Staatsoper Hannover – Anything Goes 2025/2026
Alles ist möglich oder nicht?

Premiere & rezensierte Vorstellung: 28. November 2025
Gibt es Parameter, die einem sagen, was ein gutes Musical ausmacht? Nein, die gibt es (leider) nicht und das ist auch gut so. Am Ende sind Geschmäcker, ob einem etwas gefällt oder nicht, immer verschieden. Die Premiere von ANYTHING GOES zog an uns vorbei, teilweise mit Fragezeichen, teilweise mit wippenden Füßen, teilweise mit starken Momenten und am Ende mit der Frage an die deutschen Theater „Wann spielt ihr endlich Musicals made in Germany?“ und vor allem, wenn man als Kulturstätte bereits bewiesen hat, dass man sogar eine Uraufführung erfolgreich auf die Bühne bringen kann (wir berichteten: Kasimir & Karoline 2023/24).
Da kann am Ende auch eine großartige Cast nicht gegen den persönlichen Geschmack, was die Inszenierung und die Stückauswahl angeht, ansingen und tanzen. An anderer Stelle wäre ich jetzt aus dem Schwärmen nicht mehr herausgekommen, so trüben einige Punkte den Gesamteindruck.
ANYTHING GOES von Cole Porter, neben KISS ME, KATE das erfolgreichste Musical aus Porters Feder. Uraufgeführt 1934, entwickelte sich ANYTHING GOES zu einem Musical mit der viertlängsten Spieldauer in den 1930er Jahren in New York. Ursprünglich entstanden ist ANYTHING GOES in der Zeit zwischen zwei großen Kriegen und der Wirtschaftskrise der USA. Das Stück sollte das US-amerikanische Volk ablenken. Somit bleibt es ein Stück mit Aktualitätsbezug, denn das heutige Publikum sehnt sich ebenso nach Ablenkung zwischen Inflation, Kriegen in der Welt und sich neuformierenden Gruppen im eigenen Land. Als Musicalkomödie bekannt wird in Hannover die Neufassung (2022) von Timothy Crouse und John Weidman, in einer Übersetzung von Niklas Wagner und Roman Hinze gespielt. Trotz frischer Überarbeitung zünden die Gags aber nicht beim gesamten Publikum und manches Mal hört man es neben sich „Das haben sie jetzt nicht gesagt?“ murmeln und denkt dieses selbst ebenfalls.

Eine Handlung für ANYTHING GOES zusammenzufassen ist im ersten Zugriff mühselig. Die klassische Gangster- und Verwechslungskomödie mit Liebesbezug steht zwar im Fokus, aber man braucht doch seine Zeit, bis man die Figuren und Handlungen nachvollziehen kann. Viele Passagiere und nicht nur eine Verwechslung machen das Chaos perfekt. Der Hauptschwindler ist Billy (Christof Messner). Er ist unsterblich in Hope (Julia Sturzlbaum) verliebt, weshalb er sogar das Date mit seiner besten Freundin Reno (Bettina Mönch) vergisst. Hope soll den adeligen Engländer Lord Evelyn (Max Dollinger) des Geldes wegen heiraten. Lord Evelyn wiederum stellt auf der MS America fest, dass er sein südländliches Temperament viel zu selten auslebt und verliebt sich in Reno. Außerdem versteckt sich noch ein Gangster mit seiner Angebeteten auf dem Schiff und nicht zu vergessen Hopes Mutter mit ihrem Hund und Billys Chef, der auf gar keinen Fall sehen soll, dass Billy mit an Bord ist, anstatt die Geschäfte an der Wallstreet durchzuführen. Irgendwann hat man in den ganzen verzwickten Handlungen den Faden verloren und konzentriert sich nur noch auf eine.
Die Band der Staatsoper Hannover erweckte unter der Leitung von Piotr Jaworski die Partitur von Cole Porter zum Leben. Die Musik Porters im Stil der 1920er/30er Jahre machte die Choreografien geschmeidig tanzbar. Wer Charleston, Stepptanz und Tango mag, kommt hier auf seine Kosten. Die musikalischen Motive wiederholen sich und einen wirklichen Ohrwurm findet man nicht, denn die Musik plätschert wie die Kreuzfahrt vor sich hin.
Die Choreografien von Bart De Clercq (kürzlich erneut Gewinner des Deutschen Musicaltheater Preises) waren gewohnt auf den Punkt und passten zur Story. Ob große Steppnummer im Finale des 1. Aktes oder ein choreografisches Feuerwerk bei „Oh Gabriel“. Die tänzerische Leistung aller Beteiligten war ein Hingucker und Highlight des Abends!
Das Bühnen- und Kostümbild lag in den Händen von Timo Dentler und Okarina Peter. Der Opernsaal verwandelte sich in den Schiffsrumpf. Auf der Bühne war lediglich das Bug der MS America zu sehen. Ein Kreuzfahrtschiff, welches in die Jahre gekommen ist und dennoch von gutbetuchten Passagieren zur Überfahrt genutzt wird. Das Kostüm zeigte einen bunten Mix verschiedener Stile und Zeiten, sodass die Frage offen blieb, in welcher Zeit die Geschichte gerade spielt, wo doch das Schiff zumindest in die Jahre gekommen ist. Die Uniformen der Schiffscrew wirkten wie bunt zusammengewürfelt. Einzig die Kostüme von Reno Sweeney (Bettina Mönch) waren ein Hingucker und passten zu ihrem Handlungsfaden.
Die Idee, Darstellende mit klassischer und zeitgenössischer Ausbildung gemeinsam die Geschichte zum Leben erwecken zu lassen, ist an staatlichen Häusern nichts neues und sorgt beim Musicalpublikum hin und wieder für Bauchschmerzen. Ein Grund weshalb ein Großteil des Theaterpublikums im Bereich Musical die großen privaten Häuser ansteuert und gar nicht beim Theater um die Ecke in den Spielplan schaut. Es gibt Stücke, da passt diese Kombination wunderbar (u.a. TITANIC). Es gab auch Produktionen in der Vergangenheit, wo Darstellende des klassischen Fachs sogar ihre Stimme entsprechend umtrainiert haben, denn die Gesangstechniken von Oper und Musical sind Grund auf verschieden. So wurde das Textverständnis bei ANYTHING GOES in den großen Ensemblenummern immer wieder auf die Probe gestellt und man war über die Übertitel mehr als froh. Es kam folglich kaum ein richtiges Musicalfeeling auf, sondern eher der Gedanke an eine Operette oder Revue-Show.
Was wir an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchten, ist der besondere Clou der Inszenierung hinsichtlich des Textbuches. Alle Dialoge, welche teilweise deutlich zu lang sind und eine Überarbeitung ebenso gut vertragen hätten, sind auf deutsch. Die Gesangsnummern werden auf deutsch angesungen und wechseln dann ins englische Original. Dies bringt ein wenig Broadway nach Hannover.

Bettina Mönch ist die Allzweckwaffe des deutschsprachigen Musicals. Ob gut oder böse, naiv oder witzig. In ANYTHING GOES ist sie als Reno Sweeney eine der Hauptrollen, wenn nicht sogar DIE Hauptrolle. Es ist ihre Show! Das komödiantische Fach beherrscht sie genauso grandios, wie das böse. Sie tanzt Tango und Charleston, steppt wie ein Flummi durchs Finale im 1. Akt und singt stellenweise kopfüber im 2. Akt. Mit ihren beiden männlichen Spielpartnern Christof Messner und Max Dollinger harmoniert Mönch wunderbar. Es ist ein Feuerwerk ihrer Kunst! Zurecht erhielt Mönch am Ende des Abends den größten Applaus und stehende Ovationen.
Christof Messner ist der Verwandlungsprofi des Abends und zeigt eine andere Seite von sich. Ihm gelingt es, klassisches mit modernen zu kombinieren, dennoch kann er aufgrund des Buches nicht sein gesamtes Können unter Beweis stellen, was schade ist. Gemeinsam mit Bettina Mönch gibt er ein grandioses Duo ab, welches Pläne schmiedet, wie er doch noch mit Hope zusammenkommen kann. Auch das Spiel mit Julia Sturzlbaum ist vertraut und harmoniert. Ob es ein Happy End für die beiden gibt, verraten wir natürlich nicht.
Julia Sturzlbaum (seit dieser Spielzeit festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hannover) als naive Hope, die nicht zu ihrer großen Liebe stehen möchte, zeigt wie perfekt Musical und Oper sich ergänzen können und liefert damit ein gesangliches Highlight, wenn sie in ihrem Solo mit einem Mal in eine Arie wechselt und wieder zurück. Bravo für diese Meisterleistung! Ihr gemeinsames Spiel mit ihrer Mutter (Carmen Fuggis), sowie mit Billy und Lord Evelyn ist pointiert und lässt einen hin und wieder schmunzeln.
Als Partner in Crime an der Seite von Bettina Mönch und Julia Sturzlbaum erlebt Max Dollinger in der Rolle des Lord Evelyn fast schon eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Dollinger gehört zu den Nachwuchstalenten im Opernfach und fügte sich gekonnt in die Riege der Kolleg*innen des modernen Unterhaltungstheaters (neben einer Einspringer-Tätigkeit in „Anatevka“ ist dies erst seine zweite Musicalrolle) ein. So konnte Dollinger nicht nur gesanglich überzeugen, sondern auch tänzerisch.
Fazit
ANYTHING GOES ist in unseren Augen kein Musical für Anfänger und wenn man doch zu diesen gehört, dann sollte man unbedingt die Stückeinführung im Vorfeld im Laves-Foyer besuchen. Die hannoversche Inszenierung ist empfehlenswert für alle, die von Bettina Mönch ein Feuerwerk ihrer darstellenden Kunst erleben wollen, sowie die zahlreichen weiteren namenhaften Kolleg*innen. Somit empfehlen wir erstmals eine Inszenierung nur aufgrund des hervorragenden Ensembles, denn was ANYTHING GOES inhaltlich bietet, könnte getrost nach dem 1. Akt zu Ende sein. Nichtsdestotrotz hatten wir einen angenehmen Abend in der Staatsoper.
Cast & Crew
- Musikalische Leitung: Piotr Jaworski
- Inszenierung: Adriana Altaras
- Choreografie: Bart De Clercq
- Bühne und Kostüme: Timo Dentler / Okarina Peter
- Licht: Fabian Grohmann
- Chor: Lorenzo Da Rio
- Dramaturgie: Arno Lücker
- Xchange: Kirsten Corbett
- Reno Sweeney: Bettina Mönch
- Hope Harcourt: Julia Sturzlbaum
- Evangeline Harcourt, ihre Mutter: Carmen Fuggiss
- Lord Evelyn Oakleigh: Max Dollinger
- Elisha Whitney: Frank Schneiders
- Billy Crocker: Christof Messner
- Moonface Martin: Dirk Schäfer
- Erma: Amani Robinson
- Spit: Ingolf Kumbrink / Tadeusz Slowiak
- Dippy: Valentin Kostov / Martin Kreilkamp
- Kapitän: Yannick Spanier
- Chefsteward: Juri Menke
- Matrosenquartett, u.a. Gregory Antemes / James Cook / Stephen Dole / Richard Patrocinio / Nils Axelsson / Johannes Summer
- Renos Showgirls: Faye Bollheimer / Fides Groot Landeweer / Joana Henrique-Jakobs / Susie Porter / Janina Moser
- Fred, ein Barkeeper: Marek Durka / Thomas Kubitza
- Henry T.Dobson, ein Pastor: Uğur Okay / Henri Tikkanen
Zieht das Leben dich so richtig runter
Und du denkst dir, die Welt geht gleich unter
Dann mach´s wie die Meise und sing:
Piep, piep, tra-la-la-la-la-la!
Wir bedanken uns bei der Staatsoper Hannover für die Einladung!
Artikel von Anna-Virginia