Freilichtspiele Tecklenburg 2025 – TITANIC

Aufbruch in eine neue Welt

© Daniel Lagerpusch

Premiere: 25. Juli 2025 – rezensierte Vorstellung: 27. August 2025

Es fällt uns schwer die Inszenierung in Worte zu fassen und das passiert uns äußerst selten. Nachdem ich mich 2023 am Theater Osnabrück bereits einmal auf Jungfernfahrt begeben habe, hatte ich doch den ein oder anderen Punkt im Musical, der mich nicht zu Jubelsprüngen veranlasste als die Freilichtspiele Tecklenburg ihre Spielzeit 2025 präsentierten. Was Ulrich Wiggers mit seinem Team nun allerdings geschaffen hat, zaubert trotz aller Dramatik einen cineastischen Abend. Hier stimmte einfach alles. Zurecht sind fast alle Vorstellungen ausverkauft.

TITANIC – Das Musical ist wohl eins der wenigen Stücke, welches historische Fakten und Geschichten von Persönlichkeiten ohne fiktive Momente dem Publikum näher bringt. Das Publikum erfährt an ausgewählten Beispielen etwas über das Leben und die Träume der Passagiere beim Aufbruch in die neue Welt „Amerika“. Das von 2200 Passagieren lediglich wenige Hundert Frauen und Kinder überlebten, ist nicht nur dem Konstruktionsfehler zuzuschreiben, sondern auch der Gier nach Geld und Macht. Am Ende waren dem Schiffseigner Ismay großzügige Kabinen wichtiger als ausreichend Rettungsboote.

© Daniel Lagerpusch

Das Bühnenbild von Jens Janke verwandelt die Burgruine wahrlich in die RMS Titanic. Über die gesamte Spielfläche verteilen sich die vier ikonischen Schornsteine. Verschiedene Spielebenen symbolisieren die Klassen. Durch die digitalen Bilder auf dem Schiffsrumpf (Digital Artist: Bonko Karadjov), konnten die Schauplätze wie der große Saal der 1. Klasse oder das Promenadendeck dargestellt werden. Besonders beeindruckend sind die digitalen Bilder des Wassers, fast schon 3D mäßig steigt das Wasser im Schiff auf oder die Wellen sorgen für das Zerbersten des Rumpfes. Die Schiffszeichnung geht im Atlantik unter und im nächsten Bild befindet sich das Publikum am Meeresgrund und sieht das Schiffsfrack vor sich. Aber auch der Einsatz eines großen dunklen Eisbergs in original Größe, welcher unten vom Tor auf das Publikum bzw. die TITANIC zurast ist in Verbindung mit der Musik beeindruckend.

Fabienne Ank hat mit ihren Kostümen erneut funktionale und historisch passende Teile geschaffen. Die cineastische Partitur von Maury Yeston wurde wunderbar vom Orchester der Freilichtspiele Tecklenburg, unter der Leitung von Juheon Han umgesetzt. Gänsehaut vom ersten bis zum letzten Ton.

Die Choreografien von Francesc Abós suchen erneut ihres Gleichen. Sie fügen sich in die Szenerien ein, unterstützen und schaffen eine fabelhafte Atmosphäre. 

Ulrich Wiggers hat in seiner Inszenierung Kleinigkeiten angepasst oder noch mehr in den Fokus gesetzt. Auch die Kürzung an der ein oder anderen Stelle tun dem gesamten Stück gut. Die klassischen Haupt- und Nebenfiguren sucht man bei der TITANIC vergeblich, denn jede einzelne Persönlichkeit die ausgewählt wurde, ist bei dieser Katastrophe eine Hauptfigur. 

Schiffskonstrukteur Thomas Andrews alias Alexander di Capri läuft in fast jeder Szene über die Titanic und begutachtet genaustens, wie sich das Material zur Fahrt verhält und man merkt mit jedem Gang, dass auch er allmählich ahnt, was auf die Passagiere zukommen wird. Das verleiht der Figur viel mehr Tiefe. Höhepunkt des Abends ist für di Capri das Terzett mit Benjamin Eberling (Kapitän Smith) und Felix Martin (J. Bruce Ismay), wenn die „Schuldfrage“ geklärt werden soll. Ein emotionaler Moment, bei dem man merkt, dass jeder sich ein Stück weit die Schuld gibt und nur einer sich am nächsten ist.

Benjamin Eberling verleiht seinem Kapitän eine gute Prise Autorität. Er ist eine hanseatische Erscheinung, der mit seiner Stimme die Brücke bestens im Griff hat und am Ende gemeinsam mit Andrews und der TITANIC untergeht.

© Daniel Lagerpusch

Die drei Kates von Laura Araiza Inasaridse, Hannah Miele und Gioia Heid dargestellt, präsentieren mit dem Ensemble ein starkes „In Amerika“ und zeigen die Träume der Passagiere der 3. Klasse. Auch das Liebesduett „Wir sehen uns wieder“ im zweiten Akt mit Michael B. Sattler (Jim Farell) und Laura Araiza Inasaridse (Kate McGowan) wird zum magischen Moment auf der sinkenden TITANIC. 

Patrick Schmitz und Bettina Meske als Edgar und Alice Beane sorgen für die lustigen Momente im Stück. Schmitz und Meske agieren Hand in Hand und wenn man ganz ehrlich ist, hat es der Edgar mit seiner Alice, die unbedingt die Gäste der 1. Klasse sehen möchte, wahrlich nicht einfach. Hinzu kam in unserer besuchten Vorstellung ein erneutes Gewitter, welches kurzerhand die Mikros flutete. Nach der Regenunterbrechung wollten Meske und Schmitz schließlich wieder dort einsetzen, wo sie zuvor aufgehört hatten und ein kurzer Lachflash, der aufs Publikum überschwappte, sorgte für Erheiterung aller Beteiligten. Solche Momente zeichnen Livetheater aus und machen jeden Theaterbesuch zu etwas ganz besonderem. 

© Daniel Lagerpusch

Für Gänsehaut und geballte Emotionalität sorgen Isidor und Ida Strauß aka Anton Rattinger und Masha Karell. Beide im letzten Abschnitt ihres Lebens, verstehen teilweise den Aufbruch in eine neue Welt nicht und so entscheiden sie sich gemeinsam auf dem sinkenden Schiff zu bleiben. „Wie vor aller Zeit“ lässt einen sprachlos und mit einem Tränchen im Auge zurück.

Nikolas Schwab als Frederick Fleet (Ausguck) umrahmt mit „Kein Mond“ das Finale im 1. Akt, aber auch alle anderen Ensemblemitglieder tragen zum Gelingen des Abends in ihren einzelnen Rollen bei. Denn bei der TITANIC bleibt kein Ensemblemitglied ohne eine Rollenfigur. 

Die Inszenierung der TITANIC bei den Freilichtspielen Tecklenburg ist auf den Punkt. Ein wahres Bühnenkunstwerk, welches von weiteren Inszenierungen nur schwer zu toppen sein wird. Wer es nicht nach Tecklenburg geschafft hat, der ist selbst Schuld dieses Spektakel verpasst zu haben. Am 14. September feiert die TITANIC ihre Derniere in der Burgruine. Es gibt noch wenige Restkarten. 

Besatzung der RMS Titanic bei den Freilichtspielen Tecklenburg

  • Kapitän Smith: Benjamin Eberling
  • Thomas Andrews: Alexander di Capri
  • J. Bruce Ismay: Felix Martin
  • Frederic Barett (Heizer) & Benjamin Guggenheim: Til Ormeloh
  • Harold Bride (Funker) & J.H. Rogers: Tobias Bieri
  • Isidor Straus: Anton Rattinger
  • Isa Straus: Masha Karell
  • Henry Etches (Steward) & Wallace Hartley: Gerben Grimmius
  • Frederick Fleet (Ausguck): Nicolai Schwab
  • Charles Lightroller (2. Offizier) & John J. Astor: Jan Altenbockum
  • William Murdoch (1. Offizier): Mathias Meffert
  • Herbert Pitman (3. Offizier): Christian Rosprim
  • Robert Hiches (Rundgänger): Niklas Roling
  • Joseph Boxhall (4. Offizier): Tim Grimme
  • Alice Beane: Bettina Meske
  • Edgar Beane: Patrick L. Schmitz
  • Jim Farell: Michael B. Sattler
  • Kate McGowan: Laura Araiza Inasaridse
  • Kate Murphy: Hannah Miele
  • Kate Mullins: Gioia Heid
  • Charlotte Cardoza: Esther-Larissa Lach
  • Caroline Neville: Elena Franke
  • Charles Clarke: Hector Mitchell-Turner
  • Mme Aubert: Giulia Fabris
  • Andrew Latimer: Lorenzo Eccher
  • Eleanor Widener: Nadine Bass
  • George Widener: Oriol Tula
  • Marion Thayer: Bernadette Fröhlich
  • John Thayer: Michael Berres
  • Madeleine Astor: Caroline Hat

Artikel von Anna-Virginia



Vorstellung am 10. August 2025 

Wie eingangs beschrieben, ist diese grandiose Produktion der bekannten Geschichte rund um die Titanic eine Show, die tief berührt. In der es Momente gab, in denen eine Totenstille herrschte. Eine Stille, in der nicht nur die Darsteller, sondern auch das Publikum zutiefst berührt waren.  

Esther-Larissa Lach sprang an diesem Abend kurzfristig für die erkrankte Bettina Meske in die Rolle der Alice Beane. Eine Künstlerin, die uns nicht nur mit ihrem grandiosen Spiel, sondern auch ihrer starken Stimme begeistern konnte. Wer in so kurzer Zeit eine derart große Rolle erlernen und sie dann auch noch mit einer solchen Sicherheit spielen kann, dass man meinen könnte, Esther-Larissa Lach hätte nie eine andere Rolle gespielt, beweist, dass sie ein Profi durch und durch ist. Diese Powerfrau in Tecklenburg auf der Bühne zu sehen oder ihren Namen bei der Bekanntgabe der Cast zu lesen, sorgt immer für große Vorfreude. 

© Stephan Drewianka

Eine Frau, die nicht nur durch ihre Stimme oder ihr Schauspiel, sondern insbesondere durch ihren Tanz auffiel, war Giulia Fabris. Es gab Szenen, in denen es mir unmöglich war, dem gesamten Geschehen auf der Bühne zu folgen, weil ihr Tanz mich in den Bann zog. Es gibt Tänzer und Tänzerinnen, die sehr gut tanzen. Und dann gibt es Giulia Fabris, die es versteht, in ihren Tanz so viel Ausdruck, Emotionen und unausgesprochene Worte zu legen, dass ich völlig ergriffen war. Unfähig, meinen Blick von ihr abzuwenden, ziehe meinen imaginären Hut vor dieser Ausnahmetänzerin.  

In der Schlussszene herrschte Stille. Die Überlebenden standen auf der Bühne – die Darsteller zeigten ihre tiefe Betroffenheit durch ihre Blicke. Kein Wort, kaum eine Bewegung – nichts. Und dann folgte etwas, das mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ: Die Namen der Menschen, die bei dieser Tragödie ihr Leben auf tragische Weise verloren hatten, wurden eingeblendet. Spätestens hier wurde erneut deutlich, dass wir nicht nur ein Musical in einer durch und durch perfekten Inszenierung sahen. Nein, es war Geschichte. Eine Tragödie, die uns bis heute tief berührt. In dieser Szene wurde all den Menschen, die auf so tragische Weise starben, eine ungeheure Anteilnahme zuteil. Eine Erinnerung, dass wir nicht immer besser, schneller, höher, größer – immer auf der Jagd nach neuen Rekorden und Anerkennungen – sein müssen.  

Manchmal ist das, was wir haben, genug.  Manchmal kann der Ehrgeiz, ein paar Stunden eher ans Ziel zu gelangen, dazu führen, nie anzukommen.  Danke an die Freilichtspiele Tecklenburg für diese tief emotionale Inszenierung, die nicht nur uns sprachlos zurückgelassen hat.  


Ergänzender Beitrag von Sandra