Musiktheater im Revier: Das Licht auf der Piazza

„Niemand mit einem Traum sollte nach Italien kommen. Egal wie tot und begraben man den Traum glaubt, in Italien wird er auferstehen und wieder umherwandeln.“

© Pedro Malinowski

Premiere: 02.11.2025 – rezensierte Vorstellung: 12. Februar 2026

Die Gelsenkirchener Inszenierung des überaus selten in Deutschland gespielten Musicals LICHT AUF DER PIAZZA fühlt sich tatsächlich wie ein Kurzurlaub mit Zeitreise nach Italien an! Kostüme der 50er Jahre, bunte Farben, helles Licht, fluoreszierende, schwärmerische Musik, flirrende, operettenartige Stimmen, opulente Bühnenbilder und eine durchaus problematische Geschichte mit herzerwärmender Leichtigkeit dargeboten. Manchmal reicht nämlich schon ein Windstoß… 

Die jung erwachsene Clara (Katherine Allen) reist mit ihrer sehr behütenden Mutter in die sommerliche Toskana. Hier lernt sie Fabrizio Naccarelli (Luc Steegers) kennen – es ist Liebe auf den ersten Blick. Mutter Margaret Johnson zeigt sich beunruhigt, ihr Ehemann im fernen North Carolina ist via Telefonkontakt keine Hilfe. Anke Sielhoff spielt sehr präsent, man ahnt ihre Ressentiments gegen die junge Liebe oft schon augenzwinkernd voraus, Auch sorgt sie für eine Überraschung am Schluss des Stückes, was großes Raunen im Publikum hervorruft.

Katherine Allen © Pedro Malinowski

Überhaupt wird das Publikum wunderbar mit in die Geschichte einbezogen: Schon vor Beginn der Aufführung kann man in einer kurzweiligen, sehr hilfreichen Einführung Vieles erfahren, um die hervorragend durchdachten Facetten der durch große goldene Bilderrahmen (mal als Tür, als Gemälde, als halbtransparente Idee eines transatlantischen Telefonates…) bildgewaltigen Inszenierung nachvollziehen zu können. Statisten des Ensembles bereichern stumm die Szenerie, spielen sehr engagiert und ermöglichen fließende Szenenwechsel und gelingende Umbauten. 

So erleben wir das erste Kennenlernen der jungen Menschen, die aus unterschiedlichen Welten zu kommen scheinen, auf der Piazza, im Cafe oder im Herrenausstatter-Geschäft der Familie Naccarelli. Die anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten der Amerikanerin und des Italieners erlebt man zeitgleich mit, denn zu Beginn spricht Fabrizio sowie auch seine Familie fast ausschließlich italienisch. Dies wird in den angebotenen Übertiteln bewusst nicht übersetzt, die Handlung erklärt sich von selbst. In anderen, vereinzelten Passagen, friert die Handlung kurz ein, es tritt z.B. Franca Naccarelli (Rebecca Davis) aus einem der Bilderrahmen heraus und gibt den Zuschauenden quasi als Erzählerin eine zusammenfassende Erklärung ab. 

Die Kostüme erzählen den zeitlichen Verlauf der Geschichte mit. Sie sind den 50er Jahren nachempfunden, zeigen eng, quasi amerikanisch-zugeknöpft im Audrey-Hepburn-Style die resolute, über behütende Mutter Margaret und dagegen Fabrizios Mama (Elpiniki Zervou, großartig, wie sie in einem der riesigen Bilderrahmen stehend dem Publikum das italienische Drama erklärt!) im Petticoat dagegen leicht und lebensfroh. Nach Wirrungen und Missverständnissen zwischen den Liebenden und ihren Familien, kommen die sehr charmante, naiv-liebevolle Clara voller Fantasie und Emotion und ihr ‚Seelenverwandter‘ Fabrizio (sehr romantisch „Schreib mir deine Worte in die Hand“) am Ende doch noch zusammen.

Anke Sieloff © Pedro Malinowski

Erst spät im Stück erfährt der Gast, was die Sorgen der Mutter überhaupt begründet: Tochter Clara hatte als Kind einen Unfall mit einem Shetland Pony, sodass sie nach der erlittenen Kopfverletzung als geistig zurückgeblieben gilt. Wir kennen inzwischen mehrere Musicals, die sich mit wenig leichten Inhalten, Beziehungsdramen oder psychischen Erkrankungen beschäftigen, wie z.B. Die letzten fünf Jahre, Next to normal oder Dear Evan Hansen. Hier, in DAS LICHT AUF DER PIAZZA, spricht am Ende Claras Vater das Tabu-Wort „Behinderung“ aus und stürzt Clara damit in tiefe Verzweiflung, da sie selbst „das“ ja gar nicht wusste! Nun ist ihr klar, warum sie noch immer wie ein Kind behandelt wird und will aus Verantwortung für Fabrizio und seine Familie die geplante Hochzeit absagen. Fabrizio nimmt ihr aber in seinem hochemotionalen Song „Liebe für mich“ (Love to me) schlussendlich all ihre Sorgen und der ersehnten Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Happy End. Dennoch nachdenklich stimmend und guten Stoff bietend für angeregte Nachbesprechnungen im Theater Café, auf der Rückfahrt oder später bei einem leichten, italienischen Weißwein, zum Beispiel. 

Luc Steegers © Pedro Malinowski

Das Stück endet wie es begonnen hat, mit der schemenhaften Figur der Mutter, allein hinter einem halbtransparentem Vorhang, wie sie ihre Tochter schlussendlich loslässt, ihre Selbstbestimmung akzeptiert, eigene Ängste hinten anstellt und somit den inhaltlich und visuell eindrucksvollen Rahmen um diese so liebevoll und facettenreich erzählte Geschichte bildet. 

Im Stück erklingen wunderschöne Melodien, die leider nicht so leicht im Ohr bleiben. Verständlicherweise wird die Komposition von Adam Guettel mit dem Stil von Sondheim verglichen. Funkelnde Klänge, opernhaft-leidenschaftliche oder schwelgerische Melodien bei fast filmisch opulenter Orchestrierung werden mit teilweise atonisch wirkendem, oft erzählendem Gesang kombiniert. Nicht ganz eingängig, so wie die gesamte Geschichte.

Durch die gesamte Inszenierung, mit viel Feingefühl, Sinn für Komik und Absurditäten erzählt dieses Musical aber auf berührende Weise, wie Liebe beginnt, wie sie sich verändert und wie sie auch vergehen kann. Es erzählt von der Emanzipation der Kinder und vom Loslassen der Eltern und setzt sich somit für das Recht aller Menschen auf Selbstbestimmung, Liebesglück und indirekt für das große Ziel der Inklusion ein.

Ein sehr gelungener Theaterabend, im „gutem, alten Musiktheater“ ohne Flitter und Glitter, mit tollen Stimmen, einem großartigen großen Orchester und emotionalem, gekonntem Schauspiel. Wunderbar, dass es nach der Spielzeit in Gelsenkirchen noch Vorstellungen im Opernhaus Wuppertal geben wird! Man beachte die fulminante Besetzung dort, speziell die der weiblichen Hauptrollen… 

 

„Liebe, wenn du kannst, und werde geliebt. Möge es ewig halten, Clara. Das Licht auf der Piazza.“ – Margaret in dem Song „Märchen“ („Fable“)

Am 07. März 2026 feiert DAS LICHT AUF DER PIAZZA in dieser Inszenierung mit einem neuen Ensemble u.a. mit Harriet Jones Premiere an der Oper Wuppertal. Tickets gibt es unter www.oper-wuppertal.de

Wir bedanken uns beim MiR für Einladung!


Facts

Ein Musical von Adam Guettel

Buch von Craig Lucas nach der gleichnamigen Erzählung von Elizabeth Spencer

Deutsche Übersetzung von Roman Hinze

Uraufführung am Broadway am 18.04.2005 im Vivian Beaumont Theatre, es folgten mehr als 500 Aufführungen sowie die Nominierung für 11 Tony Awards, von denen in 6 Kategorien einer der renommierten Preise gewonnen wurde. 

Crew in Gelsenkirchen

  • Musikalische Leitung: Mateo Peñaloza Cecconi, Askan Geisler
  • Inszenierung: Carsten Kirchmeier
  • Choreografie: Tenald Zace
  • Bühne: Julia Schnittger
  • Kostüm: Hedi Mohr
  • Licht: Thomas Ratzinger
  • Ton: Dirk Lansing
  • Dramaturgie: Katharina Rückl

Besetzung der Vorstellung

  • Margaret Johnson: Anke Sieloff
  • Clara: Katherine Allen
  • Fabrizio Naccarelli: Luc Steegers
  • Signor Naccarelli: Patrick Imhof
  • Signora Naccarelli: Elpiniki Zervou
  • Franca Naccarelli: Rebecca Davis
  • Giuseppe Naccarelli: Sebastian Schiller
  • Roy Johnson: Klaus Brantzen
  • Padre: Maksim Andreenkov
  • Reiseleiterin: Beatrice Boca
  • Statisterie des Musiktheaters im Revier
  • Neue Philharmonie Westfalen

Artikel von Corinna