DIE KÖNIGS VOM KIEZ zu Gast in der Volksbühne am Rudolfsplatz

© vvg-köln
Premiere & rezensierte Vorstellung: 14.08.26

Schon zu Millowitschs Zeiten war die Volksbühne am Rudolfsplatz, damals noch unter dem Namen „Millowitsch-Theater“, ein Ort des (kölschen) Frohsinns. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit einigen Spielzeiten erheitert vor allem das Musical „Himmel und Kölle“ hier sehr erfolgreich die Gemüter von Einheimischen und Touristen (siehe Bericht dazu bei Bühnenlichter). Und während Pfarrer Elmar und seine Freunde in die verdiente Pause entschwinden, dürfen ihre KollegInnen mit Gastspielen unterschiedlichster Art dazu beitragen, dass das Publikum auch an heißen Sommertagen in der – übrigens gut klimatisierten – Volksbühne genug zu lachen hat.

Bereits bei ihrem ersten Gastspiel von November 2024 bis Januar 2025 strapazierte die Chaos-Familie vom Kiez (die vor ziemlich genau 13 Jahren im September 2013 ihre Uraufführung im Schmidt-Theater in Hamburg feierte) ordentlich die Kölner Lachmuskeln. Grund genug, sie jetzt für ein weiteres Gastspiel zurück an den Rhein nach NRW zu holen. Die Musicalkomödie stammt weitgehend vom gleichen Team wie die „Heiße Ecke“, die seit inzwischen über 20 Jahren erfolgreich in Hamburg läuft. Folglich waren die Erwartungen an „Die Königs vom Kiez“ recht hoch. Und wurden erfüllt, denn Martin Lingnau (Musik, Idee u. Buch), Heiko Wohlgemuth (Songtexte und Buch) und Mirko Bott (Buch) haben eine witzige Story erfunden, die irgendwo zwischen „Tratsch im Treppenhaus“ und „Familien im Brennpunkt“ pendelt und mit spritzigen, wenn auch manchmal recht zotigen, Sprüchen punktet, die dabei zugleich frech den Nagel auf den Kopf treffen (z. B. „Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klasse“ vom Käpt’n). Die Songs sind fetzig und machen gute Laune, schon bei „Guten Morgen, Reeperbahn“ summt man unwillkürlich im Publikum mit.

Vor allem hat Corny Littmann als Regisseur das Ganze genau mit dem richtigen Gespür in Szene gesetzt. Außerdem spielt er diesmal in Köln auch noch in fast allen Vorstellungen die Rolle des „Käpt’n König“ selbst. Dazu später mehr.

v.l.: Kathrin Finja Meier, Christian Petru, Corny Littmann, © vvg-köln

Die Choreografien von Benjamin Zobrys machen Lust aufs Mittanzen und passen gut zu den unterschiedlichen Charakteren, ebenso wie die Kostüme von Luise Krenzke und Luise Lauer. Gemeinsam mit dem Maskenbild von Pia Norberg, Kathleen Sieber und Melanie Schulte-Holtey sind sie dafür verantwortlich, dass jede Figur einen ganz eigenen Kiez-Charme versprüht, egal, ob zum Beispiel der „Käpt’n“ in seinem verlotterten Säufer-Look mit Jeans und kariertem Hemd, Nachbarin „Berta“ in ihrem anzüglichen Outfit oder „Ranjid“ im Spießer-Pullunder, man schmunzelt schon, sobald man die jeweilige Figur nur sieht. Das Bühnenbild von Heiko de Boer besteht in bester Boulevard-Tradition neben einem Tisch mit ein paar Stühlen in der Mitte der Bühne aus einer Treppe im Hintergrund und mehreren Türen, die die Zugänge zu den Zimmern der Familie, der kranken Oma, den Eingang und den Weg zum stillen Örtchen markieren, rechts davon befindet sich die Küche. Als besonderer Clou entpuppt sich oben links eine Wand als „Bertas“ Schlafgemach. Ins rechte Licht gerückt wird das Ganze von Sven Mause, Janes Beck und Paul Wolter, so dass der Käpt’n nur zwischendurch im Dunkeln steht, weil er die Stromrechnung nicht bezahlt hat.

Die Story ist schnell erzählt: Das Schicksal meint es nicht gut mit der im Hamburger Stadtteil St. Pauli lebenden Familie König. Der Name ist purer Hohn, denn die Familie ist ständig pleite. Das liegt vor allem daran, dass Vater König, von allen immer nur „Käpt’n“ genannt, äußerst allergisch auf das Thema Arbeit reagiert und das mühsam von seinen Sprösslingen erwirtschaftete Geld lieber in Alkohol investiert, um seinen Alkohol-Pegel konstant möglichst hoch zu halten. Als sogar eine Räumungsklage droht, ist guter Rat teuer, schließlich brauchen die bettlägerige Oma, die älteste Tochter Marie, die Zwillinge Börn und Benny, die erst 15 Jahre alte jüngste Tochter Pamela samt ihrem Baby Bruno und der Käpt’n selbst weiterhin ein Dach über dem Kopf. Während der Käpt’n wie üblich das Problem im Alkohol ertränkt und außerdem genug damit zu tun hat, sich gegen die Avancen von Nachbarin Berta zu wehren, versuchen die restlichen Familienmitglieder auf kreative und höchst unkonventionelle Weise an Geld zu kommen, wobei sie auch vor Drogenhandel und Erpressung nicht halt machen. Gerade als es aussieht, als würde sich Dank eines unverhofften Lottogewinns doch noch alles zum Guten wenden, schlägt das Schicksal gemeinerweise erneut zu. Doch Familie König wäre nicht Familie König, wenn sie nicht auch dafür eine Lösung parat hätte…

Corny Littmann als Käpt’n, © vvg-köln

Allein schon diese schräge Story an sich verspricht einen unterhaltsamen Abend, aber natürlich braucht man auch die passende Darstellertruppe, um die chaotische Kiez-Familie und ihre Freunde auf der Bühne zum Leben zu erwecken. Und das ist Corny Littmann und seinem Kreativ-Team definitiv gelungen. Daneben hat Jörg Knör den in einer Szene aus dem Off ertönenden Promis seine Stimme geliehen. DSDS lässt grüßen, mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Stefan Reil darf gleich in fünf verschiedene Rollen schlüpfen und als „Bofrostmann“, „Ranji“, „Priester“, „Dealer“ und sogar als „Lottofee“ für Lachsalven im Publikum sorgen. Anna Dekker als rotzfreche Göre „Pamela König“, die nicht davor zurückschreckt, von allen potentiellen Vätern von Baby Brutus Alimente einzufordern, tut das mit so viel Spaß an der Freude und so überzeugend, dass man am liebsten sofort das Jugendamt einschalten möchte. Kathrin Finja Meier als ihre große Schwester „Marie“ ist für die ruhigeren Töne zuständig und man nimmt ihr das Hin- und Hergerissensein zwischen ihrer Chaos-Familie, in der sie eine Art Mutterrolle übernimmt und für die sie sich aufopfert und ihren eigenen Lebensträumen sofort ab. Als dritte Dame in der Runde ist Tina Schöltzke am Start, die als blonde liebestolle Nachbarin „Berta“ im Leopardenlook mit Kittel und pinken Leggins einerseits und als strenge Notarin Frau Dr. Winkelmüller mit kurzen dunklen Haaren, Brille und grauem Anzug als einer Art modernem Fräulein Rottenmeier andererseits voller Power über die Bühne wirbelt. Wenn sie sich als „Berta“ an den „Käpt’n“ heranmacht und dabei „La Paloma“ schmettert, johlt und applaudiert das Publikum vor Vergnügen. Sie erobert nicht nur den „Käpt’n“, sondern auch die Herzen der Zuschauer. Ein ganz besonderes Verwandlungstalent beweist Christian Petru in der Doppelrolle als eineiige Zwillinge Björn und Benny. Dabei switcht er oft in sekundenschnelle von dem einen Bruder zum anderen, und das so gekonnt, dass mancher Zuschauer im Theatersaal kaum noch mitkommt und sich verwirrt fragt, welchen der Zwillinge er gerade vor sich sieht. Mögen muss man sie auf jeden Fall beide!

v.l.: Tina Schöltzke, Christian Petru, Anna Dekker, Kathrin Finja Meier

Seine Wandlungsfähigkeit gleich doppelt unter Beweis stellen kann auch Alexander Auler, der nicht nur als Wirt mit langen Haaren und Brille, der irgendwie an eine jüngere Ausgabe von Otto Waalkes erinnert und nordischen Hamburger Kiez-Kneipen-Charme versprüht, sondern auch als vermeintlicher Sozialarbeiter „Alex“, der sich in „Marie“ verliebt hat und der Familie helfen will, schauspielerisch eine Glanzleistung abliefert. Außerdem verursacht er vor allem im Duett „Wenn es jetzt dunkel wär“ mit Marie den Gänsehautmoment des Abends und bringt damit nicht nur Maries Herz zum Schmelzen. Aber der heimliche Star und Publikumsliebling ist natürlich Corny Littmann als dauerbetrunkener „Käpt’n“, der auch noch im alkoholisierten Zustand innerhalb der Familie den Ton angibt. Littmann spielt authentisch und mit dem perfekten Timing. Jeder Gag sitzt und er ist sich auch nicht zu schade dafür, im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen herunter zu lassen. Dabei gelingt es ihm, den „Käpt’n“ in seinem Suff noch so liebenswert wirken zu lassen, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als den alten Säufer doch irgendwie zu mögen und sogar ein bisschen Mitleid mit ihm zu haben.

Am Ende gab es begeisterten Applaus und Standing Ovations. Völlig zu Recht und absolut verdient!!! „Die Königs vom Kiez“ ist noch bis zum 11. Oktober in der Volksbühne zu sehen. Wer Lust auf einen Musicalabend hat, der die Lachmuskeln trainiert und einfach gute Laune macht und / oder sich schon mal ein bisschen auf den nächsten Besuch in Hamburg einstimmen will, sollte sich diesen Spaß nicht entgehen lassen!

Die KÖNIGS VOM KIEZ sind noch bis zum 11. Oktober in Köln zu Gast. Weitere Infos und Karten gibt es unter www.koenigsvomkiez.de!
 
Vielen Dank für die Einladung!