Bücherwelt: YESTERYEAR von Caro Claire Burke

Tradewives – ein Buch, das ich zwischendurch am liebsten gegen die Wand gepfeffert hätte.

(c) Riley Haakon

Literatur darf provozieren und Charaktere müssen keine Sympathieträger sein. Das Buch »Yesteryear« vereint beides: eine unsympathische, arrogante und zynische Protagonistin sowie eine Geschichte, die mich zeitweise sprachlos und zornig zurückgelassen hat. Gleichzeitig hat es sich, einmal angefangen, wie ein Rausch angefühlt, aus dem es kein Entkommen gab. Caro Claire Burke ist mir ihrem Debüt ein weltweiter Erfolg gelungen.

Was macht den Hype aus? Nachdem ich das Buch gelesen habe, bringe ich hier etwas Licht ins Dunkel.

Zum Inhalt

Natalie Heller Mills verkörpert das Ideal einer perfekten Ehefrau und Mutter im christlich-amerikanischen Traditionsverständnis. Auf Instagram präsentiert sie sich ihren 5 Millionen Followern als Vorzeigefrau. Der perfekte Sauerteig? Kein Problem. Mills, die mit ihrem sechsten Kind schwanger ist, betrachtet jedes Kind als ein gottgegebenes Geschenk.

Sie lebt mit ihrem Ehemann Caleb auf einer idyllischen, renovierten Farm. Skandale gibt es nicht – zumindest nicht offiziell. Was unsere Protagonistin dabei allerdings außer Acht lässt: ihre Nannys, ein ganzes Produktionsteam und viele weitere helfende Hände.  So romantisiert sie ein veraltetes Lebensmodell, ohne irgendetwas zu hinterfragen.

Bis sie eines Tages aufwacht und sich plötzlich in genau jenem Leben wiederfindet, das sie in den sozialen Medien glorifiziert hat – nur ohne Nanny, Heizung und Strom.

Insgesamt ist die Handlung in drei Teile gegliedert: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Tradwives

Einfach ausgedrückt sind Tradwives jene Frauen, die sich gegen eine berufliche Karriere positionieren. Stattdessen plädieren sie für ein Leben als Mutter und Hausfrau und betrachten ihren Lebensstil als Ausdruck der Selbstverwirklichung.

In einem Interview gab Caro Claire Burke an, im Winter 2024 ausgebrannt gewesen zu sein. Aus einer Laune heraus habe sie sich TikTok heruntergeladen und anschließend angefangen, über Feminismus und Medienkompetenz im Zusammenhang mit Tradwives zu diskutieren.

Die Handlung gewährt erschreckende Einblicke in patriarchale Strukturen, religiösen Extremismus und strukturell erzwungene Frauenfeindlichkeit.

(c) Penguin Random House

Beschreibung Natalie

Die Protagonistin ist krass: Sie hat ihr Harvard Studium abgebrochen, um allen eine   heile Welt vorzuspielen, an deren Realität sie fest glaubt. Zugleich ist ihre Sichtweise auf die Lebensweise anderer Frauen völlig beschränkt. Sie versteht alles falsch und lebt in ihrer ganz eigenen, absurden Blase.

Natalies Weltanschauung basiert auf patriarchalen Annahmen. Besonders erschreckend ist, dass sie selbst felsenfest davon überzeugt ist, dieser Zustand würde niemals enden. Das erklärt vielleicht auch, weshalb ich das Buch zwischenzeitlich am liebsten gegen die Wand gepfeffert hätte. Auf der einen Seite konnte und wollte ich nicht wahrhaben, welche Ansichten und Verhaltensweisen sie an den Tag legt, auf der anderen Seite hat ihre Art mich schier fassungslos zurückgelassen.

Was macht das Buch so besonders?

Als der zweite Teil anfing, wusste ich nicht mehr, ob die Protagonistin in einem Albtraum feststeckt, oder ob es sich um die Realität handelt. Ich war verwirrt – und bin es auch lange geblieben. Doch die Geschichte und das Bedürfnis, alle Zusammenhänge genau verstehen zu wollen, haben mich derart gefesselt, dass ich immer weiterlesen musste.

Und natürlich ist es kein neues Phänomen, dass sich Menschen an veralteten Rollenbildern festhalten und sich eine idealisierte und mitunter durch verschwörungstheoretische Narrative untermauerte Vergangenheit bewahren wollen.

Klappentext

Natalie Heller Mills hat alles: eine malerisch renovierte Farm, fünf Kinder, die um ihre Liebe buhlen, und einen Mann, der in Cowboystiefeln immerhin eine gute Figur abgibt. Vom Sauerteig bis zur Kindererziehung, nichts scheint ihr zu misslingen. Kein Wunder also, dass Millionen von Menschen ihr folgen, ihre Videos schauen, ihre Bilder anklicken. Sie gibt ihnen das, was sie wollen: eine heile Welt. Skandale werden unter den Teppich gekehrt, da, wo sie hingehören.

Doch eines Tages wacht Natalie auf und sieht sich mit einer unbequemen Frage konfrontiert: Was wäre, wenn sie keine Nannys beschäftigen könnte, es keine helfenden Hände auf der Farm gäbe, kein Produktionsteam? Was wäre, wenn sie auf einmal das Leben führen müsste, das sie immer vorgetäuscht hat?

Erscheinungstermin: 29. April 2026

Fazit

»Yesteryear« ist kein lockeres Sommerbuch, das Leichtigkeit und Urlaubsvibes versprüht. Aber es hinterlässt Spuren und bleibt in Erinnerung.

Eine Empfehlung für alle, denen die darin aufgeworfenen gesellschaftlichen Themen zusagen und die der unsympathischen Protagonistin eine Chance zu geben bereit sind – es lohnt sich.

Vielen Dank an den Heyne Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Artikel von Sandra