Bücherwelt:  Interview mit  Sarah Stankewitz zu The Weight of Falling (in Love)

Mit ihrem aktuellen New-Adult-Roman »The Weight of Falling (in Love)«  hat Sarah Stankewitz abermals eine Geschichte geschrieben, die mich zutiefst berührt und mir eine wahre Achterbahnfahrt am Emotionen beschert hat.

Die Autorin widmet sich Mental-Health-Themen auf eine bewundernswerte Weise: sensibel, mit starken Bildern beschrieben, ohne zu romantisieren.

Die Geschichte von Cloud und Silas setzt sich mit dem Thema Suizidalität auseinander. Nachdem ihre beste Freundin – Emmi – sich das Leben genommen hat, trauert Cloud. Jedes Jahr im Spätsommer kehrt zu jenem Wolkenkratzer in Manhattan zurück, wo Emmi gesprungen ist.

Die Versorgungslage im Bereich der mentalen Gesundheit ist seit vielen Jahren besorgniserregend. Durch die zuletzt beschlossenen Kürzungen spitzt das Problem sich noch weiter zu. Davor können und wollen wir die Augen nicht verschließen!

Wir durften Sarah Stankewitz Fragen zu ihrem Buch, ihrer Erfahrung als Angehörige eines an Depressionen erkrankten Familienmitglieds und ihren Wünschen stellen.

Copyright: Sandra Großhausmann

Suizidalität ist ein sehr sensibles Thema. Wie ist es dir beim Schreiben damit ergangen?

Mich begleitet das Thema schon seit einer Ewigkeit, da mein großer Bruder selbst seit Jahren unter chronischen Depressionen und suizidalen Gedanken leidet. Auf der einen Seite hatte ich wirklich Respekt vor dem Schreibprozess, auf der anderen Seite wusste ich jedoch, dass es mir helfen wird, meine eigenen Gefühle und Ängste dadurch etwas mehr zu beleuchten und zu verarbeiten. Deshalb hat sich das Schreiben von „The Weight of Falling in Love“ auch ein wenig wie eine Heilungsreise angefühlt – und ich hoffe sehr, dass ich den Leser*innen, die Berührungspunkte mit dem Thema haben, ebenfalls einen kleinen Teil dieser Heilung schenken kann.

 

Im Prolog beschreibst du ein wunderschönes Bild:

Wisst ihr, Mädchen, wir Menschen sind wie Häuser. Bei unserer Geburt bestehen wir aus warmen Räumen mit den schönsten Möbeln, die ihr euch nur vorstellen könnt. Aber es gibt einen Ort, an dem wir Dinge verstauen, die wir im Alltag nicht brauchen. Dinge, denen wir nicht jeden Tag begegnen wollen, weil sie nicht so hübsch anzusehen sind. (…) Wir alle tragen einen Keller in uns. Und unser Kopf? Er ist wie ein Dach, das unser Haus schützen soll ⁠ – vor Regen, vor Hagel, vor Stürmen. Aber manchmal, gar nicht mal so selten, gibt es ein Problem mit diesen Dächern. Sie werden porös, schicken Nässe in dein Zuhause, weichen die Böden auf und lassen die geblümten Tapeten von den Wänden fallen. Sie fluten den Keller, bis all das, was man tief unten verstaut hat und nicht fühlen will, plötzlich nach oben steigt. Diese Dächer sollen unsere Herzen schützen, aber manchmal sind die Schäden zu groß, um die Löcher allein zu flicken. Und dann werden unsere Seelen krank.

(Auszug aus dem Prolog zu » The Weight of Falling (in Love) « )

Das ist die schönste Beschreibung, die ich je für eine Depression gehört habe. Wie bist du auf dieses Bild gekommen?

Tatsächlich habe ich den Prolog schon vor einigen Jahren geschrieben, noch bevor das Buch überhaupt einen Titel, geschweige denn ein Veröffentlichungsdatum hatte. Ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, wie ich abends im Bett lag und mich gefragt hab: Wie würdest du jemandem Depressionen erklären, der noch nie so etwas empfunden hat? Und dann war das Bild mit dem vollgestopften Keller irgendwie so präsent in meinem Kopf, dass ich es aufschreiben musste. Daraus ist dann der Prolog des Buches geworden und ich finde das Bild unglaublich stark und passend!

Was möchtest du deinen Leser*innen mit auf den Weg geben?

Die wichtigste Message, die ich meinen Leser*innen mitgeben möchte, ist folgende: Wolken ziehen weiter. Und zwar immer. Egal wie düster und hoffnungslos es gerade um einen herum scheint, irgendwann wird die Sonne wieder scheinen. Das ist etwas, das ich mir selbst regelmäßig in Erinnerung rufen muss. Außerdem ist es mir unendlich wichtig aufzuzeigen, dass man seine Heilung niemals in einer anderen Person, sondern nur in sich selbst finden kann. Menschen können für uns da sein und uns supporten, aber sie können nicht für uns heilen.

Was bedeutet Freiheit für dich persönlich?

Freiheit bedeutet für mich vor allem eins: Seelenfrieden. Dieses tiefe Urvertrauen, dass, egal wie schwer es auch gerade scheint, am Ende alles wieder gut werden wird. Klingt klischeehaft und ist es vermutlich auch – aber ich bin eine hoffnungslose Romantikerin hihi. Leider bin ich seit Jahren selbst auf der Suche nach diesem Gefühl und es ist noch ein weiter Weg, bis ich diesen Frieden in mir halten kann.

Du beschreibst die Schuldgefühle und die Leere, die zurückbleibt, wenn ein geliebter Mensch sich das Leben nimmt. Aber was können wir tun, wenn wir uns um jemanden sorgen?

Das Wichtigste ist vor allem eins: da zu sein. Es geht nicht darum, jemanden zu retten oder seine Kämpfe für ihn auszutragen. Es geht darum, die haltende Hand zu sein und zuzuhören. Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, brauchen keine gut gemeinten Ratschläge, sie brauchen nur jemanden, der mit ihnen in den Schatten sitzt und ihnen das Gefühl gibt, mit ihrem Schmerz nicht allein zu sein. Fragt eure Liebsten regelmäßig, wie es ihnen geht, wie stark die Wolken gerade sind, und haltet ihnen den Regenschirm.

Mit Blick auf die schlechte Versorgungslage im Bereich der mentalen Gesundheut: Was wünscht du dir für alle Betroffenen, aber auch Angehörigen?

Ich wünsche mir, dass psychische Erkrankungen endlich enttabuisiert werden und dass der Zugang zu Therapie- und Hilfsangeboten vereinfacht, statt immer weiter erschwert wird. Wenn Menschen sich Knochen brechen, werden sie umgehend behandelt, doch ein gebrochenes Herz muss teilweise monate- oder jahrelang auf entsprechende Hilfe warten. Außerdem wünsche ich allen Angehörigen, dass sie den Blick für sich selbst nicht verlieren. Auch ihr seid wichtig! ❤️

Inhalt

Ein zutiefst emotionaler Roman über Depression, die Kraft der Musik und den Mut, sich dem Leben zu stellen.

Jedes Jahr kehrt Cloud im Spätsommer zu dem Wolkenkratzer in Manhattan zurück, wo ihre beste Freundin sich das Leben genommen hat. Als sie eines Tages selbst am Abgrund steht, wird sie in letzter Sekunde von einem jungen Mann zurückgehalten: Silas, der nachts als Freerunner über die Dächer New Yorks rennt, um sich lebendig zu fühlen. Die Begegnung wirft beide aus ihrer Bahn, doch nach einer gemeinsamen Nacht voller unausgesprochener Wahrheiten und tiefer Gespräche verschwindet Cloud, ohne sich umzudrehen. Wochen später werden Clouds Musikvideos auf TikTok von einem Violinisten begleitet und gehen viral. Sie ahnt nicht, dass es Silas ist. Zwischen Großstadtnächten auf Hausdächern und Musik, die direkt unter die Haut geht, entsteht eine zerbrechliche Nähe, die beiden Heilung verspricht – bis die Wahrheit ans Licht gezerrt wird und Cloud erneut gefährlich nah an den Abgrund gerät.

Copyright: Sandra Großhausmann

Rezension

Wie fühlt es sich an, »The Weight of Falling (in Love)« zu lesen?

Die Geschichte hat sich angefühlt, als würde sich eine warme Wolldecke um meine Schultern legen und mich einhüllen. Sie hat mich zu Tränen gerührt und zum Lachen gebracht. Stellenweise war ich sogar wütend. Aber vor allem hat das Buch gaaaaanz viel in mir geheilt.

Warum ist das Buch so wichtig?

Laut dem Ärzteblatt wurde bei über 4,2 Millionen Menschen in Deutschland eine rezidivierende, also wiederkehrende, Depression diagnostiziert. Die Dunkelziffer ist sicherlich wesentlich höher. Auffällig ist hierbei der deutliche Anstieg innerhalb der letzten zehn Jahre.

Depressionen werden jedoch nicht nur deutlich häufiger erkannt, sondern treten, angesichts des steigenden Leistungsdrucks, Überstunden, finanzieller Belastungen, Isolation, wirtschaftlicher sowie politischer Unsicherheiten auch nachweislich häufiger auf.

Zeitgleich haben wir ein strukturelles Problem:

  • Unzumutbare Wartezeiten auf eine ambulante Psychotherapie
  • Viele Praxen können nicht mal mehr eine Warteliste führen
  • Überbelastung psychiatrischer sowie psychosomatischer Kliniken
  • Nach einer stationären Behandlung ist keine ambulante Anbindung möglich, wodurch der Therapieerfolg nicht langfristig gesichert werden kann
  • Beratungsstellen haben teilweise keine Termine mehr frei
  • Tageskliniken haben lange Wartezeiten usw.

All die Punkte führen zu einer Destabilisierung oder sogar Chronifizierung. Dadurch können Depressionen oft erst zu spät behandelt werden.

Jeder kennt eine Person, die unter Depressionen oder einer anderweitigen psychischen Krankheit leidet. Eine Psychotherapiepraxis oder psychosomatische Klinik anzurufen, ist für viele Betroffene ein enormer Kraftaufwand. Welche Folgen resultieren aus den permanenten Absagen? Richtig: Die Menschen haben keinen Mut oder keine Kraft mehr und geben auf, nach Hilfe zu suchen. Und dann? Ja, dann ist da nur noch dieses schwarze Loch im Inneren.

In dem Buch gibt es ein Zitat, das es auf den Punkt bringt:

»Das Problem an unserer Gesellschaft ist, dass sie trotz all der Erkenntnisse der letzten Jahre psychische Erkrankungen immer noch tabuisiert. Es ist besser geworden, ohne Frage, aber wir sind lange nicht an dem Punkt, an dem wir stehen sollten. So viele Menschen denken, dass die Gesundheit ihrer Psyche nicht die gleiche Priorität hat wie die unseres Körpers. Ich finde, das ist Schwachsinn. Entschuldigt meine Ausdrucksweise.«

Ist das Buch denn auch romantisch? Oder kommen nur schwere Themen vor?

Die Geschichte ist eine der romantischsten, die ich je gelesen habe. Aber nicht auf diese kitschige Art, sondern weil sie echt ist und weder Silas noch Cloud perfekt sind. Sie geben einander Kraft und sprechen sich Mut zu. Manchmal muss sich nicht die ganze Welt um uns herum ändern. Manchmal reicht es, wenn ein Mensch in unser Leben tritt, der unsere Sicht auf den Kopf stellt. Uns zeigt, dass in jeder Schwere auch eine Leichtigkeit wohnt. Dass jeder Schatten, der auf unser Leben fällt, ein eindeutiger Beweis dafür ist, dass es irgendwo ein Licht geben muss. Dass es sich lohnt, diese Lichtquelle zu suchen.

Und vor allem, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat.

Schreibstil

Sarahs Schreibstil ist ein Traum. Sie erschafft wunderbare Bilder, die sämtliche Gefühle greifbar und zugänglich machen.

Fazit

»The Weight of Falling (in Love)« ist eine emotionale Geschichte, die Hoffnung schenkt.  Eine absolute Leseempfehlung für alle, die gern eine Gefühlsachterbahn durchlaufen und sich beim Lesen in eine Decke einkuscheln wollen.

Darüber hinaus zeigt die Geschichte, wie essenziell mentale Gesundheit ist. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Kürzungen im Gesundheitssystem – insbesondere im Hinblick auf die Versorgung der psychischen Gesundheit – nur noch als fahrlässig bezeichnen und machen mich sprachlos zurück!

Das Buch ist am 30.07.2026 im Forever Verlag erschienen.

Band 2 der Dilogie trägt den Titel The Weight of Drowning (in Darkness) und erscheint am 28.01.2027.

 

Mögliche Anlaufstellen bei akuten Krisen

 

Vielen Dank an Sarah Stankewitz für das ausführliche Interview und an den Verlag, für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

 

Bericht und Bilder: Sandra