Gandersheimer Domfestspiele 2026 – Hello, Dolly!

„Es kann oft ein Moment sein“

© Julia Lormis

Premiere & rezensierte Vorstellung: 03. Juli 2026

HELLO, DOLLY! zählt zu den Broadway-Klassikern wie WEST SIDE STORY oder MY FAIR LADY. 1964 uraufgeführt, feierte es über 2800 Aufführungen im St. James Theatre New York. Die Musik und Gesangstexte stammen von niemand geringeren als Jerry Hermann (Dear World, Parade, Käfig voller Narren), das Buch schrieb Michael Stewart und die deutsche Übersetzung lieferte Robert Gilbert. 

In Bad Gandersheim hat Regisseurin Rita Sereinig ganze Arbeit geleistet. Ein Hauch Wiener Eleganz schwingt über dieser Inszenierung, aber nicht nur das. Aufgrund der Tatsache, dass in Bad Gandersheim ohne Pause gespielt wird, musste das Musical auf gut 2 Stunden gekürzt werden. So hat Sereinig in dieser Neuinszenierung nicht nur die Handlung gestrafft, sondern auch modernisiert. Hier sind die handlungstragenden Figuren alle jünger als im Original und für die verwitwete Dolly steht nicht das Geld im Vordergrund, sondern der Traum nicht mehr alleine zu sein. 

HELLO, DOLLY! spielt im späten 19. Jahrhundert in New York und dem ländlichen Vorort Yonkers. Was heute das Online-Dating übernimmt, haben früher Menschen wie Dolly Levi erledigt. Dolly zieht die Fäden und vermittelt so manchen Junggesellen. Im Mittelpunkt der Heiratsvermittlung steht Horance Vandergelder, sowie durch Zufall auch seine beiden Angestellten Cornelius und Barnaby. 

Vandergelder betreibt ein Handelsgeschäft und wurde durch Dolly an die Hutmacherin Irene Molloy vermittelt. Er beabsichtigt Mrs. Molloy in New York zu besuchen und übergibt die Leitung des Geschäfts an seinen 1. Vorarbeiter Cornelius. Nachdem Cornelius die Nase voll hat, abermals zum 1. Vorarbeiter ohne freien Tag befördert worden zu sein, beschließt er ebenfalls nach New York zu reisen und das Geschäft alleine zu lassen. Barnaby begleitet ihn schließlich, nachdem Cornelius mit einem ausgestopften Wal in Barnums Kuriositätenkabinett winkt.

© Julia Lormis

Dolly hat bereits den Plan Horance Vandergelder die Liason mit Irene Molloy madig zu machen. Als Plan B hat sie Ernestina Money für ihn im petto. Horance weiß nicht, dass Ernestina Dolly einen Gefallen tut, damit Dolly am Ende an ihr eigenes Ziel kommt. Welches, das verraten wir natürlich noch nicht.

Während Dollys eigener Plan Stück für Stück in die richtige Richtung verläuft und sie auch von ihrem Verstorbenen Mann Ephraim ein Zeichen erhält, straucheln Cornelius und Barnaby von einem Fettnäpfchen zum anderen. Diese Fettnäpfchen erzeugen aber bleibende Momente im Leben der beiden. Denn so verliebt sich Cornelius in Irene Molloy und Barnaby in ihre Freundin Minnie Fay. Das Chaos nimmt allerdings kein Ende, bis Dolly am Ende alle Fallstricke auflöst.

Rita Sereinigs Inszenierung ist flott, modern, verjüngt, zeitlos und bindet das Publikum nicht nur einmal mit ein. Die dritte Wand wird mehrfach durchbrochen, wenn das Ensemble oder einzelne Darsteller durch den Zuschauerraum ihren nächsten Auftritt nehmen. Vielleicht steckt einem sogar Dolly persönlich ihre Visitenkarte zu.

© Julia Lormis

Das Kostüm- und Bühnenbild von Aylin Kaip ist ein Traum in lila, rosa und grün Tönen. Die New Yorker Skyline mag im ersten Moment etwas an WICKED erinnern, schafft aber eine lebensfrohe Spielfläche für das Ensemble. Die Kostüme sind farblich auf das Bühnenbild abgestimmt und passen vom Schnitt in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts. Dollys Hut ist bombastisch und ein echter Hingucker. 

Unter der Leitung von Ferdinand von Seebach erklingt die Partitur in einer Band-Besetzung. Sieben Musiker*innen lassen die Noten tanzen. Immer wieder erlaubt auch das Bühnenbild einen Blick in den Bandraum im Torbogen der Stiftskirche. 

Das Ensemble harmoniert von der ersten bis zur letzten Position und hat eine Spielfreude, die ansteckend ist. Es fällt schwer einzelne Darsteller*innen gesondert herauszustellen, da zum Gelingen dieses beswingten Abends einfach alle ihren Beitrag gleichermaßen leisten. Seien es Stephan Luethy und Christopher Gründinger als quirliger Cornelius und Barnaby oder Lisa Radl und Theresa Löhle als Irene und Minnie. 

Dennoch möchten wir auf die Titelrolle Dolly eingehen, welche von Nadine Kühn gespielt wird. Kühn begeistert von der ersten bis zur letzten Sekunde als Dolly Levi (geb. Gallagher). Ob nachdenklich oder Fäden ziehend, Kühn zieht einen in ihren Bann. Es gibt nur wenige Szenen für Kühn zum verschnaufen, denn die meiste Zeit ist sie auf der Bühne präsent zum hin und her schubsen der Heiratswilligen. Mit „Ich lass die Musik nicht vorbei“ oder „Ich war immer eine Frau, die gern was arrangiert“ kann Kühn gesanglich Höhepunkte des Abends setzen. Mit „Leb´wohl, Liebling“ kann Kühn auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen. 

© Julia Lormis

Mit ihrem Spielpartner Dominik Müller als Horance Vandergelder harmoniert Kühn fantastisch. Müller verkörpert einen eigenbrötlerischen und geizigen Mann nach alten Rollenklischee und seien wir mal ehrlich, diese Männer gibt es auch heute noch, die eine Lady brauchen die „schnurrt“, kocht und vieles mehr. Neben seiner Position im Ensemble zeichnet sich Müller erneut für die Choreografie in Bad Gandersheim verantwortlich. Die Choreografien sind getragen von Wiener Walzer, Charlston und Slowfox. So große Tanznummern (im Schnitt mindestens 8 plus Haupt-/Nebenrollen) haben wir vor der Stiftskirche bisher noch nicht erleben können. Bravo! 

Fazit

Ein Klassiker im frischen Gewand, den man gesehen haben sollte. Ein spielfreudiges und starkes Ensemble erzeugt einen Abend der guten Unterhaltung. Wir haben selten so herzhaft, während eines Musicals, gelacht ohne das es im Vorfeld klar war. 

HELLO, DOLLY! ist an ausgewählten Terminen noch bis zum 15. August 2026 vor der Stiftskirche zu erleben. Tickets gibt es über die bekannten VVK-Stellen oder direkt über die Gandersheimer Domfestspiele

Am Premierenabend spielten

  • Dolly Gallagher: Nadine Kühn
  • Horance Vandergelder: Dominik Müller
  • Cornelius Hackl: Christopher Gründinger
  • Barnaby Tucker: Stephan Luethy
  • Irene Molloy: Lisa Radl
  • Minnie Fay: Theresa Löhle
  • Ernestina Money/ Ensemble: Pauline Schubert
  • Ermengarde/ Ensemble: Felicia Aimée
  • Ambrose/ Ensemble: Lukas Baeskow
  • Ensemble: Ellen Kärcher, Martina Pallinger, Alexander Plein, Rahel Wissinger, Jeanne Rehe

Impressionen vom Schlussapplaus

Wir bedanken uns bei den Gandersheimer Domfestspielen für die Einladung!


Artikel & Fotos Schlussapplaus von Anna-Virginia