Im kritischen Licht: Extreme Wetterlagen und Open Air Spielbetrieb

Durchführung der Shows ohne wenn und aber?

Die Karl May Arena in Bad Segeberg ist während der 15 Uhr Vorstellung komplett in der Sonne. Bei Regen werden alle nass.

Der Klimawandel schreitet voran. Extreme Wetterlagen mit hohen Temperaturen oder Unwettergefahr nehmen in den Sommermonaten immer weiter zu. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Showunterbrechungen (z.B. TITANIC in Tecklenburg), Showabbrüchen (z.B. Karl May Spiele Bad Segeberg 2016 Premiere) oder zunehmend kollabierenden Besucher*innen im Publikum. 

Die Veranstalter von Pferdesportturnieren oder anderen sportlichen Wettbewerben reagieren dieser Tage mit Absagen und/oder Verschiebungen. Die meisten Veranstalter von kulturellen Events wie Open Air Konzerten oder Freilichttheatern halten an ihren Shows fest. Appellieren ans viele Trinken sowie Sonnenschutz und gestatten ggf. die Mitnahme von eigenen Getränken. Aber ist das noch verantwortbar? Wir können beide Seiten verstehen und haben ein paar Pro- und Kontraargumente gesammelt.

Fürsorgepflicht als Veranstalter

Eine Sommersaison ist mit viel Planung, Organisation und Kosten verbunden. Ticketkäufer freuen sich auf ihre gebuchten Ausflüge, verbinden diese unter Umständen mit einem Kurzurlaub, haben Reisekosten. Sagt ein Veranstalter die Vorstellung im Vorfeld ab, müssen die Tickets in der Regel storniert werden. Dies bedeutet zwangsläufig einen finanziellen Nachteil für den Veranstalter. 

Bei sehr gut gebuchten Stücken wird es zudem schwierig Tickets umzubuchen. Zusatztermine sind zwar im Vorfeld in der Planung berücksichtigt, aber ob sich eine Freischaltung dieser am Ende lohnt ist dennoch für den Veranstalter ein Wagnis und nicht selten hören Veranstalter, die mit Weitsicht eine Vorstellung absagen im Anschluss „War doch gar nicht so schlimm, wieso habt ihr denn abgesagt?“ (z.B. Gandersheimer Domfestspiele 2024, Absage wegen vorhergesagter Unwetter die am Ende an Gandersheim vorbeizogen). 

(c) Thalia Stuttgart

Die meisten Freilichtbühnen sind nicht auf kurzen, ebenerdigen Wege zu erreichen. Somit müssen Darstellende und Besucher*innen bereits vor der Vorstellung einen Fußmarsch absolvieren. Dabei sind Steigungen nicht selten, weshalb der Körper ordentlich in Bewegung kommt. Die Aufenthaltsplätze vor den Freilichttheatern, die wir regelmäßig besuchen, haben zudem teilweise nur wenig schattige Plätzchen um sich zu regenerieren. 

Aber auch bei Unwettern kann es schnell kompliziert werden, wenn der Weg zum sicheren Auto zu weit ist oder die Freilichtbühne keinen überdachten Zuschauerraum hat. 

In Anbetracht der Fürsorgepflicht als Veranstalter geht die Deutsche Bahn aktuell mit guten Beispiel voran und bietet seinen Kunden eine kostenlose Stornierung im Fernverkehr an. Ebenso konnten vor ein paar Tagen Tickets einer Lesung von Maren Vivien Haase kostenlos zurück gegeben werden.

Diese Möglichkeit könnte auch bei Tickets im Open Air Bereich in Zukunft eine Option sein. Wer aufgrund dieser Extreme lieber zu Hause bleiben möchte, kontaktiert die Kartenzentrale und kann z.B. umbuchen. Besucher, die kurzfristig vor Ort sind haben die Möglichkeit auf tolle Last Minute Plätze und keiner bleibt auf Kosten sitzen, denn der Ticketweiterverkauf über soziale Medien wird auch immer schwieriger. 

Arbeitsschutz für Darstellende

Auch den Mitwirkenden auf und hinter der Bühne machen die extremen Wetterlagen zu schaffen. Nicht immer sind alle Aufenthaltsorte klimatisiert oder wasserfest. Auch die Kostüme sind je nach Wetterlage durchaus suboptimal. Wir erinnern uns an ein „Doktor Schiwago“ bei den Freilichtspielen Tecklenburg mit dicken Pelzmänteln bei sommerlichen Temperaturen oder leichten Kleidchen bei „Miami Nights“ und nicht immer können die Kostüme ans Wetter angepasst werden.

Sprühnebelanlagen, ausreichend Trinkstationen und Co werden größtenteils eingerichtet. Aber reichen die? Sind die Shows so konzipiert, dass jeder ausreichend Möglichkeiten hat während der Vorstellung etwas zu trinken? Fürs Publikum ist das kein Problem, aber die Mitwirkenden?

Abgesagte Kulturevents am Wochenende 26.6.-28.6.

  • Oper Leipzig: Premiere „Pit & Paula – frisch versalzen“ auf der Schaubühne Lindenfels mit dem Kinder- und Jugendchor. Premiere verschiebt sich nun auf den 30. Juni. Da alle Veranstaltungen so gut wie ausverkauft sind, wird nach einem Zusatztermin geschaut (ohne Garantie). Die Karten für den 27. Juni können umgetauscht, gespendet oder erstattet werden.
  • Laienspielgruppe Polle: Die Vorstellungen von „Rudolpho Roffo ist da“ und Aschenputtel“ werden an diesem Wochenende abgesagt.
  • Kieler Woche: Einige Programmpunkte werden wegen der Hitze an diesem Wochenende abgesagt.
  • Theater Mönchengladbach: Absage der Veranstaltungen „KRMG.tanz 4 – Getanzte Bilder“ und „Merlin oder das wüste Land“ im Theater. 
  • Stage Apollo Theater: DIE EISKÖNIGIN kann bereits seit dem 24. Juni aufgrund einer technischen Betriebsstörung nicht stattfinden. Wie es am 27./28. Juni weitergeht ist noch nicht veröffentlicht. Wir drücken die Daumen, dass die Technik dann wieder geht!
  • Brüder Grimm Spiele Hanau: Alle Veranstaltungen an diesem Wochenende werden abgesagt. Für „Schneewittchen“ und „Das Herz eines Boxers“ finden am 29. Juni Ersatzvorstellungen statt.
  • Freilichtbühne Coesfeld: Absage der Nachmittagsvorstellungen am 27. & 28. Juni. 
  • Freilichtbühne Reckenfeld: Absage der Vorstellung am 27. & 28. Juni.

Sanitäter vor Ort

Hand aufs Herz: Wie lange ist dein letzter 1. Hilfe Kurs her? Kannst du dich noch daran erinnern, wie anstrengend die Übungen zur Reanimation waren? 

Man sitzt im Publikum, irgendwo passiert was und die Sanitäter müssen los. Nicht in luftiger Sommerkleidung, sondern in der kompletten Arbeitskleidung, inklusive schwerer Rucksäcke und weiteren Materialien. Ja, die anwesenden Sanitäter geben einen Sicherheit falls etwas passiert und man hofft, dass eben nichts passiert. Aber müssen sie extra herausgefordert werden, wo abseits der Veranstaltungen noch genügend Notfälle und Einsätze warten?

Unsere Open Air Tipps bei Extremwetter

Erst einmal entscheidet jeder eigenverantwortlich, ob er sich der Wettervorhersage mit ggf. Extremen unterziehen will oder nicht. Ja, das kann in Zukunft vielleicht dazu führen, dass weniger Leute im VVK ihre Tickets erwerben und spontaner werden. Das sollten Veranstalter auf Sicht gesehen einkalkulieren, aber die eigene Sicherheit sollte immer vorgehen!

Nimm folgendes mit zu deinem Open Air Ausflug

  • bei Wärme/Hitze: Handventilator, Kühltücher, kalte Getränke (Kühltasche oder Aluflaschen), Sonnencreme, Mückenspray, ggf. Kopfbedeckung
  • bei Regen/Unwettergefahr: Regenkleidung

Eine Entscheidung in die ein oder andere Richtung zu fällen ist nicht einfach, weder als Veranstalter noch als Besucher. Aber für die Zukunft sollte vielleicht das ein oder andere Konzept überdacht werden. Späterer Vorstellungsbeginn in den Abendstunden, weniger Nachmittagsvorstellungen in gleißender Sonne könnten erste Ideen für Umstrukturierungen sein. Nur weil etwas seit Jahrzehnten so ist, heißt es nicht, dass man nicht etwas ändern kann. Nur Stillstand ist Rückstand!


Artikel von Anna-Virginia