Junges Theater Bonn: Dear Evan Hansen 2026

„[…I]rgendwie haben wir alle ein bisschen Evan in uns“
DEAR EVAN HANSEN im Jungen Theater Bonn überzeugt in einer packenden Inszenierung und das sogar gleich doppelt
(c) Matthias Jung, Junges Theater Bonn
 
Besuchte Premiere Gruppe A: 10. April 2026 & rezensierte Vorstellung von Gruppe B am 29. April 2026

„Lieber Evan Hansen, das wird heute ein großartiger Tag…“ Mit diesen Worten beginnt Evan Hansen seine Geschichte. Doch genau betrachtet, waren es sogar gleich zwei großartige Tage bzw. Abende, die ich im Jungen Theater Bonn bei „Dear Evan Hansen“ erleben durfte. Und ich sage euch auch, warum:

Das Junge Theater Bonn, kurz liebevoll JTB genannt, wurde im Jahr 1969 von Helmut Tromm und seiner Frau Heidi gegründet. Zehn Jahre später zog es in sein heutiges Domizil, ein ehemaliges Kino, in der Hermannstraße in Bonn-Beuel um. Seitdem ist es aus der Bonner Theaterszene nicht mehr wegzudenken und hat sich mit etwa 140000 ZuschauerInnen pro Spielzeit inzwischen zum bestbesuchten Kinder- und Jugendtheater in ganz Deutschland entwickelt. Generationen von Kindern und Jugendlichen aus Bonn und der Umgebung haben hier ihre ersten Kontakte mit dem Theater geknüpft, sei es im Theatersaal als Publikum oder auf der Bühne. Denn zum besonderen (und im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA und England) in Deutschland immer noch ungewöhnlichen Konzept des Theaters gehört es, dass in vielen Stücken die Rollen der Kinder und Jugendlichen tatsächlich auch von Kindern und Jugendlichen im Spielalter der Figuren gespielt werden, wozu sie eine professionelle Anleitung bekommen und kontinuierlich gefördert werden. Seit 2001 ist dies sogar in der eigenen Schauspielschule, der „JTB-Werkstatt“, möglich, in der Kinder und Jugendliche die Gelegenheit haben, an Theaterkursen für unterschiedliche Altersgruppen teilzunehmen. Nicht selten haben hier sogar Profikarrieren ihren Anfang genommen, mittlerweile kann das JTB stolz auf eine ganze Anzahl ehemaliger junger Nachwuchskünstlerlnnen zurückblicken, die ihre Leidenschaft für das Theater zum Beruf gemacht haben und heute als

Erwachsene in den unterschiedlichsten künstlerischen Bereichen erfolgreich tätig sind. Ein aktuelles Beispiel aus der Musicalszene ist Merlin Fargel, der bereits als Jugendlicher in diversen Musical- und Schauspielproduktionen des JTB mitwirkte, danach an der Folkwang-Universität der Künste in Essen studierte und seit seinem Abschluss bereits in zahlreichen Musicalproduktionen sowohl auf den großen Bühnen als auch in diversen Stadttheatern zu erleben war. Aktuell steht er noch bis Juli 2026 als Walk-In-Cover in der Hauptrolle des „Christian“ im Musical MOULIN ROUGE im Kölner Musicaldome und als „Enjolras“ in LES MISERABLES am Gärtnerplatztheater in München auf der Bühne.

(c) Matthias Jung, Junges Theater Bonn

Seit 2023 arbeitet das Junge Theater Bonn eng mit dem Theater Bonn zusammen. Im Rahmen dieser Kooperation feierte im April 2025 die erste gemeinsame Produktion, das Musical „Spring Awakening“, Premiere. Musicals für Kinder und Jugendliche gehören zwar schon seit langer Zeit fest zum Spielplan des JTB und erfreuten das Bonner Publikum mit Adaptionen von Kinderbuchklassikern wie „Emil und die Detektive“ oder sogar Jugendromanen wie „Tintenherz“ , doch mit „Spring Awakening“, das ja kein reines Jugendstück ist, sondern ein Broadway-Musical, das sich an alle Generationen von ZuschauerInnen richtet und bereits auf internationalen Musicalbühnen zu sehen war, war durch die Zusammenarbeit ein neues Niveau erreicht. Grund genug also, um spätestens jetzt in der deutschsprachigen Musicalszene dem JTB Beachtung zu schenken. „Dear Evan Hansen“ ist nun das zweite Musical, das im Rahmen der Kooperation von JTB und Theater Bonn auf die Bühne des JTB gebracht wird.

Das Stück stammt von Steven Levenson (Buch), Benj Pasek und Justin Paul (Musik und Gesangstexte) und wurde 2015 in Washington D. C. uraufgeführt. Im Jahr 2016 folgte der Umzug an den Broadway in New York, 2017 gab es gleich 6 Tony-Awards, auch im Londoner West End war DEH bis 2022 zu sehen und wurde 2021 mit Ben Platt in der Hauptrolle sogar verfilmt. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 2024 im Frühjahr in Gmunden statt, diese Inszenierung war dann auch im Oktober 2024 in Deutschland im Stadttheater Fürth zu sehen. Die JTB-Inszenierung ist erst die zweite professionelle Produktion dieses Stücks in Deutschland, und dabei gleichzeitig die erste, in der die Rollen von Evan und seinen MitschülerInnen mit Jugendlichen besetzt sind, was dieser Inszenierung eine ganz besondere Authentizität verleiht. Dazu später mehr.

Erzählt wird die Geschichte des Teenagers Evan Hansen, der ein Außenseiter ist, unter Angststörungen leidet und von seinen MitschülerInnen ignoriert oder gemobbt wird. Eines Tages schreibt er im Rahmen seiner Therapie einen Brief an sich selbst, der ihm von Mitschüler Connor Murphy weggenommen wird. Kurz darauf begeht Connor Selbstmord und man findet Evans Brief bei ihm. Nun glauben alle, Evan und Connor seien heimlich gute Freunde gewesen, und plötzlich steht Evan im Mittelpunkt des Interesses und bekommt die Aufmerksamkeit, die er sich immer gewünscht hat, einschließlich der von Connors Schwester Zoe, in die er heimlich verliebt ist… Er bringt es nicht über sich, das Missverständnis aufzuklären und verstrickt sich immer weiter in ein Netz aus Lügen, bis es nur noch einen einzigen Ausweg gibt…

Gesungen und gespielt wird auf Deutsch, in einem Theater für überwiegend junges Publikum, das der englischen Sprache noch nicht so mächtig ist, eine gute und richtige Entscheidung. Nicht so gut ist allerdings die Übersetzung von Nina Schneider, die stellenweise etwas holprig klingt und insbesondere Kenner des englischen Originals bei einigen Songschnipseln wie „Wahnsinn! Wahnsinn!“ für „Words fail“ kurz zusammenzucken lässt. Doch insgesamt betrachtet, lässt sich dieser kleine Schönheitsfehler durchaus verschmerzen und überwiegt letztlich die Freude an dieser besonderen Inszenierung. Die Songs von Pasek und Paul zünden immer, egal, in welcher Sprache. Erst Recht, wenn sie so schwungvoll wie von der Band unter der Leitung von Ekaterina Klewitz (die auch für die gesamte musikalische Leitung verantwortlich ist) gespielt werden. Am Premierenabend war beim Ton gelegentlich noch etwas Luft nach oben, aber beim zweiten Besuch war davon nichts mehr zu spüren.

(c) Matthias Jung, Junges Theater Bonn

Die Inszenierung von Bernhard Niemeyer ist keine simple Kopie der Broadway-Fassung, sondern eine wunderbar gelungene eigenständige und einfühlsame Version des Stückes, die sich sensibel und klug jugendgerecht mit den ernsten Themen Einsamkeit, Mobbing und Suizid auseinandersetzt und trotz oder besser gerade wegen ihrer Schlichtheit mit starken Bildern und emotionalen Momenten überzeugt und vor allem berührt.

Ergänzend dazu hat sich Larissa Fühner ein paar fetzige Choreografien einfallen lassen, mit denen die Figuren ihren Gefühlen tänzerisch Ausdruck verleihen können und die die eher ernste Geschichte etwas auflockern. Das Bühnenbild von Mara Lena Schönborn ist passend zur Thematik eher düster und einfach gehalten. Die Bühne ist im vorderen Bereich weitgehend leer, die Wände dunkel, ein großes dunkles Gerüst, in dem sich unschwer symbolträchtig ein riesengroßer Baum in der Mitte erkennen lässt, der seine Zweige nach den Seiten ausstreckt, dient als Trennwand zur dahinter sitzenden Band und gleichzeitig auf den unterschiedlichen Spielebenen z. B. als Zimmer von Connor, Schlafzimmer der Murphys, Alanas Zimmer oder eben als Baumkrone, in die Evan klettert. An den Seiten links und rechts vorne befinden sich Leinwände, auf denen die Smartphone- Bildschirme von Evan, Jared und Alana abgebildet werden, jeder übrigens mit einem passenden Emoticon für die jeweilige Rolle versehen (Baum für Evan, Smiley mit Sonnenbrille für Jared usw.). Der einzige lebensfrohe Farbklecks sind die roten Äpfel auf dem Tisch der Murphys. Überhaupt kommt das Stück mit wenigen Requisiten (Lea Kübbeler) aus. Das Licht (Jens Naujoks) ist überwiegend kaltweiß, an einigen Stellen im Bühnenbild sind (ähnlich wie schon bei „Spring Awakening“) Neonröhren befestigt, die dem Ganzen eine kühle und triste Note verleihen. Lediglich am Ende schimmert der Gaze-Vorhang hinter dem Gerüst in hoffnungsvollen Blau- und Grüntönen.

Etwas Farbe ins Spiel bringen auch die Kostüme. Natürlich trägt Evan auch in dieser Inszenierung das obligatorische gestreifte T-shirt, allerdings unterscheidet sich das Muster deutlich von dem der Originalinszenierung. Und Connor kommt selbstverständlich am schwarzen Todeslook mit schwarzer Jeans und schwarzem Kapuzenpulli nicht vorbei. Dazu hat Katharina Savvides für jede Figur ein Kostüm gefunden, das den Charakter der Figur unterstreicht: Für die Jugendlichen Alltagsklamotten, wie man sie auf jedem Schulhof sieht, für Evans Mutter Heidi Hansen neben der Krankenschwesterntracht Jeans und ein schlichtes Shirt, für die finanziell besser gestellten Murphys elegantere Kleidung mit feineren Hosen, Bluse und protzigem Schmuck für Cynthia und dunklem eleganten Rollkragenpulli mit Jackett für Larry. Schaut man sich beide Ensembles an, so fällt darüber hinaus auf, dass jede/r Jugendliche ein eigenes individuelles Kostüm besitzt, das auf ihre / seine Persönlichkeit zugeschnitten ist, so dass sich kleine Unterschiede zwischen den einzelnen Besetzungen ergeben, was zugleich wunderbar unterstreicht, dass jeder Junge ein Evan, jedes Mädchen eine Zoe oder Alana sein könnte.

Und damit sind wir bei der Besetzung. Wie bereits erwähnt, werden die Rollen der Jugendlichen von Jugendlichen gespielt und sind doppelt besetzt. Beiden Gruppen ist die Begeisterung für das Stück und ihre Spielfreude deutlich anzumerken. Während die beiden Jugendgruppen, wertneutral eingeteilt in Gruppe A und B, sich von Vorstellung zu Vorstellung abwechseln, sind die Rollen der drei Erwachsenen einfach besetzt und werden in jeder Vorstellung von den denselben erwachsenen DarstellerInnen verkörpert. Dabei gehören Anja von der Lieth als „Cynthia Murphy“ und Axel Becker als ihr Ehemann „Larry Murphy“ fest zum Ensemble des JTB, wohingegen Musicaldarstellerin Nina Janke extra als Gast für die Rolle der „Heidi Hansen“ verpflichtet wurde, was sich als absoluter Glücksgriff erweist. Zwar können Lieth und Becker als reiches Elternpaar mit familiären Konflikten, das den Suizid des Sohnes verkraften muss und in Evan eine Art Ersatz findet, absolut überzeugen, doch Nina Janke sorgt mit ihrer wunderschönen Stimme und ihrem berührenden Spiel für die Gänsehautmomente des Abends, es scheint, als sei die Rolle der „Heidi Hansen“ extra für sie erfunden worden, man nimmt ihr in jeder Sekunde die liebende und besorgte alleinerziehende Mutter, die für ihren Sohn doch nur das Beste will, ab und fühlt mit ihr mit, vor allem am Ende im entscheidenden Gespräch mit Evan. Wenn sie dann noch vom „Truck in der Einfahrt“ singt, dann ist das so bewegend, dass es im Saal mucksmäuschenstill ist und man als ZuschauerIn plötzlich einen Kloß im Hals hat.

(c) Matthias Jung, Junges Theater Bonn

Die eigentlichen Stars dieser Inszenierung aber sind die Jugendlichen. Ganz egal, ob im Ensemble oder in einer der jugendlichen Hauptrollen, sie alle beeindrucken mit ihrem Talent und ihrer Professionalität. Mag vereinzelt auch mal ein Ton ein bisschen daneben gehen, die Leidenschaft, mit der die jungen KünstlerInnen bei der Sache sind, macht das mehr als wieder wett. Niemeyer ist es gelungen, zwei gleichwertige Gruppen zusammenzustellen, bei denen sich nicht nur die Gruppenmitglieder untereinander prima ergänzen, sondern darüber hinaus auch jede der beiden Gruppen für sich genommen die Geschichte durch ihre jeweilige individuelle Zusammensetzung auf ihre eigene Weise erzählt und jede Darstellerin, jeder Darsteller ihrer bzw. seiner Figur einen eigenen Stempel aufdrückt und dadurch eine andere Facette der Figur stärker hervorhebt. Annika Schneider und Sophie Dick stürzen sich beide mit Feuereifer als „Alana Beck“ in die Arbeit am „Connor Projekt“, Ahmed El Kholy und Maximilian Teschner sorgen als „Jared Kleinmann“ für die heiteren Momente des jeweiligen Abends. Interessant ist der Vergleich zwischen Clélia Oemus als „Zoe Murphy“, Connors Schwester, einerseits und Filia Faste andererseits. Während Clélia – übrigens mit toller Stimme, ihr Duett „Nur wir zwei“ mit Evan war ein Highlight der Premiere – eher die rebellische Tochter ist, die man sich zudem mühelos als Sängerin der Schulband vorstellen kann, für die Evan heimlich schwärmt, ist Filia eher die Schwester, die in der Familie durch den Wirbel um ihren Bruder ein bisschen in den Hintergrund gerückt ist. Laszlo Helbling und Albert Teves sind nicht nur optisch zwei ganz unterschiedliche „Connor Murphy“-Typen. Während Laszlo seinem „Connor“ etwas Düsteres, fast schon Bedrohliches verleiht und damit in gewisser Weise an Mephisto oder den Tod persönlich erinnert (Musicalfans könnten hier auch mit etwas Fantasie an „Elisabeth“ oder „Knockin‘ on Heavens Door“ in Fürth denken), eben ein Typ, dem man ungern auf dem Schulhof begegnen möchte, ist Albert mehr der depressive Junge, der anscheinend aufgegeben hat, dem alles egal ist und für den der Tod der einzige Ausweg zu sein scheint. Natürlich steht und fällt das Ganze insbesondere mit der Titelfigur „Evan Hansen“, einerseits packend gespielt von Martin Wald, der eher der schüchterne Evan ist, der unter seiner Unsicherheit leidet und irgendwie dabei ein bisschen an den Bastian aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ denken lässt, und Zoltán Selo andererseits, der mit seiner starken Bühnenpräsenz überzeugt und die Verzweiflung Evans besonders am Schluss in der Szene mit Mutter Heidi so deutlich werden lässt, dass nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum ein paar Tränen fließen. Sein Zusammenspiel mit Nina Janke ist großartig, die Szene wirkt in dieser Konstellation viel authentischer als in der Broadway- Version, man nimmt ihnen die Gefühle zwischen Mutter und Sohn vollkommen ab und beide sorgen damit für den absoluten „Magic Moment“ des Abends.

Was den zweiten Abend daneben außerdem so besonders machte, war die Tatsache, dass an diesem Abend zwei GebärdendolmetscherInnen vor Ort waren, die auf einer Seite neben der Bühne stehend das Stück simultan für die gehörlosen Gäste im Saal in Gebärdensprache übersetzten. Dieses Angebot existiert an ausgewählten Terminen übrigens auch bei anderen Stücken. Inklusion ist dem JTB sehr wichtig. Jede Zuschauerin, jeder Zuschauer soll sich wahrgenommen fühlen. Denn irgendwie ist ja jeder von uns ein bisschen Evan Hansen.

(c) Matthias Jung, Junges Theater Bonn

Das Publikum war an beiden Abenden begeistert und es gab völlig zu Recht beide Male Standing Ovations. Ein Besuch im JTB bei DEH lohnt sich auf jeden Fall!!! Oder nein, besser gleich zwei!!!

Wer noch keine Karten hat, sollte allerdings frühzeitig für den Herbst planen, die Vorstellungen im April und Mai waren sehr schnell ausverkauft, und auch die Tickets für die letzten Vorstellungen Ende Juni vor der Sommerpause sind längst weg… Die geplanten Termine für die Wiederaufnahme in der kommenden Spielzeit sind der 27.+28.11.2026 und der 11.+12.12.2026.

Weitere Infos und Tickets gibt es unter www.jt-bonn.de
 
Wir bedanken uns sehr herzlich beim Jungen Theater Bonn für die Einladung zu der Vorstellung am 29.04.26!

Artikel von Andrea