Themenwoche Inklusion: Interview mit Autorin Lara Holthaus & Psychotherapie-Vergütung

Romane im »New Adult« thematisieren die Folgen von Machtmissbrauch, Abhängigkeiten und allen Formen psychischer Gewalt.

Was den Leser*innen fehlt: die Perspektive auf zeitnahe professionelle Hilfe.

Die »New Adult«-Literatur beschäftigt sich auf einfühlsame Weise mit Mental-Health-Themen. Dabei klären die Autor*innen auf und vermitteln den Lesenden, wie wichtig es ist, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Die langen Wartezeiten für eine ambulante Psychotherapie sind leider nichts Neues – ebenso wenig wie die Tatsache, dass viele Psychotherapeut*innen nicht mal mehr eine Warteliste führen können, weil sie keine Kapazitäten mehr haben.

Als wäre die Gesamtsituation nicht schon problematisch genug, wurde beschlossen, dass die Vergütung der ambulanten psychotherapeutischen Leistungen ab dem 01.04.2026 um 4,5 % gekürzt wird.

Welche langfristigen Folgen daraus resultieren können und wie Psychotherapeut*innen bzw. Autor*innen die derzeitige Entwicklung einschätzen? Wir haben Lara Holthaus gefragt. Neben ihrer Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin gelang der Autorin mit ihren Büchern der Sprung auf die SPIEGEL-Bestsellerliste.

© Naomi Kamp

Du bist nicht nur Autorin, sondern auch Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Welche Folgen befürchtest du angesichts der sinkenden Vergütungen?

Durch die sinkende Vergütung werden wir langfristig das Problem haben, dass auch Psychotherapeuti*innen mit Kassensitz (von denen es ohnehin schon zu wenige gibt) vermehrt Privatpatient*innen behandeln und es so für gesetzlich Versicherte noch schwieriger wird einen Therapieplatz zu bekommen. Auch das Kostenerstattungsverfahren (also die Übernahme der Kosten einer Therapeutin mit Privatpraxis) wird immer seltener zum Tragen kommen, weil es sich für die Therapeut*innen einfach nicht mehr lohnt.

Die Versorgungslage ist ohnehin schon schlecht. Wohin sollen Betroffene sich jetzt noch wenden, um Hilfe zu finden?

Eine Möglichkeit ist das oben erwähnte Kostenerstattungsverfahren. Das ist leider etwas aufwändig, aber wirkungsvoll. Außerdem empfehle ich professionelle Beratungsangebote. Selbstzahler Coachings ersetzen aus meiner Sicht keine professionelle Therapie.

Welche Langzeitfolgen können aus einer noch schlechteren ambulanten Versorgung resultieren?

Durch eine schlechtere ambulante Versorgung kann es zu einer Zunahme der stationären Behandlungen kommen, die ja auch kaum noch Kapazitäten haben. Langfristig werden wir es mit Chronifizierung von psychischen Erkrankungen, Schulabsentismus bei Jugendlichen und Arbeitsunfähigkeit zu tun bekommen. Die Einsparung im ambulanten Bereich führen also langfristig, aus meiner Sicht, zu mehr Belastung.

Ist es für dich als Autorin frustrierend, dass einerseits zwar dargestellt wird, wohin Machtmissbrauch, Abhängigkeiten und jegliche Form psychischer Gewalt führen können, die Leser*innen auf der anderen Seite aber kaum eine Chance haben, zeitnah die nötige professionelle Unterstützung zu erhalten?

© Carlsen Verlag

Auf jeden Fall! Wir haben in den letzten Jahren auf mehreren Ebenen eine Enttabuisierung von Therapie gerade bei jüngeren erreicht. Es wurde aufgeklärt und immer wieder gesagt »Hol dir Hilfe!«. Nur um jetzt festzustellen, dass es keine Hilfe gibt. Das ist sehr frustrierend.

Vielen Dank, Lara Holthaus, für die Erklärungen und deine Einschätzung. Dass wir im Rahmen unserer Themenwoche »Inklusion« auf die Problematik aufmerksam machen, hat einen Grund: Die Förderung zur Teilhabe am gesellschaftlichen sowie kulturellen Zusammenleben beinhaltet neben körperlichen Gesichtspunkten auch die Berücksichtigung mentaler Gesundheit. Durch die kürzlich beschlossene Vergütungsreform im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung droht nicht bloß ein akuter Mangel an Therapieplätzen, sondern auch steigende Kosten im Gesundheitswesen. In unserer Themenwoche möchten wir ein wenig Licht ins Dunkel bringen und die Zusammenhänge erklären.

Was bedeutet Kostenerstattungsverfahren überhaupt? Und warum lohnt sich das Verfahren für viele Psychotherapeut*innen nicht mehr?

Das Kostenerstattungsverfahren nach § 13 Abs. 3 SGB V existiert bereits seit vielen Jahren. Es kommt zum Tragen, wenn die Krankenkasse eine Leistung – hier die Psychotherapie – nicht rechtzeitig gewähren kann und eine dringende Behandlungsnotwendigkeit besteht.

Grundsätzlich muss eine ambulante Psychotherapie von einem kassenzugelassenen Psychotherapeuten durchgeführt werden. Die Behandlungskosten können in diesem Fall direkt über die Versichertenkarte abgerechnet werden.

Was in der Theorie gut klingt, hat in der Praxis jedoch massive Schwächen: Die Zahl zugelassener Psychotherapeut*innen liegt weit unter dem tatsächlichen Bedarf, wodurch ein akuter Versorgungsmangel herrscht. Um das wieder auszugleichen, haben versicherte Personen unter gewissen Voraussetzungen die Möglichkeit, auch einen nicht kassenärztlich zugelassenen Psychotherapeuten bzw. Psychotherapeutin (mit entsprechender Approbation) aufzusuchen. Zu beachten ist hierbei, dass die Höhe der erstattungsfähigen Kosten sich an der Vergütung der Gebührenordnung für Psychotherapeuten (GOP) orientiert.

Kurz und knapp bedeutet das: Psychotherapeut*innen müssen ihre Honorare ebenfalls um 4,5 % senken. Für viele lohnt sich eine solche Vergütung kaum noch, weswegen es naheliegend ist, dass immer mehr Therapeut*innen bevorzugt Privatpatient*innen behandeln, um eine angemessene Vergütung zu erhalten.

Wichtig: Eine 50-minütige psychotherapeutische Sitzung ist im Vergleich zu anderen Leistungen ohnehin gering vergütet. Die Kosten für ein langjähriges Studium, die Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten/-in sowie sonstige Ausgaben müssen erst einmal abgedeckt werden. Im Ernst: Welche Ärztin bzw. welcher Arzt nimmt sich bitte 50 Minuten Zeit für einzelne Patient*innen und rechnet unter 120 Euro ab (der Betrag dient lediglich als Beispiel zur Veranschaulichung und entspricht nicht der tatsächlichen Gebührenordnung)?

Langfristige Kosten für das Gesundheitssystem

Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass sich durch Kürzungen der Honorare keine Einsparungen ergeben. Im Gegenteil: Es entstehen erhebliche Mehrkosten.

Worum geht es genau?

  • Ohne die notwendige therapeutische Behandlung entstehen längere Arbeitsunfähigkeitszeiten. Beispiel: Ein*e Arbeitnehmer*in erhält bei einem Nettogehalt von rund 2.500 Euro pro Monat etwa 70 Euro Krankengeld pro Tag für maximal 78 Wochen.
  • Für die Zeit des Krankengeldbezugs besteht Beitragsfreiheit in der gesetzlichen Kranken-, und Pflegeversicherung.
  • Eine Destabilisierung kann eine stationäre Behandlung und/oder Krisenintervention erforderlich machen.
  • Die Wartezeiten für die Aufnahme in einer psychosomatischen Klinik oder Rehaeinrichtung steigen kontinuierlich an, was wiederum zu längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten führt. Gleichzeitig kann der Therapieerfolg einer stationären Behandlung oftmals nicht nachhaltig gesichert werden, sofern im Anschluss keine entsprechende psychotherapeutische Weiterbehandlung möglich ist.

Diese Beispiele könnten immer weiter ausgeführt und ergänzt werden. Doch eines wird bereits jetzt deutlich: Durch die Kürzung der Vergütung – bei einer vergleichsweise kostengünstigen, aber äußerst effektiven Behandlungsmethode – werden die ohnehin bestehenden Engpässe noch weiter verschärft. Dadurch resultieren immense Mehrkosten im Gesundheitssystem.

Was hat die Buchwelt damit zu tun?

Wie bereits im Interview angedeutet, vermitteln vor allem die Bücher im »New Adult« die Botschaft: Es ist wichtig, sich Hilfe zu suchen. Die Geschichten sensibilisieren und machen deutlich, was wahre Stärke ausmacht: sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe benötigt, und diese dann im nächsten Schritt auch anzunehmen. Tja … leider gibt es diese Hilfe kaum noch.

Wo können Betroffene Hilfe bekommen?

An diesem Punkt ist es schwierig, eine allgemeingültige Empfehlung auszusprechen. Es gibt diverse Unterstützungsangebote in den Städten: sozialpsychiatrische Dienste, Beratungshotlines, und auch der Hausarzt kann eine erste Anlaufstelle sein. Doch egal, an wen Betroffene sich wenden: Das Wichtigste ist, mit der Situation nicht allein zu sein. Mit Freunden, den Eltern, Geschwistern oder wem auch immer gemeinsam nach Hilfe zu suchen, und über die belastende Situation zu sprechen, ist ein erster wichtiger Schritt.

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Artikel von Sandra