Theater Dortmund: Alle reden nur noch von Jamie 2026

Würdige Deutschlandpremiere

Das Foto zeigt die alternierende Pritti, sie spielte nicht die Premiere (c) Björn Hickmann

Ein partizipatives Projekt der jungen Oper Dortmund in Kooperation mit dem Märkischen Gymnasium Iserlohn (MGI) im Rahmen von We DO Opera! Mit Opern Youngsters, Schüler*innen und Gästen sowie den YoungSymphonics (Band)

Besuchte Vorstellung: 17. Juni 2026 (Premiere)

Was soll man sagen, wenn eine Vorstellung von Youngstern, Gymnasiast*innen, quasi semiprofessionell, „mal eben“ für fünf Termine nichts Geringeres als die deutsche Erstaufführung eines gefeierten Westend Musicals auf die Bühne eines der renommiertesten Opernhäuser in NRW bringt? Ganz einfach: WOW!

Da sprühen 24 Ensemblemitglieder vor Energie und verleihen großen Szenen in schwarz-weißen, konformen aber doch individuell gestalteten Schuluniformen oder schillernder Ball-Garderobe Dynamik und Esprit in mitreißenden, kreativen Choreografien. Es treten mit großer, völlig selbstverständlicher Geste 5 „Professionelle“ – Drag Queens – auf und geben der wahren Geschichte um den 16-jährigen Jamie New Authentizität und noch mehr Glanz. Chris Harms (Sandra Bollock), Matthias Dörmann (Tray Sophisticay), Daniel Wienke (Laika Virgin), Marcin Drozdz (Zarah Rottato) und Lennart Paschek (Lydia Longbottom) sind wahrlich außerordentliche Erscheinungen, die zudem mit Harmoniegesang und schauspielerischem Können brillieren.

Ebenfalls erfahrene Darsteller*innen füllen die Rollen der Erwachsenen. Dabei löst Martin Lasche als Jamies Dad wirklich Wut und teilweise Entsetzen im Publikum aus, wenn er Jamies Träume nicht nur klein redet, sondern ihn als Sohn harsch abweist. Buh-Rufe beim Schlussapplaus sprechen für sich (bzw. für ihn). Marja Hennicke rührt dagegen zu Tränen, wenn sie mit ausdrucksstarker Stimme und ehrlicher Emotion über ihre durchaus schwierige Beziehung zu ihrem Sohn singt und immer wieder den als Vater auf ganzer Linie versagenden Erzeuger in Schutz nimmt, indem sie Geburtstagswünsche oder Geschenke von ihm vortäuscht. 

Die jungen Darsteller*innen der Opern Youngsters brillieren mit Spielfreude und Bühnenpräsenz in ihren jeweiligen Rollen – sehr witzig Freddie Kutz als Familienfreundin Ray mit starker Stimme. Zunächst ätzend und fies, später selbst reflektierend spielt Jacob Ambrosius Jamies Erzfeind Dean Paxton. Überzeugend, unnahbar, streng und doch für die Zukunft ihrer Schüler*innen eigentlich nur das Beste wollend, tritt Cecilia Siebers als Miss Hedge auf. Sie singt und spielt ihre Parts überaus stark. Kammersänger Hannes Brock überzeugt ebenfalls auf ganzer Linie – sowohl als alternder Ladeninhaber Hugo, der Jamie in seiner Selbstfindung als Drag Queen unterstützt, wie auch bei einem letzten großen Auftritt als die berühmte Drag Queen Loco Chanel, die er mit Glamour und großer Eleganz zum Leben erweckt. 

Als nichts weniger als herausragend ist das Schauspiel und vor allem der Gesang der jungen, blinden Künstlerin Lilly Sophie Kastner zu bezeichnen. Als Pritti ist sie die beste Freundin von Jamie, selbst zwischen familiären Ansprüchen und eigenen Ambitionen eingespannt, sorgt sie mit ihrer einfühlsamen Spielart und Stimme für mehrere Showstopper mit langanhaltendem Applaus.

Und dann: Dominik Kulczynski als Jamie! 

(c) Björn Hickmann

Zwischen schüchternem Jugendlichen, der in seiner Klasse eher ein Außenseiter ist, dem Sohn, der seine alleinerziehende Mutter sehr liebt, dennoch auch immer wieder vergeblich die Gunst seines Vaters zu erlangen sucht, bewegt sich sein Spiel. Überzeugend träumt er sich in die Rolle „seiner“ zukünftigen Drag Queen, öffnet sich Pritti gegenüber und erfindet schließlich mit Hugos Unterstützung sich selbst als Mimi Me. Dominik trägt die anspruchsvolle Rolle mit scheinbarer Leichtigkeit, dezentem Charme, überzeugender Willenskraft, verunsicherten Zukunftsängsten sowie mit Grazie auf hohen Plateau-Heels und strahlt insbesondere in der Schluss-Szene authentische Glückseligkeit und die Sicherheit aus, sich endlich selbst gefunden zu haben. Ein großes Talent mit sympathischer Wirkung auf der Bühne. So interpretiert er auch seine Songs sowohl als Ensemble-Lead, in Duetten oder rein solistisch immer mit dem angemessenen Spannungsbogen, Zerbrechlichkeit und Stimmkraft und nimmt das Publikum sofort für sich ein.

Das Stück zeigt insgesamt vielleicht das Beste aus Dear Evan Hansen, Kinky Boots und The Prom und erzählt doch eine wahre Geschichte. Wer die Aufführungen in Dortmund verpasst hat, kann die Faszination um Jamie New mit mitreißender und anrührender Musik inklusive mehrerer garantierter Ohrwürmer in der Verfilmung „Everybody’s talking about Jamie“ auf einem bekannten Streaming Dienst genießen. 

Apropos Musik: die Band der durchgehend im Bühnenhintergrund präsenten YoungSymphonics unter der Leitung von Carlos Vasquez spielt die Partituren kraftvoll und beschwingt. Sie nehmen die größtenteils jungen Sängerinnen und Sänger im Vordergrund sehr gut mit. Einzig der Ton ist mindestens im ersten Akt stellenweise anstrengend, da Zischlaute sehr präsent zu hören sind und Stimmen schrill wirken lassen. Man gewöhnt sich daran und es ist für die wenigen – man möchte auch aufgrund des cleveren, mit wirkungsvollem Licht und sehr ansprechenden, kreativen Projektionen sowie physischen Elementen die große Bühne stets optimal füllenden Designs sagen „viel zu wenigen!“ – Aufführungen absolut verständlich, dass nicht alles optimal ist. 

Die Übersetzung der Sprech-, als auch der Songtexte ist überraschend gut gelungen, Wortwitz funktioniert genauso wie die großen Gefühle, ohne dass man über holprige Formulierungen stolpert. Das ist ja nicht immer der Fall und somit die Macher Werner Sobotka und Niklas Dodo umso erwähnenswerter.

Bei aller professionellen Ausstattung und Umsetzung bleibt immer der Charme einer „Schulaufführung“, passend zum Inhalt, zu spüren. Hier im allerbesten Sinne und absolut aufwertend gemeint! Es sind fantastische Talente auf, hinter und neben der Bühne zusammengekommen und diese wurden zu Recht nach mehreren (nicht vorhandenen) Vorhängen, stehenden Ovationen sowie lautstarken Beifallsbekundungen im ausverkauften Saal alle namentlich genannt. So wertschätzend, inklusiv, bunt, spartenübergreifend, optimistisch und lebensbejahend wünscht man sich Live-Theater!  

(c) Björn Hickmann

Und hier schließt sich der Kreis: Ganz einfach WOW! 

Es bleibt zu hoffen, dass das Stück, welches sich hervorragend zum Long Run eignen würde, nicht vollends wieder verschwindet, sondern möglichst bald seinen Platz auf deutschen  Bühnen findet – „Raus aus dem Dunkel“ (dort, wo es dazugehört…) Ohrwurm? Ja. Danke, Dortmund!

Weitere Vorstellungen bis zum 27. Juni 2026 (alle nahezu ausverkauft), zudem eine Vorstellung mit Audiodeskription (inklusives Angebot für blinde bzw. sehbehinderte Menschen).

Team:

  • Idee: Jonathan Butterell
  • Musik von Dan Gillespie Sells, Buch und Gesangstexte von Tom Macrae
  • Carlos Vasquez – Musical. Leitung
  • Alexander Becker – Inszenierung
  • Annika Haller,  Leila Ibrahim (Assistenz) – Bühne
  • Nina Albrecht-Paffendorf, Ari Mololkina (Assistenz) – Kostüme
  • Jutta Maas, Thomas Kolczewski – Choreografie
  • Florian Franzen – Ton
  • Gertfried Lammersdorf – Licht
  • Dustin Krüger – Video
  • Dany Handschuh – Dramaturgie
  • Kristina Senne – Projektleitung
  • Jonas Treepe, Dominik Kastl – Regieassistenz
  • Stefan Klute, Thorsten Menne, Maria Schepers – Lehrkräfte und Chorleitung MGI

Artikel von Corinna