Bücherwelt: Lesung mit Vera Zischke in wundervollen Ambiente

Mit ihrem Buch »Pina fällt aus« hat Vera Zischke zahlreiche Menschen, mich miteingeschlossen, zutiefst berührt. Es beschreibt die Geschichte einer pflegenden Mutter, die sich unermüdlich um ihren Sohn Leo kümmert. Leo, 20 Jahre alt, lebt in seiner eigenen Welt und wird ein Leben lang auf ihre Unterstützung angewiesen sein.
Darüber hinaus vermittelt »Pina fällt aus« vor allem eines: Hoffnung. Die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die als Gemeinschaft zusammenwachsen und einander helfen. Dass nicht jeder nur auf sich selbst und die eigenen Belastungen – von denen wir ohnehin mehr als genug haben – fixiert ist.
Am 20. Mai haben wir die Lesung Vera Zischke in Leverkusen besucht. Die Autorin hat nicht nur aus ihrem Buch vorgelesen, sondern auch viele wertvolle Einblicke und persönliche Erfahrungen rund um die Themen Inklusion und das Leben mit einem Kind im Autismus-Spektrum geteilt.
Vorab hatten wir die Gelegenheit der Autorin ein paar Fragen zu stellen.

An welche Zielgruppe richtet sich die Geschichte?
Als die Autorin angefangen hat, das Buch zu schreiben, ist ihr Gedanke gewesen: Ich schreibe das für alle pflegenden Mütter. Allerdings ist ihr dann während des Schreibprozesses bewusst geworden, dass sie die Geschichte vor allem für diejenigen schreibt, die bisher nur wenige bis gar keine Berührungspunkte mit den Themen gehabt haben: Mit Menschen wie Leo. Für diejenigen, die aufgrund ihrer Unsicherheit permanent befürchten, etwas falsch zu machen. All jene, die gar nicht ermessen können, was für eine enorme Leistung Pina Tag für Tag erbringt.
Insgesamt hat Vera Zischke ganze zwei Jahre an dem Projekt gearbeitet. Doch irgendwann hatte sie den Gedanken: »Pina muss ausfallen.« Erst das hat ihr die Möglichkeit gegeben, auf nachvollziehbare Weise zu beschreiben, was es bedeutet, Leo durch seinen Alltag zu begleiten.
Bürokratie, wir »lieben« sie alle.
Im Folgenden stellen wir zwei kurze Beispiele aus der Geschichte vor. Zudem geben wir einen Ausblick darauf, welche Ansätze die Autorin zur Minimierung bestehender Barrieren hat.
Inge Russeck, 86 Jahre alt, Hausbewohnerin in der Hansastraße, verlässt seit Jahren nicht mehr das Haus. Ihre Einkäufe übernimmt Pina, dafür passt Inge währenddessen auf Leo auf. Der Hausarzt der 86-jährigen ist vor zehn Jahren verstorben, für sie ist das kein Problem. Dann geht sie eben nicht zum Arzt, bis … … bis die Rentenversicherung sie auffordert, einen Lebensnachweis einzureichen. Aber wie soll sie das anstellen, wo sie doch das Haus nicht verlässt und keinen Arzt hat?
Leo arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Für den Bustransport muss Pina allerdings alljährlich nachweisen, dass Leo behindert ist. Hier konnte ich beim Lesen nur den Kopf schütteln. Wie sinnlos ist das denn bitte?
Vera Zischke bestätigte, dass viele bürokratische Vorgänge nicht nur überflüssig, sondern teilweise auch verletzend sind. Konkret habe es gerade erst eine Situation gegeben, in der die Frage aufkam, wer für eine bestimmte Therapie aufkomme. Dies hängt davon ab, wie stark eine kognitive Beeinträchtigung ausgeprägt ist. Bei einer geistigen Behinderung ist eine andere Stelle zuständig als bei einer Lernbehinderung.
Im Klartext erklärte sie: Wir mussten noch einen IQ-Test durchführen, da der letzte bereits einige Zeit zurücklag. So etwas wird schnell verordnet, für betroffene Familien bedeutet es jedoch einen enormen Aufwand. Vieles wird dabei wieder aufgerissen und es entstehen zahlreiche Gedankenspiele. Und wofür? Für einen bürokratischen Akt.
Muss das sein? Ist es wirklich notwendig, diesen Förderzuschuss alljährlich neu zu beantragen und den Kinderarzt jedes Jahr aufs Neue bescheinigen zu lassen, dass dieses Kind immer noch geistig behindert ist?
Wie kann Inklusion gelebt werden?
Inklusion findet für viele immer irgendwo anders statt, aber nie bei sich selbst. Das fängt beim Sportverein an, bei dem der Trainer angeblich keine Kinder mit Behinderung betreuen darf, geht weiter bei der Musikschule, die keine Verantwortung übernehmen möchte, und hört bei einer Vielzahl anderer Einrichtungen noch lange nicht auf. Bezeichnend hierfür ist auch das Beispiel der Autorin, die von einem Gespräch mit einer jungen Frau im Rollstuhl erzählt hat: Diese hatte in einem Jugendzentrum angerufen und sich erkundigt, ob sie vorbeikommen dürfe. Sie bekam die lapidare Antwort, man habe dort keine Toilette für sie. Es wird also einfach unterstellt, dass die junge Frau nicht selbst einzuschätzen vermag, ob sie mal zwei Stunden aushält, ohne auf die Toilette zu müssen. All das sind nur eine Auswahl an Beispielen für völlig unnötige Barrieren im Alltag.
Passend dazu gibt es auch eine Stelle in »Pina fällt aus«.
Regelschule? Nee, das geht nicht. Wir haben doch mit den normalen Kindern schon genug zu tun. Erster Arbeitsmarkt? Wie stellen Sie sich das denn vor, wie sollen wir den auch noch mitschleppen? Sportverein? Nee, sorry, dafür sind wir nicht ausgebildet, dafür reicht der Trainerschein nicht. Alle sind sich einig, dass Menschen wie Leo nicht dazugehören, dass sie Ausnahmen brauchen, Supersonderlösungen, Experten, immer Experten.
Alle sind sich einig, dass sie Leo nicht ausschließen, sondern dass er sowieso schon ausgeschlossen ist. Inklusion, das ist immer das, worum sich die anderen kümmern müssen.
(Kapitel 23)
Wie kann Inklusion denn nun funktionieren?
Wir haben Vera Zischle um Schlagworte gebeten:
Kennenlernen, aufeinander zugehen, Fragen stellen, ausprobieren, einfach mal machen.
Das klingt doch gar nicht so schwierig, oder?
Inhalt
Wenn du weißt, dass du für jemanden die ganze Welt bist
Als Pina mitten auf der Straßenkreuzung zusammenbricht, hat sie nur einen Gedanken: Wer kümmert sich jetzt um Leo? Ihr Sohn ist zwanzig Jahre alt und lebt in seiner eigenen Welt, die außer ihm nur Pina kennt. Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Wenn er Treppen geht, dann in seinem eigenen Rhythmus: immer zwei Schritte vor und einen Schritt zurück.
Die übrigen Hausbewohner verstehen den merkwürdigen Jungen nicht. Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge haben mit sich selbst schon genug zu tun. Doch jetzt liegt Pina auf der Intensivstation und Leo ist zum ersten Mal allein in der Wohnung. Die Nachbarn sind in Schockstarre. Sie können doch wohl nicht zuständig sein! Aber Leo braucht sie. Und während diese ungewöhnliche Truppe durch einen völlig neuen Alltag stolpert, realisiert jeder Einzelne von ihnen: Sie brauchen Leo auch.
Vera Zischke erzählt voller Witz und Wärme von einer Hausgemeinschaft, die zusammenhält.
»Behindert ist nicht die kaputte Version von normal, weißt du.«
(Kapitel 26)
Buchrezension
Erfrischend und humorvoll beschreibt Vera Ziscke, wie das Zusammenleben funktionieren kann, wenn wir aufeinander zugehen. Neben Leo lernen wir nämlich auch den Einsiedler Wojtek und die 86-jährige Inge kennen, die jeweils mit ihren ganz individuellen Barrieren zu kämpfen haben. Oder die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, die es auch alles andere als leicht im Leben hat. Wer hat das schon? Es ist eine inspirierende Geschichte, die Hoffnung verleiht und dazu ermutigt, aufeinander zuzugehen. Die Türen füreinander zu öffnen, statt sie zu verschließen. Erst dann können wir letztlich alle voneinander profitieren. Das zu lesen, hatte etwas ausgesprochen Heilsames.
Außerdem konnte Sam mich persönlich emotional tief berühren. Als Pfleger auf der Intensivstation (auf der Pina liegt) steht er hier stellvertretend für all die engagierten Pflegekräfte, die mit Menschlichkeit und Herzenswärme an ihren Beruf herangehen: Sei es der letzte Wunsch eines Patienten bzw. Einer Patientin, ein anderer Herzenswunsch oder einfach nur ein freundliches Wort. Sam kümmert sich nicht ausschließlich um die kranken Körper, sondern auch um die individuellen Bedürfnisse jenseits des rein Somatischen.
Fazit
Eine absolute Herzensempfehlung für jeden! Es gibt keine spezifische Zielgruppe oder Altersklasse, die wir nennen können: Diese Geschichte sollten einfach ALLE lesen!
Wer die sympathische Autorin auch live erleben und mit ihr ins Gespräch kommen möchte, sollte unbedingt eine ihrer Lesungen besuchen.
Kommende Termine:

- 01.Juni 2026, 19 Uhr Essen, Förderverein der Stadtteilbücherei Kettwig
- 19.Juni 2026, 19 Uhr, Engel am Dom, 51465 Bergisch Gladbach
- 12. Juli 2026, 19 Uhr, Mensa der Waldorfschule Everswinkel, 48351 Everswinkel
- 13. Juli 2026, 19 Uhr, Buchhandlung Bücherglück, 74722 Buchen
- 14. September 2026, 20 Uhr, Cobra Kulturzentrum, 42699 Solingen
Weitere Infos und Termine findet ihr zudem auf der Autorinnenhomepage: Vera Zischke | Schriftstellerin
»Pina fällt aus« ist am 26. März 2026 im List Verlag erschienen.
Ihr Debütroman »Ava liebt noch« erschien zuerst als Hardcover und ist inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich.
Herzlichen Dank an den Verlag für die freundliche Einladung und natürlich an Vera Zischke für das tolle Interview und eine unvergessliche Lesung.
Artikel von Sandra