TrioTheater Wuppertal: Elternabend – Protokoll mit Tiefgang

© Joachim Schmitz

„Och nööö, nicht schon wieder ein Elternabend….“ Alle Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräfte kennen es: Kaum flattert die Ankündigung für den nächsten Elternabend in der Kita oder der Schule ins Haus, macht sich auf allen Seiten spürbare Unlust breit. Muss ich da wirklich hin? Was hat mein Kind angestellt? Wie erkläre ich den Eltern von X, dass ihr Kind leider alles andere als hochbegabt ist? Wer backt Kuchen fürs nächste Schulfest? Und nicht zuletzt: Wer schreibt das Protokoll?

Dass ein Elternabend jedoch auch Spaß machen und dabei gleichzeitig zum Nachdenken anregen kann, das beweist eindrücklich die gelungene Inszenierung des TrioTheaters, die am 24. Januar 2026 im TalTonTheater in Wuppertal Premiere feierte. Warum das so ist? Das lest ihr im folgenden – übrigens freiwillig verfassten – Protokoll!


Ort: TalTonTheater, Wuppertal
Zeit: Samstag, 31.01.2026, 20:00- ca. 22.30 Uhr
Anwesend:
    • 1. Die Mitwirkenden auf der Bühne: Darsteller*innen des TrioTheaters: Vanessa Ambrosius (Irene /Meret-Claudelle), Svena Dee (Vera / Sarah), Sina Dotzert (Gabi / Emma), Laura Hohmann (Anouschka / Maria), Denny Pflanz (Kurt / Kevin), Robin Schmale (Gerd / Philipp), Sebastian Schön (Dennis), dazu die Band unter der Leitung von Ruben Michalik
    • 2. Das Publikum im ausverkauften (!) Saal
    • Protokoll: Andrea
Tagesordnung:
TOP 1: Über das TrioTheater
TOP 2: Das Stück und seine Macher
TOP 3: Die Handlung
TOP 4: Regie
TOP 5: Bühnenbild und Kostüme
TOP 6: Licht und Ton
TOP 7: Musik
TOP 8: Choreografie
TOP 9: Die Darsteller*innen
TOP 10: Fazit
TOP 11: weitere Termine

Zu TOP 1) Das TrioTheater wurde 2013, inspiriert von ihrer gemeinsamen Liebe zum Genre Musical, von Denny Pflanz und Robin Schmale gegründet. Es handelt sich um eine Laiengruppe, die inzwischen Dank mehrerer erfolgreicher Produktionen (z. B. „Thrill me“) nicht mehr aus der freien Theaterszene rund um Wuppertal wegzudenken ist und mit ihren kreativen Inszenierungen das Publikum begeistert. „Elternabend“ ist bereits die sechste Produktion, die die Gruppe auf die Bühne bringt.

Zu TOP 2) Das Musical „Elternabend“ stammt aus der Feder von Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Texte) und feierte seine Uraufführung 2003 in der Neuköllner Oper in Berlin. Auf kluge, humorvolle und zugleich bitterböse Weise führen die Autoren mit ihrem Stück vor Augen, was passiert, wenn unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, Lebensentwürfe und persönliche Probleme einer Elterngeneration aufeinandertreffen, die durch hohe Ansprüche einerseits und Überforderung andererseits geprägt ist. Der besondere Clou: Die Darsteller*innen verkörpern nicht nur die Eltern, sondern schlüpfen ebenso in die Rollen ihrer Kinder, so dass sehr anschaulich deutlich wird, wie sehr die Kinder die Einstellungen und Werte ihrer Eltern spiegeln und bereits verinnerlicht haben.

© Joachim Schmitz

Zu TOP 3) In einer OGS findet ein Elternabend statt: Nach und nach treffen die ersten Eltern ein und werden vom neuen Erzieher Dennis begrüßt. Es dauert nicht lange, bis die ersten Spannungen unter den Eltern ​entstehen. Zunächst diskutiert man noch über harmlose organisatorische Aufgaben, doch als zur Sprache kommt, dass ein Mädchen auf dem Spielplatz einen Unfall hatte und sich dabei fast erhängt hätte, wird der Ton rauer. Eine heftige Debatte über die Schuldfrage und mögliche Sicherheitsmängel bricht aus und führt schließlich hin zu Themen wie Leistungsdruck, Mobbing, Ausgrenzung und der Frage, ob man ADHS mit Ritalin medikamentös behandeln sollte. Während die Eltern vehement ihre lieben Kleinen verteidigen und dabei eigene Probleme und Konflikte offenbaren, wird jedoch in Rückblenden deutlich, dass die Kleinen keineswegs so lieb sind, wie ihre Eltern annehmen. Im Gegenteil. Man mobbt und erpresst sich und kassiert von den anderen Kids Spielsachen oder Schmuck gewissermaßen als Schutzgeld, verlangt als Mutprobe, Erzieher Dennis zu beklauen und schreckt auch nicht davor zurück, ihm damit zu drohen, ihn des Kindesmissbrauchs zu beschuldigen, falls er den Eltern von dem Diebstahl erzählen sollte…

Zu TOP 4) Die Regie (und ebenso die Dramaturgie) liegt in den Händen von Benjamin Breutel, dem es mit seinem klugen Inszenierungskonzept gelingt, den Finger in die Wunde zu legen und dafür zu sorgen, dass den Zuschauer*innen trotz allem Spaß an so mancher Stelle angesichts der sich langsam enthüllenden Konflikte dann doch das Lachen im Hals stecken bleibt.

Zu TOP 5) Daneben ist Breutel auch für das Bühnenbild verantwortlich, das passenderweise aus einem Holz- Gerüst mit Schaukel, Häuschen und Rutsche besteht (für den Aufbau verantwortlich: Philipp Rohleder und Robin Schmale). Dazu gibt es ein paar bunte Kinderhocker und als Requisiten Sandspielzeug und Schüsseln und natürlich die Weinflaschen, die im Laufe des Abends von den Eltern geleert werden. Die Kostüme sind clever ausgewählt und unterstreichen den jeweiligen Charakter der Figur, sie sind ebenfalls bunt und farbenfroh, jedem Elternteil und seinem Kind ist ein Outfit in einer Regenbogenfarbe zugewiesen, während Dennis dem Klischee des schwulen Erziehers entsprechend einen bunten Pulli mit Smileys, dazu eine dunkle Hose und bunte Ringelsocken und Hausschuhe trägt. Ein paar Handgriffe und kleine Veränderungen nebst kindlich wirkenden Requisiten genügen, und schon wird aus dem jeweiligen Elternteil der eigene Sprössling. Beispielsweise verwandelt sich die karrierebewusste Irene in ihrem schicken blauen Hosenanzug schnell mit Hilfe eines Haarreifens mit Glitzerschleife und mit einem Teddy im Arm in ihre Tochter Meret-Claudelle, aus Gerd in seinem knalligen orangefarbenem Outfit wird mit Hilfe einer Kappe flott der herumzappelnde Sohn Philipp, der passend zu seinem ADHS-Problem mit einem Fidget-Spinner in den Händen herumhantiert. So fällt es dem Publikum nicht nur leicht, den Überblick darüber zu behalten, wer eigentlich wer ist, sondern es wird auch optisch überdeutlich, wie sehr die Kinder bereits das Verhalten und die Charaktereigenschaften der Eltern übernommen haben.

Zu TOP 6) Ins richtige Licht gesetzt und mit Ton versehen wird das Ganze von Kevin Drucks und Sabine Lumpe.

Zu TOP 7) Die musikalische Gesamtleitung hat Denny Pflanz übernommen, präsentiert wird die Musik schwungvoll von der im hinteren Teil der Bühne platzierten Band unter der Leitung von Ruben Michalik. Zaufkes Melodien sind eingängig und unterstützen treffend die jeweilige Situation. So klingt zum Beispiel der Begrüßungssong „Ich freu mich dich zu sehn“ von Erzieher Dennis mit der Gitarre begleitet nach einem typischen Kinderlied, wie man sie eben vom morgendlichen Stuhlkreis oder Sitzkreis oder von der endlos im Kinderzimmer dudelnden Rolf Zuckowski-CD kennt. Generell greifen die Songs geschickt die im Stück thematisierten Probleme auf, es finden sich Titel wie „Mobbing“, „Ritalin!“, „Rauchen verboten“ neben vermeintlich harmlos nach Abzählvers klingenden wie „Ene Mene Muh“. Um den Ernst der Lage ein wenig abzumildern und trotzdem den Spaß nicht zu kurz kommen zu lassen – dieser „Elternabend“ ist nicht nur eine bitterböse Satire auf die Situation in Schulen und Kindergärten, sondern nimmt auch das Musical-Genre aufs Korn – haben Zaufke und Lund unübersehbar Anspielungen auf andere Musicals eingebaut. So können kundige Musicalfans problemlos im Song „Morgen“ eine versteckte Parodie auf den Song „Morgen schon“ aus LES MISERABLES erkennen, man wartet förmlich darauf, dass die Eltern gleich Fahnen schwenkend in den Kampf ziehen und die Barrikaden stürmen, um ihrem Elend zu entfliehen und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft Ausdruck zu verleihen.

© Joachim Schmitz

Zu TOP 8) Auch die schmissigen Choreografien von Robin Schmale unterstützen nicht nur prima die Handlung, sondern wecken zugleich ebenfalls Assoziationen im Hinblick auf große Shownummern aus Stücken wie „42nd Street“, „A Chorus Line“, „Chicago“ oder „Moulin Rouge“. Da wird das zur ADHS- Therapie eingesetzte und durchaus umstrittene Medikament „Ritalin“ revueartig mit überdimensionalen ​Medikamentenpackungen und blinkenden Buchstaben gefeiert und die Damen räkeln sich (vielleicht doch etwas zu übertrieben) mit Besenstielen auf der Tanzfläche herum, so dass man sich die Frage stellt, ob sie vielleicht gerne den männermordenden Kolleginnen Velma Kelly und Roxie Hart Konkurrenz machen würden.

Zu TOP 9) Die Darsteller*innen des TrioTheaters sind alle mit Begeisterung bei der Sache. Mag manch eine*r vielleicht auch nicht immer den ganz richtigen Ton treffen, allen ist ihre Leidenschaft und Spielfreude deutlich anzumerken. Vanessa Ambrosius als „Irene / Meret-Claudelle“ gibt gekonnt die reiche Chefin, die den anderen Eltern schnell mit Organisationsaufgaben auf die Nerven geht, Svenja Dee als „Vera / Sarah“ ist glaubhaft die streitende Ehefrau, die ihren Mann Gerd anzickt, ihm Vernachlässigung der Kinder vorwirft und ihm sogar das Rauchen verbieten will, Sina Dotzert als „Gabi/ Emma“ sucht etwas zurückhaltend Anschluss, Laura Hohmann als „Anouschka / Maria“ spielt die alleinerziehende Ökö-Mama, die sich Sorgen um Tochter Marie macht, sehr authentisch. Denny Pflanz besticht als „Kurt/Kevin“, man nimmt ihm den von seiner Ehefrau verlassenen Vater genauso ab wie den Sohn, der in der OGS Anschluss sucht. Sebastian Schön verkörpert einfühlsam und glaubwürdig den eher schüchternen Erzieher „Dennis“, der sowohl mit den Eltern als auch mit den Kids hoffnungslos überfordert ist und mit homophoben Beleidigungen und dem Verdacht des Kindesmissbrauchs konfrontiert wird. Auch wenn nicht eindeutig aufgeklärt wird, ob an den Vorwürfen nicht doch etwas dran ist, empfindet man trotz aller Zweifel für ihn so etwas wie Mitleid. Da es sich um ein Ensemblestück handelt, bei dem es keine klare Hauptrolle gibt, ist es eigentlich unfair, einen der Darstellenden besonders hervorzuheben, zumal alle ihr Bestes geben und ihre Sache wirklich gut machen.

Und doch verdient last, but not least Robin Schmale, der nicht nur die Choreografie übernommen und das Bühnenbild mit aufgebaut hat, sondern daneben vor allem auch noch als „Gerd / Philipp“ auf der Bühne steht, eine spezielle Erwähnung. Er überzeugt nicht nur beim „Ritalin“-Tanz mit sexy Hüftschwung, sondern ebenso mit schöner Stimme und einer starken Bühnenpräsenz. Mit seinem schauspielerischen Talent, dem Gespür für das richtige Timing und seiner inzwischen langjährigen Erfahrung schafft er es eindrucksvoll, egal ob als Vater Gerd oder als ADHS-diagnostizierter Sohn Philipp, das Publikum in seinen Bann zu ziehen und seine Wandlungsfähigkeit so professionell unter Beweis zu stellen, dass daneben so mancher Musical- Profi wohl alt aussähe, ein echtes Allround-Talent!

© Joachim Schmitz

Zu TOP 10) Das Stück hat auch fast 23 Jahre nach seiner Uraufführung nichts von seiner Aktualität verloren, in Zeiten, in denen in Kitas und Schulen ErzieherInnen und Lehrkräfte fehlen, über steigende Gewaltbereitschaft und psychologische Probleme unter Jugendlichen berichtet und über ein Smartphone- Verbot und nicht zuletzt die Rolle, die die Eltern bei alldem spielen, diskutiert wird, ist es sogar aktueller denn je. Die Inszenierung unterhält und regt dennoch zum Nachdenken an und macht sehr deutlich, dass es sich lohnt, die kleinen Produktionen abseits des Mainstreams zu entdecken und dass es nicht immer die große professionelle Long-Run-Produktion sein muss, wenn man einen schönen Musicalabend erleben möchte. Wer es einrichten kann und noch das Glück hat, ein Ticket zu ergattern, sollte auf jeden Fall nach Wuppertal fahren! Absolut sehenswert!

Zu TOP 11) Die ersten Termine im Januar, Februar und März waren schnell ausverkauft, Restkarten gibt es noch für die Termine am Samstag, 25.04.26, 20 Uhr und Sonntag, 26.04.26, 18 Uhr, zudem sind bereits zwei Zusatzvorstellungen am Samstag, 14.11.16, 20 Uhr und am Sonntag, 15.11.26, 18 Uhr geplant. Tickets gibt es direkt über www.triotheater.de!

 

Artikel von Andrea