere & rezensierte Vorstellung: 21. März 2026

Es geht um die bunte Vielfalt der Menschen und darum, jeden so zu akzeptieren, wie er ist. Ohne Vorurteile, auf Augenhöhe und mit dem Gefühl, dass jeder wichtig ist für das große Ganze.

Was ist ein besonders guter Indikator dafür, dass einem ein Musical besonders gut gefallen hat? Wenn man genau 15 Tage nach der Weltpremiere schon wieder im Saal des Theaters des Westens sitzt und genauso viel Spaß hat wie beim ersten Mal.

Am 21.03.2026 durfte ich die Weltpremiere von „Wir sind am Leben–Das Berlin Musical“ von Peter Plate und Ulf Leo Sommer erleben. Was für ein Abend das war! Die Stimmung im Saal war großartig, und sowohl die Musik als auch die Darsteller wurden vom Publikum gefeiert. Und was für ein buntes, tolerantes Publikum! Es fühlte sich jeder willkommen.

© Claudia Künne

Auf dem roten Teppich durfte ich die Gäste des Abends erleben und das eine oder andere Foto machen. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an die Organisatoren, die dies sehr freundlich, unkompliziert und schnell möglich gemacht haben. Die Vorfreude auf einen schönen Abend stieg, und ich nahm erwartungsvoll im Saal Platz. Unter viel Jubel und Beifall folgten die Begrüßungsworte der Schöpfer Peter Plate und Ulf Leo Sommer, dann ging es auch schon los.

Worum geht es?

Berlin in den frühen 1990er Jahren, kurz nach dem Mauerfall, ist das neue Zuhause der Geschwister Nina und Mario. Sie sind aus Wittenberg nach Berlin geflüchtet, um ihren eigenen Lebensweg zu finden. Sie finden Unterschlupf im „Konsum Hoffnung“, einem besetzten Haus. Die dort lebende bunte Gemeinschaft nimmt sie auf, und beide erleben den Aufbruch Berlins in eine neue Ära nach der Wende. Über dem Lebensgefühl „Alles ist möglich“ schwebt die Aids-Krise, die Freundschaften auf die Probe stellt und durch den Tod zerstört.

„Ein Denkmal–nicht aus Stein, sondern aus Musik, Geschichte und Gefühl.“

(Peter Plate, Ulf Leo Sommer)

Mit dem Duo Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (Buch und Regie) verbindet die beiden Schöpfer eine längere, erfolgreiche Zusammenarbeit. Das Kreativteam wird durch Joshua Lange vervollständigt, der gemeinsam mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer für Musik und Texte verantwortlich ist.

© Michael Bidner

Dem bewährten Team gelingt es, ein Stück Wendefeeling auf die Bühne zu bringen. Bunt, lustig, traurig, nachdenklich – das Publikum wird auf eine starke Gefühlsreise mit genommen. Viele, die die Wende bewusst erlebt haben, kennen jemanden, der sein „altes“ Leben zurückließ, um woanders das Glück zu finden. Einigen ist dies gelungen, einige sind gescheitert und andere zurückgekehrt. Das Duo Plate/Sommer beschreibt Geschichten und Personen aus ihrem Leben mit künstlerischer Freiheit, erweckt beim Publikum jedoch den Eindruck von Authentizität. Als gebürtige Wittenbergerin fragte ich mich, ob ich Rosi kannte oder ob die beschriebenen Orte zu meinen eigenen Erinnerungen passten. Und ja, ich glaube, ich habe einiges in den Bildern meiner Kindheit wiedererkannt.

Die Protagonistin des Musicals, Nina, flieht aus der Provinz Wittenberg nach Berlin. Weg von ihrer Mutter Rosi. Rosi bezeichnet sich gerne als „Udo Walz des Ostens“ und besitzt einen sehr bekannten Friseursalon in der DDR. Für Nina ist diese Welt zu klein. Sie sucht auf dem Weg zu einer großen Musikkarriere die Freiheit in der Großstadt. Sie landet im „Konsum Hoffnung“ in Berlin-Friedrichshain. Ein besetztes Haus mit Mitbewohnern, die trotz ihrer Unterschiede doch das gleiche Ziel verfolgen: Glück, Partnerschaft und Anerkennung. Dabei helfen sie anderen, indem sie das Sorgentelefon betreuen. Dieses Haus bildet den zentralen Punkt der Bühne. Durch Drehen und Wenden kann die Perspektive geändert werden. Die Bühne wird durch weitere Häuser eingerahmt. Auf dem Dach eines dieser Häuser hat die Band unter der Leitung von Shay Cohen ihren Platz gefunden. Danke an Adam Nee fürs absolut gelungene Bühnenbild und die Möglichkeit, den Musikern zuzusehen.

© Claudia Künne

Nina wird verkörpert von Celina dos Santos. Ihr gelingt es, dieser Figur authentisch Leben einzuhauchen. Mit ihrer starken Stimme und ihrer unheimlichen Bühnenpräsenz kann sie auf ganzer Linie überzeugen. Ihre roten Haare sind ihr Markenzeichen und setzen ein Statement der Rebellion. Kann sie das Publikum mit ihren Songs und Texten überzeugen oder wird sie sich der Musikindustrie beugen? Zunächst sieht es nach einem Sieg der Vorgaben der Musikindustrie aus, denn ihre Performance von „Kupferrot“ zu Beginn des zweiten Akts erinnert stark an eine sehr bekannte und erfolgreiche Sängerin, die in Deutschland Stadien füllt. Schafft sie den Sprung zurück zu sich selbst und ihrer Art der Musik?

Ihr Bruder Mario, gespielt von Markus Spagl, folgt ihr nach einiger Zeit nach Berlin, denn auch ihm wurde Wittenberg zu klein. Er wird ebenfalls in die Wohngemeinschaft „Konsum Hoffnung” aufgenommen und entdeckt in der Offenheit dieser Gemeinschaft erst hier seine Homosexualität. Dieses Coming-out wird im Stück sehr gefühlvoll dargestellt und wirkt nie überzogen. Er entdeckt einfach die Liebe für sich. Das wird wunderbar gespielt und gesungen vom Darsteller Markus Spagl. Er bringt die Wandlung vom Jungen aus der Provinz zum HIV-positiven jungen Mann mit starker Stimme und Schauspiel absolut authentisch auf die Bühne.

© Claudia Künne

Steffi Irmen ist Rosi, eine schrille und laute Frisörmeisterin und liebende Mutter, die an der Wende zu scheitern droht. Denn ihren Friseursalon gibt es nicht mehr, ihre Anerkennung und Bekanntheit in der DDR sind Geschichte. Sie macht sich ebenfalls auf nach Berlin, um ihre beiden Kinder zu suchen. Dabei macht sie Bekanntschaft mit der Gemeinschaft des Konsum Hoffnung und drängt sich dort irgendwie auf. Kurze Zeit später gehört sie zu dieser Gesellschaft und bringt sich mit ihrer Mütterlichkeit ein. Leider löst das aber nicht den Konflikt mit ihren eigenen Kindern. Steffi Irmen ist auf der Bühne eine echte Erscheinung. Wenn sie auf der Bühne steht, gehört die Bühne ihr. Ihr Schauspiel, gepaart mit einer unverwechselbar starken Stimme und Bühnenpräsenz, macht sie zu einem der Höhepunkte des Stücks. Kein Wunder also, dass es nach DIE AMME nun mit SALON ROSI ein zweites Spin-off eigens für sie gibt, das die Steffi-Irmen-Fans begeistern wird.

© Jörn Hartmann

Eine weitere zentrale Figur, die das Publikum sofort in ihren Bann zieht und an ihrem Schicksal teilhaben lässt, ist Bruno, dargestellt von Jörn-Felix Alt. Brunos Geschichte im Musical ist eine ganz eigene. Seine Liebe zu Mitbewohner Nando, die Nachricht, dass er an Aids erkrankt ist, und schließlich sein Tod sind immer wieder Schlüsselpunkte für alle anderen Figuren. Mit Jörn-Felix Alt ist Bruno perfekt besetzt. Seine Darstellung als schillernde Diva, Freund, Liebhaber und sterbenskranker Mann ist beeindruckend. Die laute Party „Supernova Disco Kult“, aber vor allem die stillen Momente „Ich werd‘ nicht weinen“ und sein Tod sorgen für absolute Gänsehautmomente in der Show. Er überzeugt durch seine starke Darstellung und seine Stimme.

Daniel Pohlen spielt Brunos Freund und Künstler Nando Perrez, der zwischenzeitlich auch Mario den Kopf verdreht. Nando ist Tänzer, wurde aber durch eine Knieverletzung in seiner Karriere zurückgeworfen, da er nicht mehr so belastbar ist. Er begleitet Nina als Tänzer. Ist er dem Druck im Showgeschäft wirklich gewachsen? Sein Solo „Pirouetten drehen” zeigt diesen Kampf eindrucksvoll. Daniel Pohlen überzeugt in seiner Darstellung und bringt Nandos Gefühlswelt in seinen Gesangseinlagen souverän auf die Bühne.

© Claudia Künne

Musikalisch ist das Stück von der Handschrift Plate/Sommer/Lange geprägt, dramaturgisch von Kuropka/Nimscheck. Die unverkennbaren Elemente der Musik von Rosenstolz sind all gegenwärtig, und die Texte erzählen die Geschichte auf treffende Weise. Den Machern ist ein weiterer großer Wurf gelungen, der die Musicallandschaft in Deutschland bereichert. Dafür kann man ihnen nur gratulieren. Die Reaktionen des Publikums bei der Premiere und auch bei meiner zweiten Show sprachen für sich.

Am Ende gab es Standing Ovations und ein Gänsehaut-Wir-Gefühl, das Lust auf weitere Besuche macht. Tolle Musik, gewürzt mit einer Prise Humor und Liebesgeschichten, zieht das Publikum in ihren Bann. Das absolut runde Gesamtbild von Bühnenbild (Adam Nee), Lichtdesign (Tim Deiling) und Sounddesign (Florentin Bierwisch) lässt die Zuschauer ins Berlin der 90er abtauchen. Um all die schönen, tiefgründigen, wahren und wichtigen Sätze während der Show wirklich zu bemerken, lohnen sich Mehrfachbesuche. Man entdeckt die Show immer wieder neu.

Cast & Crew am Premierenabend

  • Nina Fröhlich: Celina dos Santos
  • Mario Fröhlich: Markus Spagl
  • Rosi Fröhlich: Steffi Irmen
  • Bruno Schwarz aka „Die Dietrich“: Jörn-Felix Alt
  • Nando Perrez: Daniel Pohlen
  • Doris Kittel: Kathi Damerow
  • Ramona Holzhammer: Johanna Spantzel
  • Guido Schleicher/Günther Westphal: Nik Breidenbach
  • Brigitte Herrmann: Lucille-Mareen Mayr
  • Ensemble: Kristin Schulze, Tatonka-Danae Brunner, Safiyah Galvani, Alexander Hartmann, Ben Knop, George Theodosiou, Andrea Gioia
  • Dirigent: Shay Cohen
  • Konsum Hoffnung Band: Caspar Hachfeld, Freddy Hau, Ludwig Kociok, Dominik Mostert
© Claudia Künne

Vielen Dank an Pop-out/Stage Entertainment für die Einladung!


Artikel von Claudia K


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