Gelungener Saisonauftakt am Kalkberg – „Im Tal des Todes“ feiert umjubelte Premiere

Mit lang anhaltendem Applaus, beeindruckenden Bildern und einer gelungenen Inszenierung haben die Karl-May-Spiele ihre Saison 2026 eröffnet. Vor ausverkauftem Haus verwandelte sich die Freilichtbühne am Kalkberg bei der Premiere von „Im Tal des Todes“ erneut in eine lebendige Westernwelt, in der Abenteuer, Spannung und Emotionen zu einem mitreißenden Theatererlebnis verschmolzen.
Schon die ersten Minuten machen deutlich, welchen Anspruch Regisseur Nicolas König verfolgt. Die Bühne wird nicht langsam erobert, sondern mit voller Wucht. Explosionen erschüttern die Szenerie, Schüsse hallen durch das Freilichttheater und die Zuschauer werden unmittelbar in die Handlung hineingezogen.
Die neue Inszenierung überzeugt vor allem als Gemeinschaftsleistung. Das gesamte Ensemble präsentiert sich vom ersten bis zum letzten Auftritt hervorragend aufeinander abgestimmt. Große Massenszenen wechseln sich mit ruhigen, emotionalen Momenten ab. Jede Figur fügt sich harmonisch in das Gesamtbild ein und macht deutlich, dass der Erfolg einer Karl-May-Produktion weit mehr ist als die Summe einzelner Hauptrollen.
Die zahlreichen Komparsinnen und Komparsen, die den Westen am Kalkberg mit sichtbarer Spielfreude zum Leben erwecken, haben ebenfalls ihren Anteil daran. Ob in den Straßen des mexikanischen Dorfes, während der Überfälle oder in den großen Kampfszenen – überall entsteht der Eindruck einer lebendigen, glaubwürdigen Welt, in der jede Bewegung sorgfältig aufeinander abgestimmt ist.
Spektakuläre Technik ohne Selbstzweck
Seit Jahren gehören die Karl-May-Spiele zu den aufwendigsten Freilichtproduktionen Deutschlands. Auch in dieser Saison werden keine Kompromisse gemacht. Brennende Kulissen, Explosionen, aufwendige Spezialeffekte, rasante Verfolgungsjagden und perfekt koordinierte Reitstunts gehören selbstverständlich zum Programm.
Einmal mehr setzt das Stuntteam Maßstäbe im Freilichttheater. Dabei wirken die Actionsequenzen nie beliebig, sondern fügen sich organisch in die Handlung ein und treiben die Geschichte konsequent voran. Besonders die großen Kampfszenen wirken präzise choreografiert. Die Zusammenarbeit zwischen Reitern, Stuntleuten und Ensemble beeindruckt.
Die Pferde sind dabei erneut weit mehr als bloße Kulisse. Ihre Einbindung gehört zu den größten Stärken der Bad-Segeberger Inszenierungen. Die Zusammenarbeit zwischen Reitern, Stuntteam und Ensemble funktioniert, auch wenn den Pferden ein, zweimal eine gewisse Nervosität anzumerken ist. Sie müssen sich nun auch erst einmal daran gewöhnen, vor Publikum zu spielen – und dann gleich vor so einer großen Kulisse. Selbst wenn die meisten Pferde diese Situation schon kennen.
Ebenso großen Anteil am Erfolg des Abends haben die technischen Gewerke. Die Lichttechnik setzt den Kalkberg eindrucksvoll in Szene und schafft stimmungsvolle Bilder, die den Wechsel zwischen Tageslicht, Dämmerung und dramatischen Nachtszenen wirkungsvoll unterstreichen.
Die Tontechnik sorgt in der Regel dafür, dass Dialoge, Musik und Geräuschkulisse trotz der Größe der Freilichtbühne jederzeit klar verständlich bleiben. Leider gab es während der Premiere einige Aussetzer der Mikroports. Doch das Ensemble konnte dies kurzfristig selber lösen. Ein Beispiel: Sascha Hödl nutzte einen Dialog mit Florian Fitz, trat näher an ihn heran und war so durch dessen Mikro wieder gut zu hören.
Eindrucksvoll präsentiert sich auch die Pyrotechnik. Explosionen, Feuer- und Spezialeffekte werden punktgenau eingesetzt und verleihen den actionreichen Szenen zusätzliche Intensität. Bemerkenswert ist dabei, dass die Effekte nie ausschließlich Selbstzweck bleiben. Sie unterstützen die Handlung und steigern deren Spannung, ohne die Geschichte vollständig zu überlagern.
Hier geht es zu einer erweiterten Inhaltsangabe: Der Inhalt nach der Premiere erzählt
Spielfreude in jeder Szene
Bereits im ersten Bild ist Felix Adams zu sehen. Nachdem er 2022 erstmals als Stuntman am Kalkberg engagiert wurde, überzeugte er mit seiner Leistung so sehr, dass er seit der darauffolgenden Spielzeit regelmäßig mit mehreren kleinen und größeren Sprechrollen besetzt wird. Dabei kann er seine schauspielerischen Aufgaben ideal mit seinem sportlichen Können und spektakulären Stunts verbinden.
Zu Beginn der Inszenierung unterstützt seine Figur die Flucht von Martin von Adlerhorst (Fabian Monasterios) vor dem Gangster Roulin (Florian Fitz) und dessen Männern. Die Szene endet eindrucksvoll damit, dass Felix‘ Figur angeschossen wird und von zwei Pferden, an Seilen gesichert, durch die Arena gezogen wird – ein spektakulärer Stunt, der für einen packenden Auftakt sorgt.
Im weiteren Verlauf übernimmt er die Rolle des „blutigen Jack“, eines schlagkräftigen Kämpfers, der jeden zur Rechenschaft zieht, der seine Schwester beleidigt. Gleichzeitig gehört er zu den Männern des Oberbosses Roulin und ist neben Juanito Alfarez einer der wichtigsten Handlanger für die besonders gefährlichen Aufgaben. Dabei beeindruckt Felix Adams immer wieder mit seiner Schnelligkeit, Athletik und präzisen Stuntarbeit.
Schade ist lediglich, dass er – wie die übrigen Mitglieder des Stuntteams – keine eigene Autogrammkarte erhält. Immerhin wird er bei der Applausordnung namentlich erwähnt, was seine Bedeutung für die Produktion unterstreicht. Felix Adams und das gesamte aktuelle Stuntteam sind zweifellos eine große Bereicherung für die Aufführungen am Kalkberg.
Mut und Hoffnung für die Liebe
Fabian Monasterios war schon in vielen Rollen am Kalkberg zu sehen, meist als Handlanger vom Oberbösewicht oder zuletzt 2022 als Häuptling Mokaschi in „Der Ölprinz“. In diesem Jahr kehrt er nun in der Rolle des Martin von Adlerhorst zurück. Die Rolle ist im Gegensatz zu seinen früheren recht klein. Aber er ist der Partner der Paloma Nakana und das Publikum soll schließlich nicht ohne Kuss im Stück ausgehen. Fabian darf sein Können als Reiter zeigen, kämpfen und ist ein „alter Hase“ den man gerne am Kalkberg sieht.
Paloma Nakana verzaubert
Die geheimnisvolle Paloma Nakana ist eine Rolle, die viel Würde erfordert und eine der wenigen Frauenfiguren, die Karl May erfand. In diesem Jahr steht nun ein Kalkberg-Greenhorn in dieser Rolle auf der Bühne: Inés Cihal. Die junge Österreicherin bringt einiges an Theatererfahrung von Bühnen aus ihrem Heimatland mit. Liest man ihre Vita, findet man dort Bühnen- und Filmkampf Kenntnisse sowie eine Ballettschule aufgeführt. Diese Kenntnisse prädestinieren sie quasi dazu, sich als starke Frauenrolle am Kalkberg durchzusetzen. Was sie auch tut. Mit ihrer klaren Stimme begeistert sie bis in die letzte Reihe. Ein wenig mag man glauben, dass Autor und Regisseur sich an der Figur der Galadriel aus „Der Herr der Ringe“ orientiert haben. Wenn Paloma ihrem Martin erklärt, dass bereits ihre Mutter eine heilige Frau mit mystischen Fähigkeiten war, blickt sie in einer Feuerschale in die Zukunft. Dies erinnerte sehr an die Szene, wenn Frodo von Galadriel aufgefordert wird, in die Spiegelschale zu schauen. Später als der Eiserne Pfeil sie in seinem Lager am Marterpfahl verbrennen will, reicht allein ihr Blick, welcher ihm tief in die Seele schaut und er diesem nicht standhalten kann. Großes Kino.
Sascha Hödl begeistert als zwiespältiger Juanito Alfarez
Das so eine Frau nicht nur den Indianern heilig ist, sondern auch den Männern den Kopf verdreht, sehen wir an Juanito Alfarez, welcher von Sascha Hödl verkörpert wird. Ebenfalls aus Österreich stammend, kämpft er nun das achte Jahr am Kalkberg, diesmal als einer der Gangster. Neben dem blutigen Jack ist er die rechte Hand von Roulin und erledigt für diesen die Drecksarbeit. Er muss jedoch auch viel von seinem Boss hinnehmen, obwohl er sich nicht wieder wie ein Straßenköter behandeln lassen wollte, wie man in einem ruhigen Moment im Stück mitbekommt. Hödl schafft es, die Zerrissenheit seiner Figur so glaubhaft darzustellen, dass man sich am Ende eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss. Sein Juanito ist also doch nicht so bitterböse, denn er hilft Paloma dabei aus den Fängen von Roulin zu entkommen und verliert dabei fast sein Leben. So bekommen wir aber einen spektakulären Stunt vom ihm zu sehen. Er wird an einem brennenden Seil über den Teich gehängt und verbleibt dort eine ganze kleine Weile. Später sehen wir ihn noch in einem Fechtkampf mit Roulin, welchen er souverän absolviert.
Willkommen zurück: Dirc Simpson begeistert als Sam Hawkens
Der zweite Rückkehrer an den Kalkberg, nach einer Abstinenz von 10 Jahren, ist Dirc Simpson als Sam Hawkens. Zuletzt war er 2015 im selben Stück und in der gleichen Rolle auf der so lieb gewonnenen Bühne zu sehen. Eigentlich war Volker Zack für den Part des kauzigen Westmannes vorgesehen, dieser stürzte jedoch bei dem Proben vom Pferd und fiel so für die ganze Saison aus. Wir wünschen weiterhin gute Besserung. Simpson sprang mit nur kurzer Vorbereitungszeit ein – und ließ davon auf der Bühne nichts erkennen. Simpsons kauziger Westmann rettet zusammen mit Old Shatterhand den skurrilen Sir Raffley und seinen Begleiter, den Anwalt Don Fernando vor den angreifenden Maricopas. Ab diesem Moment wird Sam zum Scout für das abenteuersuchende Duo. Dies ist natürlich eine gute Tarnung, um in San Miguel Nachforschungen zu betreiben. So bekommt er einen längeren Dialog mit der Señorita Miranda. Sein „Wenn ich mich nicht irre“ bleibt im Ohr. Schön, dass er wieder mit dabei ist.
Sein Sam Hawkens ist keine bloße Kopie früherer Interpretationen. Stattdessen verleiht Dirc Simpson der Kultfigur eine eigene Handschrift. Mit einer sympathischen Natürlichkeit verkörpert er den kauzigen Westmann, ohne ihn zur Klamaukfigur werden zu lassen. Gerade das macht seine Darstellung so überzeugend. Hinter den bekannten Redewendungen und den komischen Einlagen bleibt Sam Hawkens stets ein erfahrener Scout, der seine Freunde mit Klugheit, Loyalität und einem feinen Gespür für brenzlige Situationen unterstützt.
Humor der alten Schule begeistert das Publikum
Für die humorigen Momente sorgt, nach seinem Debüt 2025, Alexis Kara in Zusammenarbeit mit Gastschauspieler Heinrich Schafmeister. Die beiden harmonieren sehr gut miteinander und laufen sich gegenseitig nicht den Rang ab. Sir Raffley muss Abenteuer erleben, damit er nicht aus seinem Travellers-Club geworfen wird. Damit alles mit rechten Dingen zugeht, hat der Club Don Fernando (sein eigentlicher Name ist viel länger und hat den Umfang alá Hadschi Halef Omar) engagiert. Dieser soll die erlebten Abenteuer dokumentieren und bezeugen. Leider schafft es Sir Raffley durch seine total britische Art nicht, zum Beispiel den Zorn diverser Schlägertypen gegen sich aufzubringen. Der leidtragende ist immer der Anwalt. Ob nun erwartete Boxkämpfe oder Duelle – immer wird Don Fernando vermöbelt oder sogar vom Sir selbst angeschossen. Es wird mit den beiden nicht langweilig, sie sind nicht nervig, sondern bringen angenehmen Humor auf die Bühne. Die gute alte Schule. Am Ende sind sie sogar am großen Finale beteiligt. Am Bergwerk trifft Alexis Kara zudem in seiner Rolle
noch auf Komparsen-Urgestein Christoph Bobe, welcher ihn um gefühlt mehr als zwei Köpfe überragt. Ein urkomischer Moment, welcher keiner weiteren Worte benötigt. Sir Raffley stürmt als Retter in James Bond Manier die Mine, wird zwar auch erwischt, hat aber dennoch seine britischen Qualitäten gezeigt.
Schafmeister wie auch Kara verfügen über ein ausgezeichnetes Gespür für komödiantisches Timing. Ihre Pointen wirken nie aufgesetzt, sondern entstehen aus der Situation heraus. Mit kleinen Gesten, einem vielsagenden Blicken oder trocken vorgetragenen Bemerkungen erzielen sie oft eine größere Wirkung als laute Gags. Gerade diese Zurückhaltung macht die Darstellung so charmant und sorgt für zahlreiche Lacher im Publikum.
Ein Routinier mit großer Bühnenpräsenz: Joshy Peters als Eiserner Pfeil
Einer, der bereits mit und gegen fünf Winnetous am Kalkberg gekämpft hat, ist Joshy Peters. Mit über 2000 Vorstellungen ist er einer der Rekordhalter unter den Darstellern am Kalkberg. So spielte er in zwei der drei vorangegangenen Inszenierungen von „Im Tal des Todes“ Gangster Roulin und konnte die Figur ganz unterschiedlich darstellen. By the way, unter den langjährigen Kalkberg-Besuchern ist die Version von 2002 immer noch das absolute Highlight unter den Inszenierungen der letzten 25 Jahre. Dies war eben auch dem Zusammenspiel von Nicolas König und Joshy Peters zu verdanken. Komplettiert wurde der Erfolg noch durch Reiner Schöne als Old Firehand und Vanida Karun als Paloma Nakana. Jetzt, 22 Jahre später sehen wir Joshy nun als Eiserner Pfeil auf der Bühne, den 2002 und 2015 Nicolas König verkörperte.
Eiserner Pfeil ist weit mehr als ein eindimensionaler Gegenspieler. Als vom Alkohol gezeichneter Häuptling der Maricopas trägt er maßgeblich zur Eskalation des Konflikts zwischen seinem Stamm und den Chiricahua-Apachen bei. Mit seiner Erfahrung verleiht er auch dieser Figur eine beeindruckende Präsenz. Er zeigt einen Mann, der seine Autorität verloren hat und sich manipulieren lässt, ohne ihn dabei zur bloßen Karikatur verkommen zu lassen. Hinter der rauen Fassade blitzen immer wieder Zweifel und Verletzlichkeit auf – Nuancen, die der Figur zusätzliche Tiefe verleihen. Im weiteren Verlauf der Handlung erhält Eiserner Pfeil die Gelegenheit zur Erkenntnis und Umkehr – ein
klassisches Motiv der Karl-May-Geschichten. Joshy Peters gestaltet diesen Wandel glaubwürdig und ohne Pathos. Dadurch wird seine Figur zu einem der menschlichsten Charaktere des Abends und setzt einen wichtigen emotionalen Akzent innerhalb der ansonsten von Action und spektakulären Effekten geprägten Inszenierung. Seine Darstellung beweist einmal mehr, warum Joshy Peters seit Jahrzehnten zu den prägenden Gesichtern der Karl-May-Spiele gehört. Als Eiserner Pfeil zeigt er eindrucksvoll, dass große Bühnenwirkung nicht allein durch spektakuläre Stunts entsteht, sondern vor allem durch schauspielerische Authentizität und Erfahrung.

Eine Frau zwischen Verzweiflung und dunklen Entscheidungen
Isabell Varell bringt als Señorita Miranda bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg 2026 jede Menge Temperament, Charme und Bühnenpräsenz mit. Sie singt, tanzt und füllt die Bühne mit ihrer ansteckenden Lebensfreude – genau das, was man von ihr erwartet. Gerade darin liegt allerdings auch eine kleine Herausforderung für die Figur.
Miranda ist schließlich nicht nur die schillernde Cantina-Wirtin, sondern zugleich die Komplizin des skrupellosen Oberbösewichts Roulin. Doch Isabell Varell ist eine solche Frohnatur, dass es stellenweise schwerfällt, ihr diese wirklich finstere Seite vollständig abzunehmen. Selbst wenn sie auf der Seite des Bösen agiert, bleibt immer etwas Herzliches und Sympathisches in ihrer Ausstrahlung, das den Eindruck einer kalt berechnenden Komplizin etwas abschwächt.
Dabei liefert das Stück durchaus eine nachvollziehbare Erklärung für Mirandas Verhalten. Besonders das Gespräch mit Juanito gehört zu den stärkeren Momenten ihrer Rolle. Dort erzählt sie von ihrer Kindheit, in der sie betteln gehen musste, und macht deutlich, dass sie nie wieder in Armut leben möchte. Diese Szene erinnert unweigerlich an Scarlett O’Haras berühmten Schwur aus Vom Winde verweht, niemals wieder hungern zu wollen. Mirandas Entscheidungen erscheinen dadurch weniger als Ausdruck von Bosheit, sondern vielmehr als Konsequenz einer von Entbehrungen geprägten Vergangenheit.
Hinzu kommen ihre enttäuschenden Erfahrungen mit Männern. Mehrfach ist sie an Liebschaften geraten, die sich als etwas völlig anderes entpuppten, als sie zunächst vorgaben zu sein. Deshalb setzt sie ihre Hoffnungen nun auf Roulin – nicht aus großer romantischer Liebe, sondern weil sie sich von ihm Sicherheit und eine bessere Zukunft verspricht. Tragisch wird die Figur dadurch, dass sie durchaus weiß, dass Roulin ihre Gefühle nicht erwidert. Dennoch klammert sie sich an die Hoffnung, mit ihm doch noch glücklich werden zu können.
So entsteht eine Figur, die weit mehr ist als eine einfache Gegenspielerin. Miranda handelt aus Angst vor einem Rückfall in ihre bittere Vergangenheit und aus der Sehnsucht nach einem sicheren Leben. Isabell Varell verleiht dieser verletzlichen Seite viel Glaubwürdigkeit und Wärme. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb man ihr die „böse, böse“ Komplizin des Oberbosses nie ganz abnimmt – und warum man am Ende eher Mitleid mit Miranda empfindet als echte Abneigung.
Elegant und skrupellos: Florian Fitz als Roulin
Der geheimnisvolle „Sonataka“, der silberne Mann besser bekannt als der Schurke Roulin, wird von Florian Fitz verkörpert. Von seinem ersten Auftritt an strahlt die Figur eine Mischung aus Überheblichkeit, Selbstsicherheit und Arroganz aus. Roulin hält sich für allen anderen überlegen, blickt auf seine Mitmenschen herab und ist so sehr von seiner eigenen Unfehlbarkeit überzeugt, dass er die Gefahr, die von seinen Gegnern ausgeht, viel zu lange unterschätzt. Genau diese Hybris wird ihm schließlich zum Verhängnis.
Florian Fitz gelingt es hervorragend, diese Charakterzüge vor allem über seine Stimme zu transportieren. Seine abfällige, herablassende Art zu sprechen verleiht Roulin eine permanente Überlegenheit, die ebenso faszinierend wie unsympathisch wirkt. Er muss selten laut werden, um deutlich zu machen, wer seiner Meinung nach die Kontrolle hat. Gerade diese ruhige Selbstgewissheit macht den Bösewicht besonders wirkungsvoll.
Passend zu seiner Rolle hält sich Roulin meist aus den körperlichen Auseinandersetzungen heraus und lässt seine Handlanger die Drecksarbeit erledigen. Erst als es zum entscheidenden Duell mit Juanito kommt, greift er selbst zum Säbel. In dieser Kampfszene zeigt Florian Fitz, dass er nicht nur schauspielerisch überzeugt, sondern auch körperlich bestens auf die Rolle vorbereitet ist. Das temporeiche Fechtduell verlangt Präzision, Beweglichkeit und Kondition – Qualitäten, die der Schauspieler eindrucksvoll unter Beweis stellt.
Wie entspannt Florian Fitz trotz der Anspannung rund um eine Premiere ist, zeigte sich bereits kurz zuvor. Während sich die Zuschauer in Richtung Kalkberg auf den Weg machten, wurde er noch gemütlich auf seinem Drahtesel rund um das Freilichttheater gesichtet. Fast unbemerkt radelte er zwischen den Besuchern hindurch – gelassen und scheinbar völlig entspannt, ehe er wenig später als skrupelloser Roulin die Bühne betrat. Ein schöner Kontrast zwischen dem sympathischen Menschen hinter der Rolle und dem eiskalten Gegenspieler, den das Publikum anschließend zu sehen bekam.
Mit seiner markanten Stimme, seiner souveränen Bühnenpräsenz und der glaubwürdigen Darstellung eines Mannes, der an seiner eigenen Selbstüberschätzung scheitert, verleiht Florian Fitz dem silbernen Mann eine eindrucksvolle Präsenz. Sein Roulin ist kein Bösewicht, der durch laute Ausbrüche Angst verbreitet, sondern einer, der sich seiner Macht so sicher ist, dass er gar nicht glaubt, sie jemals verlieren zu können – bis es am Ende zu spät ist.
Old Shatterhand in Bestform: Bastian Semm begeistert
Der gebürtige Bochumer Bastian Semm bringt nicht nur die nötige körperliche Präsenz und Ausstrahlung mit, sondern verleiht der Figur des Old Shatterhand die Ruhe, Geradlinigkeit und Menschlichkeit, die Karl Mays alter Ego seit jeher auszeichnen. Derzeit die Idealbesetzung für den berühmten Westmann.
Erfahrung auf Freilichtbühnen hat Semm reichlich gesammelt. 2017 stand er bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen als Klaus Störtebeker zusammen mit Nicolas König auf der Bühne. Seit 2023 schlüpft er nun bereits zum dritten Mal unter Nicos Regie in die Rolle des Old Shatterhand in Bad Segeberg – und man hat inzwischen das Gefühl, dass Figur und Schauspieler wie Deckel und Topf zusammenpassen. Seine Darstellung wirkt selbstverständlich und authentisch, ohne jemals aufgesetzt zu sein. Er muss den Helden nicht spielen – er scheint ihn zu leben.
Ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs ist dabei das Zusammenspiel mit Alexander Klaws als Winnetou. Auch in ihrer dritten gemeinsamen Saison harmonieren die beiden hervorragend miteinander. Dass sie sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch privat bestens verstehen, ist in jeder gemeinsamen Szene zu spüren. Die Chemie zwischen ihnen wirkt ungezwungen und ehrlich und trägt sich mühelos bis in die letzten Reihen des Kalkbergstadions. Ihre Freundschaft verleiht der legendären Blutsbrüderschaft eine Glaubwürdigkeit, die das Publikum sofort mitnimmt. Gemeinsam lassen die beiden die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand so lebendig werden, wie sie Karl May einst beschrieben hat – glaubwürdig, mitreißend und voller Wärme.
Auch abseits der Bühne ließen die beiden ihre Fans an dieser besonderen Verbindung teilhaben. Während der Probenzeit sorgten Bastian Semm und Alexander Klaws immer wieder mit kleinen Videos voller Situationskomik für gute Laune. Mit viel Selbstironie, Charme und sichtbarer Freude am gemeinsamen Spiel machten sie Lust auf die neue Saison und zeigten, dass hinter den großen Heldenrollen zwei Schauspieler stehen, die ihren Beruf mit Leidenschaft und einer gehörigen Portion Humor ausüben. Ein wenig von diesem Humor erhalten wir auch im Stück, wenn Sam Hawkens Old Shatterhand dazu verdonnert, sich als Mariachi zu verkleiden.
Hier täte sich auch eine große Chance auf, die Geschichten rund um Kara Ben Nemsi dem Kalkberg-Publikum etwas näher zu bringen. Durch Sir Raffley hat sich nun schon eine Figur der Geschichten aus dem Osten in Bad Segeberg eingeschlichen. Vielleicht ein Wink für die Zukunft, den Weg in diese Richtung zu gehen.
Alexander Klaws lässt Winnetou lebendig werden
Wenn sich am Kalkberg der Vorhang hebt und Winnetou die Bühne betritt, gibt es kaum einen Zweifel daran, wer diese Rolle heute verkörpert: Alexander Klaws ist längst mit dem Apachenhäuptling verschmolzen. Nach mehreren Spielzeiten in Bad Segeberg fällt es inzwischen schwer, sich vorzustellen, dass jemand anderes diese ikonische Figur übernehmen könnte. Mit seiner Ausstrahlung, seiner Athletik und seiner emotionalen Spielweise ist er für viele Besucher zum Gesicht des modernen Winnetou geworden.
Klaws gelingt es, die unterschiedlichen Facetten der Figur glaubwürdig zu vereinen. Er strahlt die Ruhe und Würde des Häuptlings ebenso aus wie dessen Entschlossenheit im Kampf und seine tiefe Verbundenheit zu seinen Freunden. Dabei wirkt sein Spiel nie pathetisch, sondern stets authentisch. Gerade in den leisen Momenten zeigt er, warum Winnetou weit mehr ist als nur ein Held des Wilden Westens – er ist eine Identifikationsfigur, die für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Versöhnung steht.
Diskussionswürdig ist allenfalls eine Szene, in der Winnetou den Kampf mit Eiserner Pfeil sucht. Da dieser als alkoholsüchtiger, gebrochener Krieger gezeichnet wird und kaum noch in der Lage ist, sich ernsthaft zur Wehr zu setzen, wirkt das Duell zunächst etwas fragwürdig. Die Frage drängt sich auf, ob ein Charakter wie Winnetou einen derart unterlegenen Gegner überhaupt herausfordern würde. Die Inszenierung löst diesen Moment jedoch schnell auf: Der Kampf ist nur von kurzer Dauer und dient letztlich nicht der Demütigung des Gegners. Stattdessen nutzt Winnetou die Situation, um Eiserner Pfeil die Konsequenzen seines Handelns und seines Lebenswandels vor Augen zu führen. Aus der körperlichen Auseinandersetzung wird so eine moralische Lektion, die gut zum Charakter des Apachenhäuptlings passt.
Auf spektakuläre Momente muss das Publikum dennoch nicht verzichten. Alexander Klaws überzeugt mit großem körperlichem Einsatz und beeindruckender Präsenz. Er prägt den Winnetou der Gegenwart wie kaum ein anderer. Er verbindet Respekt vor der traditionsreichen Rolle mit einer modernen, lebendigen Interpretation und beweist Jahr für Jahr, warum er für viele Besucher inzwischen untrennbar mit dem Häuptling der Apachen verbunden ist.
Wieder prominente Besucher bei der Premiere und großes Medieninteresse
Wie jedes Jahr entwickelte sich die Premiere zugleich zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Auf dem imaginären roten Teppich versammelten sich zahlreiche Gäste aus Kultur, Politik und Medien sowie viele Wegbegleiter der Karl-May-Spiele. Besonders herzlich begrüßt wurde Gojko Mitić, der 2006 am Kalkberg seinen letzten Auftritt als Winnetou absolvierte und bis heute untrennbar mit der Geschichte der Karl-May-Spiele verbunden ist. Ebenso erhielt Harald Wieczorek, der sich nach der vergangenen Saison von der Bühne verabschiedet hatte, viel Applaus vom Publikum.
Unter den Gästen befanden sich weitere ehemalige Darstellerinnen und Darsteller der Karl-May-Spiele, die mit ihrer Anwesenheit die enge Verbundenheit zur Freilichtbühne unterstrichen. Auch Vertreterinnen und Vertreter aus der Landes- und Kommunalpolitik nutzten die Premiere, um den Saisonauftakt mitzuerleben.
Traditionell eröffnete Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther die Karl-May-Spiele mit dem symbolischen Startschuss und wünschte der 73. Saison einen erfolgreichen Verlauf. In einer kurzen Ansprache stellte er die Werte in den Mittelpunkt, für die die Geschichten Karl Mays bis heute stehen: Frieden, Freiheit, Freundschaft und gegenseitigen Respekt. Gerade in bewegten Zeiten seien diese Botschaften aktueller denn je. Mit dem anschließenden Gewehrschuss gab Günther schließlich den offiziellen Startschuss für die neue Spielzeit und wurde dabei vom begeisterten Applaus der mehr als 7.500 Zuschauer begleitet. Der Ministerpräsident zählt seit vielen Jahren zu den treuen Gästen der Karl-May-Premieren und unterstrich mit seiner Anwesenheit erneut die große kulturelle Bedeutung der Spiele für Schleswig-Holstein.
Fazit
Nicht jeder ist mit der Inszenierung glücklich, aber die Besucher sind auch nicht unglücklich. Wie immer kann man es keinem Recht machen. Und es mag auch den ein oder anderen dramaturgischen Fehler geben. Aber der lang anhaltende Schlussapplaus, schon nach der Generalprobe, machte deutlich dass „Im Tal des Todes“ das Publikum von Beginn an in seinen Bann gezogen hat. Die Karl-May-Spiele beweisen einmal mehr, dass ihr Erfolg nicht allein auf spektakulären Effekten oder bekannten Figuren beruht, sondern auf dem perfekten Zusammenspiel aller Beteiligten – von den Schauspielerinnen und Schauspielern über das Stuntteam und die Komparserie bis hin zu den zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hinter den Kulissen. Gemeinsam schaffen sie ein Freilichttheater, das weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus seinesgleichen sucht und die Besucher auch in der Saison 2026 begeistern dürfte.

Artikel Nathalie
Fotos: Claudia K (Premiere & erste Nachmittagsvorstellung)
Fotos: Nathalie (Premiere)
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