Bücherwelt: Interview mit Julia Dippel über New-Adult-Literatur

Pauschale Abwertungen und Entwertungen der New-Adult-Literatur

Kontroverse Diskussionen rund ums Thema „New Adult“ machen regelmäßig Schlagzeilen – insbesondere rund um Veranstaltungen wie die großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Dabei wird den Autor:innen mangelnde Textqualität und geringe inhaltliche Substanz vorgeworfen. Nach der Frankfurter Buchmesse 2025 prangten Schlagzeilen, wie „Softpornos in Pastell“, in den sozialen Medien.

Nicht einmal erfolgreiche Autor:innen, deren Bücher es an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste geschafft haben, sind vor unqualifizierter Kritik gefeit. Nachdem Julia Dippel kurz nach der Frankfurter Buchmesse 2025 ein grandioses Statement hierzu geteilt hat, freut es mich umso mehr, dass sie sich sofort bereit erklärt hat, uns ein Interview zu geben.

© Rob Perkins

Julia Dippel hat Veranstaltungsmanagement an der Deutschen POP Akademie und Theaterwissenschaft an der LMU München studiert. Sie ist sowohl eine erfolgreiche Autorin – ihr Debütroman „Izara – Das weite Feuer” wurde 2018 mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste deutsche Romandebüt ausgezeichnet – als auch eine gefragte Regisseurin für Musicals und Theateraufführungen. Zuletzt führte sie bei der Produktion „TITANIC“ des Freien Landestheaters Bayern Regie – die Premiere findet am 14. März in Miesbach statt. (Titanic – Freies Landestheater Bayern).

Kontroverse Diskussionen zu Büchern aus dem „New Adult“ scheinen in den letzten Jahren nach jeder Buchmesse die Runde zu machen. Wie nimmst du als Autorin einerseits diese permanente Abgrenzung aber auch das Absprechen der Qualität wahr?

Es ist ermüdend. Oft wird nicht über einzelne Texte gesprochen, sondern über Coverfarben, Zielgruppen oder Verkaufszahlen. Nähe, Emotionalität und auch Erotik werden kaum ernsthaft diskutiert oder analysiert, sondern pauschal abgewertet – mitsamt der vornehmlich weiblichen Zielgruppe.
Natürlich gibt es berechtigte Kritik an einzelnen Werken oder reproduzierten Mustern, und die ist notwendig. Problematisch wird es dort, wo diese Kritik stellvertretend für ein sehr heterogenes Segment weitergetragen wird – häufig mit entlarvender Unkenntnis darüber, wie vielfältig New Adult tatsächlich sein kann. Was sich hier zeigt, ist der institutionelle Reflex eines Systems, das sich von allem distanziert, was es nicht kontrollieren kann. New Adult ist hierfür ein Paradebeispiel: sichtbar, erfolgreich, jung und stark weiblich konnotiert. Die hohe Eigendynamik und die enorme Präsenz in sozialen Medien entziehen sich zudem klassischen Kontrollmechanismen und stellen vertraute Regeln der Buchbranche grundlegend infrage.

Was macht New Adult für dich zu etwas Besonderem?

Ich könnte nun weit ausholen und über das generelle Potenzial von „Geschichten über junge Erwachsene“ sprechen – wie das Segment auf dem Buchmarkt offiziell definiert wird. Allerdings gab es diese Geschichten auch früher schon. Das Besondere an dem Phänomen New Adult liegt weniger in neuen Stoffen als in dem gesellschaftlichen Verschiebungsprozess, den es markiert: Eine ganze Generation neuer (und alter) Leser:innen akzeptiert nicht länger, dass ihre Perspektive nur als Randerscheinung einer männlich geprägten Literaturlandschaft vorkommt. Zum ersten Mal fordern weibliche und queere Stimmen konsequent und massenhaft Raum ein, schreiben und lesen „ihre“ Geschichten über Protagonist:innen, die die Welt retten, die lieben, leben, scheitern, brechen und wieder aufstehen.

Genau darin liegt für mich der Reiz als Autorin: Ich schreibe die Geschichten, die ich selbst immer gesucht habe. Geschichten, die Nähe und Ambivalenz zulassen. Geschichten, die nicht belehren, sondern begleiten.

Oft wird Autoren und Autorinnen unterstellt, qualitativ minderwertige Texte zu schreiben. Zuletzt wurden sie sogar als „Softpornos im Pastell” bezeichnet. Kannst du diese Kritik nachvollziehen?

„Softpornos in Pastell“ ist keine Kritik, sondern eine abwertende Verkürzung. Diese Bezeichnung reduziert Texte auf ihren erotischen Anteil und erklärt diesen pauschal zum Qualitätsmangel. Das hat mit literarischer Analyse wenig zu tun. Und ja, ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, dass Sexualität nie ein Ausschlusskriterium war. Der Unterschied liegt weniger im Inhalt als im Blick: New Adult erzählt Begehren aus der Perspektive derjenigen, die lange Objekt waren und nun Subjekt sind. Für viele NA-Autor:innen bedeutet das in der Praxis, sich immer wieder gegen Vorurteile verteidigen zu müssen. Ihre bewusste Entscheidung für ihr Genre wird unterschwellig gleichgesetzt mit fragwürdigem Geschmack, mangelndem Intellekt oder schlicht fehlendem Talent, etwas „Literarischeres“ zu schreiben. Das ist keine textbasierte Auseinandersetzung, sondern strukturelle Abwertung.

In deinen eigenen Büchern sind die „spicy” Szenen deutlich gekennzeichnet, sodass die Lesenden selbst entscheiden können, ob sie die Szenen lesen möchten oder nicht. Woher kam diese Idee? Würde das nicht auch eine Möglichkeit sein, diese ganze Grundsatzdiskussion im Keim zu ersticken?

Die Idee ist ganz pragmatisch entstanden. Meine ersten Reihen waren Jugendbücher, die „ausblenden“, bevor es explizit wird. Allerdings gibt es in meiner Community auch viele erwachsene Fans, die sich mehr Spice gewünscht hatten. Mit der Kennzeichnung oder optionalen Bonus-Kapiteln habe ich versucht, Wahlfreiheit zu schaffen, ohne den Kern der Geschichte zu verändern. Ob eine solche Kennzeichnung die Debatte entschärfen könnte, ist fraglich. Das würde statt pauschaler Etikettierung eine tatsächliche Lektüre und ein grundsätzliches Verständnis voraussetzen.

Wenn es eine Sache gäbe, die du in der Buchwelt ändern könntest: Was wäre es?

Der Wert einer Geschichte wird heute zu oft außerhalb des Textes entschieden – über Reichweite, Einordnung, Ausstattung oder Verwertbarkeit. Ich wünsche mir eine Buchwelt, in der Strukturen wieder Mittel zum Zweck sind und nicht der Maßstab, an dem sich Literatur rechtfertigen muss.

Du hast kürzlich erwähnt, der Hype um die jüngere Buchwelt stelle die „Illusion einer Inklusion” dar. Die Leser und Leserinnen sollen offenbar die Kassen füllen und für mehr Sichtbarkeit sorgen, sollen aber gleichzeitig eine gewisse Distanz zu „ernsthafter” Literatur wahren. Spiegelt diese Doppeldeutigkeit nicht auch etwas von der Moral unserer Gesellschaft wider?

Andersartigkeit ist okay – sie wird akzeptiert. Aber Akzeptanz oder Toleranz sind immer noch meilenweit vom Konzept der echten Integration entfernt.
Ja, die Rede von Inklusion wird oft dann benutzt, wenn man eigentlich von Auslagerung spricht. Man schafft Räume, Labels und Sonderflächen, aber man verschiebt keine Maßstäbe. Das sieht freundlich aus, ändert aber wenig an den Machtverhältnissen.

Auffällig ist, dass Teilhabe meist an Bedingungen geknüpft bleibt: Sichtbarkeit ja, aber bitte ohne Einfluss auf Kanon, Kritikmaßstäbe oder Deutungshoheit. Das „Andersartige“ darf existieren, solange es nicht normbildend wird.
Dieser Anschein von Inklusion ist bequem, weil er Offenheit simuliert, ohne echte Veränderung zu verlangen. Echte Integration würde bedeuten, Macht zu teilen – und genau davor schrecken viele Systeme zurück.

In deinem aktuellen Roman kämpft die Protagonistin Velvet gegen die Götterwelt und muss sich – besonders als Frau – immer wieder neu behaupten. Was hat dich inspiriert, Velvet zu formen und ihr dieses Charakterprofil zu verleihen?

© Sandra Großhausmann

Velvet ist eine gebrochene Figur, keine Heldin im klassischen Sinne. Sie hat Gewalt, Manipulation und Kontrollverlust erlebt und gelernt, zu funktionieren, statt sich sicher zu fühlen. Nähe ist für sie kein Trost, sondern ein Risiko. Sie hält sich über Direktheit, Sarkasmus und klare Entscheidungen zusammen – über Handlung statt Reflexion, über Kontrolle statt Hingabe. Bedürfnisse verdrängt sie nicht, sie regelt sie pragmatisch, auf ihre Weise. Genau darin liegt ihre Spannung: Velvet ist stark, weil sie es schafft, sich selbst zusammenzuhalten – und fragil, weil dieses Gleichgewicht jederzeit kippen kann.

Dass sie sich einer Welt voller Götter und Dämonen behaupten muss, ist eine Konsequenz ihres Charakters: Sie passt in kein System, das Nähe fordert, Macht ausübt oder blinde Loyalität erwartet. Nicht weil sie zu wenig glaubt – sondern weil sie zu viel weiß.
Solche Frauen gibt es auch in der Realität öfter, als uns lieb ist: stark nach außen, hochfunktional, und oft übersehen in dem, was sie innerlich ausfechten. Für diese Erfahrung wollte ich einen Raum schaffen.

Fazit

Julia Dippel bringt eindrücklich auf den Punkt, warum gerade diese Geschichten, die oft Frauen repräsentieren, von so großer Relevanz sind.

Mich persönlich hat „Velvet Falls” sprachlos zurückgelassen. Ich habe Band 1 der Velvet-Dilogie im vergangenen Oktober gelesen. Obwohl ich sehr viele Bücher lese, ist genau diese Geschichte mir nach wie vor ganz besonders in Erinnerung geblieben, denn sie ist so viel mehr als „nur” eine Geschichte. Wir lernen Velvet kennen, die auf den ersten Blick stark, trotzig, unnahbar, unerschrocken und schlagfertig wirkt. Nach und nach erfahren wir dann aber, welche Hintergründe und Funktionen ihre Fassade hat. Die Geschichte ist unendlich schmerzhaft und zugleich auf eine wunderbare Weise heilsam.

Damit setzt Julia Dippel ein beeindruckendes Beispiel für Autor:innen, die ihren Charakteren eine Stimme verleihen und ihrer Zielgruppe ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln.

Die Widmung aus „Velvet Falls” bildet hierfür den perfekten Abschluss.
Für alle, die etwas durchgemacht haben,
das man nicht in Worte fassen kann.
Für die, die weitergehen, ohne zu wissen, wie.
Die lachen, obwohl es wehtut.
Die leben, weil sie es sich nicht nehmen lassen.

Euer Mut muss nicht glänzen. Es reicht, wenn er reicht.

Wir bedanken uns bei Julia Dippel für das Interview und die tollen Einblicke.


Interview von Sandra