Musiktheater im Revier: Der kleine Horrorladen

„Gib’s ihnen nicht!“ – Grusical mit möglicher Message

© Corinna Strick

Wiederaufnahmepremiere: 29. Mai 2026

Die zweite Spielzeit des Musicals „Der kleine Horrorladen“ beginnt und verläuft ebenso wie 2025 – mit ausnahmslos ausverkauften Vorstellungen! Völlig zu Recht, denn das Musical aus der Feder von Howard Ashman und Alan Menken genügt im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier seinem Anspruch an einen unterhaltsamen Musicalabend völlig und die Wiederaufnahmepremiere wird entsprechend mit stehenden Ovationen gefeiert. 

Den ersten Eindruck beim Betreten des Saals bestimmt eine riesige Filmrolle, die die gesamte Bühnenbreite einnimmt und im Zusammenspiel mit den in derselben Optik designten Kleidern der drei Show Girls die Referenz zum ursprünglichen B-Movie „Little Shop of Horrors“ von 1960 herstellt. Bespielt wird sowohl die Fläche davor, z.B. wenn die Girls gleich zu Beginn ein Drehbuch entdecken und somit zunächst zu Erzählerinnen der Geschichte um den erfolglosen Blumenladen in der heruntergekommenen Skid Row werden. Der Laden von Mr. Mushnik zeigt sich im Inneren des Filmstreifens. Links und rechts davon entwickeln sich immer wieder Szenen in Form von Schattenspiel. Dies und das eher düster gehaltene Lichtdesign steht in wirkungsvollem Kontrast zu dem im Verlauf des Stückes immer farbiger und greller werdendem Geschehen im Laden.

Worum geht es?

© Corinna Strick

Im erwähnten Blumenladen von Mr. Mushnik (Klaus Brantzen) bleiben die Kunden aus. Somit haben seine Angestellten Audrey (Tamara Köhn) und Seymour (Nikko Forteza) wenig bis gar nichts zu tun – bis die schüchterne, angepasste Audrey den Vorschlag macht, dass Seymour seine kürzlich entdeckte exotische Pflanze ins Schaufenster stellt. Dies bringt die erhoffte Belebung und nach kurzer Zeit kann sich der Laden vor Kundenanfragen kaum noch retten. Der erkennbar heimlich in Audrey verschossene Seymour findet nach reichlich Experimenten endlich die optimale Versorgungsmöglichkeit der mäkeligen, alles andere als pflegeleichten Pflanze heraus: menschliches Blut! Nachdem er selbst sich sämtliche Finger zerstochen hat und quasi blutleer getrunken wurde, erwacht die inzwischen beeindruckend gewachsene, vormals putzige Topfpflanze zu einiger Aktivität und beginnt sogar zu sprechen. Nach dem ersten Schrecken verhandeln beide einen Plan, wie AUDREY II gesättigt werden kann. Hierzu bietet sich der selbstverliebte Zahnarzt Dr. Scivello an, der die ihm hörige Audrey ordentlich demütigt und körperlich züchtigt. Leider gelingt es Seymour nicht, den sadistischen Doktor zu erschießen.  Dessen Sucht nach Lachgas kommt ihm aber zu Hilfe, sodass der Arzt tatsächlich verfüttert werden kann. Audrey und Seymour finden zueinander und erträumen sich mithilfe des Gewinns aus dem Laden ein gemeinsames Glück in einem Häuschen im Grünen. AUDREY II bleibt allerdings unersättlich. Als nächstes Opfer der stetig wachsenden und immer perfider manipulierenden Pflanze steht der sich als geld- und erfolgsgieriger Narzisst entpuppende Mr. Mushnik, der Seymours Tat aufzudecken droht, auf der Speisekarte. Die Szenerie eskaliert immer mehr und Seymour will dem Ganzen ein Ende machen, als sogar Audrey angegriffen wird. Er scheitert aber auch hier an der Tötung der Pflanze und gibt dem letzten Wunsch der sterbenden Audrey nach – als einverleibtes Teil der Pflanze will sie Seymour retten und so ihren Traum vom kleinen Stückchen Grün erhalten. Inzwischen haben sich auch die Soul Girls von ihrer Rolle als Erzählerinnen, über Unterstützerinnen der gebeutelten Hauptpersonen auf die böse Seite der AUDREY II geschlagen und sind sogar ein Teil ihrer tentakelartigen Pflanzenarme geworden. So verfüttern sie schlussendlich auch noch Seymour und nehmen ihren Anteil daran, dass AUDREY II in ihren teuer an einen raffgierigen Geschäftsmann verkauften Ablegern die Weltherrschaft übernimmt.

Clevere Spielideen und Details in der insgesamt sehr reduzierten Inszenierung erheitern das Publikum bereits zu Beginn, zeichnen die Eigenheiten der Figuren und geben die Möglichkeit, einige Sympathie bzw. Antipathie mit den Protagonisten zu entwickeln: so wird z.B. die kundenlose Langeweile im Laden durch ein fast farbloses Blumensortiment, den ausschließlich Zeitung lesenden Inhaber und seine lustlos herum hantierenden Angestellten Audrey und Seymour als wechselnde Standbilder mit langsam tickender Uhr im Hintergrund plastisch dargestellt. Später kommt der sadistische Zahnarzt Dr. Scivello unter brüllendem Motorradgetöse lediglich mit einem Bühnenscheinwerfer vor sich in die Szenerie. Die Haare der Soul Girls „wachsen“ mit zunehmender Macht der Pflanze zu beeindruckenden Perückentürmen im Stil auf-toupierter 60er-Jahre Frisuren. Eine abschließende Referenz zu B-Movies, Splatter- und Horrorfilmen schaffen die als Zombies wiederauferstehenden Personen und erzählen so den Abschluss der Geschichte sowie den Beginn der brutalen Weltherrschaft von AUDREY II.

Nikko Forteza (unter anderem bekannt aus Engagements bei Harry Potter, wo er als einziger Darsteller zwei Hauptrollen verkörpern konnte) spielt Seymour, der sich als Waisenkind nach Familie und Liebe sehnt, naiv und kindlich. Schauspielerisch und sängerisch überzeugt er eindrücklich.

Tamara Köhn (Folkwang Absolventin und zuvor u.a. im Ensemble bei „Rent“/ Oper Dortmund) gibt der den Männern hörigen, verhuschten Audrey erst ganz zum Schluss die passende Stärke und singt vor allem ihren Traum vom Häuschen im Grünen sehr ergreifend.

Klaus Brantzen (erfahrener Schauspieler und Sänger mit eigenem Bühnenprogramm) stellt Mr. Mushnik zunächst sympathisch väterlich, später narzisstisch und geldgierig sehr überzeugend dar.

Daniel Jeroma (Schauspieler, Sänger und Puppenspieler, zuletzt u.a. bei „Leonce und Lena“ im Saarland) gibt dem sadistischen Zahnarzt gesanglich den nötigen Elvis-Touch und wirkt darstellerisch entsprechend skurril und unsympathisch. Er schlüpft ebenso überzeugend in die Rollen eines Obdachlosen, eines Kunden, eines Journalisten und des skrupellosen Geschäftsmannes.

Dennis LeGree (vielfacher Darsteller des Papa bei „Starlight Express“ in Bochum und auf US-Tourneen, TVOG Teilnehmer) verleiht AUDREY II ein zunächst samtiges, einnehmendes, später rockig-aggressives Timbre. 

© Corinna Strick

Der studierte Theater- und Medienwissenschaftler Maximilian Teschemacher ist Student der zeitgenössischen Puppenspielkunst, seit 2023 festes Ensemblemitglied des Puppentheaters am Musiktheater im Revier und erweckt AUDREY II zum Leben.

Sonja Hebestadt, Julia Heiser und Elena Otten geben den Soul Girls als Erzählerinnen, Verbündete der Protagonisten und schlussendlich als Helfershelferinnen der perfiden Pflanze Gesicht und Stimme. Sie verschmelzen optisch mal mit der Kulisse, treten mal rockig in Lederjacken auf und begleiten, bzw. verkörpern die ansteigende Macht u.a. optisch mit wachsender Haarpracht. Ihre Stimmen harmonieren nach kurzen, wohl der Tonabmischung zu Beginn geschuldeten Abstimmungsproblemen, hervorragend miteinander und unterstreichen mit synchronem Tanz, mal roughen und mal sexy anmutenden Auftritten die jeweilige Szene sowie das Schattenspiel. 

Die soulige, mal beschwingte, mal balladeske, mal im Elvis-Style rockende Musik von Alan Menken wird von der Live-Band um den musikalischen Leiter Wolfgang Wilger energetisch und mitreißend gespielt. Sie überträgt die Emotionen der Sängerinnen und Sänger hervorragend. Einige Textpassagen bleiben unverständlich, vor allem in den mehrstimmig gesungenen Anteilen sowie leider auch der sich vom wohlig einlullenden bis zum immer aggressiver werdenden Tonfall wandelnde Gesang der fiesen Pflanze.

Obwohl die recht eindimensional gezeichneten Charaktere insgesamt kaum Entwicklung zeigen, warnen sie im fulminanten Abschluss-Song des Musicals als Zombies auftretend gemeinsam mit den Soul Girls eindringlich davor, falschen Versprechungen nach Erfolg, dem schnellen Geld oder Ruhm zu erliegen und stellen damit, wenn man diese so sehen möchte, eine überraschend zeitaktuelle Botschaft klar:

„Kein Geschäft mit Gewalt und Gier, sonst wird alles verschlungen hier und was immer sie wollen von dir, gib’s ihnen nicht!“

Wir bedanken uns sehr herzlich für die freundliche Einladung und den wunderbaren Abend im kleinen Horrorladen!


Kreativ Team und Band

  • Musikalische Leitung und Klavier:    Wolfgang Wilger
  • Keyboard: Lion Lauer
  • Gitarre: Sebastian Dörries
  • Bass: Christoph Hübner
  • Schlagzeug: Andy Pilger
  • Musikalische Studienleitung: Annette Reifig
  • Musikalische Einstudierung: Karolina Halbig, Maximiliano Menin Cela, Mateo Penaloza Cecconi, Wolfgang Wilger
  • Inszenierung:   Carsten Kirchmeier
  • Bühne, Kostüm: Beata Kornatowska
  • Puppenbau:   Sarah Schulze
  • Choreografie:   Tenald Zace
  • Licht:   Mario Turco
  • Ton:   Max Kallien
  • Dramaturgie:   Anna-Maria Polke

Besetzung 29.05.2026

  • Seymour: Nikko Forteza
  • Audrey / Mrs. Luce: Tamara Köhn
  • Mr. Mushnik / Mr. Bernstein: Klaus Brantzen
  • Dr. Scrivello /Penner / Kunde / Interviewer /Agent / Mr. Martin: Daniel Jeroma
  • Crystal: Sonja Hebestadt
  • Chiffon: Julia Heiser
  • Ronette: Elena Otten
  • Stimme AUDREY II: Dennis LeGree
  • Spiel AUDREY II: Maximilian Teschemacher

Bericht von Corinna