DIE WEISSE ROSE – Das Musical wissenschaftlich betrachtet – Teil 2
Erzählmuster und Inszenierungsstrategien
Nachfolgend gibt es eine etwas andere Art der Rezension, nämlich auf theaterwissenschaftlicher Ebene mit dem Bezug zur Geschichte. In den Theaterwissenschaften wird häufig für eine Kritik die Inszenierungsanalyse nach Patrice Pavis (1988) herangezogen. Dieser Fragenkatalog des französischen Theatersemiotikers beleuchtet verschiedene Ebenen einer Theateraufführung. Von Handlung über Bühnenbild/ Requisite/ Licht bis hin zu Spielweisen oder der Funktion von Musik. Das Kapitel 6.1 betrachtet zunächst das große Ganze des Musicals, bevor es in unserem Teil 3 (Kapitel 6.2) detaillierte Szenenanalysen gibt.
Das Musical „Die Weiße Rose“ ist klassisch in zwei Akte aufgeteilt. Insgesamt gibt es 23 groß angelegte Szenen, die entsprechend im Textbuch kenntlich gemacht sind. Einige dieser großen Szenen, haben zusätzlich kleinere Szenen am gleichen Handlungsort oder aus anderer Perspektive. Es treten 32 Personen im Musical auf, wovon 12 als Hauptfiguren gekennzeichnet sind. Alle Darstellenden, außer jene von Hans und Sophie Scholl, schlüpfen im Verlauf der Handlung noch in weitere Rollen, wie Gestapo Beamte, Richter oder weitläufige Freunde.
Szene 1.01
Zu Beginn ist die Bühne schwarz.
Man hört den Ausschnitt einer Propagandarede,„Heil, Heil, Heil…
Mein Führer,
am heutigen Abend ist nicht nur Ihr Volk,
sondern ist die ganze Welt Ihr Zuhörer.
Das deutsche Volk steht wie ein Mann hinter Ihnen.
Das deutsche Volk hört heute nur noch auf eine Stimme,
und das ist die Ihre…“
Diese Szene leitet schließlich in den Prolog und zum ersten Lied „Heimat“ von Sophie Scholl über. Im Prolog sieht man laut Regieanweisung im Textbuch, Sophie in einem Lichtkegel sitzen, wie sie zeichnet. Diese Zeichnung wird an der Wand im Hintergrund schließlich lebendig. Die Zeichnungen basieren auf Originalskizzen von Sophie Scholl und wurden für das Musical vom Digital Creator Jens Hahn angefertigt.
Dem Publikum wird in diesen ersten Minuten des Musicals vor Augen geführt, welch Fanatismus hinter dem Nationalsozialismus stand und man bekommt eine erste Interpretationsidee, warum Hans und Sophie Scholl mit ihren Freunden den zivilen Widerstand eingeschlagen sind. Denn das Lied „Heimat“ springt schließlich in die Jugend der Protagonisten zurück.

Dabei handelt es sich um einen Schulaufsatz von Sophie Scholl, der 1:1 wörtlich übernommen wurde. Einzelne Wörter wurden lediglich für die Singbarkeit geändert, die Authentizität bleibt aber erhalten (vgl. Pressekonferenz 2025, Min 1:21-3:20). Die Musik ist dabei fröhlich und im Lied wird auf der Textebene deutlich, dass sie glücklich und dankbar ist. Sie liebt die Natur und könnte die ganze Welt umarmen.
Zu diesem Bruch kommt es durch einen zeitlichen Sprung in der Erzählweise. Das Musical beginnt nämlich 1934 mit der Mitgliedschaft von Hans und Sophie Scholl in der Hitlerjugend. Im weiteren Verlauf schreitet die Handlung chronologisch voran und endet 1943 mit den Abschiedsbriefen mehrerer Gruppenmitglieder. Unterbrochen wird diese Chronologie durch Szenen aus den Verhören der verschiedenen Mitglieder der „Weißen Rose“. Diese sollen beim Publikum eine böse Vorahnung erzielen, worin die Geschichte enden wird.
Durch die Chronologie lernt das Publikum auch Stück für Stück die verschiedenen Hauptfiguren kennen. Erst die Familienmitglieder Inge, Magdalena und Robert, später dann Studienkollegen, wie Willi Graf oder Professoren wie Herrn Huber. All diese Figuren erhalten ihre Perspektiven auf den Widerstand, sodass Multiperspektivität über das gesamte Stück geschaffen wird.
Die Verantwortlichen betonen mehrfach in ihren Ausführungen, dass der Fokus der Erzählung auf den Fakten und dem historischen Hintergrund liegt. Dies erkennt man auch im offiziellen Musikvideo „Ein deutsches Flugblatt“, wo Vera Bolten u.a. aus „Die weiße Rose“ von Inge Scholl und „Flamme sein“ von Robert M. Zoske zitiert.

Während des Stückes kommt es aber immer wieder zu kleinen zeitlichen Sprüngen oder auch Flashbacks, so z.B. in Szene 1.08, in der Hans Scholl von einem Gestapo-Beamten 1943 verhört wird, um dann in der Szene 1.09 ins Jahr 1939 und 1940 zurückzuspringen. In der Szene „Vers La Lumiére“ werden Tagebucheinträge von Hans Scholl musikalisch vorgetragen. Auf diese Szene wird in Kap. 6.2. noch genauer eingegangen.
Musikalisch ist das Musical ausgelegt auf ein Rock-Band-Set, bestehend aus einer Violine, einem Violincello, einem Bass, einem Schlagzeug und Keyboard sowie zwei Gitarren. Dies ermöglicht musikalisch verschiedene Stile einzuschlagen. So wird der Briefwechsel in „Sophies Walzer“ zwischen Sophie und Fritz von Walzerklängen begleitet, welches sich auch in den Bewegungen der Darstellenden widerspiegelt (vgl. Video Tag der offenen Tür 2) oder Alexander Schmorells Song „Barbarossa“ zur Punkrock-Nummer als Ausdruck von Wut.
Über das gesamte Stück hinweg werden Songs der Protagonisten dazu genutzt, die Handlung weiter voranzutragen, aber auch um ihre Gefühle und Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Den Großteil der Handlung tragen klassisch Dialoge und Gespräche die Handlung voran.
Auf sprachlicher Ebene wird im gesamten Stück hochdeutsch gesprochen. Allerdings zeigt der Hinweis im Textbuch der Originalproduktion in der ersten Szene, dass es auch einen Dialekt gibt. Da die Geschwister Scholl in Ulm aufgewachsen sind, sprechen die Eltern schwäbisch und die Kinder haben eine schwäbische Färbung in der Sprache. Mit dem Erwachsenwerden verschwindet bei den Kindern die schwäbische Färbung.
Anmerkung: In der Originalproduktion sprechen die Eltern Schwäbisch und die Kinder haben eine schwäbische Färbung in der Sprache, wenn sie mit den Eltern
sprechen.
Das Bühnenbild und die Kostüme sind bewusst schlicht gehalten, um die Handlung in den Mittelpunkt zu stellen. Alle Protagonisten tragen schwarze Kleidung und ergänzen diese nur durch kleinere Requisiten, wie ein HJ-Tuch oder eine Soldatenuniform. Auch das Bühnenbild wird durch einen schwarzen Raum mit zwei verschiebbaren Treppenelementen sowie zahlreichen Würfeln gestaltet. Hinzu kommen die bereits erwähnten Zeichnungen an der LED-Wand, um eine passende Atmosphäre zu kreieren. Um sich zeitlich gut orientieren zu können, werden gelegentlich wichtige Daten eingeblendet.

Die Choreografien von Bart de Clerq sind bei der „Weißen Rose“ eher Bewegungen als klare Tanzchoreografien. Mit diesen Bewegungen werden die Emotionen, die durch die verschiedenen Musikstile hervorgerufen werden, unterstützt und bringen eine zusätzliche Dynamik mit sin Geschehen. Zudem sind alle Darstellenden immer auf der Bühne präsent, sodass entweder verschiedene Songs durch zusätzliche Bewegungen eine Rahmung erhalten oder sie zu stillen Beobachtern werden.
Auch das Lichtdesign bildet in der „Weißen Rose“ einen hohen Stellenwert. Das Licht dient nicht nur als Spotlight zum Verfolgen der Protagonisten auf der Bühne. Vielmehr werden Stimmungen erzeugt und abstrakte Themen erfahrbar gemacht.
Choreografie, Bühnenbild, Musik, Text, Licht und Kostüme sind im Musical ein Mittel der Narration. Auch wenn es in der „Weißen Rose“ keine bunten Bühnenbilder oder große Ensemblenummern gibt, wird gerade durch das Wenige vieles erzählt, aber auch durch die Emotionalisierung ins Publikum transportiert.
Masterarbeitsauszug von Anna-Virginia
Weitere Auszüge der Masterarbeit