Oldenburgisches Staatstheater: Next to normal 2025/2026

© Stephan Walzl

Premiere: 23. Januar 2026 – rezensierte Vorstellung: 21. Februar 2026

In einer grandiosen Inszenierung des Erfolgsmusicals »Next to Normal« hat das Oldenburgische Staatstheater einer gesellschaftlich enorm wichtigen Thematik Aufmerksamkeit verschafft. Es ist die Geschichte einer Familie, die auf den ersten Blick »fast normal« wirkt. So, wie die meisten nach außen hin wirken, oder? Im Alltag bekommen wir selten Einblicke in das, was sich hinter einer Fassade abspielt. Darunter ist keineswegs lediglich die Hausfassade oder eine Wohnungstür als Grenze zwischen öffentlichem Raum und Privatleben gemeint. Zumeist sind wir im alltäglichen Miteinander nicht imstande, hinter die oft hochfunktionalen, lächelnden Mauern unseres Gegenübers zu blicken.

Und das ist völlig okay! Wer zeigt schon gern jedem x-beliebigen Passanten in der Fußgängerzone, welche Kämpfe er innerlich ausficht? Welche Zweifel, Ängste und Sorgen ihn umtreiben. Unser inneres System ist stets darauf bedacht, zu überleben bzw. in Sicherheit zu sein. Aus diesem Grund zählen die Sicherheitsbedürfnisse auch zu den am stärksten ausgeprägten Grundbedürfnissen.

Wenn wir beispielsweise an gefährliche Raubtiere denken, wird deutlich, wie lebensgefährlich Anzeichen von Schwäche sein können: Geschwächte Beute ist ein leichtes Opfer. Im Alltag neigen wir jedoch häufig dazu, aus den Augen zu verlieren dass die eigene Maske sich nicht zur neuen Identität entwickeln darf. Es ist wichtig, sich selbst nicht zu verlieren und einen Ort zu finden, an dem all unsere Anteile – die starken ebenso wie die schwachen und unsicheren – ihren Platz haben.

Was hat all das mit dem Stück zu tun?

© Stephan Walzl

Wir lernen die Familie Goodman kennen, die auf den ersten Blick „fast normal“ wirkt. Doch hinter der Fassade führt jedes Familienmitglied seine ganz persönlichen Kämpfe. Diana Goodman, deren Leben von einem schweren Schicksalsschlag überschattet wurde, lebt mit einer bipolaren Störung und konnte bisher nicht damit abschließen. Das stellt nicht nur sie, sondern das gesamte Familiensystem regelmäßig vor Herausforderungen. Positiv anzumerken ist hier, wie solidarisch ihre Familie stets hinter ihr steht. Insbesondere ihr Ehemann Dan ist stets bemüht, ihr Halt und Zuspruch zu bieten bzw. sie bei all ihren Therapiemaßnahmen zu unterstützen. Doch irgendwann sind alle Familienmitglieder überlastet und die Fassade bekommt erste Risse. Es entfaltet sich eine ergreifende Geschichte über die Kraft der Liebe, den unbändigen Schmerz eines Verlusts und einen schier unermüdlichen Wunsch nach „Normalität“ – irgendwo zwischen Psychopharmaka, therapeutischen Sitzungen und quälenden, scheinbar nie endenden Erinnerungen.

Das Stück eröffnet dem Publikum intime Einblicke in das familiäre Leben und bringt sensible Themen in einer authentischen und zu keinem Zeitpunkt romantisierenden Art und Weise näher. »Next to Normal« basiert auf dem Buch und den Songtexten von Brian Yorkey. Die Musik stammt von Tom Kitt. Die deutsche Übersetzung verdanken wir Titus Hoffmann, dem wir an dieser Stelle unbedingt einen besonderen Dank aussprechen möchten. Die Übersetzungen sind durchweg großartig: die Songs klingen melodisch, ohne dabei an Tiefe zu verlieren – bei einer solch schwierigen Thematik wichtiger denn je.

Bühnenbild, Kostüme, Regie, Band

Das schlichte, beinahe sterile Bühnenbild fügt sich stimmig in den Gesamtkontext ein. Zwar wirkt der einfache weiße Grundriss des Hauses der Familie Goodman zunächst unspektakulär, genauer betrachtet offenbaren sich dann aber zahlreiche kleine Details und Besonderheiten. Zeitweise erweckt das Haus den Eindruck, eine Art Labyrinth des Lebens zu symbolisieren. Darüber hinaus wird diese Fläche während der Aufführung regelmäßig als Projektionsfläche für Live-Videos genutzt. In der Mitte der Bühne befindet sich ein langer Steg, der je nach Szene individuell genutzt wird.

Was von manchen Plätzen aus sicherlich einen spektakulären Eindruck gewährt, sorgt von den Sitzplätzen rechts und links des Stegs allerdings zeitweise für eine eingeschränkte Sicht. Die Live-Projektionen lösen Szenen, die auf der Bühne nicht klar zu sehen sind, zwar gut und kreativ, wirken auf den unebenen Flächen mit der Zeit aber recht unübersichtlich. Regisseurin Konstanze Kappenstein nutzte alle Ebenen, die das Haus zuließ, und schuf so eine grandiose Inszenierung. Die Dachterrasse wurde ebenso mit eingebunden wie der Orchestergraben – dort stand beispielsweise das Klavier ihrer Tochter Nathalie. Die hervorragende Live-Band, bestehend aus sechs Musikern, begeisterte vom ersten bis zum letzten Ton und lieferte eine erstklassige Performance.

Schlicht gehalten, unterstützen die Kostüme die Charakterentfaltung jedoch ungemein. Details, wie etwa, dass Diana zu Hause oftmals barfuß auftritt, erzielen eine enorme Wirkung. So zeigt sich wieder einmal: weniger ist oft mehr.

© Stephan Walzl

Eine Szene sticht durch ihre intensiven Stroboskop-Lichteffekte hervor. Die Effekte sind inhaltlich clever gesetzt und vermitteln einen Eindruck davon, wie intensiv, laut und „zu viel” Diana Goodmann diese Szene wahrnimmt. So können wir nachempfinden, wie überfordernd und erschlagend die Worte eines Psychiaters oder Therapeuten für Betroffene wirken können. Die Szene ist nur eine von vielen, in denen nicht auf Schönheit, sondern auf Authentizität und Wirksamkeit gesetzt wurde. Ein mutiger Schritt, der es verdient, positiv hervorgehoben zu werden.

Darsteller*innen

Anders als bei Produktionen, die ein großes Ensemble, Tanznummern und Kostümwechsel beinhalten, hängt der Erfolg dieses Stücks von jedem einzelnen auf der Bühne ab – alle müssen on point sein und die emotionalen Höhen und Tiefen glaubhaft rüberbringen. Dieses Kunststück ist allen Beteiligten des Abends eindrucksvoll gelungen: Chapeau!

Wenn der Zwischenapplaus nach einzelnen Songs ausbleibt, weil alle im Zuschauerraum emotional so gefangen sind, zeugt das von etwas ganz Großem. Plötzlich gibt es dann keine Trennung mehr zwischen »denen« auf der Bühne und »uns« im Publikum – dann sind wir vollständig mit den Figuren und der Handlung verbunden. Und nur dann können die stillen Momente, in denen man selbst die Tabletten aus dem Blister auf den Boden fallen hört, so stark wirken und nachhallen.

In ihrer Rolle als Diana Goodman ist Femke Soetenga die Frau des Abends. Sie verkörpert ihre Rolle mit einer Klarheit und Tiefe, die uns vollkommen in ihren Bann zog. Sie verzichtet auf überschwängliche Gesten – stattdessen drückt sie ihre tiefe Verzweiflung auf berührende Weise mit teils leeren Gesichtsausdrücken aus. Ihr Wandel durch ein Wechselbad aus Trauer und Wut trifft direkt ins Herz. Auch gesanglich meisterte sie alle Songs scheinbar mühelos und bildete mit Gerd Achilles eine harmonische musikalische Verbindung in den gemeinsamen Parts.

© Stephan Walzl

Gerd Achilles verkörpert in der Rolle des Ehemanns und Vaters Dan einen Charakter, der bestrebt ist, die Familie zusammenzuhalten. Nach Außen gibt er sich stets optimistisch und hoffnungsvoll. Doch tief in seinem Inneren überschreitet auch er seine Grenzen bis zur völligen Erschöpfung – eindrucksvoll beschrieben in dem Song „Wohin soll das führ’n?“. Er intoniert alle Lieder mit großartiger Präzision und transportiert die große Bandbreite an Emotionen mit beeindruckender Ausdruckskraft. Achilles zeigt einen liebevollen Ehemann, der sich in dem Familienkonstrukt nach und nach selbst vernachlässigt und zunehmend verzweifelt.

Anna Hirzberger übernimmt die Rolle der Tochter Nathalie. Eine äußerst herausfordernde Rolle, die sie mit beeindruckender Tiefe und differenzierter Charakterisierung auf die Bühne bringt. Auch am Klavier zeigt sie an diesem Abend große Klasse. Als Nathalie tritt sie verletzt auf. Zunächst agiert sie noch eher kontrolliert, verliert sich dann aber nach und nach in ihrem Schmerz, der schließlich in unerträgliche Wut umschlägt. Ihr Zusammenspiel mit Eike Onyambu als Henry wirkt harmonisch, ihr Spiel ist präzise aufeinander abgestimmt.

© Stephan Walzl

Michael Berres sorgt als Gabe immer wieder für bewegende Momente und emotionale Achterbahnfahrten. Um nicht zu viel vorwegzunehmen, werden wir an dieser Stelle nicht detailliert auf seinen Rollencharakter eingehen. Doch so viel sei gesagt: Er wirbelt mit beeindruckender Energie über die Bühne und fasziniert mit seinem Schauspiel.

Kammersänger Paul Brady ist in der Doppelrolle als Dr. Fine und Dr. Madden zu sehen. Er schwankt zwischen Wahnsinn und großer Fachkompetenz. Im Handlungsverlauf entwickelt er sich zu einem mitfühlenden Mann, dessen Erfahrungsschatz enorm ist. Gesanglich zeigt er durchweg starke Präsenz.

Eike Onyambu verkörpert Henry, der Nathalie mit eiserner Stärke zur Seite steht. Mit seiner aufrichtigen Art bringt er stabilisierende Elemente in das Familienkonstrukt hinein und zeigt auch gesanglich großes Können.

Fazit

„Next to Normal“ hinterlässt einen intensiven Nachhall. Das Stück bringt wichtige Themen auf die Bühne und bricht mit Tabus. Die wichtigste Botschaft des Abends könnte vielleicht folgendermaßen lauten: Nur weil eine Person eine psychische Erkrankung hat, ist sie nicht „verrückt“, sondern trägt oft traumatische Erlebnisse in sich, auf die jede Seele auf unterschiedliche Weise reagiert. Unverarbeitete Trauer, traumatische Erlebnisse… all das kann ein Leben nachhaltig prägen. So groß die Kraft der Liebe auch sein mag, kann sie manche Hürden doch nicht überwinden. Am Ende des Tages dürfen wir jedoch nicht den Mut verlieren, sondern sollten immer an ein Licht der Hoffnung glauben.

„Next to Normal“ ist noch bis zum 20. Juni im Oldenburgischen Staatstheater zu sehen. Tickets gibt es direkt beim Theater unter www.staatstheater.de.

Am 09. & 10. Oktober 2026 wird das Musical – ebenfalls mit Femke Soetenga in der Rolle der Diana – im Teo-Otto-Theater in Remscheid aufgeführt. Hinx+Kunst tritt hier erstmals als Produzent in Erscheinung. Regie wird Iris Limbarth führen. Weitere Termine im Gastspielbetrieb deutschlandweit sind in Planung! Tickets und Infos unter www.nexttonormal-musical.de.

Besetzung am 21. Februar

  • Diana: Femke Soetenga
  • Dan: Gerd Achilles
  • Gabe: Michael Berres
  • Nathalie: Anna Hirzberger
  • Henry: Eike Onyambu
  • Dr. Fine / Dr. Madden: KS Paul Brady
  • Musikalische Leitung: Jason Weaver
  • Geige / Keyboard II: Birgit Rabbels
  • Cello: Senja Konttori
  • Kontrabass / E-Bass: Boy Petersen
  • Gitarre / E-Gitarre: Matthias Maresch
  • Schlagzeug: Andreas Heuwagen
  • Regie: Konstanze Kappenstein
  • Bühne: Markus Meyer
  • Kostüme: Heather Rampone-Gulder
  • Licht: Philipp Sonnhoff
  • Live-Videodesign: Nadja Krüger
  • Live-Kamera-Operator: Richard Schlimper
  • Dramaturgie: Anna Neudert

 

Wir bedanken uns beim Oldenburgischen Staatstheater für die freundliche Einladung!


Artikel von Sandra