Bücherwelt: Interview mit Dominik Gaida zu seiner Death-Duet-Dilogie

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Dominik Gaida konnte sich mit dem ersten Teil seiner neuen Dilogie erstmals einen Platz auf der Spiegel-Bestsellerliste sichern. Abgesehen von seiner Tätigkeit als Autor ist er als Psychotherapeut tätig und versteht es, die Herzen seiner Leserschaft zu berühren.

„Gestern waren wir unendlich“ beschreibt eine berührende und zugleich heilende Geschichte. Im Rahmen meiner damaligen Rezension habe ich angemerkt, wie sehr ich mir wünsche, dieses besondere Buch würde im Schulunterricht gelesen werden. Auch nach dem Lesen hat die Geschichte noch lange in mir nachgehallt, sodass sie mir wertvolle Impulse für den Alltag geliefert hat:

Wir sollten lernen, die glücklichen Momente im Hier und Jetzt zu genießen und Dankbarkeit für all das, was wir haben, im Herzen zu tragen. Unser Leben ist endlich: Möglicherweise haben wir noch eine Million Momente vor uns – genauso gut kann jeder Augenblick, jeder Herzschlag, jeder Atemzug aber auch der letzte sein.

Was sich auf den ersten Blick möglicherweise bedrückend liest, konnte Dominik Gaida in eine Geschichte verpacken, die Hoffnung vermittelt und Trost spendet.

Vor der Veröffentlichung des zweiten Teils der Dilogie (Heute sind wir unsterblich) hatten wir die Gelegenheit, Dominik Gaida einige Fragen zum Buch, aber auch zu den Werten, deren Vermittlung ihm am Herzen liegen, zu stellen.

© Rowolth Verlag

Bereits im ersten Band der Dilogie stehen das Thema Tod und der Umgang mit dem Tod im Mittelpunkt. Es ist ein Teil des Lebens, über den viele Menschen nicht sprechen wollen oder sich sogar fürchten, obwohl wir alle früher oder später damit in Berührung kommen. Was war dir beim Umgang mit dem sensiblen Thema wichtig?

Tatsächlich genau das: Sensibilität. Als Psychologe und Psychotherapeut ist mir das auch in meiner täglichen Arbeit ein wichtiges Anliegen – und genau so bin ich auch an die Geschichte von Henry und Louis herangegangen. Es gibt immer wieder Romane, die mit viel Drama und Effekthascherei arbeiten, und das war etwas, das ich unbedingt vermeiden wollte. „Gestern waren wir unendlich“ ist eine leise Geschichte, die – bestenfalls – einen Zugang zu diesem Thema schafft. Denn neben dem Tod geht es ja vor allem um das Leben und darum, wie wir leben wollen.

„Gestern waren wir unendlich“ hat es auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft. Was bedeutet es dir, dass genau dieses Buch so viel Sichtbarkeit bekommen hat?

Es hat mir wirklich, wirklich viel bedeutet. Um auf die Spiegel-Bestseller-Liste zu kommen, muss sich ein Roman innerhalb einer Woche richtig gut verkaufen. Queere Romane haben es aus den unterschiedlichsten Gründen ohnehin sehr schwer auf dem deutschen Buchmarkt. Queere Romane, die dann auch noch von gängigen Schemata abweichen oder ein bisschen „experimentell“ sind, haben es noch schwerer. Ich würde mir allgemein wünschen, dass es mehr Romane auf die Liste schaffen, die Repräsentation für Menschen schaffen, die meiner Wahrnehmung nach häufig unterrepräsentiert sind.

Der erste Band hatte für mich sowohl traurige als auch lustige und herzergreifende Momente. Auf welche Stimmung können sich die Leser*innen bei „Heute sind wir unsterblich“ einstimmen?

Ich würde sagen, am ehesten auf eine melancholisch-nachdenkliche Stimmung. „Heute sind wir unsterblich“ erzählt die Geschichte von Dylan, der unbedingt leben will – und vom (personifizierten) Tod, der zunehmend an seiner Aufgabe verzweifelt.

Im zweiten Band geht es um Dylan, der von der Angst getrieben ist, er könne etwas verpassen und deshalb durch sein Leben hetzt. Welche Message möchtest du deiner Leserschaft dadurch mitgeben? Was kann die Leserschaft von diesem Charakter lernen?

Dylan ist getrieben. Er weiß, warum er getrieben ist, und er weiß auch, was er durch diese Getriebenheit vermeidet: die Auseinandersetzung mit der Frage, was er eigentlich mit seinem Leben anfangen möchte. Er hat Angst, auf diese Frage keine Antwort zu finden. Also hetzt er von A nach B, immer auf der Suche nach dem schnellen Serotonin-Kick. Ich habe das Gefühl, dass es vielen von uns ähnlich geht. Wir eilen durch den Alltag, und so vergeht Tag um Tag, Woche um Woche. Vielleicht halten ein paar Leser*innen ja auch inne, wie Dylan es schließlich tut. Und denken darüber nach, ob es vielleicht die ein oder andere Stellschraube für Veränderung geben könnte.

Deine Dilogie ist eine queere New-Adult-Romance. Was war dir bei der Umsetzung der Liebesbeziehung und den gesellschaftskritischen Themen besonders wichtig?

Ich sage gern, dass ich heute die Romane schreibe, die ich früher selbst gern gelesen hätte. Wenn es früher Romane mit queeren Hauptfiguren gab, war die Queerness häufig die „zentrale Eigenschaft“ oder es ging ausschließlich um Themen wie Coming-Out. Die Figuren in meinen Roman sind casual queer, d.h. das Queersein wird nicht problematisiert. Es ist auch nicht alles, worum sich die Gedanken der Figuren drehen. Sie beschäftigen sich mit denselben Themen und Problemen wie alle anderen Menschen auch.

Kannst du uns in einem Satz sagen, warum wir die Dilogie und besonders Band 2 unbedingt lesen sollten?

Weil beide Romane Geschichten erzählen, die mit klassischen Erzählstrukturen, mit Genrekonventionen und mit Erwartungen brechen – und sich damit wirklich von der Masse abheben.

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Inhalt

Ticktack. Ticktack. Es gibt kaum einen Moment, in dem Dylan das zermürbende Ticken in seinem Kopf nicht hört. Wie getrieben hetzt er durch sein Leben, voller Angst, er könne etwas verpassen. Dabei müsste er das nicht – nicht mehr. Nachdem eine chronische Erkrankung fast sein ganzes Leben überschattete, hat er endlich ein Spenderherz erhalten. Trotzdem verhält er sich, als wären seine Stunden gezählt. Ticktack. Erst, als er einen mysteriösen Fremden trifft, hält Dylan inne. Er ahnt nicht, dass der schüchterne, verletzlich wirkende Mann ein Geheimnis hat. Ja, dass er nicht einmal ein Mensch ist …

Persönliche Meinung

Jede der beiden Liebesgeschichten ist etwas ganz Besonderes. Beide treffen stets den richtigen Ton, berühren mein Herz und sind so viel mehr als „nur” eine Geschichte. Während Henry und Louis im ersten Band bereits ein Paar sind und es unter anderem darum geht, loszulassen, habe ich den zweiten Band als einen Wegbegleiter für den Alltag wahrgenommen. Während des Lesens habe ich ebenfalls eine große Bandbreite unterschiedlicher Gefühle durchlaufen. Wie Dominik Gaida im Interview bereits erwähnte, sollten wir im Alltag immer wieder innehalten. Nicht hasten, nicht möglichst viele Bücher innerhalb kürzester Zeit konsumieren und uns nicht von der Furcht treiben lassen, etwas zu verpassen.

Denn wie sollen wir je wirklich fühlen, wenn wir hetzen?

Wie sollen die Emotionen der Bücher unsere Herzen erreichen, wenn wir ihnen nicht die Zeit geben, sich zu entfalten?

Vielleicht ist es manchmal ratsamer, weniger erleben zu wollen – dafür das Erlebte aber bewusst zu genießen und die Schönheit des Augenblicks auf sich wirken zu lassen. Erinnerungen in unseren Herzen zu speichern, statt sie in Form von Fotos auf unseren Smartphones festzuhalten.

„Gestern waren wir unendlich“ und „Heute sind wir unsterblich“ sind beide im Kyss Verlag erschienen.

Am 13.11. findet zudem eine gemeinsame Lesung mit Anya Omah im Theater Fletch Bizzel in Dortmund statt. Tickets sind u.a. über den Webshop des Theaters buchbar.

Wir bedanken uns bei Dominik Gaida für das ausführliche Interview.


Interview von Sandra