Theater Hagen 2026: West Side Story

Tonight, Tonight…

© Björn Hickmann

Premiere & rezensierte Vorstellung: 07. März 2026

Ikonische Geschichte, ikonische Musik – kaum beginnt das grandiose Philharmonische Orchester Hagen die Ouvertüre zu intonieren, stellt sich alles ein, was man sich von einem gelungenen Musicalabend erhofft: Kribbeln im Bauch, Vorfreude auf eine wunderbar erzählte Geschichte, bei der man mit fiebern, sich freuen und mitleiden kann, auf tolle Musik, energetischen Tanz, eingängige und mitreißende Melodien, die Erlebnisse der Bühnenfiguren illustrierende oder vorantreibende Texte, Kostüme, Licht und eine Gesamtatmosphäre, die einen am Ende mit einem wohligen Seufzer und dem Gedanken „Das war großartig!“ entlässt. Der Inszenierung des Theater Hagen unter der Leitung von Yara Hassan gelingt all dies fast durchgängig. 

Kaum hat man beim ersten Erscheinen der jugendlichen Gang Mitglieder auf den Straßen New Yorks den mit rhythmischem Schnipsen begleiteten gehockten Sprung aus dem Film von 1961 kurz vermisst, ist man doch schon mittendrin in der brodelnden und explosiv angespannten Atmosphäre der 50er Jahre in Manhattan. Die verfeindeten Gangs der amerikanischen Jets und der puertorikanischen Sharks, die als Einheimische und Einwanderer ihre „paar Meter lausige Straße“ zu erobern oder zu verteidigen suchen, rebellieren gegen die Erwachsenen ihrer Generation, gegen Konventionen und Ungerechtigkeiten des Alltags. Alle wollen dazu gehören und etwas vom Amerikanischen Traum abbekommen. Letztlich gelingt dies im Stück niemandem. 

© Björn Hickmann

Toni, einem ehemaligen Bandenmitglied der Jets, der es nun mit ehrlicher Arbeit im Drugstore versucht, begegnet beim Tanzabend der jungen puertorikanischen Maria. Sie ist die Schwester des Gangführers der Sharks und hat zum ersten Mal die Erlaubnis, am Abend auszugehen. Es ist Faszination und Liebe auf den ersten Blick, darf aber unter den gegebenen Umständen nicht sein. Beide treffen sich noch in derselben Nacht auf dem Balkon, der nicht die einzige Anlehnung an die wohl berühmteste Vorlage verbotener Liebesgeschichten, „Romeo und Julia“, bleibt.

Toni verspricht, den drohenden Kampf der verfeindeten Gruppen abzuwenden und kurz scheint ihm dies auch zu gelingen. Doch aus dem vereinbarten Zweikampf entsteht das Drama; Marias Bruder Bernardo und Tonis bester Freund Riff sterben unter der Autobahnbrücke.

Toni und Maria versuchen dennoch an ihrer Liebe festzuhalten, scheitern aber an festgefahrenen Vorurteilen und Vergeltungswillen. Zuletzt bleiben Maria nur noch die verzweifelten Worte „Ihr alle habt sie getötet“, bevor eines der stärksten Bilder des Abends das Publikum mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft entlässt: Alle Gangmitglieder der Jets und der Sharks entzünden nach und nach ihre Kerze auf der fast dunklen Bühne, sodass Farben und optische Merkmale der vermeintlichen Unterschiedlichkeiten nicht mehr sichtbar vorhanden sind.

Die aufgestaute Spannung entlädt sich in minutenlangem Applaus, selbstverständlich mit absolut verdienten stehenden Ovationen im ausverkauften Saal.

Schon ab der Eröffnungsszene verschmelzen Handlung und Choreografie mit Kostümen und Lichtdesign zu einer Einheit, die durchweg elektrisiert. Die Farben der Kleidung signalisieren Zugehörigkeit zur jeweiligen Gang, die Erwachsenen sind in tristen Grau- und Brauntönen bzw. einer verblassten Polizeiuniform gekleidet. Auch optisch lehnt sich die Inszenierung somit erkennbar an den ursprünglichen Musical-Spielfilm an.

© Björn Hickmann

Highlight ist die offene, auf mehreren Ebenen und mit verschiedenen Ansichten gestaltete Konstruktion auf der großen Drehbühne. Diese dreht sich im Verhältnis mit der in der Handlung verrinnenden Zeit stets im Uhrzeigersinn. Ein ausgeklügeltes System, in dem die Darstellenden durch die Öffnungen rennen, springen, klettern und tanzen, aus dem Keller des Drugstores erscheinen oder über die Dächer Manhattans verschwinden. Das kluge Lichtdesign unterstreicht die jeweilige Stimmung der Szenerie passend. Mal ist es hell und gleißend, z.B. im Brautgeschäft, wo die beiden Verliebten ihre zukünftige Hochzeit inklusive das Kennenlernen der gegensätzlichen Familien humorvoll und charmant vorwegnehmen, dann wieder düster und bedrohlich, als der Kampf der verfeindeten Gruppen eskaliert und das Publikum fassungslos mit Blau- und Rotlichtblitzen über der Brücke in die Pause entlässt.

Insgesamt sehen wir ein starkes, homogenes Ensemble, das energetisch tanzt und spielt, sich blitzschnell auf den sicher extrem fordernden Wegen auf, unter, über und durch das Bühnenbild bewegt, die Kämpfe authentisch abbildet und auch den vorhandenen Witz, z.B. im Song zu Vor- und Nachteilen der jeweils anderen Nation (America) oder der Persiflage über das „Jugendhilfesystem“ in Amerika (Officer Krupke), hervorragend übertragen.

© Björn Hickmann

Nicht immer hält der Gesang dem wirklich fulminant aufspielenden Orchester stand, sodass manche Textanteile unverständlich bleiben. Vielleicht fällt es nicht jedem Gast im Publikum leicht, den hörbaren Unterschied zwischen Opernsängerinnen und –sängern und MusicaldarstellerInnen, der sich teils auch in der Art der Sprache in den Spielszenen auswirkt, auszublenden. Vielleicht macht aber gerade diese Mischung einen besonderen Reiz der Verschmelzung verschiedener Bühnen-Genres aus – so, wie auch Leonard Bernsteins Score verschiedene Musikstile des Jazz, des südländischen Mambo uvm vereint. Letztlich harmonieren die Stimmen vor allem in den Duetten und den teils versetzten, mehrstimmigen Anteilen hervorragend miteinander – schwierig, da nicht (laut) mitzusingen, wobei die deutschen Texte der Songs durchaus teils etwas sperrig daherkommen.

Dem Theater Hagen ist es gelungen, fest angestellte Ensemblemitglieder und Gäste passend zu kombinieren. Somit soll hier aufgrund der überaus überzeugenden Gesamtleistung aller auf und hinter der Bühne Agierenden niemand besonders hervorgehoben werden. Als kuriose Randbemerkung sei aber erwähnt, dass Tom Mehnert, als Darsteller des Officer Krupke, aktuell Künstlerischer Betriebsdirektor und Leiter Casting Musical am Theater tätig ist als Einspringer den leider erkrankten Schauspieler Ralf Grobel perfekt vertritt. 

Wunderbar mitzuerleben, wie bei der verdienten Aftershow Party nach der Premiere die Cast und wirklich alle Mitarbeitenden an dem Stück namentlich vorgestellt und gewürdigt wurden.

Dem Theater Hagen ist es gelungen, eines der wohl bekanntesten Musicals aus den späten 50er Jahren zwar vordergründig klassisch abzubilden, es aber dennoch durch besondere Akzente brandaktuell darzustellen. Aktuelles Zeitgeschehen, welches wirklich wünschen und hoffen lässt, dass Menschen doch noch eines Tages Herkunft, Stand und Zugehörigkeit nicht mehr ausgrenzend, sondern als verbindend für eine gute und liebende Welt für alle begreifen – so wie im letzten Bild des Abends unter der dunklen Brücke die verbindenden Kerzenlichter der Hoffnung es zeigen.

Die West Side Story wird im Theater Hagen noch an 7 Terminen bis zum 19.7.2026 gespielt, jeweils gibt es kurz vorher das Angebot einer Einführung ins Stück im Theater Cafe. 

Tickets und Informationen unter www.theaterhagen.de

Cast & Crew

  • Regie und Choreografie: Yara Hassan
  • Musikalische Leitung: Steffen Müller-Gabriel
  • Philharmonisches Orchester Hagen

Besetzung 

  • Maria: Nike Tiecke
  • Tony: Anton Kuzenok
  • Riff: Robert Johansson
  • Jets: Magnus Jahr, Christian Rosprim, Niklas Roling, Tobias Blinzler
  • Anybodys: Anna Hirzberger
  • Jet-Girls: Eva Löser, Marie Haisch, Ann-Kathrin Wurche, Judith Urban
  • Bernardo: Kenneth Mattice
  • Anita: Angela Davis
  • Sharks: John Baldoz, Manuel Lopez, Jeffry Zepf, Adriano Sanzo
  • Shark-Girls: Hyejun Melania Kwon, Lucia Isabel Haas Munoz, Erika Del Re, Andrea Martin Albert
  • Doc: Ks. Richard van Gemert
  • Schrank: Matthias Knaab
  • Kruppke: Tom Mehnert

Wir bedanken uns beim Theater Hagen für die Einladung!


Artikel von Corinna