Bücherwelt: Interview mit Steffi Kuhlmann – Counting Days

Steffi Kuhlmann wurde 1999 in Heidelberg geboren, dem Schauplatz ihres Debütromans »Counting Days«. Inzwischen lebt sie mit zahlreichen Pflanzen, Büchern und einem Hauch von Chaos im wunderschönen Hamburg. Am 1. Juni erscheint ihre berührende Second-Chance-Romance, die sich mit Themen wie innerer Heilung und der Sehnsucht nach dem Gefühl von Heimat beschäftigt.
Wir hatten vorab die Gelegenheit, der Autorin ein paar Fragen zu stellen.
Welche Themen oder Werte möchtest du in deinem Roman vermitteln?
Ich wollte schon immer ein Buch darüber schreiben, wie es ist, wenn man das Gefühl hat, die Verantwortung anderer Menschen läge auf den eigenen Schultern. Wenn man beginnt, Sorgen, Ängste und Fürsorge für jemanden zu übernehmen, obwohl diese Person eigentlich selbst dazu in der Lage sein müsste.
Dadurch ist Alex‘ Figur entstanden, die sehr viel Schreckliches erlebt hat, und deshalb glaubt, sein eigenes Leben und seine eigenen Wünsche nicht priorisieren zu dürfen.
Mir war wichtig zu vermitteln, dass es nicht egoistisch oder verwerflich ist, sich selbst an erste Stelle zu setzen. Und dass es vollkommen okay ist, um Hilfe zu bitten, Hilfe anzunehmen oder eine Therapie zu machen, wenn es Dinge gibt, die aufgearbeitet werden müssen.
Die Geschichte spielt in Heidelberg. Wie kam es dazu?
Die Idee kam tatsächlich durch das Feedback einer Literaturagentur. Sie mochte mein Schreiben sehr, meinte aber, dass die Settings meiner Geschichten sich weit weg anfühlen, nicht greifbar genug. Da in meiner Autor:innen-Bio stand, dass ich aus Heidelberg komme, schlug sie vor, eine Geschichte in meiner Heimatstadt spielen zu lassen.
Anfangs war ich skeptisch, weil ich Heidelberg mit 18 Jahren verlassen habe und lange das Gefühl hatte, mich von dieser Stadt entfernt zu haben. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass genau das die Geschichte besonders machen könnte. Also habe ich eine ursprünglich in London geplante Buchidee nach Heidelberg verlegt und sie komplett neu aufgebaut.
Auch wenn sich die Agentur danach nie wieder gemeldet hat, bin ich für dieses Feedback bis heute sehr dankbar. Dadurch durfte ich ein Buch über meine Heimatstadt schreiben – und irgendwie hat das auch ein kleines Stück etwas in mir geheilt.
Wie könnte Alex Dalia beschreiben?
Tatsächlich gibt es im Buch eine Szene, in der Alex gefragt wird, was Dalia so besonders macht. Er beschreibt sie als unglaublich aufmerksam. Er sagt, sie sehe Dinge, denen andere keine Beachtung schenken würden. Außerdem nennt er sie den selbstlosesten, aber gleichzeitig auch den unschlüssigsten Menschen, den er kennt. Was er dabei irgendwie ironisch findet, ist, dass Dalia zwar in allem unschlüssig zu sein scheint, sich aber absolut sicher war, Alex‘ in ihrem Leben haben zu wollen.
Wie könnte Dalia Alex beschreiben?
Dalia beschreibt Alex sowohl früher als auch heute als „den lieben Jungen mit den traurigen Augen“. Ich glaube, das fasst sehr gut zusammen, wie sie ihn sieht.
Sie hat immer sehr viel von ihm gehalten. Durch die Trennung und alles, was zwischen ihnen passiert ist, wurden ihre Gefühle ihm gegenüber natürlich verzerrt, weil sie nicht verstehen konnte, wie genau dieser liebe Junge ihr plötzlich so wehtun konnte.
Deshalb gerät dieses Bild von ihm zu Beginn der Geschichte ein wenig ins Wanken. Trotzdem muss sie sich immer wieder eingestehen, dass sie, selbst wenn sie heute den erwachsenen Alex vor sich sieht, eigentlich immer noch den Jungen von damals erkennt: jemanden, der unglaublich lieb und klug ist, auch wenn er selbst das nie wirklich glauben konnte, und der große Schwierigkeiten damit hat, um Hilfe zu bitten oder sie anzunehmen.
Wie viel von dir selbst steckt in Dahlia?
Tatsächlich steckt wahrscheinlich mehr Alex in mir als Dahlia, auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht nicht so wirkt. Wie er habe ich große Schwierigkeiten damit, Hilfe anzunehmen, obwohl ich – im Gegensatz zu ihm – offener über meine Probleme sprechen kann.
Außerdem sind Alex und ich beide auf dem Emmertsgrund in Heidelberg aufgewachsen, einem sehr multikulturellen und lebendigen Stadtteil, der mich natürlich geprägt hat.
Von mir steckt aber auch einiges in Dalia — vor allem ihre Unsicherheit bei Entscheidungen. Bei Dingen, die mir nicht sehr wichtig sind, kann ich unglaublich unschlüssig sein. Wenn mir etwas aber wirklich am Herzen liegt, bin ich meistens sehr klar darin, was ich will.
Und natürlich kenne ich auch viele der Unsicherheiten, die Dalia mit sich trägt. Ich glaube aber, dass sich darin viele Menschen wiederfinden können.
Welche Zielgruppe möchtest du mit deinem Buch erreichen?
New-Adult-Romance richtet sich natürlich in erster Linie an junge Frauen, die sich gerade in diesem Übergang zum Erwachsenenleben befinden. An Menschen also, die dabei sind, sich selbst zu finden und zum ersten Mal mit den Unsicherheiten und Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert werden.
Gleichzeitig möchte ich die Zielgruppe aber gar nicht zu sehr eingrenzen. Ich würde sagen, dass das Buch ab etwa 16 Jahren für alle geeignet ist, die sich selbst manchmal unsicher fühlen. Die Geschichten über psychische Gesundheit mögen und gerne Charaktere begleiten, die unperfekte Entscheidungen treffen und mit deren Konsequenzen umgehen müssen.
Und natürlich ist das Buch auch allgemein für alle, die gerne Romance-Geschichten lesen und sich gerne in fremde Köpfe denken.
Welche Gefühle hattest du während des Schaffensprozesses?
Ich habe insgesamt vier Jahre an Counting Days gearbeitet, deshalb verbinde ich viele unterschiedliche Gefühle mit diesem Buch. Besonders intensiv war aber das Jahr 2025, in dem ich vieles neu geschrieben und die Geschichte noch einmal komplett überarbeitet habe.
Gleichzeitig war das auch eine sehr schwere Zeit für mich persönlich, weil ich mit Depressionen und Burnout zu kämpfen hatte. Oft hatte ich Angst, Dalia und Alex’ Geschichte nicht gerecht werden zu können.
Trotzdem hat mir das Schreiben gleichzeitig unglaublich viel Hoffnung gegeben. Irgendwann wurden die beiden für mich ein Ort, an den ich mich gedanklich flüchten konnte. Deshalb verbinde ich den gesamten Schaffensprozess bis heute mit einem sehr ambivalenten Gefühl: Es war schwer, aber gleichzeitig auch sehr schön und hoffnungsvoll.
Warum müssen wir dein Buch unbedingt lesen?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass jeder dieses Buch unbedingt gelesen haben muss. Aber ich würde mich freuen, wenn Menschen ihm eine Chance geben und selbst herausfinden, ob es etwas für sie ist.
Gleichzeitig ist mir wichtig zu sagen, dass Counting Days Themen behandelt, die für manche Menschen triggernd sein können – gerade für Leser:innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Alex in seiner Kindheit. Deshalb sollte jede Person auch für sich selbst entscheiden, ob sie sich emotional bereit für diese Geschichte fühlt.
Ansonsten würde ich sagen: Man sollte das Buch lesen, wenn man Geschichten über das Erwachsenwerden liebt. Wenn man Bücher mag, die emotional nachhallen, die gleichzeitig Spaß machen, berühren und manchmal auch wehtun dürfen.
Es ist ein Buch über psychische Gesundheit, über Liebe, über Fehler und über Heilung. Und natürlich ist Counting Days auch für alle, die schon immer einmal – wenn auch nur gedanklich – nach Heidelberg reisen wollten.
Inhalt

Er hat ihr das Herz gebrochen. Und doch nie aufgehört, sie zu lieben …
Drei Jahre ist es her, dass Dalia Heidelberg mit gebrochenem Herzen hinter sich gelassen hat. Seitdem meidet sie ihre Heimat. Doch als ihr Zwillingsbruder lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus landet, sieht sie sich gezwungen, zurückzukehren und sich ihrer zerrütteten Familie zu stellen. Dass sie dabei Alex über den Weg läuft, ist unvermeidlich. Aber obwohl er es war, der ihr damals das Herz gebrochen hat, geht er ihr noch immer unter die Haut.
Alex hat sich geschworen, keine Frau mehr an sich heranzulassen. Dafür fehlt ihm neben der Sorge um seine labile Mutter, seinem Job und seinem Jurastudium die Zeit. Als er aber erfährt, warum Dalia wieder in der Stadt ist, kann er sich nicht von ihr fernhalten. Mit jeder Begegnung flammen mehr der alten Gefühle wieder auf. Doch auch die Probleme von damals holen sie wieder ein. Ob ihre Liebe dieses Mal Bestand hat?
Ein berührender New-Adult-Liebesroman mit folgenden Tropes:
- Scars from the Past
- Broken Hero
- Second Chance
- Body Positivity
- Found Family
Persönlicher Leseeindruck
Besonders hervorzuheben sind die authentischen Charaktere. Dalia entspricht nicht dem typischen Schönheitsideal der Frauen, die in dem exklusiven Modegeschäft Juicy’s Kundinnen sind, in dem sie gearbeitet hat. Nachdem Dalia von einer Kundin aufgrund ihrer Figur herablassend angeblafft und beleidigt worden ist, hat sie ihrem gesamten Ärger Luft gemacht und die Kundin „Eine blöde, diskriminierende, arrogante Kuh!” genannt. Das ist auch ihr letzter Arbeitstag in der Hamburger Boutique gewesen. Nachdem ihre Eltern sie angerufen und ihr von dem schweren Unfall ihres Zwillingsbruders erzählt haben, reist sie umgehend in ihre alte Heimat Heidelberg.
In der Geschichte werden schwere Schicksalsschläge thematisiert: Sei es der folgenschwere Unfall von Dalias Bruder oder die belastende Vergangenheit von Alex; beides hat mich emotional zutiefst bewegt. Die Lesenden erfahren häppchenweise, was damals wirklich bei Alex vorgefallen ist, und können in den Rückblicken einen wundervollen Einblick in die einstige, innige Freundschaft zwischen Dalia und Alex gewinnen. Nach jeder Rückblende wieder in die Gegenwart zurückzukehren, in der sich die beiden emotional meilenweit voneinander entfernt haben, ist schmerzhaft gewesen.
Dank Steffi Kuhlmanns lebhaftem und bildhaftem Schreibstil bin ich nur so durch die Seiten geflogen. Trotz teilweise schwerer und tragischer Momente habe ich die Geschichte als warmherzig und sanft empfunden. Wer Geschichten mit authentischen Charakteren, die alle ihre Päckchen zu tragen haben, einer besten Freundin, die sich jede von uns wünscht, und Deutschem Setting liebt, wird mit »Counting Days« großartige Lesestunden verbringen.
Ihr wollt das Buch lieber hören?
Und für alle Hörbuchfans: Parallel zum Buch erscheint am 1. Juni auch das gleichnamige Hörbuch mit den Stimmen von Chantal Busse und Flemming Stein.
»Counting Days« erscheint am 01. Juni im Knaur Verlag.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Steffi Kuhlmann für das spannende Interview und natürlich auch dem Droemer Knaur Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
Artikel von Sandra