Theater für Niedersachsen: Der geschenkte Gaul – Das Hildegard Knef Musical

„Von nun an ging´s bergab“

© Tim Müller

Premiere: 27. September 2025 – rezensierte Vorstellung: 15. April 2026 (Gastspiel Hameln)

Ging es wirklich bergab im Leben der Hildegard Knef? Dazu später mehr!

Wann erlebt man aber im Theater einen Abend, in Erinnerungen an eine große Persönlichkeit, an dessen Bühnenfassung der- oder diejenige selbst noch mitwirken konnte? Wir bisher nicht, aber das Theater für Niedersachsen hat es mit DER GESCHENKTE GAUL – Ein Musical über das Leben von Hildegard Knef geschafft. Ursprünglich 2003 uraufgeführt in Wilhelmshaven hat die Musical Company aus Hildesheim dieses Juwel anlässlich des 100. Geburtstages der Knef wieder auf die Bühne geholt.

Wie sich die Sehgewohnheiten von Musicals in den letzten Jahren verändert haben, zeigt diese Inszenierung bereits im Intro. Die Band beginnt unter der Leitung von Andreas Unsicker einen Mix aus bekannten Knef Songs zu spielen und auf der Bühne passiert nichts. Das Publikum kann in die musikalische Welt der Hildegard Knef eintauchen, während der Vorhang noch geschlossen ist. Irgendwann öffnet er sich und der erste Blick fällt ins stimmungsvolle Bühnenbild, sowie zur Hilde aka Silke Dubilier, die an ihrem Schminktisch sitzt. 

„Von nun an gings bergab“ ist der erste Song der die nun folgende Zeitreise eröffnet und das Leben Knefs in aller Kürze zusammenfasst. Rückblickend betrachtet hatte Hildegard Knef viel Glück in ihrem Leben, aber auch viele Talfahrten. Seien sie privater Natur oder beruflich. Ihr Zitat „dass es gut war, wie es war, das weiß man hinterher, dass es schlecht ist, wie es ist, das weiß man gleich“ unterstreicht diese Achterbahnfahrt des Lebens. Seien es die privaten Enttäuschungen oder Freud und Leid die Hauptrolle in einer Longrun-Produktion am Broadway zu spielen.

© Tim Müller

Jörg Gade hat eine stimmungsvolle Inszenierung geschaffen, die mit einem Clou aufwartet. Da das Musical insgesamt rund 50 Jahre des Bühnenstars umfasst, greift er zu einer Idee, wie wir z.B. schon von ELISABETH kennen. So verkörpert Natalie Patricia Friedrich die junge Hilde und Silke Dubilier zeigt sich als Grand Dame. So wird vor allem im ersten Akt das Geschehen in einer Rückblende präsentiert.

Dabei bleibt Silke Dubilier in vielen Szenen als beobachtende ältere Hilde auf der Bühne oder schlüpft in andere Rollen. Teilweise verschmelzen die Erzählstränge aber auch und die beiden Hildes gehen hin und wieder in ein gemeinsames Gespräch. 

Nachdem wir Natalie Patricia Friedrich zwei mal auf der Titanic erleben durften (Osnabrück & Hildesheim) verzaubert sie uns nun mit ihrer Interpretation der Hilde. Ihr feines und starkes Spiel erzeugt bereits Gänsehaut, aber auch ihr Gesang schließt sich daran an. Besonders gefühlvoll und herzzerreißend ihre Interpretation von „Großvater hat sich umgebracht“.

Die gemeinsamen Lieder mit Silke Dubilier harmonieren auf Augenhöhe. Besonders das finale Lied „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ lässt einen sprachlos zurück. So viel Gefühl und Stärke erzeugten einen magischen Theatermoment.

© Tim Müller

Silke Dubilier begeistert als charmante „Erzähl-Hilde“ und zeigt dabei die starken und schwachen Momente im Leben der Knef auf eindrucksvolle Art und Weise. Zudem schlüpft sie in kleinere Rollen wie die Diedrich, eine Nutte oder eine Schauspielerin und zeigt dabei wunderbare Akzente in der Gegensätzlichkeit zur Hilde. 

Da DER GESCHENKTE GAUL eine starke weibliche Persönlichkeit ihrer Zeit präsentiert, werden die Herren sprichwörtlich in den Schatten gestellt. Guido Kleineidam, Ömer Örgey, Lorin Goltermann und Jonas Heinle schlüpfen in diverse Rollen mit schnellen Umzügen. Zu 99% des Abends leisten sie schauspielerische Höchstleistungen. Ob ernst, lustig oder als Liebhaber, bei der Wandelbarkeit wusste man manchmal gar nicht mehr, wer da gerade steht. Chapeau!

Einzig Lorin Goltermann hat das Glück das einzige männliche Solo „Love for Always“ im zweiten Akt präsentieren zu dürfen. Eine gefühlvolle Interpretation, die die Liebe zwischen Hilde und Paul gegen Ende des Musicals besonders in den Mittelpunkt stellt.

DER GESCHENKTE GAUL ist ein deutsches Musicaljuwel, welches viel zu selten in den Spielplänen zu finden ist. Ein kurzweiliger Abend der Zeitgeschichte, der mit zwei starken Frauen aufwarten kann. In Hildesheim ist das Musical noch am 01. Mai zu erleben. Danach folgen noch zwei letzte Gastspiele in Itzehoe und Langenhagen. Tickets gibt es über die entsprechenden Theaterseiten!

 

Cast & Crew

  • Musikalische Leitung: Andreas Unsicker
  • Regie: Jörg Gade
  • Bühne & Kostüme: Beata Kornatowska
  • Choreografie: Lisa Kolada
  • Dramaturgie: Julia Hoppe
  • Hilde (jung): Natalie Patricia Friedrich
  • Hilde (älter), 1. Nutte, 2. Schauspielerin, Marlene Dietrich: Silke Dubilier
  • Irre/ Frau von de Kowa/ 2. Nutte/ 1. Schauspielerin/ Agentin/ Reporterin: Lisa Kolada
  • Der Irre/ amerik. Offizier, Inspizient, Fotograf, Max, Regisseur, Herb, Reporter, Tonio: Ömer Örgey
  • Soldat, Irrer, franz. Offizier, Kurt, Reporter, UFA-Regisseur: Jonas Heinle
  • Irrer, Großvater, russischer Offizier, 1. Transvestit, PR Jack, D. Selznick, Martin, UFA-Produzent, Paul: Lorin Goltermann
  • Mischa von Demandowsky, Irrer, Stiefvater, Viktor de Kowa, 2. Transvestit, Casting Agent, rassistischer Partygast, Produzent Feuer, Reporter: Guido Kleineidam

Wir bedanken uns beim Theater für Niedersachsen für die Einladung!


Artikel von Anna-Virginia