Bücherwelt: Legion von Brandon Sanderson

Ich heiße Stephen Leeds, und ich erfreue mich vollkommener geistiger Gesundheit. Aber meine Halluzinationen sind allesamt ziemlich verrückt“

Mit diesem doch sehr verwirrenden Satz tauche ich als Leserin schon in das komplizierte Leben des Privatermittlers Stephen Leeds ein. Der brillante Detektiv lebt absolut zurückgezogen – nur mit seinem Butler – in einem großen Haus mit 47 Zimmern. Nur, warum braucht ein einzelner Mann so viel Platz? Nun ja, Stephen Leeds ist unfassbar brillant, jedoch scheint seine Psyche bzw. sein Gehirn anders zu funktionieren als bei „normalen“ Menschen.

© Howard Lyon

Jedes Mal, wenn er für einen Fall eine spezielle Fähigkeit oder auch eine neue Sprache benötigt, produziert sein hochintelligenter Verstand innerhalb kürzester Zeit eine eigenständige Persönlichkeit, die ausschließlich er sehen und hören kann: das gewährt ihm jederzeit Zugriff auf ein umfangreiches Expertenwissen. Für ihn existieren diese „Aspekte“ wirklich. Jede/r seiner Aspekte ist eine eigenständige Persönlichkeit. Das erklärt auch die vielen Räume in Stephens Haus.

Jeder seiner Aspekte benötigt ein eigenes Zimmer, aber auch einen eigenen Sitzplatz im Auto, im Restaurant und natürlich im Flugzeug, wenn einer seiner Fälle ihn ins Ausland führt. Zudem scheinen sie ein eigenes Leben zu führen, auch wenn sie gerade nicht von Stephen in Anspruch genommen werden. Zum Glück begleitet ihn meist nur eine Auswahl an Aspekten, die auf den Fall abgestimmt sind. Für all das zahlt er einen Preis: Seine halluzinierten Persönlichkeitsaspekte fordern zunehmend Eigenständigkeit von Stephen: Einer wünscht sich ein Haustier, ein anderer möchte den Ehemann mit ins Haus holen, wieder andere Aspekte gehen scheinbar eine Liebesbeziehung ein. Das verwirrt selbst den genialen Ermittler, handelt es sich doch um Aspekte seines eigenen Verstandes.

Stephens Hauptaspekte

Während des Lesens begegnen man meistens den drei Hauptaspekten, die zu den engsten Vertrauten von Stephen gezählt werden können. Das wären:

Tobias: Ein hagerer, älterer Mann mit dunkler Haut und weißem Haar, der über ein nahezu wikipediamäßiges Wissen verfügt und mit einer angenehmen, ruhigen Stimme spricht. Seine reine Anwesenheit beruhigen Stephen sowie die restlichen Aspekte in anstrengenden oder unangenehmen Situationen. Tobias hat einfach immer den perfekten Ratschlag, um brenzlige Situationen zu entschärfen. Mich hat er beim Lesen ein bisschen an Morgen Freeman erinnert 😉

Ivy: Für Stephen ist sie Psychologin und Verhaltensanalystin. Sie ist eine attraktive, pragmatische, aber resolute Frau Mitte dreißig und trägt ihr Haar meist streng zurückgebunden. Ivy strahlt absolute Autorität und Professionalität in ihrem Bereich aus. Zwischen den anderen Aspekten managt sie häufig die Dynamik und therapiert Stephen in der Regel unmittelbar (was zu dem ein oder anderen skurrilen Selbstgespräch führt).

J.C: Er fungiert als Stephens Sicherheitsexperte, Leibwächter und Taktiker, der in jeder Situation Bedrohung wittert. Der am liebsten zuerst schießen würde, um danach erst die Fragen zu stellen. J.C. ist ein durchtrainierter Mann in den Dreißigern mit kurzem Haar, der meist taktische Kleidung trägt. Er ist impulsiv, teilweise aggressiv sowie paranoid, laut und einnehmend aber dabei jedoch stets sehr unterhaltsam. Außerdem ist er ein absolutes Ass an jeder Schusswaffe (witzigerweise behauptet Stephen von sich selbst, eine absolute Katastrophe am Schießstand zu sein).

Abgesehen von seinem treuen Butler hat Stephen in der realen Welt so gut wie keine sozialen Kontakte. Nachdem sowohl Ärzte als auch Psychologen oder Reporter wiederholt versucht haben, seinen komplexen Verstand zu analysieren und zu erforschen, reagiert er äußerst misstrauisch, sobald neue Menschen in sein Leben treten. Nichtsdestotrotz ist er (auch dank seiner Aspekte) ein begnadeter Ermittler.

Die drei Novellen in Legion

Die aktuelle Neuerscheinung Legion enthält drei Novellen von Brandon Sanderson. Dort ermittelt Stephen Leeds in brisanten und spannenden Fällen.

© Penguin Random House

Teil eins ist der Fall Legion in dem er den Auftrag erhält eine gestohlene Kamera zu finden, die angeblich Aufnahmen der Vergangenheit macht. Dieser Auftrag führt ihn mit einer sorgsamen Auswahl an Aspekten ins Ausland, wo er eine Entdeckung macht, die nicht nur die Fundamente der Wissenschaft erschüttern könnte, sondern auch für ihn persönlich von höchstem Interesse ist.

Teil zwei ist Unter der Haut. Auch in diesem Fall geht es hoch her. Ein modernes TEC Unternehmen hat ein zweifelhaftes aber hoch wissenschaftliches Verfahren entwickelt, dass extrem brisant ist und auch für die Regierung von höchstem Interesse sein könnte. Stephen muss in der Kürze der Zeit eine Leiche finden, während ihm selbst eine Auftragsmörderin im Nacken sitzt…..

Teil 3 Im Auge des Betrachters ist der persönlichste Teil. In den zwei vorangegangenen Fällen bekommt der Leser zwischendurch bereits kleine Einblicke in Stephens Vergangenheit. In Teil drei offenbart sich, wie es überhaupt dazu kam, dass Stephens Verstand gelernt hat Aspekte zu formen, um nicht tatsächlich den Verstand zu verlieren. Im Laufe der Geschichte ändern sich zunehmend die Persönlichkeiten, einige Aspekte verschwinden plötzlich und benehmen sich aus Stephens Sicht ungewohnt. Entwickelt Stephen sich weiter oder wird er zunehmend verrückter? Welche Bedeutung haben die Aspekte für ihn in seinem Leben? Er findet sich in einem Fall wieder, in dem es nicht nur gilt diese Rätsel zu lösen, sondern auch darum herauszufinden in welchem Zusammenhang diese Fragen mit einer Frau stehen, die er einst liebte. Die Zeit tickt, wenn er sie retten will….

Fazit

Üblicherweise ist Brandon Sanderson vor allem durch seine Weltbestseller im breit gefächerten Bereich der Fantasy und des Sci-Fi bekannt. Dort entwirft er monumentale und komplexe Welten und erschafft epische Literatur. Diese Detektiv Reihe um die vielen Leben des Stephen Leeds ist zwar im Genre anders, aber nicht weniger phänomenal. Teil eins, Legion, schrieb Sanderson bereits im Jahr 2011. Die anderen beiden Novellen entstanden bis 2018. So schreibt Sanderson im Vorwort:

Was ist, wenn sich die Halluzinationen des Menschen als hilfreich für sein Leben erweisen, statt eine Ablenkung für ihn darzustellen?“ Was darauf folgte, war eigentlich nicht so sehr die Erforschung eines realen psychologischen Phänomens, sondern ein Blick darauf, wie verschiedene Facetten unserer Persönlichkeit auf die Art und Weise einwirken, wie wir mit der Welt umgehen.

Allein das Herausschreiben der komplexen Psyche von Stephen mitsamt der Vielzahl an Aspekten erfordert ein hohes Maß an schriftstellerischem Können. Beim Lesen hatte ich ganz oft einen durchgeknallten, aber absolut genialen Sherlock Holmes im Kopf. Ebenso habe ich mich gefragt, wie es denn wohl im Kopf von Sanderson selbst aussehen muss, um derart anspruchsvolle, vielschichtige und großartige Literatur im facettenreichen Bereich der menschlichen Psyche zu schreiben.

Ehrlich gesagt fällt es mir ein schwer ein Fazit zu schreiben, weil ich unsicher bin, wie genau ich die Vielschichtigkeit von Sandersons Buch beschreiben soll. Ich habe bei jedem meiner Sätze das Gefühl, seinem Roman nicht gerecht zu werden. Über die unterschiedlichen Aspekte der Menschlichen Psyche zu schreiben, stellt schon eine enorme Herausforderung. Zusätzlich noch eine Kriminalgeschichte zu entwickeln, ohne einen Bereich zu dominant in den Vordergrund treten und stattdessen eine Symbiose entstehen zu lassen, die mich als Leserin nicht mit ihrer Komplexität erschlägt, ist schlicht und ergreifend genial.

Es macht Spaß das Buch zu lesen. Es liest sich flüssig und wird trotz der Komplexen Thematik niemals „zu viel“ oder zu anstrengend. Ganz im Gegenteil; es blitzt sogar ein fantastischer und teils ironischer Humor durch. Die Kriminalgeschichte ist gut durchdacht, so dass ich als Leserin nicht direkt das Gefühl hatte zu wissen auf was es schlussendlich hinausläuft, aber zeitgleich kompliziert genug, um am Ende doch überrascht zu werden.

Auch wenn es sich um unabhängige Novellen handelt, wurden sie laut Sanderson jetzt nochmal als Sammelband veröffentlicht, weil er eine durchgehende Geschichte erzählen wollte – während die letzten Novelle -der kleinen Reihe ein Finale und einen Abschluss gibt. Es lohnt sich meiner Meinung nach auf jeden Fall dieses Buch zu lesen und um es in seinem Bücherregal stehen zu haben!

Klappentext

Auch die besten Detektive haben ihre dunklen Seiten.

Auch die besten Detektive haben ihre dunklen Seiten. Stephen Leeds, unvergleichliches Genie und zurückgezogener Einzelgänger, hat gleich mehrere dieser Seiten. Neue Sprachen und Fähigkeiten kann er sich in kürzester Zeit aneignen – indem er sie als weitere Persönlichkeiten in seine Psyche integriert. Als Leeds den Auftrag erhält, eine gestohlene Kamera zu finden, die angeblich Bilder von der Vergangenheit machen kann, sind sämtliche Aspekte seiner facettenreichen Persönlichkeit gefordert, und er macht eine Entdeckung, die nicht nur die Fundamente der Wissenschaft erschüttern wird, sondern auch alles, was Stephen Leeds über sich selbst zu wissen glaubte. Der Wettlauf gegen die Zeit hat begonnen.

Das Buch ist am 15. Juli im Heyne Verlag erschienen.

Herzlichen Dank dem Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.


Artikel von Alexandra