Theater Krefeld/Mönchengladbach – TITANIC 2025/26
„Ein Stück Magie geht aus von diesem Schiff…“

Premiere & rezensierte Vorstellung: 19. September 2025
Die Titanic wird sinken! Und das tut sie, ohne spoilern zu wollen, natürlich auch in Mönchengladbach. Das wohl bekannteste Schiffsunglück der Geschichte, das in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im eisigen Atlantik 1512 Menschen das Leben kostete, berührt und fasziniert die Menschen noch immer. Unzählige Bücher und Filme sind in den seit dem Unglück vergangenen 113 Jahren entstanden, dazu gab und gibt es immer wieder Ausstellungen, die sich mit der Thematik beschäftigen. Die immersive „Titanic“-Ausstellung, die jüngst in Köln (derzeit kann eine weitere Version davon noch in Hamburg bestaunt werden) zu sehen war, war zum Beispiel so erfolgreich, dass sie anfangs ständig ausverkauft war und bis August 2025 verlängert wurde. Zum Teil ist dieser Hype sicherlich auch der vermutlich bekanntesten Verfilmung von James Cameron aus dem Jahr 1997 zu verdanken, der mit seiner Version und der erfundenen herzzerreißenden Liebesgeschichte von Rose und Jack, gespielt von Kate Winslet und Leonardo Di Caprio, Filmgeschichte schrieb.
Gleich vorweg: Rose und Jack mitsamt ihrer berühmten Pose am Bug der Titanic und den Dion- Song „My heart will go on“ sucht man im Musical vergeblich (da ist man aktuell in London bei „Titanque“ richtig). Denn erstens entstand die Idee zu diesem Musical, das am 23.04.1997 am Broadway seine Uraufführung erlebte, schon lange bevor die Verfilmung von Cameron Ende 1997 die Kinoleinwände eroberte, zweitens ging es Peter Stone (Story und Buch) und Maury Yeston (Musik und Liedtexte) darum, die Geschichten der realen Passagiere und Besatzungsmitglieder zu erzählen.
Im Jahr 2002 feierte die Originalinszenierung in der deutschen Übersetzung von Wolfgang Adenberg in der Neuen Flora in Hamburg als große Longrun-Produktion Premiere, konnte allerdings damals trotz des eindrucksvollen Bühnenbildes und großartiger Effekte sowie einer tollen Cast noch nicht so ganz richtig beim Publikum punkten – vielleicht mag man so nahe am Hamburger Hafen auch einfach keine Geschichten von Schiffsuntergängen hören? Jedenfalls fiel leider viel zu früh schon im Oktober 2003 der letzte Vorhang und die Titanic verschwand zumindest als Musical im deutschsprachigen Raum für einige Zeit mehr oder weniger in der Versenkung.
Doch nach und nach entdeckten die Stadttheater und Open-Air-Bühnen das Stück für sich, inzwischen ist Yestons „Titanic“ aus den Spielplänen kaum mehr wegzudenken und erfreut sich großer Beliebtheit. Nicht selten bescherte die „Titanic“ in den letzten Spielzeiten den Theatern ausverkaufte Häuser und Wiederaufnahmen. Bis wenige Tage vor der Premiere in Mönchengladbach war die Titanic den Sommer über bei den Freilichtspielen in Tecklenburg und daneben auch in Zwingenberg bei den Schlossfestspielen zu sehen, weitere Inszenierungen wie zum Beispiel in Hildesheim im Dezember 2025 sowie die Wiederaufnahme der hochgelobten Erfurter Inszenierung aus der Spielzeit 2023/24 im Frühjahr 2026 werden folgen.

In Mönchengladbach ist im wesentlichen die Inszenierung des Theaters Osnabrück aus der Spielzeit 2023/24 zu sehen, die man übernommen und mit neuer Besetzung passend für das Theater Mönchengladbach einstudiert hat. Schon beim Betreten des Theaters fällt auf, dass man sich hier sehr intensiv mit dem Thema „Titanic“ beschäftigt hat, denn als Extra zusätzlich zu der Vorstellung erwartet die BesucherInnen beginnend an der Treppe im Erdgeschoss und über die 1. Etage verteilt eine Ausstellung, die sich in Form von Texten und Fotos an den Wänden mit der Titanic und ihrem Untergang auseinandersetzt und spannende Hintergrundinformationen für den Musicalbesuch bietet. Sogar ein kleines Modell der Titanic gibt es zu sehen. Es empfiehlt sich, vor der Vorstellung genug Zeit einzuplanen, um sich dort ein wenig umzuschauen! Aber auch wenn man das nicht möchte, es ist schon ein Erlebnis, das Foyer des Theaters zu betreten und dabei förmlich zugleich in den großen Saal der Titanic zu laufen, von dem man ein großes Foto gleich in der Mitte der Treppe an der Wand platziert hat, ein beliebter Platz für Erinnerungsfotos. Wer mehr auf die Filmversion steht, kann unten im Foyer an einem dafür eigens eingerichteten Fotopoint mit Reling und modernen Schwimmwesten, die es so 1912 allerdings noch nicht gab, die berühmte Szene von Jack und Rose nachstellen… Kleine Inspirationen aus der immersiven Titanic-Ausstellungen in Köln lassen grüßen… Doch nicht nur bei der Ausstellung und beim Fotopoint hat man sich in Köln Anregungen geholt, ähnlich wie bei der Ausstellung in Köln bekommt man beim Einlass in den Saal einen Boarding Pass in die Hand gedrückt, auf dem sich der Name eines Passagiers oder Besatzungsmitglieds findet, so dass man während der Vorstellung diese Figur besonders beobachten und, falls man das Stück noch nicht kennt, gespannt mitverfolgen kann, ob die Person den Untergang überlebt oder nicht. Eine hübsche Idee, zumal sich zusätzlich dazu biografische Informationen über die jeweilige Person auf der Rückseite der Karte finden, wodurch man mehr über sie erfährt. Als weiteres kleines „Goodie“ bekommt man außerdem ein Papiertaschentuch dazu – um damit den Passagieren und der Crew beim Ablegen der Titanic in Southampton tatkräftig zuzuwinken. Ein witziger Einfall, der (wenn auch ursprünglich mal von Titanic-Fans in Hamburg für die Dernière in der Neuen Flora erfunden) für Interaktion mit dem Publikum sorgt und der besagten Szene zugleich eine ganz besondere Stimmung verleiht.

Die Inszenierung von Ansgar Weigner ist relativ schlicht und düster gehalten und kommt mit wenig Bühnenbild aus, das insbesondere zu Beginn aber trotzdem an die deutschsprachige Erstaufführung in der Neuen Flora in Hamburg erinnert. Anders als dort genügen jedoch hier ergänzend zu den unterschiedlichen Ebenen der Brücke und der Decks der Passagiere neben einer Drehbühne und ein bisschen Bühnennebel Projektionen, die wahlweise die Titanic, den Eisberg, die Maschinen im Maschinenraum oder Wände des 1.Klasse-Salons zeigen. Das funktioniert besonders gut vor allem zu Anfang, wenn man begleitend zur Overtüre durch schwarz-weiß-Bilder der Titanic als Zuschauer in die Vergangenheit versetzt wird. Die Kollision mit dem Eisberg, die damals in Hamburg das ganze Theater erschütterte und auch zuletzt in Tecklenburg eindrucksvoll mit einer Projektion gelöst wurde, bleibt hier allerdings komplett der Fantasie des Zuschauers überlassen und wird am Ende des 1. Aktes nur durch das Sinken des Vorhangs angedeutet. Auch die Rettungsboote muss man sich hier vorstellen. Zudem gibt es ein paar kleine inhaltliche Änderungen: Anders als in den meisten anderen Inszenierungen im deutschsprachigen Raum wurde das Duett „Drei Tage“ von Kate McGowan und Jim Farrell, das damals extra zusätzlich für die Hamburger Inszenierung geschrieben wurde, wieder gestrichen und Jim überlebt den Untergang hier genauso wenig wie sein reales Vorbild. Dafür hat man nach der Untergangsszene eine instrumentale Version des Chorals „Nearer my God to Thee“ eingefügt, die bei geschlossenem Vorhang gespielt wird. Das ist zwar eine schöne Idee, um der Tragödie noch mehr Nachdruck zu verleihen und um einen Moment des Gedenkens zu schaffen, zog sich aber zumindest am Premierenabend etwas in die Länge und sorgte leider eher für Irritationen und Unruhe im Publikum („Ist schon Schluss oder kommt da noch was?“). Vor allem aber hat man den Schluss geändert: Man hat die Schlussszene der Originalinszenierung, in der die Überlebenden mit Decken um die Schultern alle auf die Bühne kommen und ihren Text sprechen, durch ein Verhör von Bruce Ismay, dem 2. Offizier Lightoller und Funker Harold Bride ersetzt, das in ähnlicher Form in der Realität tatsächlich wenige Tage nach der Katastrophe in New York stattfand. Eine spannende Alternative zum Original, die noch einmal deutlich macht, mit wie viel Sachkenntnis man sich für diese Inszenierung mit dem Unglück auseinandergesetzt hat. Welches Ende man nun persönlich lieber mag, ist jedem selbst überlassen, beide Versionen überzeugen und berühren auf ihre eigene Art.
Auch die Kostüme sind überwiegend in düsteren Farben getaucht, neben den marineblauen Uniformen der Besatzung und dem ein oder anderen Rot – oder Lilaton (vor allem in den Kostümen der 1. Klasse) dominieren weiße, beige, graue und schwarze Töne, was einerseits wie auch das Bühnenbild (Ausstattung und Video: Darko Petrovic, dazu Kostüm „Ida Strauß“ von Modedesigner Björn Becker) durchaus zur schrecklichen Tragödie des Untergangs passt, andererseits aber ein bisschen eintönig wirkt. Die Choreographien von Sabrina Stein entfalten vor allem beim „Ragtime“ ihre Kraft und sorgen für Schwung und gute Stimmung kurz vor der Katastrophe. Überhaupt erklingen die wunderschönen Melodien von Maury Yeston unter der musikalischen Leitung von Sebastian Engel und mit der Unterstützung des Chors des Theaters Krefeld und Mönchengladbach packend und erzeugen auch in Mönchengladbach Gänsehaut.

In Mönchengladbach hat man sich mangels eines eigenen Musicalensembles dafür entschieden, den Großteil der Rollen mit Mitgliedern des eigenen Opernensembles / Mitgliedern des Opernstudios Niederrhein zu besetzen und lediglich für ein paar wenige Rollen ausgebildete MusicaldarstellerInnen als Gäste zu engagieren. Das funktioniert in den Ensembleszenen durchaus wunderbar, die teilweise sogar durch die große Anzahl an Personen und durch die Stimmgewalt des Chores klanglich noch mehr Dynamik gewinnen, allerdings wirken demgegenüber einzelne Szenen auch sehr opernhaft, geradezu statisch, und lassen die nötige Power vermissen, beispielsweise wenn der Heizer Fred Barrett (Arthur Meunier) sein Lied im Maschinenraum singt und dabei überwiegend steif herumsteht, nur mal ein kleines bisschen Kohle schaufelt und am Ende ganz theatralisch seine Schaufel in zwei Teile zerbricht. Seine Schilderungen seiner Träume, sein Aufbegehren gegen die Entscheidungen der Vorgesetzten oben auf der Brücke und seine Liebe zu seiner Freundin Darlene wirken irgendwie seltsam blass.
Ähnlich ist es beim Pärchen Caroline Neville und Charles Clark (Susanne Seefing und Rochus Triebs), denen man das verliebte Paar nur bedingt glaubt, Nevilles permanenter Hinweis darauf, dass sie in Amerika als erstes geheiratet werden möchte, wirkt etwas übertrieben, zudem scheint sie optisch nicht recht zu Clark zu passen, der hier nicht wie der jugendliche Liebhaber, sondern eher ein spießiger Banker daherkommt… Man fragt sich, warum Neville mit ihm bzw. er mit ihr durchbrennen will und kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Besetzung eher aus Zufall entstanden ist, weil man die Rollen eben mit Mitgliedern des eigenen Ensembles besetzen musste. Doch diese Problematik kann man natürlich nicht den DarstellerInnen vorwerfen, die alle insgesamt ihr Bestes geben und mit Begeisterung bei der Sache sind, egal ob nun als Passagiere der 3. Klasse (die 3 „Kates“ Jeanne Jansen, Pia Melenk und Bettina Schaeffer, dazu Pascal Schürken als sympathischer „Jim Farrell“), der 2. Klasse (neben den bereits genannten vor allem noch Rafael Bruck als „Edgar Beane“), der 1. Klasse (z. B. Debra Hays als „Ida Straus“, Thomas Peter als „Isidor Straus“, Nils Miegel als „Benjamin Guggenheim) oder als Mitglieder der Schiffscrew (stellvertretend seien hier zum Beispiel Grantas Sileikis als 1. Offizier William Murdoch, Johannes Jost als 2. Offizier Lightoller, und Gereon Grundmann als Quartiermeister Robert Hitchens genannt), sie alle machen ihre Sache gut. Insbesondere Jeconiah Retulla, der nicht nur als 4. Offizier Joseph Boxhall an Bord ist, sondern auch mitreißend als Bandleader Hartley beim „Ragtime“ aufspielt, verbreitet gute Laune. Daneben erobert Gabriela Kuhn als 2. Klasse- Passagierin „Alice Beane“, die zum Leidwesen ihres Mannes den Passagieren der 1. Klasse so nah wie möglich sein will, die Herzen des Publikums und hat die Lacher auf ihrer Seite, wenn sie sich beispielsweise beim Ragtime unter die Passagiere der 1. Klasse mogelt, indem sie sich hinter einer Topfpflanze versteckt. Tobias Wessler lenkt glaubwürdig als Kapitän „E. J. Smith“ sein Schiff mit strenger Hand und Markus Heinrich überzeugt als fieser Schiffseigentümer J. Bruce Ismay, der erst den Kapitän zur Eile antreibt, sich dann aber nach der Kollision feige und egoistisch einen Platz in einem der ersten Rettungsboote sichert.
„Titanic“ ist ein Ensemblestück, es gibt nicht die eine Hauptrolle, die alle anderen überstrahlt und doch verdienen es drei Darsteller, an dieser Stelle ganz besonders hervorgehoben zu werden: Da ist zunächst Michael Ophelders als dienstbeflissener Steward „Henry Etches“, der bis zuletzt treu für das Wohl der 1. Klasse sorgt. Ophelders erinnert in seinem schwarzen Frack mit hellgrauer Weste, weißem Hemd und weißen Handschuhen optisch irgendwie an Butler James aus „Dinner for one“ und überzeugt dabei mit einer würdevollen Ausstrahlung, die perfekt zu dieser Figur passt.

Lukas Witzel als Funker „Harold Bride“ ist es, der in dieser Inszenierung für ganz besondere Gänsehautmomente sorgt. Man nimmt ihm (wie auch bereits in Erfurt) den schüchternen jungen Mann, der völlig in seiner Begeisterung und Liebe für die Telegraphie aufgeht, sofort und in jeder Sekunde ab, er trifft mit seinem gefühlvoll interpretierten Gesangspart beim „Heiratsantrag“ -Duett mitten ins Herz und beweist darüber hinaus ein sehr gutes Gespür für Situationskomik, wenn er dem Kapitän beim Dinner eine Eiswarnung überbringt oder dieser ihn im Funkraum bei der Arbeit überrascht. Vor allem aber gelingt es ihm einfühlsam, am Schluss beim Verhör durch seine ergreifende Schilderung der Ereignisse und seinen Zusammenbruch auf sehr berührende Weise zu verdeutlichen, was für eine traumatische Erfahrung und emotionale Belastung das Miterleben des Unglücks für die Überlebenden gewesen sein muss.
Last but not least liefert Oliver Arno als Ingenieur „Thomas Andrews“ eine sowohl gesanglich als auch schauspielerisch packende Leistung ab, seine Verzweiflung, wenn er erkennen muss, dass die Titanic sinken wird und bei seiner Vision des Untergangs ist förmlich greifbar, zudem macht er durch sein intensives Spiel zusammen mit den Kollegen Tobias Wessler und Markus Heinrich die in dieser Inszenierung durchaus handgreifliche Auseinandersetzung mit dem Kapitän und Bruce Ismay bezüglich der Schuldfrage zu einem Höhepunkt des Abends. Völlig zu Recht belohnte das Publikum alle Beteiligten am Schluss mit Standing Ovations.
Fazit: Trotz kleiner Schönheitsfehler ist auch die Titanic-Inszenierung in Mönchengladbach absolut sehenswert – und für Titanic-Fans ein Muss!!!
Weitere Vorstellungen gibt es noch an ausgewählten Terminen bis zum 22. März 2026 , in der nächsten Spielzeit ist die Inszenierung dann in Krefeld zu sehen. Tickets gibt es direkt über das Theater.
Artikel von Andrea