Thunerseespiele 2025 – Disneys Der Glöckner von Notre Dame – Premiere
Neuer Ansatz für eine spannende Geschichte

Premiere & rezensierte Vorstellung: 10. Juli 2025
Das Musical DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME in der Disney-Version wurde im Jahr 1999 in Berlin uraufgeführt. Es basiert auf dem 1831 erschienenen Roman von Victor Hugo (aus dessen Feder auch LES MISERABLES stammt) sowie dem gleichnamigen Disney-Film aus dem Jahr 1996. Die Musik stammt von Alan Menken. Das Buch von James Lapine, die Liedtexte von Stephen Schwartz und Michael Kunze (in deutscher Sprache).
Betritt man die Seebühne in Thun, so fällt auf, dass das Bühnenbild bereits lebt: Die Kathedrale von Nôtre-Dame de Paris wird renoviert. Noch bevor die Aufführung beginnt, laufen Bauarbeiter mit Helm über die Bühne und sperren die Kirche mit Absperrband ab. Wir befinden uns in der Gegenwart: Nôtre-Dame wird aufgrund des Brandes von 2019 renoviert. Dieser Bezug zu aktuellen Ereignissen gefällt mir sehr.

Die eigentliche Geschichte spielt jedoch im Jahr 1482 in Paris. Claude Frollo (Detlef Leistenschneider) zieht seinen entstellten Neffen Quasimodo (Denis Riffel) als Glöckner im Kirchturm auf. Für den Erzdiakon ist das Kind eine Schande. Quasimodo wird eingeredet, dass die Welt schlecht und grausam ist und er aufgrund seines Aussehens in der Gesellschaft keinen Platz hat. Deshalb zieht er das Kind im Glockenturm auf und bietet ihm „eine Zuflucht”. Als Quasimodo erwachsen ist, sehnt er sich nach Freiheit und Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Seine bisherigen Freunde sind die Kirchenglocken und Wasserspeier, denen er Namen gegeben hat. In der Stadt gibt es ein jährliches Narrenfest. Da Frollo dieses Fest in Zukunft verbieten möchte, sieht Quasimodo seine letzte Chance und schleicht sich auf das Narrenfest, da er glaubt, dort mit seinem Aussehen nicht aufzufallen.
Auf dem Fest wird getanzt. Unter den Gauklern tanzt Esmeralda (Sharon Rupa), um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sowohl Frollo als auch Quasimodo und ein Hauptmann namens Phoebus (Oliver Floris), der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist, schauen ihr zu. Wie jedes Jahr wird auf dem Narrenfest das hässlichste Gesicht von Paris gesucht.
Esmeralda und die Menschenmenge wollen Quasimodo zum Narrenkönig küren. Doch dann eskaliert die Situation und die Meute geht auf Quasimodo los und macht sich über ihn lustig. Frollo sieht zu und hofft, dass sein Neffe daraus seine Lehren zieht. Esmeralda versucht, Quasimodo zu helfen. Doch erst, als Frollo sich einmischt, kann Quasimodo in die Kirche flüchten.

Frollo scheint besessen von Esmeralda zu sein. Er möchte sie im Kirchturm einsperren, um ihr „eine Zuflucht” zu geben. Doch Esmeralda lehnt ab und kränkt Frollo damit. Frollo redet sich ein, dass Esmeralda von einem Dämon besessen ist.
Zwischenzeitlich verliebt sich der Hauptmann in Esmeralda und die beiden küssen sich. Frollos scheinbare Moral kippt daraufhin in Hass und Zerstörungswut. Er will Esmeralda als Hexe verurteilen lassen.
Da der Hauptmann Phoebus seine Befehle missachtet, wird er nun auch von Frollo gejagt. Phoebus wird von Frollo schwer verletzt. Esmeralda bringt den Verletzten in den Glockenturm. Sie gibt Quasimodo ein Amulett mit einer Botschaft über ihren Aufenthaltsort, bevor sie mit ihren Gauklerfreunden flüchtet. Frollo trickst Quasimodo jedoch aus und dieser führt ihn und seine Soldaten direkt zu Esmeralda und den Gauklern.
Als der Glöckner am nächsten Tag Esmeralda auf dem Scheiterhaufen sieht, befreit er sich im Glockenturm von seinen Fesseln und setzt dabei ungeahnte Kräfte frei. Er rettet Esmeralda und bringt sie in Sicherheit. Der Hauptmann wird von Clopin (Frank Josef Winkels), dem Gauklerkönig, gerettet.
Als die Soldaten den Glockenturm stürmen wollen, wirft Quasimodo Steinbrocken und Holzbalken vom Turm. Nôtre-Dame brennt. Quasimodo erkennt, dass der Erzdiakon Frollo das wahre Monster ist, und wirft ihn aus dem Turm. Die schwer verletzte Esmeralda liegt sterbend in Quasimodos Armen und dankt ihm, dass er ein so toller Freund sei. Der Zuschauer bleibt mit der Frage zurück: Wer ist das wahre Ungeheuer – und wer der wahre Mensch?
In der letzten Szene wird erwähnt, dass man Jahre später die Leichen zweier Personen gefunden habe. Es handelte sich um einen Mann mit verkrümmter Wirbelsäule, der eine Frau in den Armen hielt. Als man versuchte, die beiden zu trennen, zerfielen sie zu Staub. Diese letzte Szene ist einer der großen Gänsehautmomente des Musicals.

Das diesjährige Bühnenbild ist vielschichtig und offen gestaltet. Die Kathedrale von Nôtre-Dame wird mithilfe eines Baugerüsts dargestellt und ist auf verschiedenen Ebenen bespielbar. Zwischen den Stangen des Gerüsts hängt das Bild eines riesigen Wasserspeiers. Die Wasserspeier haben im Stück eine große Bedeutung. Da Quasimodo ein einsames Leben führt, spricht er mit den steinernen Figuren. Der Kirchturm, der zu Beginn der Aufführung ebenfalls nur aus einem Gerüst besteht, wird mithilfe einer Plane zu einem Kirchturm. Auch die Glocken sind in das Gerüst integriert.
Zu Beginn der Aufführung tanzen viele Menschen in grauen Kutten über die Bühne. Mir gefällt es, dass der Erzähler der Geschichte von mehreren Personen übernommen wird. Eine Person beginnt einen Satz, den eine oder mehrere andere Personen beenden. Ob diese Menschen in grauen Kutten Mönche oder die Steine der Kathedrale darstellen, bleibt der eigenen Interpretation überlassen. Grundsätzlich gefällt es mir sehr gut, wenn sich viele Darsteller:innen auf der Bühne befinden. Der Chor bzw. das ca. 30-köpfige Ensemble war ständig auf oder unter dem Gerüst zu sehen. Im Vergleich zum Vorjahr (Mary Poppins) hatten die Zuschauer:innen eine gute Sicht auf den See inklusive Vollmond.
Am Gerüst befand sich eine Beleuchtung, auf der in lateinischer Schrift verschiedene Phrasen wie „Miraculum est” (Es ist ein Wunder) oder „Agnus dei” (Lamm Gottes) zu lesen waren. Solange es hell war, konnte man aus Reihe 8 nur erahnen, dass es sich um Schrift handelte. Die volle Wirkung trat erst mit Einbruch der Dunkelheit ein.

Denis Riffel verkörperte die Rolle des Quasimodo perfekt. Gemäß eines Videos auf der Homepage der Thunerseespiele hat er sich sehr gut auf diese Rolle vorbereitet und konnte sich gut in einen Menschen mit Sprach- und Gehbehinderung hineinversetzen. Die Rolle des Quasimodo ist auch deshalb herausfordernd, weil er häufig die Leitern des Gerüstes hinauf- und hinabklettern muss. Dazu noch zu singen, ist eine sportliche Höchstleistung.
Sharon Rupa schaffte es, das selbstbewusste, freiheitsliebende Mädchen Esmeralda mit ihrer empathischen Art perfekt darzustellen. Mit dem Lied „Rhythmus meines Tambourins” verzauberte sie nicht nur Frollo, den Hauptmann und Quasimodo, sondern das gesamte Publikum.
Sehr begeistert war ich von Detlef Leistenschneider als Erzdiakon Frollo. Durch sein ausdrucksstarkes Schauspiel und sein breites stimmliches Spektrum passt er ideal in die Rolle des Bösewichts.
Der Hauptmann (Oliver Floris) hat sich rückwirkend betrachtet bei mir weniger eingeprägt. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt. Sicher aber nicht an der Performance des Darstellers. Während der Aufführung habe ich die Liebe zwischen ihm und Esmeralda nicht so sehr gespürt. Ich war recht überrascht, als der erste Kuss fiel. Es würde mich interessieren, wie andere Zuschauer:innen dies empfunden haben.
In der Version des „Glöckners von Nôtre-Dame” von 1999, die ich in Berlin gesehen habe, wurden die Wasserspeier, die eigentlich eine zentrale Rolle im Musical spielen, von drei Personen dargestellt. In Thun sind es drei Figuren, die jeweils von ca. sechs Personen zusammengesetzt werden. Die einzelnen Figuren werden auch von unterschiedlichen Darsteller:innen gesprochen. Auf der Seebühne in Thun wirkte diese Art der Wasserspeier sehr gut, da sie entsprechend groß waren. In der Berliner Version empfanden die Zuschauer:innen meines Erachtens mehr Sympathie für die Wasserspeier, weil sie menschlicher wirkten.
Nach Einbruch der Dunkelheit wirkte die Beleuchtung der Bühne richtig gut. Es war beeindruckend, wie vielfältig das Gerüst, das die Kirche darstellte, mit Licht in Szene gesetzt werden konnte. Als die Kathedrale von Nôtre-Dame brannte, wurde das Feuer mit rotem Licht dargestellt, was sehr eindrucksvoll wirkte.

Zum Sound muss ich sagen, dass mir als Laien dieses Jahr zum ersten Mal aufgefallen ist, wie gut der Sound auf der Seebühne ist. Der Klang unterscheidet sich kaum von dem einer Aufführung in einem Theater. Ich stelle es mir nicht einfach vor, das so hinzubekommen. Schließlich liegt die Seebühne zwischen einer Badestelle und einem Campingplatz.
Das grandiose Orchester wurde von dem sympathischen Iwan Wassilevski geleitet, der seit 2003 die musikalische Leitung der Thunerseespiele innehat.
Normalerweise sind für meinen Geschmack die Disney-Musicals etwas zu bunt und kitschig. Dies ist beim Glöckner nicht der Fall. Das Thema Anderssein und Ausgrenzung ist in der Gesellschaft nach wie vor aktuell. Es gab einige sehr emotionsgeladene Momente wie zum Beispiel die Szene als Quasimodo auf dem Narrenfest von der Meute verspottet wurde. Ich bin sicher, dass der ein oder andere Zuschauende von dieser Ungerechtigkeit genauso betroffen war wie ich.
Bei Esmeraldas Tanzen konnte ich ihre pure Lebensfreude spüren. Der größte Gänsehautmoment war, als in der letzten Szene gesagt wurde, dass Quasimodo nach seinem Tod seine einzige Freundin Esmeralda noch in den Armen hielt.
Mir hat die Aufführung sehr gut gefallen. Ich überlege, ob ich noch einmal nach Thun reisen soll. Beim zweiten Mal sieht man oft Details, die einem beim ersten Mal gar nicht aufgefallen sind. Alle Daumen hoch für Thun! Wer Zeit hat, sollte ein paar Tage dranhängen, um sich diese wundervolle Gegend anzuschauen. Ansonsten freue ich mich schon auf das Musical GREASE, das in 2026 bei den Thunerseespielen aufgeführt wird.
Cast & Crew:
- Quasimodo: Denis Riffel
- Esmeralda: Sharon I. Rupa
- Erzdiakon Claude Frollo: Detlef Leistenschneider
- Hauptmann Phoebus de Martin: Oliver Floris
- Clopin Trouillefou: Frank Josef Winkels
Ensemble
- König Louis XI: Alex Bellinkx
- Florika: Anja Quinter
- Junger Frollo: Benedikt Berner
- Jehan Frollo: Florian Sigmund
- Leutnant Frederic Charlus: Mathias Reiser
- Madame: Mona Graw
- Pater Dupin: Thomas Schreier
- Amaya Keller, Joel Parnis, Antonia Kalinowski, Clarissa Gundlach, Flavio Marullo,
- Katja Uhlig, Lesley Zellweger, Maja Xhemaili-Luthiger, Nicolas Boris Christahl, Rebecca
- Stahlhut, Riccardo Pastore,
Swing
- Chiara Cook (Dance Captain), Philipp Nowicki
Hinter den Kulissen
- Regie: Dominik Flaschka
- Musikalische Leitung: Iwan Wassilevski
- Choreografie: Jonathan Huor
- Bühnenbild: Stephan Prattes
- Kostümbild: Irina Hofer
- Masken & Perücken: Olivia Sieber
- Lichtdesign: Fabian Küng
- Dramaturgie: Livio Beyeler
- Ton: Thomas Strebel
- Inspizienz: Christian Altenburger
Wir bedanken uns bei FBM-Entertainment für die Einladung!
Artikel von Susanne