Themenwoche Inklusion: Interview mit Lilli Zeifert

Über den Namen Lilli Zeifert sind die meisten Musicalfans vermutlich 2024 gestolpert, als das Cast-Recording zu „Wo ist Fred?“ veröffentlicht wurde. Sie ist Theaterkritikerin, Co-Autorin des Musicals „Wo ist Fred?“, Autorin von Fantasy-Geschichten im Selfpublisher-Segment sowie Komponistin. Ihre Kompositionen tätigt sie mit Künstlicher Intelligenz, nicht weil sie es sich einfach machen möchte, sondern als ihr eigenes Werkzeug. Denn Lilli Zeifert sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen und hat noch weitere Einschränkungen.
Im Rahmen unserer Themenwoche haben wir Lilli ein paar Interviewfragen zugeschickt und interessante Antworten erhalten zu ihrem Alltag in den Theatern, sowie zu ihren neuen Projekten. Außerdem gehen wir auf die große Diskussion von KI im Kulturbetrieb ein.
Wie erlebst du als Bloggerin und/oder Privatperson Inklusion im Theater?
Wie ich Inklusion erlebe, hängt stark davon ab, ob ich als Kritikerin in Theatern und Spielstätten unterwegs bin oder als Privatperson.
Als Privatperson, die im Rollstuhl sitzt und nicht sprechen kann, fängt das bereits beim Ticketkauf an, den man logischerweise meistens online tätigen möchte. Als Privatperson mit Rollstuhl geht das jedoch in den meisten Fällen in Deutschland nicht einfach online bei den bekanntesten Anbietern. Man muss dort anrufen, um einen Rollstuhlplatz zu buchen. Und genau da liegt für mich die erste Komplikation, weil ich eben nicht sprechen und nicht einfach so anrufen kann wie andere. Ich bin zwar mit meiner TTS-App auch in der Lage zu telefonieren, allerdings tue ich das nur mit Familienmitgliedern, die mich kennen und wissen, dass ich nicht einfach schnell antworten kann und dass sie Geduld haben müssen, bis ich etwas aufgeschrieben habe und auf “Sprechen“ tippe. Die meisten Fremden kennen das logischerweise nicht, sind irritiert von der synthetischen Stimme und davon, dass nicht sofort reagiert wird, sodass dann aufgelegt wird. Das kann man ihnen natürlich nicht verübeln, aber es macht den Kartenkauf für mich als Privatperson im Rollstuhl extrem kompliziert. Zwar habe ich 24h-Assistentinnen, aber sie sprechen gebrochenes Deutsch oder Englisch. Da kommt es auch schon mal vor, dass die Person am anderen Ende einfach sagt: „Tut mir leid, ich verstehe Sie nicht“ und auflegt, obwohl meine Assistentinnen durchaus verständlich sprechen.
Ich verstehe den Gedanken hinter diesen Regelungen, aber zum Beispiel am Broadway kann man Rollstuhlplätze überwiegend ganz normal online buchen und das funktioniert sehr gut, weil es vor Ort kontrolliert wird.
Als Kritikerin im deutschsprachigen Raum und auch darüber hinaus habe ich natürlich den großen Vorteil, dass ich Pressekarten und den Rollstuhlplatz per E-Mail beim Pressekontakt anfragen und so selbstständig kommunizieren kann.

Die meisten öffentlichen Theater und Spielstätten im deutschsprachigen Raum sind eigentlich gut ausgestattet, wenn es um Barrierefreiheit geht. Natürlich gibt es Unterschiede bei der Sicht auf den Rollstuhlplätzen, aber bei den meisten kann man sich damit arrangieren.
Das Personal in den Theatern ist für mich jedoch der größte Punkt. Oft klappt vieles gut, aber gesprochen wird häufig mit meiner Begleitung statt mit mir. Wenn ich alleine unterwegs bin und mit jemandem sprechen muss, funktioniert das meist weniger gut. Ich weiß, dass ich auf viele Menschen so wirke als wäre ich auch geistig behindert, aufgrund meiner unkontrollierten Bewegungen und Gesichtszuckungen, und ich verstehe, dass es schwer ist, dieses Bild sofort abzulegen. Aber ich hatte vor etwa zwei Jahren in einem Theater eine Situation, die mir sehr in Erinnerung geblieben ist. Ich sollte dort eine Kritik schreiben, das war auch der Presseabteilung bekannt. Nach der Show wollte ich etwas fragen. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt meine Begleitperson, da sie da gerade bei mir zu Besuch war, holte aber gerade unsere Jacken. Ich stand also alleine dort und versuchte, mich verständlich zu machen. Die Umgebung war laut, sodass meine synthetische Stimme nicht gut zu hören war. Also deutete ich immer wieder mit dem Fuß auf mein iPad, weil man dort lesen kann, was ich geschrieben habe. Das wurde von den zwei Mitarbeitenden irgendwann auch bemerkt, aber gelesen wurde es nicht, weil wohl die Brille fehlte, obwohl die Schrift wirklich groß genug ist, um sie auch ohne Brille und im Stehen von oben erkennen zu können. Schließlich bekam ich den Satz zu hören: „Deine Mama kommt gleich.“ So etwas als damals 23-jährige Studentin in offizieller Funktion zu hören, war natürlich alles andere als schmeichelhaft.
Und genau da liegt für mich das größte Verbesserungspotenzial, wenn es um Inklusion geht. Zu erkennen, dass jede Behinderung anders ist und dass es verschiedene, mögliche Kommunikationsarten gibt sowie darauf entsprechend reagieren zu können, ohne dass das Thema gleich verkrampft wird, sondern einfach als etwas selbstverständliches gesehen wird.
Ein Großteil hat deinen Namen das erste Mal im Kontext des Soundtracks zu „Wo ist Fred?“ gelesen. Mittlerweile wurde das Musical auch einmal aufgeführt und der Soundtrack ist überall im Streaming verfügbar. Was war bzw. ist für dich die wichtigste Botschaft hinter dem Projekt?
Ich glaube, die wichtigste Botschaft hinter dem Musical ist, nicht alles, was mit Behinderung oder generell mit Anderssein zu tun hat, sofort übervorsichtig und verkrampft zu behandeln. Genau das macht das Musical aus. Dass es diese Themen mit Humor behandelt, ohne dabei ins gefürchtete Respektlose abzudriften.
Du komponierst mit Künstlicher Intelligenz deine eigene Musik. Wie setzt du die KI dabei ein?
Ich sage lieber: „Ich erstelle die Musik und den Gesang meiner eigenen Songs mit KI“, weil ich großen Respekt vor dem künstlerischen Handwerk von Komponistinnen und Komponisten habe. Da ich jedoch weder selbst singen noch mit meinen Füßen professionell genug Instrumente spielen kann, nutze ich KI als Werkzeug, um meine musikalischen Ideen umzusetzen.
Der Prozess läuft so ab, dass ich zunächst ein bis drei Tage lang den Songtext selbst schreibe und dabei bereits eine musikalische Vision im Kopf habe. Ich achte dabei bewusst auf Metrik und Reimschema. Die Texte stammen also komplett aus meiner eigenen Feder und bilden die Grundlage für alles weitere.
Anschließend gebe ich den Songtext in die KI ein und beschreibe im Prompt sowie im negativen Prompt möglichst genau, was ich mir musikalisch vorstelle und was nicht. Dazu gehören u.a. Tempo, Rhythmus, Dynamik, Genre, Stimme, Timbre, Instrumente, Stimmung und Aufbau. Die Generierung ist dabei niemals perfekt. Ich passe den Prompt ständig an, höre viele Versionen und kuratiere sehr intensiv. Das Ganze kann mehrere Wochen dauern. In der Regel entstehen über 50, oft sogar über 100 Versionen, bis eine dabei ist, die meiner Vorstellung nahekommt. Danach beginne ich, diese Version weiter zu bearbeiten. Ich remastere sie, covere sie, arbeite an der Struktur, verändere die Instrumentierung, passe Dynamik und Länge an und ersetze teilweise auch ganze Stellen im Song, bis ich am Ende wirklich zufrieden bin.
Es ist also durchaus ein eigener kreativer Prozess. Mir ist es wichtig, das genauso zu betonen, wie auch transparent damit umzugehen, dass und wie ich KI als kreatives Werkzeug nutze.
Welches Potenzial hat die KI im Bereich der Inklusion für die kulturelle Teilhabe? Gibt es auch Herausforderungen, deiner Meinung nach?
KI hat, unabhängig von den aktuellen Debatten, die ohne Zweifel ihre Berechtigung haben, ein sehr großes Potenzial für die (kulturelle) Teilhabe von Menschen mit Behinderung.
Das beginnt bereits bei der Kommunikation. Ich nutze seit einigen Monaten eine KI-Stimme in meiner TTS-App statt einer klassischen synthetischen Stimme und merke den Unterschied sehr deutlich. Ich klinge nicht mehr wie ein emotionsloser Roboter, wie ich immer zu sagen pflege, sondern die Stimme setzt Betonungen und versucht, Emotionen zu simulieren. Ich kann mir eine eigene Stimme erstellen, die besser zu mir und auch zu meinem Alter passt. Das ist für jemanden, der sein ganzes Leben auf synthetische Stimmen angewiesen ist und es auch bleiben wird, ein enormer Fortschritt. Natürlich ist das noch nicht perfekt. Die Stimme ist manchmal instabil, über dramatisiert oder wechselt bei kurzen Ausrufen plötzlich ins Männliche. Aber für mich ist das trotzdem um ein Vielfaches angenehmer als als 25-Jährige wie eine emotionslose Roboterfrau Mitte fünfzig zu klingen, auch beispielsweise, wenn ich nun meinen Podcast aufnehme oder auf Social Media unterwegs bin.
Ein weiterer Bereich ist die Fotobearbeitung. Ich mag natürlich auch schöne Fotos, aber ich gehe ungern zu fremden Fotografen mit Zeitlimit. Durch meine unkontrollierten Bewegungen und Gesichtszuckungen, die sich in fremden sozialen Situationen verstärken, ist es oft schwierig, in solchen Momenten gute Bilder ohne Grimasse zu bekommen. Wenn ich jedoch zu Hause bin, mit ausreichend Zeit und Ruhe, funktioniert das deutlich besser. Anschließend kann ich die Bilder selbst mit KI gezielt bearbeiten, bis sie für mich stimmig sind.
Und auch die Musik ist ein entscheidender Punkt. Ohne KI wäre es mir als schwerstmehrfachbehinderte Person nicht möglich, meine musikalischen Ideen selbstständig und eigenverantwortlich umzusetzen und zu veröffentlichen.
Die kommerzielle Nutzung von Musik in Reels oder Videos unterliegt besonderen Auflagen. Wir als Blogger dürfen z.B. jene Musik nur im Kontext der gezielten Berichterstattung verwenden. Wie sieht das bei AI Musik aus? Welche Rechte hast du da als Produzentin?
Das ist aktuell natürlich eine der größten und wichtigsten Diskussionen, die ich auch absolut nachvollziehen kann. Da ich ein kostenpflichtiges Abo meines Musik-KI-Tools habe, besitze ich von der Plattform die vollen kommerziellen Nutzungsrechte an der im Abozeitraum generierten Musik, natürlich auch über den Zeitraum hinaus. Das wird auch von meinem Distributor entsprechend überprüft.
Das Urheberrecht ist momentan ja noch der umstrittenste Punkt. Ich verstehe mich, auch im Einklang mit der GEMA, als Urheberin meiner Songs als Gesamtwerk.
Der Text stammt vollständig von mir und die Musik entsteht auf Basis meiner Vorgaben. Ich beschreibe, kuratiere und bearbeite die Stücke selbst intensiv nach. All das ist für mich Teil des kreativen Schöpfungsprozesses, der für das Urheberrecht entscheidend ist.
Ich generiere also nicht einfach einmal einen beliebigen Songtext und beliebige Musik dazu und veröffentliche das dann unverändert. Bei einem solchen Vorgehen unterstütze ich die kritischen Debatten zum Urheberrecht absolut.
Gibt es bei dir bereits neue Projekte?
Tatsächlich ist mein neues, zweites Album für diesen Spätsommer geplant und verfolgt ein auch für mich sehr spannendes, neues Konzept. Das Album wird “Musical Path“ heißen und ist im Grunde eine Art locker angelegtes, autobiografisches Mini-Musicalalbum. Es erzählt chronologisch und sehr persönlich meinen bisherigen Lebensweg sowie meinen Weg zur Musik und zum Musical. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Klassik, Jazz, Musical, Pop und Hardrock.
Das zentrale Konzept lautet: AI meets Human. Das bedeutet, dass einige Songs wie bei mir gewohnt von KI-Stimmen gesungen werden, während andere von realen Sängern interpretiert werden. Der Ablauf ist dabei so, dass ich die Songs zunächst wie gewohnt mit KI-Stimmen entwickelt habe. Die realen Sänger nahmen bzw. nehmen diese dann in Studios neu auf und anschließend werden Stimme und KI-Instrumental professionell von Menschen gemixt und gemastert.
Aktuell sind drei Sängerinnen für vier Songs dabei und ich freue mich sehr, diese hier nun auch zum ersten Mal öffentlich bekanntgeben zu können. Auf “Musical Path“ wird Alexandra-Yoana Alexandrova zwei Songs in den Genres Pop und moderner Jazz singen. Meine Mutter Ines Zeifert wird mit einem klassischen Lied als eine Art Prequel vertreten sein und Julia Hornschuh, eine Popsängerin, wird einen Multilanguage-Song in fünf Sprachen interpretieren.
Für mich ist das ein sehr bedeutendes Projekt, weil ich neben meiner persönlichen Geschichte auch zeigen möchte, dass eine faire Koexistenz zwischen KI- und menschlicher Kunst möglich ist und dass KI den menschlichen Künstlern nicht nur die Arbeitsplätze wegnehmen, sondern in manchen Fällen wie bei mir auch neue schaffen kann.
Unterstützt das Albumprojekt mit einer Spende unter www.gofundme.de
Vielen Dank an Lilli Zeifert für die spannenden Einblicke!
Interview von Anna-Virginia