Schmidtchen Theater 2025/26 – Operette für 2 schwule Tenöre

Photo: Morris Mac Matzen für TIVOLI

Uraufführung: 2021 in Berlin – besuchte Vorstellung in Hamburg: 23. Dezember 2025

MUSIK VON FLORIAN LUDWIG, BUCH & TEXTE VON JOHANNES KRAM, CHOREOGRAFIEN VON MICHAEL HELLER

Es war mein erster Besuch im Schmidtchen, dem kleinsten der Schmidt-Tivoli-Häuser auf der Hamburger Reeperbahn – man befindet sich hinter dem kleinen Foyer direkt im Saal, der bis zu 200 Gäste aufnehmen kann. Mein seitlicher Sitzplatz war erhöht, der Stuhl ließ sich passend platzieren, sodass meist eine sehr gute Sicht gegeben war. Die Bestuhlung im „Parkett“ gruppiert sich um kleine Tische herum, im hinteren Teil des Saales steigen noch einige Reihen an. So ist für jeden „Sitzgeschmack“ eine Möglichkeit dabei. An der Bar im Raum kann man sich mit Getränken und kleinen Snacks zum Naschen versorgen.

Eine Besetzungsliste suchte ich an diesem Abend vergebens und von den wenigen Mitarbeitenden an Einlass, Theke oder Technik konnte erstaunlicherweise niemand Auskunft geben. Somit wurden die aktuellen Darsteller mithilfe ebenfalls interessierter Gäste geradezu investigativ ermittelt. Eigentlich eine nette kommunikative Variante, bei solch einem kleinen Haus und den wenigen Aktiven aber doch erstaunlich. Dies, zumal Alex Irrgang nach dem Schlussapplaus noch erfreut erwähnte, dass das Stück seit Anfang Dezember nahezu ausverkauft in diesem Haus gespielt worden war. Nach Heiligabend sollten noch 4 Spieltage bis zum 28.12.2025 folgen.

Nun aber endlich zum Stück: Als „Wiedergeburt der Berliner Operette der 1920er Jahre“ beschrieben, hält die Geschichte des schwulen Paares Jan und Tobi mindestens in Bezug auf Musik (eingespieltes Orchester vom Band) und Texte, was sie verspricht. Schwungvoll im Walzer- oder Polka-Takt, Chanson artig, derbe, ironisch, emotional und sehr lustig werden Lebenssituationen und Stationen vom Kennenlernen und Zusammenziehen über erst verdrängte, dann entscheidende Beziehungsprobleme bis zum Sich-Trennen und (Wieder-)Finden orchestral, besungen und tänzerisch voller Energie und Spielfreude anschaulich beschrieben. Endlich hat so auch der schwedische Möbelausstatter mit den gelben Tüten nicht nur einen eigenen Bühnensong, sondern legt mit dem Wunsch nach einem „Sofa mit Namen“ auch den musikalischen Weg des Stückes vor.

Photo: Morris Mac Matzen für TIVOLI

Die im besten Sinne schlagertauglichen Lieder „Ich steh total auf Jens Riewa“, „Champagner von Aldi“ und alle anderen würde ich gern auf einem Album hören, denn sie machen gute Laune und man geht mindestens mit dem Ohrwurm „Liebe Grüße aus Berlin“ beschwingt nach Hause.

Die Handlung lässt Grafiker Tobi aus Berlin und den Krankenpfleger Jan in sich mit den Liedern abwechselnden Spielszenen über ihr Kennenlernen auf dem dörflichen Schützenfest, das eigene Häuschen mit Garten, Obstbäumen und eigener Konfitüre, die einerseits freundlich fürsorglichen, andererseits beobachtend besorgten Nachbarn und letztlich über ihren eigenen Lebensentwurf sinnieren. Schnell bemerkt man, dass beide zwar über Dasselbe, aber doch aus unterschiedlichen Perspektiven sprechen, sodass intelligent ineinander verzahnte Dialogszenen letztlich zur Trennung der Beziehung führen. Tobi bleibt sentimental träumerisch im idyllischen Dorfleben, während Jan sich rebellisch in der Großstadt Berlin auslebt…

Die Darsteller harmonisieren gesanglich und tänzerisch sehr gut miteinander. Auf der kleinen Bühnenfläche gelingen die dekorativen Umbauten von puzzleartig unterschiedlich zusammen gestellten Würfeln, die mal die Pride Flagge, einen stilisierten Sternenhimmel oder die progressive Schwulenszene in Berlin abbilden, fließend. Finden minimalistische, aber effektive Kostümwechsel im ersten Akt noch links oder rechts auf Stühlen an der Bühnenseite statt, wird diese Inszenierungsidee im zweiten Akt nicht mehr aufgegriffen. Und leider singt Torben Rose als Tobi ein sehr emotionales Solo an der äußersten Bühnenseite, sodass er währenddessen vom entsprechend seitlichen Publikum durch eine Säule verdeckt nicht gesehen werden kann.

Trotz der immer wieder auflockernden Musik ist es insgesamt kein ganz leichter Theaterabend, da Themen der schwulen Kindheit und Jugend nicht ausgespart werden und das Publikum sich sehr direkt und lebensnah selbst angesprochen fühlen kann: Man/Mann kennt beschriebene Lebenssituationen entweder aus eigener, direkter Erfahrung, mindestens aber aus der rückschauenden Beobachtung. In meiner besuchten Vorstellung sind drei Gäste bereits zur Pause gegangen.

Etwas kritisch erwähne ich, dass eine weniger beliebig wirkende Lichtregie sowie der Einsatz der Nebelmaschine, die Spiel- und Tanzszenen deutlich besser hätte unterstützen können. Optimierte Mischung des Sounds hätte die klugen und witzigen Texte im an sich sehr harmonischen, sauberen und energetischen Ensemblegesang nach doch längerer Spielzeit in diesem kleinen Haus eventuell auch auf den seitlichen Plätzen durchgehend verständlich gemacht.

Photo: Morris Mac Matzen für TIVOLI

Im Fazit stellt sich die „Operette für zwei schwule Tenöre“ als ein Stück mit perfekter Mischung aus Ernsthaftigkeit und wichtigen persönlichen – nicht ganz ausschließlich queeren – Themen, aber vor allem sehr viel Lebensfreude dar. Die Leichtigkeit des Seins gepaart mit Tiefgang, einiger Melancholie, vielleicht sogar Bedauern über verpasste Gelegenheiten, entlässt mich mit mindestens einem beschwingten Ohrwurm und der Erkenntnis, dass diese als Kammerspiel angelegte Operette einen absolut berechtigten Platz in der zeitgemäßen Theaterlandschaft hat. Wünschenswert, wenn sie zukünftig an passenden, klein-intimen Spielstätten wieder aufgenommen werden würde.

Besetzung am Abend
  • Alexander (Alex) Irrgang – Jan
  • Torben Rose – Tobi
  • Steffen Gerstle – Company
  • Tim Grimme – Company
  • Martin Ruppel – Company

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Musicaltheaterpreis 2022 in der Kategorie:

  • Beste Liedtexte
  • Bestes Buch (Nominierung)

Artikel von Corinna

Hinweis: Die Produktionsfotos sind von der Spielzeit 2023 und zeigen nicht die aktuelle Besetzung!