Theater für Niedersachsen: TITANIC 2025/2026

„Nicht einmal Gott könnte dieses Schiff versenken“ (Bruce Ismay)

© Tim Müller

Premiere: 13. Dezember 2025 – rezensierte Vorstellung: 27. Februar 2026 (Gastspiel Hameln)

Oder doch? Das Musical TITANIC von Peter Stone und Maury Yeston erfreut sich in der jüngsten Vergangenheit immer größer werdender Beliebtheit und reiht sich so schon in die Riege von CABARET, WEST SIDE STORY oder MY FAIR LADY ein. Allesamt Stücke, die landauf und landab in diversen Spielplänen Jahr für Jahr zu finden sind. Wenn TITANIC im Spielplan steht, dann dauert es nicht lange und die Theatersäle sind ausgebucht. Doch woran liegt das?

Es liegt vermutlich an der historischen Authentizität dieses Musicals. Ein Unglück, welches Geschichte geschrieben hat und das Publikum erhält Einblicke in persönliche Schicksale einiger Passagiere. Diese Punkte wurden mir in meiner dritten Inszenierung des Stoffes noch einmal mehr als deutlich gemacht. 

Das Theater für Niedersachsen hat mit seiner Inszenierung unter der Regie von Matthias von Stegmann etwas besonderes geschaffen. Dabei wird die Opening-Szene zunächst nicht zur großen Ensemble-Nummer, sondern Thomas Andrews bekommt seinen Raum von der Konstruktion zu träumen. Ebenso erhalten Szenen, die in anderen Fassungen gestrichen wurden hier wieder ihre Aufmerksamkeit und manche weibliche Figur erhält unter all den Männern mehr Ausdruckskraft. Sei es Ida Strauß, die beim Dinner über ihr Lebenswerk erzählt anstatt der Major oder eine Alice Beane die sich Zutritt zum Rauchsalon der 1. Klasse verschafft anstatt Charlotte Cardoza.

Aber nicht nur diese Kleinigkeiten machen die Inszenierung zu etwas besonderen. Die Musical Company spielt gemeinsam mit einigen Akteuren aus dem Opernensemble und die intelligenten Einfälle in Bühnenbild, sowie Requisite für eine Inszenierung, die sowohl am Stammhaus stattfindet, als auch im Gastspielbetrieb unterwegs ist, sind genial gelöst. 

© Tim Müller

Weniger ist manchmal mehr in solch einer Situation und das beweist das Bühnenbild von Simon Lima Holdsworth. Die charakteristischen Türme der TITANIC werden durch zahlreiche Gepäckstücke der Passiere im Rahmen der ersten zwei Szenen aufgebaut. In weiteren großen Gepäckstücken verstecken sich Requisiten für den Funkraum oder die Wanddeko für den Speisesaal der 1. Klasse. Auch die Eisbergkollision wird kreativ gelöst, in dem aus einem großen Koffer im Finale des ersten Aktes zahlreiche Eisbrocken fallen. Für besonders viel Stimmung sorgte in diesem Finale das aufbauen des Sternenhimmels, ebenfalls mittels Gepäckstücken, die im inneren mit Lichterketten bestückt waren.

Die Philharmoniker des Theater für Niedersachsens spielten unter der Leitung von Achim Falkenhausen und brachte die Partitur von Yeston zum leben. Zu keinem Zeitpunkt drängte sich das Orchester in den Vordergrund. Es trug das Ensemble fantastisch durch den Abend.

Das gesamte Ensemble, inklusive einiger Mitglieder des Kinderchores, spielte trotz aller Tragik der Geschichte voller Spielfreude. Es fällt schwer einzelne Darstellende gesondert hervorzuheben, wie bei vergangenen TITANIC-Rezensionen auch, möchten wir aber ein paar, die uns besonders in Erinnerung geblieben sind kurz erwähnen.

© Tim Müller

Mit Lorin Goltermann, welcher neu zur Musical Company gehört und damit seine erste feste Ensemblestelle nach dem Studium hat, erlebt das Publikum einen jungen, dynamischen Thomas Andrews. Spätestens bei der „Schuldfrage“ steht er seinen Kollegen Daniel Wernecke und Tobias Hieronimi in nichts nach. Seine Verzweiflung am Ende, als er erkennt, dass er einen Rechenfehler in der Konstruktionszeichnung übersehen hat, ist äußerst authentisch. 

Als William McMaster Murdoch ist Guido Kleineidam zu erleben. Sein gewissenhaftes Schauspiel macht Freude. Seine pure Verzweiflung nach dem Unglück als er das Kommando hatte, spielt Kleineidam wie kaum ein anderer. 

Daniel Wernecke überzeugt als fast schon skrupelloser Bruce Ismay, der es auf der Jungernfahrt am liebsten schneller, höher, weiter hätte und am Ende sprichwörtlich seinen Hintern rettet. Aber auch sein Tanzbein darf Wernecke kurzzeitig schwingen, wenn er als Teil der DaMicos auf dem Deck der 1. Klasse auftritt.

© Tim Müller

Die drei Kates Neele Kramer (Kate McGowen), Gabrielé Jocaité (Kate Mullin) und Natalie Patricia Friedrich (Kate Murphey) sind zauberhaft und zeichnen ein starkes „In Amerika“. Neele Kramer konnte schließlich im zweiten Akt mit „Wir sehen uns wieder“ abermals auf sich aufmerksam machen.

Fazit

TITANIC ist nicht nur ein Orchester-Musical, wie es das Theater für Niedersachsen ankündigt, sondern auch eine Geschichte, die vom gesamten Ensemble getragen wird. Klare Haupt- und Nebenrollen gibt es hier genauso wenig, wie klare Antagonisten oder das eine große Liebespaar. Jede einzelne Geschichte in der großen macht den Zauber der Inszenierung aus.

Besetzung des Abends

  • Kapitän Smith: Tobias Hieronimi
  • 1. Offizier Murdoch: Guido Kleineidam
  • 2. Offizier Lightoller: Andrey Andreychik
  • 3. Offizier Pitman: Ömer Örgey
  • 4. Offizier Boxhall: Julian Rohde
  • Heizer Barrett: Jack Lukas
  • Funker Bride: Jonas Heinle
  • Ausguck Frederick Fleet: David Soto Zambrana
  • Steuermann Hitchens: Chun Ding
  • Thomas Andrews: Lorin Goltermann
  • Bruce Ismay: Daniel Wernecke
  • John Jacob & Madeleine Astor: Diogenes Randes Farias, Aline Réa
  • Leontine Paule Aubert: Elena Safin
  • Benjamin Guggenheim: Leilei Xi
  • Charlotte Wardle Cardeza: Xin Pan
  • Ida & Isidor Strauß: Silke Dubilier, Jesper Mikkelsen
  • John Borland & Marian Thayer: Daniel Chopov, Steffi Fischer
  • Edgar & Alice Beane: Julian Rohde, Marion Wulf
  • Charles Valntine & Ada Maria Clarke: Stephan Freiberger, Annemarie Purkert
  • Jim Farrell: Eddie Mofokeng
  • Kate Murphey: Natalie Patricia Friedrich
  • Kate Mullins: Gabrielé Jocaité
  • Kate McGowen: Neele Kramer
  • 1. Klasse Stuart Etches: Ömer Örgey
  • Henry Hartley: Jonas Heinle
  • Bassist Clarke: Eddie Mofokeng
  • Stewardessen & Pagen: Atusushi Okumura, Anne Andersen, Mitglieder des Kinderchores

 

Wir bedanken uns beim Theater für Niedersachsen für die Einladung!


Artikel von Anna-Virginia