DIE WEISSE ROSE – Das Musical wissenschaftlich betrachtet – Teil 1

DIE WEISSE ROSE – Rezeptionsgeschichte

In der Masterarbeit ist unsere Autorin Anna-Virginia der Frage nachgegangen, inwiefern historische Musicals das Geschichtsbewusstsein fördern können. Dabei ging es nicht nur explizit um Schülerinnen und Schüler, sondern allgemein ums Publikum. Denn auch nach der Schule geht die Geschichtsvermittlung weiter, wenn wir z.B. Filme gucken, Bücher lesen oder ins Theater gehen. Im Folgenden greifen wir ein erstes Kapitel aus der Arbeit heraus, welches sich direkt mit der WEISSEN ROSE beschäftigt. Im Vorfeld dieses Kapitels wurden theoretische Grundlagen geschaffen, auf die wir hier vorerst nicht eingehen möchten, da sie ggf. den Rahmen sprengen. Weitere Auszüge werden folgen in Kombination mit unserer Rezension zur aktuellen Tournee!


Die vorangegangene theoretische Untersuchung in Kapitel 2 zeigt, dass Musik weit mehr als ein bloßes Unterhaltungsmedium ist. Sie ist eine „geschichtsmächtige“ Quelle, die soziale Bewegungen und politische Diskurse widerspiegeln kann. Für das Genre des Musicals ist dabei besonders die Kategorie des Historienliedes relevant, da hier durch narrative Tiefe und emotionale Resonanz eine Rekonstruktion von Geschichte stattfindet. Die didaktische Herausforderung im Umgang mit Werken wie „Die Weiße Rose – Ein Musical über Umdenken, Verantwortung und Mut“ liegt darin, die affektive Wirkung der Musik als Erkenntnisquelle zu nutzen, während gleichzeitig die historische Distanz gewahrt bleibt.

© Isabella Adenäuer

Die geschichtskulturelle Relevanz für dieses noch junge Musicals, welches 2025 seine Uraufführung gefeiert hat, ist bereits sehr hoch. Ausgezeichnet mit sieben Musicaltheaterpreisen der Deutschen Musicaltheaterakademie sowie mit zahlreichen ausverkauften Vorstellungen in der ersten Spielzeit an den Standorten Füssen und München. Aufgrund des Erfolges und der steigenden Nachfrage, geht das Musical diesen Sommer auf eine erste Tournee mit Standorten in Füssen, München, Köln, Düsseldorf, Stuttgart und Berlin.

Jüngste Prognosen aus der Pressekonferenz im März 2026 zeigen, dass der Vorverkauf an den Standorten Füssen und München besser läuft, da sich die Thematik und deren Umsetzung bereits herumgesprochen hat. Auch die Auslastung der Schülervorstellungen über alle Standorte hinweg, lag zu diesem Zeitpunkt bei bereits 65 %. Zudem wartet an allen Standorten eine zusätzliche Ausstellung mit 30 Bild- und Texttafeln rund um die „Weiße Rose“ auf alle Besucher des Musicals. Diese Ausstellung wurde von der Stiftung der „Weißen Rose“ konzipiert. Die Stiftung begleitet das Musical seit der Entstehung und macht deutlich, dass mit diesem Stück die Geschichte weitergetragen wird, da es verschiedene Zugänge für dieses Thema bräuchte.

Doch die heutige Relevanz war nicht immer so hoch. Christian Ernst hat in seiner Monografie „Die weiße Rose – eine deutsche Geschichte?“ zahlreiche Eckpunkte um die Rezeption und Erinnerung der Widerstandsbewegung zusammengetragen. Im Folgenden soll ein kurzer Einblick in die Rezeptionsgeschichte der „Weißen Rose“ gegeben werden, um zu verstehen, warum die heutigen Ansätze mittels historischer Musicals wichtiger denn je sind.

Einblick in die Wanderausstellung zum Musical © Isabella Adenäuer

Ernst trägt zusammen, dass es ab der Mitte der 1970er Jahre eine Fülle an Literatur und Quellen rund um den Widerstand zum Nationalsozialismus zugänglich gemacht wurde. Bereits direkt nach Kriegsende gingen erste Publikationen auf den Widerstand in Deutschland ein, allerdings handelte es sich dabei zumeist um ausländische Publikationen. Der Historiker Friedrich Siegmund-Schulze formulierte in seiner Arbeit, dass es wichtig sei die „deutsche Widerstandsbewegung in Deutschland bekannter zu machen“ (vgl. Ernst, S. 21f). 

Es zeichnet sich früh in der Rezeptionsgeschichte ab, dass die Widerstandsliteratur für verschiedene Bereiche besonders gut geeignet war bzw. ist. Sie dient zum einen der „Aufklärung unter der Bevölkerung“ und zum anderen als „Kraftquelle für Opfer, deren Schicksal darin widergespiegelt wird“. Zudem ist diese Literatur für Richter*innen relevant als „Quelle zur Urteilsbildung“ und für Lehrer*innen, sowie Erzieher*innen für die „Bildung und die Vermittlung eines neuen Geschichtsbildes der ungeteilten, kämpferischen Humanität“ (vgl. ebd.). Daraus zeichnet sich ab, dass die „Weiße Rose“ zwar für eine breite Bekanntmachung zielführend war, aber für die Wissenschaft weniger relevant schien.

Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zeichneten sich zwei Tendenzen zur Deutung der Widerstandbewegung ab. In der DDR wurde den Geschwistern Scholl ein „lebendiges Erbe“ zuteil, indem Straßen und Gebäude nach ihnen benannt wurden oder sogar Gedenkveranstaltungen organisiert wurden. In der BRD hingegen wurde das „Vermächtnis des Geschwisterpaares zunehmend verdrängt und verfälscht“ (vgl. ebd. S. 39). 

Erst nach 1990 rückte die Rezeption und die Rezeptionsgeschichte oder die Erinnerung und das Gedächtnis in den Fokus, u.a. in Wilfrid Breyvogels „Alltagsforschung zur Geschichte des Nationalsozialismus“ (vgl. ebd. S.42). Er stellte die „Dekonstruktion zeitgebundener Mythen“ durch eine kritische Rezeptionsgeschichte des Widerstands in den Fokus. Dabei geht es um die Rekonstruktion der Selbstdeutung der Betroffenen und das Quellenmaterial wurde erstmals hierarchisiert. So werden Briefe, Tagebucheinträge oder Flugblätter als authentische Selbstzeugnisse an erste Stelle gestellt. Gefolgt von einem „nachrangigen Quellenblock“, welcher die Gerichts- und Polizeiakten umfasst. Einen besonderen Quellenstatus erhalten demnach die Abschiedsbriefe und Augenzeugenberichte, wohingegen Berichte von Beteiligten als zweck- und zeitgebunden eingeordnet werden.

Nachfolgend soll kurz zusammengetragen werden, wie die öffentliche Erinnerung an den Widerstand in Bezug auf die „Weiße Rose“ in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. In Kapitel 3.2. konnte bereits festgehalten werden, dass im Schulkontext die Perspektive auf den zivilen, jugendlichen Widerstand bisher nicht von hoher Bedeutung war, was sich aus den vorangegangenen Ausführungen bereits ableiten lässt. Die Zusammenstellung von Christian Ernst zeigt aber auch, dass die Geschichte der „Weißen Rose“ oft zur Instrumentalisierung und ideologischen Vereinnahmung genutzt wurde. Nachfolgend wird der Ansatz von Breyvogel skizziert.

Zunächst (nach 1943) wurde im Ausland über die Widerstandsbewegung berichtet. Dabei wurde ein Mythos der stellvertretenden Handelnden geschaffen, bevor in der Zeit von 1945-1948/49 eine Konstruktion eines Opfermythos entstand. Dabei wurde Hans Scholl als Held nach Vorbild der Christus-Legende in Szene gesetzt (vgl. ebd, S.43). 

Die Veröffentlichung von Inge Scholls „Die weiße Rose“ 1961 schlug nun einen ersten „Versuch der biografischen Historisierung“ ein. Dabei ging sie gegen den „Mythos des Sühneopfers“ vor und konstruierte eine homogene Verschwörergruppe um ein Zentrum, welche analog zum militärischen Widerstand agierte. Sie beschreibt ihre Kindheit und Jugend, wie sie sie erlebt hat und veröffentlicht sämtliche Flugblätter (vgl. ebd.).

In den Jahren 1966-1968 kam es in zeitgenössischen Arbeiten zu einem Wendepunkt von der würdigenden Rezeption zu einer kritischen. Der Mythos wurde dahin umgedeutet, dass die Voraussetzung für den Widerstand „Die Weiße Rose“ gebildet hätte. Ab den 1980er Jahren wurden schließlich vollständige Biografien erstellt (vgl. ebd.). Diese Publikationen halten bis heute an, teilweise auch in anderen Formaten, wie die 2015 veröffentlichte Comic-Biografie „Sophie Scholl“ von Heiner Lünstedt.

© Knesebeck Verlag

Im 2. Teil unserer wissenschaftlichen Betrachtung widmen wir uns den Erzählmustern und der Inszenierungsstrategie des Musicals!


Masterarbeitsauszug von Anna-Virginia