TOOTSIE – Ein neues Musical-„Schätzchen“ für Bonn 2025/26

Dorothy Michaels erobert die Herzen der Bonner
 
© Annabell Dornieden
Premiere & rezensierte Vorstellung: 26. Oktober 2025

Schon als das Theater Bonn bei der Spielplanpräsentation im Mai 2025 verkündete, dass in der nächsten Spielzeit das Musical „Tootsie“ in einer Inszenierung von Gil Mehmert zu sehen sein würde, war die Vorfreude groß und die Erwartungen waren hoch. Denn wenn irgendwo „Gil Mehmert“ draufsteht, dann ist Qualität drin. Garantiert. Das hat sich inzwischen in Musicalkreisen herumgesprochen. Gil Mehmert ist einer der besten und erfolgreichsten Musicalregisseure Deutschlands, wenn nicht sogar der Beste. Zudem ist Bonn für ihn inzwischen fast so etwas wie ein Heimspiel. Seit 2013 hat er mit „Jesus Christ Superstar“, „Sunset Boulevard“, „Evita“ und zuletzt „Chicago“ hier gleich mehrere Musicalklassiker inszeniert und kehrt nun also mit einer Neuinszenierung von „Tootsie“, die sich allerdings an seiner bereits in München am Staatstheater am Gärtnerplatz gezeigten Inszenierung orientiert (siehe Bericht Gärtnerplatz), nach Bonn zurück.

Das Musical „Tootsie“ (Buch: Robert Horn, Musik und Gesangstexte: David Yazbek, deutsche Fassung: Roman Hinze) basiert auf dem gleichnamigen Film von Sydney Pollack aus dem Jahr 1982, der für zehn Oscars nominiert wurde und sich unter den Top 100 auf der Komödien-Liste der BBC befindet. Dustin Hoffmann übernahm damals die Hauptrolle. Doch nicht nur auf der Leinwand war die Geschichte ein großer Erfolg, seit 2018 überzeugt sie auch auf der Musicalbühne, wo sie mit leichten Abänderungen der Filmhandlung zugleich humorvoll und gesellschaftskritisch die Theaterwelt bzw. die Musicalwelt am New Yorker Broadway aufs Korn nimmt.

Zur Handlung: Der Darsteller Michael Dorsey eckt überall an und verliert seinen Job. Aber er will den Traum von einer Bühnenkarriere nicht aufgeben, und da er beim Casting immer nur Absagen erhält, kommt ihm schließlich die Idee, sich als Frau verkleidet auf eine Rolle zu bewerben, auf die eigentlich seine Ex-Freundin Sandy ein Auge geworfen hat. Er wird tatsächlich engagiert und feiert als „Dorothy Michaels“ Dank seines Improvisationstalents als „Amme“ in „Julias wahre Flamme“, einer Musicalfortsetzung des Shakespeare-Klassikers „Romeo und Julia“, so großen Erfolg, dass das Stück in „Julias wahre Amme“ umbenannt wird… Er ist beliebt bei den KollegInnen, ihm steht plötzlich die Bühnenwelt wieder offen… Als er auch noch Gefühle für seine Bühnenpartnerin Julie entwickelt, wird es kompliziert…

© Bettina Stöß

Musikalisch liegt „Tootsie“ in Bonn in den Händen von Jürgen Grimm, die Songs (leider fehlt eine Übersicht über die genauen Songtitel im Programmheft) kommen fetzig daher, auch wenn vielleicht der eine absolute Ohrwurm fehlt, insgesamt sind aber einige hübsche Melodien dabei, die durchaus unter die Haut gehen oder einfach mitreißend sind. Dazu hat sich Faye Heather Anderson schwungvolle Choreografien einfallen lassen. Das Bühnenbild von Judith Leikauf und Karl Fehringer ist nicht nur funktional und ermöglicht Dank der Drehbühne schnelle Szenenwechsel, es versetzt die Zuschauenden auch auf anschauliche Weise nach New York, z. B. in die bescheidene Wohnung, die Michael mit seinem Kumpel Jeff bewohnt, auf die Probebühne fürs Vorsprechen, in die Theaterkulissen für „Julias wahre Amme“ oder einfach mal auf eine Parkbank. Boris Kahnert und Michael Heidinger liefern dazu die passenden Lichtstimmungen. Die Kostüme von Claudio Pohle sind farbenfroh und schön anzusehen, ein ganz besonderer Hingucker ist natürlich das rote Paillettenkleid von Dorothy. Zudem unterstreichen sie die Charaktere perfekt.

Und damit sind wir bei der Besetzung, und die ist exzellent. Das Ensemble ist mit musicalerfahrenen DarstellerInnen besetzt, die man teilweise bereits in anderen von Gil Mehmert inszenierten Stadttheater-Stücken oder in großen Longrun-Produktionen im Ensemble sehen konnte (stellvertretend seien hier Elena Franke und Paolo Ciferri erwähnt), und auf der Namensliste der Neben-und Hauptrollen finden sich zahlreiche prominente Namen aus der Musicalszene.

Michael Ophelders (der in dieser Spielzeit ebenfalls in Mönchengladbach in „Titanic“ als Steward „Henry Etches“ auf der Bühne steht), darf gleich in zwei Rollen glänzen und sein Gespür für Komik unter Beweis stellen: einmal als „Carl“ und einmal als Michaels schmieriger Agent „Stan Fields“, seine Reaktion, wenn er realisiert, dass Michael Dorothy ist, ist einfach köstlich!

 

Nina Janke hat als „Suzie“ zwar leider nicht die Möglichkeit, so eindrucksvoll in Erscheinung zu treten wie letztes Jahr in Dortmund als „Bettlerin“ in „Sweeney Todd“, aber es macht Spaß, sie mal in einer anderen Rolle zu erleben, die nicht so düster ist.

Bernhard Niemeyer schlüpft nicht nur in die Rolle von „Stuart“, er übernahm außerdem die Regieassistenz und ist daneben auch noch für die Abendspielleitung verantwortlich, was einmal mehr deutlich macht, dass er sowohl auf der Bühne als auch am Regiepult zu Hause ist. In Bonn kennt man ihn vor allem durch seine Inszenierungen am Jungen Theater Bonn, wo er im Frühjahr 2026 übrigens „Dear Evan Hansen“ inszenieren wird, als Musicalfan sollte man sich den Namen also merken!

Susanna Panzner kehrt als „Rita Marshall“ seit langer Zeit einmal wieder nach Bonn zurück, wo sie 2003 als „Fantine“ in „Les Miserablès“ auf der Bühne stand und gibt die Produzentin genauso geschäftstüchtig, wie man sie sich vorstellt.

Daniel Berger als „Ron Carlisle“ zieht alle Register und macht einmal mehr sein komödiantisches Talent deutlich, das er derzeit ebenso als sächselnder Taxifahrer in „Himmel und Kölle“ (siehe Bericht) ausleben darf. Er bedient perfekt das Klischee vom Schauspielerinnen begrabschenden und während der Proben ständig ausrastenden und von seiner Inszenierungsidee absolut besessenen Regisseur, der seiner Hauptdarstellerin am liebsten an die Wäsche möchte, „Me too“ lässt grüßen. Es ist eine wahre Freude, ihm zuzuschauen. Jeder, der schon einmal eine Theaterprobe miterlebt hat, wird sich unweigerlich an ganz bestimmte Probenmomente erinnert fühlen!

Für Lacher sorgt auch Jan Nicholas Bastel als „Max van Horn“, der als gutaussehender, aber leider völlig untalentierter Bachelor-Verschnitt und Möchtegern-B-Promi das Massenpublikum für „Julias wahre Flamme“ anlocken soll. Im Gegensatz zu seiner Rolle beweist Bastel nämlich ziemlich viel Talent und macht insbesondere die Liebeserklärung von Max an Dorothy zu einem unvergesslichen Theatermoment.

© Annabell Dornieden

Mathias Schlung war in Bonn bereits in mehreren Musicalproduktionen zu erleben, auch diesmal gelingt es ihm wieder, die Herzen des Publikums zu erobern, auch wenn die Rolle des erfolglosen Autors und Mitbewohners von Michael, „Jeff Slater“, vergleichsweise eher klein ist. Schlung holt aus der Figur alles heraus, was möglich ist und gestaltet ihn mit der nötigen Portion an Humor und und Sympathie, so dass man ihm den guten Freund von Michael sofort abnimmt und sich am Schluss mit ihm über sein Happy End freut.

Auch Vera Bolten kehrt mit der Rolle als Michaels arbeitslose und dem Alkohol nicht abgeneigte Ex-Freundin „Sandy Lester“ endlich einmal wieder auf die Bühne der Bonner Oper zurück, wo sie bereits als „Eponine“ und „Sally Bowles“ zu sehen war. Bolten gelingt es bei aller Komik der Figur, zugleich ihre verletzliche Seite deutlich werden zu lassen.

Mit Bettina Mönch steht ein Musicalstar auf der Bühne, der eigentlich aus Bonn gar nicht mehr wegzudenken ist. Egal, ob z. B. im „kleinen Horrorladen“, in „Evita“, in „Kiss me, Kate“ oder in „Chicago“, sie überzeugt jedes Mal auf der ganzen Linie und sorgt für Begeisterung im Publikum. Das ist bei „Tootsie“ nicht anders, ihre „Julie Nichols“ ist frech, emanzipiert und gefühlvoll zugleich, man muss sie einfach gernhaben und nimmt ihr die Gefühle „Dorothy“ gegenüber ab, die nie kitschig wirken, sondern stets authentisch. Ein bisschen schade ist es, dass sie in diesem Stück nicht so viel zu singen hat, der Song, in dem sie „Dorothy“ von ihrem Ex-Freund John erzählt, ist einer der wenigen Momente, in denen sie ihr Gesangstalent präsentieren darf. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass sie sich die Rolle mit Alexandra Farkic teilt, die an ausgewählten Terminen als „Julie“ auf der Bühne steht. Ich durfte sie bei einem erneuten Besuch ebenfalls als „Julie“ bewundern, sie spielt die Rolle ebenso großartig und braucht den Vergleich mit Bettina Mönch nicht zu scheuen. Da Alexandra Farkic die Rolle etwas romantischer anlegt und damit der Figur eine eigenständige Interpretation verleiht, lohnt es sich definitiv, sich beide Besetzungen anzuschauen, jede ist auf ihre Art sehenswert!

© Bettina Stöß

Alle Mitwirkenden machen einen großartigen Job, trotzdem steht und fällt eine „Tootsie“- Inszenierung natürlich mit dem Darsteller von „Michael“ / „Dorothy“. Für Bonn hat man mit Julian Culemann eine absolute Ideal-Besetzung gefunden, eine bessere könnte man sich nicht wünschen! Culemann gelingt es hervorragend, zwischen „Michael“ und „Dorothy“ hin- und her zu switchen, ohne dabei unglaubwürdig oder albern zu wirken, man fühlt mit ihm mit und kann seinen inneren Konflikt gut nachvollziehen. Wenn er zum ersten Mal bei der Audition die Bühne als „Dorothy Michaels“ betritt und gefühlvoll „Ich bin für dich da“ in den Saal schmettert, überstrahlt er damit nicht nur die Konkurrenz auf der Bühne, sondern sorgt damit zugleich im Publikum für Gänsehaut. Der Magic Moment des Abends!

Völlig zu Recht wurden er und seine KollegInnen beim Schlussapplaus und auf der anschließenden Premierenfeier im Opernfoyer frenetisch bejubelt.

Fazit: Diese „Tootsie“ -Inszenierung beleuchtet mit einem Augenzwinkern und gleichzeitig durchaus auch kritisch die Theater-bzw. Musicalwelt, punktet mit einer fantastischen Besetzung und ist eins der besten Musicals, die in der Bonner Oper in den letzten Jahren zu sehen waren! Schon jetzt für mich mein persönliches Musical-Highlight der Spielzeit 2025 / 26, das ich mir mindestens noch ein weiteres Mal ansehen werde! Unbedingt anschauen!

Weitere Vorstellungen: Bis 14. Mai 2026 an mehreren Terminen, weitere Infos, auch zur Besetzung, gibt es auf der Homepage des Theaters unter www.theater-bonn.de.

 
Wir bedanken uns beim Theater Bonn für die Einladung!

Artikel von Andrea G