Theater am Spittelberg: Amanda – The Night Before Me
Von Wien nach London

Premiere & rezensierte Vorstellung: 09. Mai 2026
Mit Amanda – The Night Before Me wagt Drew Sarich etwas, das im deutschsprachigen Musicalbetrieb selten geworden ist: ein kleines, persönliches, kompromisslos emotionales Musiktheaterstück ohne große Showeffekte – und gerade deshalb mit enormer Wirkung. Geschrieben von Rory Six und unter der Regie von Jerôme Knols erweist sich dieses Ein-Personen-Musical als ein Diamant. Six hat sein Stück „Ein wenig Farbe“ überarbeitet und gemeinsam mit Charles Hart ins englische übersetzt, um es nun auch nach London zu bringen.
Schon beim Betreten des Zuschauerraums wird klar, dass hier keine klassische Musicalrevue wartet. Die Bühne ist reduziert, fast verletzlich offen. Alles konzentriert sich auf eine einzige Figur: Amanda, eine Transfrau in der Nacht vor einem entscheidenden Schritt ihres Lebens. Doch Sarich spielt nicht nur Amanda. Er verkörpert gleichzeitig Eltern, Erinnerungen, innere Stimmen, Ängste und Fragmente der Vergangenheit. Dass ein einzelner Darsteller vierzehn Rollen übernimmt, klingt zunächst wie ein Kunststück – im Verlauf des Abends wird daraus jedoch eine psychologische Reise.

Sarichs größte Stärke liegt dabei nicht in äußerer Verwandlung, sondern in emotionaler Präzision. Er spielt Amanda nie als Karikatur oder „Rolle“, sondern als Menschen zwischen Sehnsucht, Scham, Hoffnung und Erschöpfung. Besonders beeindruckend sind die stillen Momente: ein stockender Atemzug, ein gebrochener Blick ins Publikum, kurze Sekunden völliger Unsicherheit. Gerade dort entsteht die eigentliche Kraft des Abends.
Gesanglich bewegt sich Sarich auf gewohnt hohem Niveau, anders, als man es aus großen Produktionen wie „Tanz der Vampire“ oder auch „Jesus Christ Superstar“ kennt. Hier geht es weniger um vokale Virtuosität als um Intimität. Manche Songs wirken beinahe wie innere Monologe. Die Stimme darf brüchig werden, leise, manchmal fast gesprochen. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Nähe zum Publikum.
Musikalisch verbindet das Stück modernes Kammermusical mit Singer-Songwriter-Elementen. Die Kompositionen bleiben melodisch zugänglich, vermeiden aber bewusst den großen Broadway-Pathos. Nicht jede Nummer bleibt sofort im Ohr – doch fast jede transportiert Stimmung und Charakterentwicklung. Genau darin liegt die Qualität der Musik: Sie dient der Geschichte statt dem Effekt.
Thematisch behandelt Amanda Identität, Geschlechterrollen und Selbstannahme, ohne jemals didaktisch zu wirken. Das Stück erzählt keine politische Debatte, sondern eine persönliche Erfahrung. Dadurch erreicht es auch Zuschauerinnen und Zuschauer, die sonst wenig Berührung mit dem Thema Transidentität haben. Die Produktion vertraut darauf, dass Empathie stärker wirkt als Botschaften – und das funktioniert erstaunlich gut.

Dieser Abend verlangt dem Publikum hohe Konzentration ab. Wer klassisches Musical mit spektakulären Bühnenbild erwartet, könnte sich sehr schwer tun. Doch gerade die Konzentration auf Sprache, Musik und Präsenz macht den Abend besonders.
Vor allem zeigt Amanda – The Night Before Me, warum Drew Sarich seit Jahren zu den faszinierendsten Darstellern im deutschsprachigen Musiktheater gehört. Er besitzt die seltene Fähigkeit, technische Perfektion zugunsten emotionaler Wahrheit zurückzustellen. Das Ergebnis ist kein gefälliger Wohlfühlabend, sondern intensives, manchmal unbequemes Theater – verletzlich, mutig und lange nachwirkend.
Fazit:
Amanda – The Night Before Me ist kein großes Spektakel, sondern ein intimes Charakterstück. Gerade deshalb entfaltet es enorme Wirkung. Drew Sarich trägt den Abend nahezu allein – und beweist dabei eindrucksvoll, wie kraftvoll Musical sein kann, wenn es ganz auf Menschlichkeit setzt.
Geschrieben von Rory Six, englische Version von Charles Hart, Bühnenbild von Timo Verse.
Im Theater am Spittelberg noch zu sehen an folgenden Tagen: 11., 12., 16., 22., 24. (Doppelshow), 25., 26. und 31. Mai 2026. Tickets unter www.amanda-musical.com.
Aufführung des Stückes auch in London:
The Bridge House Theatre ab 22.09.2026 bis 10.10.2026, Karten sind bereits im Verkauf.
Hier wird die Rolle von Divino de Campo gespielt.
AMANDA bei YouTube
Artikel von Marion