Kulisse Eimke: Cabaret
Letzte Spielzeit für den Musicalklassiker

Premiere: 20. September 2024 – rezensierte Vorstellung: 16. November 2025
Nach einer langen und erfolgreichen Spielzeit verabschiedet sich das Musical CABARET nun aus der Kulisse in Eimke. Wer diese Inszenierung noch erleben möchte, hat dazu nur noch eine letzte Gelegenheit: Vom 26. bis 29. März 2026 öffnet sich der Vorhang ein letztes Mal – und es heißt noch einmal „Willkommen, Bienvenue, Welcome“.
Das Musical von Joe Masteroff (Buch), Fred Ebb (Texte) und John Kander (Musik) führt das Publikum ins Berlin des Jahres 1929. Die glanzvollen Goldenen Zwanziger sind bereits Vergangenheit, Arbeitslosigkeit, soziale Spannungen und politische Unsicherheit prägen den Alltag. In diese Welt kommt der amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw (Valentino Karl), der in Berlin Inspiration für seinen neuen Roman sucht. Auf der Zugfahrt begegnet er dem offenen und charmanten Ernst Ludwig (Fabian Baecker), der ihn mitnimmt in das Berliner Nachtleben.
Durch Ernst entdeckt Cliff den Kit Kat Klub – einen schillernden Nachtclub, der für viele Menschen ein Rückzugsort vor der immer bedrohlicher werdenden politischen Lage ist. Geleitet wird der Klub vom Conférencier (Soufjan Ibrahim), einer faszinierenden und vieldeutigen Figur. Mit Ironie, Witz und gelegentlich scharfer Provokation kommentiert er das Geschehen und hält dem Publikum dabei immer wieder den Spiegel vor. Seine Auftritte machen deutlich, wie groß der Gegensatz zwischen der scheinbar unbeschwerten Welt des Kit Kat Klubs und der düsteren Realität außerhalb seiner Türen ist.

Im Kit Kat Klub tritt auch die englische Sängerin Sally Bowles (Johanna Haas) auf. Sally lebt für den Moment, liebt das Nachtleben und blendet die politischen Entwicklungen weitgehend aus. Zwischen ihr und Cliff entsteht eine intensive, leidenschaftliche Beziehung – geprägt von Anziehung, Unsicherheit und der Frage, wie lange man der Realität entkommen kann. Cliff ist fasziniert von Sallys Lebenslust, zugleich aber zunehmend verunsichert durch ihre Haltung und die immer düster werdende Lage in Berlin.
Neben dieser Liebesgeschichte erzählt CABARET von weiteren eindrucksvollen Figuren. Fräulein Schneider (Claudia Reimer) betreibt eine Pension, in der Cliff und andere Gäste wohnen. Sie ist eine pragmatische Frau, gezeichnet von Jahren der Entbehrung. Als sie sich in den jüdischen Obsthändler Herrn Schultz (Helge van Hove) verliebt, keimt noch einmal Hoffnung auf – doch der wachsende Antisemitismus stellt ihre Beziehung und ihre Zukunft auf eine harte Probe. Herr Schultz begegnet der Welt trotz aller Gefahren mit Wärme und Optimismus, was sein Schicksal umso bewegender macht. Ebenfalls in der Pension lebt Fräulein Kost (Patrizia Margagliotta), eine Prostituierte, die gelernt hat, sich in einer rauen Welt durchzuschlagen. Im Gegensatz zu Sally hegt sie keine romantischen Illusionen. Für sie steht das Überleben im Vordergrund, politische Entwicklungen werden verdrängt oder ignoriert. Im Laufe des Musicals spitzt sich die Lage immer weiter zu und alle Figuren müssen sich entscheiden, ob sie wegsehen oder Stellung beziehen wollen.
Das Bühnenbild war bewusst schlicht gehalten: ein Bett, Schreibtisch, ein paar Stühle, einige bewegliche Wände auf Rollen – handlich, flexibel und schnell umbaubar. Gerade diese Reduktion erwies sich als große Stärke, denn sie ließ Raum für die Geschichte und war vollkommen ausreichend, um die verschiedenen Schauplätze und Stimmungen lebendig werden zu lassen. Auch die Kostüme waren hervorragend gewählt und trugen wesentlich dazu bei, das Publikum auf eine glaubwürdige Reise in die Vergangenheit mitzunehmen.

Die Musik spielt in CABARET eine zentrale Rolle. Sie verbindet eingängige, mitreißende Melodien mit oft bitteren, nachdenklichen Texten. Ausgelassene Nummern wechseln sich mit düsteren Momenten ab und machen die inneren Konflikte der Figuren spürbar. So entsteht ein vielschichtiges, emotional packendes Gesamtbild.
Johanna Haas steht als Sally Bowles klar im Mittelpunkt der Inszenierung. Mit großer Bühnenpräsenz, Charme und spürbarer Verletzlichkeit verleiht sie der Figur Tiefe. Gesanglich überzeugt sie mit einer kraftvollen, ausdrucksstarken Stimme, die Songs wie „Cabaret“ und „Maybe This Time“ eindrucksvoll trägt. Schauspielerisch zeigt sie nicht nur Sallys Lebenslust, sondern auch ihre Unsicherheit und innere Leere – eine Darstellung, die lange nachwirkt.
Valentino Karl überzeugt als Cliff Bradshaw mit Sensibilität und Glaubwürdigkeit. Er zeigt Cliffs Entwicklung vom neugierigen Beobachter zum innerlich zerrissenen Mann sehr feinfühlig. Gesanglich wie schauspielerisch verleiht er der Figur Tiefe, besonders in den gemeinsamen Szenen mit Sally, in denen die emotionale Spannung deutlich spürbar ist.
Soufjan Ibrahim begeistert als Conférencier mit starker Präsenz und großer Vielseitigkeit. Seine Stimme bewegt sich mühelos zwischen Leichtigkeit und Bedrohung, sein Spiel zwischen Humor und dunkler Ironie. Jede Bewegung, jeder Blick sitzt – er ist zugleich Entertainer und mahnender Kommentator.
Claudia Reimer gibt Fräulein Schneider eine stille, berührende Tiefe. Helge van Hove gestaltet Herr Schultz warmherzig und menschlich, was dessen tragische Geschichte besonders eindrucksvoll macht. Patrizia Margagliotta bringt Fräulein Kost mit Energie, Direktheit und einer Portion rauem Humor auf die Bühne. Auch Fabian Baecker überzeugt als Ernst Ludwig auf ganzer Linie. Mit ausdrucksstarkem Gesang und einer lebendigen, glaubwürdigen Darstellung verleiht er seiner Rolle Charisma und Präsenz. Sein Spiel ist präzise, sein Timing sicher und er bereichert das Stück sowohl musikalisch als auch schauspielerisch spürbar.
Zusammenfassend ist gesagt, dass die Künstlerinnen und Künstler im Musical CABARET eine großartige Leistung abliefern und zeigen dabei eine beeindruckende Vielseitigkeit. Schauspiel, Gesang und Tanz gehen fließend ineinander über und geben jeder Szene spürbare Tiefe und Ausdruck. Mit starker Bühnenpräsenz, viel Gefühl und sichtbarer Spielfreude fangen sie die besondere Atmosphäre des Stücks ein und machen die Inszenierung zu einem intensiven und mitreißenden Erlebnis.
Die Inszenierung (Annette Krossa) von CABARET in Eimke ist ein eindrucksvolles Gesamterlebnis. Eine starke Besetzung, große musikalische Qualität und die zeitlose Aktualität des Stoffes machen diesen Theaterabend besonders. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen – vom 26. bis 29. März 2026 zum letzten Mal.
Die Besetzung im Überblick
- Sally Bowles: Johanna Haas
- Cliff Bradshaw: Valentino Karl
- Converencier: Soufjan Ibrahim
- Fräulein Schneider: Claudia Reimer
- Herr Schultz: Helge van Hove
- Fräulein Kost: Patrizia Margagliotta
- Ernst Ludwig: Fabian Baecker
Wir bedanken uns beim Team der Kulisse Eimke für die Einladung!
Artikel von Mareike & Heidi