Bad Hersfelder Festspiele 2025 – Die Räuber von Friedrich Schiller mit Musik von den Toten Hosen

Sturm und Drang trifft auf Punk-Rock

© Hersfelder Festspiele

Premiere: 27. Juni 2025 – rezensierte Vorstellung: 29. Juni 2025

Wäre es Friedrich Schiller möglich gewesen, die grandiose Inszenierung seines Meisterwerks „Die Räuber“ von Gil Mehmert bei den 74. Bad Hersfelder Festspielen, zu erleben, so hätte er es wohl genauso gefeiert, wie es das Publikum zu Recht tat. Man mag sich am Anfang gefragt haben, wie und ob man Schillers Drama mit der Musik einer der bekanntesten deutschen Punk- Rockbands „Die Toten Hosen“ kombinieren kann und so viel sei schon verraten, es funktioniert hervorragend. So ist auch in diesem Jahr in der Stiftsruine wieder höchste Theaterkunst zu erleben.

Die Handlung

Im Drama „Die Räuber“ wird die rivalisierende Geschichte der Brüder Karl und Franz von Moor erzählt. Der Erstgeborene Karl, möchte nicht seine Pflichten als Nachfolger seines Vaters antreten und verlässt so zum studieren die Familie. Sein jüngerer Bruder Franz würde diese Position nur zu gerne einnehmen, doch ist dies ohne Intrigen gegen seinen Bruder nicht möglich. Um seinem Ziel näher zu kommen, fälscht Franz einen Brief seines Bruders, um endlich die ersehnte Anerkennung seines Vaters zu erhalten.

Er kann seinen Vater Maximilian  für sich einnehmen und so erhält Karl die Nachricht seiner Verstoßung. Tief getroffen von dieser Botschaft und angesichts seiner Schulden, gründet Karl mit seinen Mitstudenten eine Räuberbande. Sie wollen gegen die Gesellschaft rebellieren und ihren Unmut über ihre Lage, teils auch mit zweifelhaften Taten, kundtun um Ruhm und Gehör zu erlangen.

Um endlich einen Schritt weiter zu kommen intrigiert Franz weiter und lässt seinem schon kränklichen Vater die Botschaft vom Tode seines Erstgeborenen von dem Soldaten Hermann übermitteln. Von der Nachricht tief getroffen, verzweifelt und in Trauer wird das Herz des Vaters immer schwächer. Franz wähnt sich endlich am Ziel, da er den Vater für tot hält.

© Hersfelder Festspiele

Auch Karls Verlobte Amalia möchte sich Franz aneignen und ihre Liebe erzwingen. Die selbstbewusste junge Frau, zeigt ihm allerdings klar seine Grenzen auf.

Auch in der Räuberbande entsteht Rivalität, denn Moritz Spiegelberg, welcher sich als Hauptmann und Kopf der Bande sieht, muss sich Karl geschlagen geben, welcher von den anderen dazu ernannt wird. Die Bande hat mittlerweile einen zweifelhaften Ruf erlangt und sich einiges zu schulden kommen lassen. In Karl kommen Zweifel und Schuldgefühle über all die Taten auf und das sie nicht mit seinen Idealen zu vereinbaren sind.

Als sich ein Edelmann der Bande anschließen möchte und seine eigene Geschichte von der verlorenen Liebe und Intrigen offenbart, wird Karl an seine eigene Familie erinnert. In ihm erwachen seine Gefühle für seine Verlobte Amalia von neuem und er sucht mit seinen Bandenmitgliedern das väterliche Schloss auf.

Als Graf getarnt trifft Karl auf Amalia, welche von dem vermeintlich Fremden erfährt, dass ihr geliebter Verlobter noch am Leben ist. Auch wenn Karl der tief getroffen vom vermeintlichen Tod seines Vaters ist, so besteht zwischen Amalia und ihm immer noch eine besondere Verbindung und Anziehung.

Als Franz seinen Bruder erkennt, sieht er seine Position gefährdet und möchte ihn mithilfe des treuen Hausdieners Daniel umbringen. Dieser jedoch informiert Karl über die Intrige seines Bruders und so scheitert dieser Plan. Doch nicht nur Franz möchte seinen Bruder beseitigen auch Spiegelberg trachtet Karl nach dem Leben. Sein Vorhaben wird Spiegelberg jedoch selbst zum Verhängnis, denn der treue Anhänger Karls, Schweizer, ersticht ihn.

Durch einen Zufall erfährt Karl vom wahren Schicksal seines Vaters, der seit der vermeintlichen Todesnachricht seines Erstgeborenen, in einem Verlies verharren muss und vom Soldaten Hermann mit dem Nötigsten versorgt und so am Leben gehalten wird. Denn anders als von Franz vermutet war sein Vater nicht verstorben. Auf Grund dieser Tatsache, ließ er ihn vor lauter Herrschsucht und Machtgier in dieses Verlies sperren.

© Johannes Schembs

Karl ordnet seine Bandenmitgliedern an ihm seinen Bruder auszuliefern, jedoch lebendig. Franz ereilen im Traum, wo er  vor dem höchsten Gericht steht, seine Taten und in dieser Panik nimmt er sich das Leben.

Da es dem Räuber Schweizer nun nicht mehr möglich ist, seinem verehrtem Hauptmann den Bruder lebendig auszuhändigen, sucht auch er den Ausweg im Tod. Doch wird dies nicht das letzte Todesopfer bleiben. Das Herz von Vater Maximilian versagt, bei der Erkenntnis, dass sein totgeglaubter Sohn noch am Leben ist.

Nach all den Geschehnissen möchte Karl sich von der Räuberbande lösen, doch hatte er ihnen am Anfang ewige Treue geschworen. Nun steht er zwischen seiner Liebe zu Amalia und seinen Räubern. Wie wird Karl sich am Ende entscheiden?

Inszenierung

Mit dieser Inszenierung von „Die Räuber“, die kein geringerer als Gil Mehmert zu verantworten hat, ist den Bad Hersfelder Festspielen ein Meisterwerk gelungen. Ein durch und durch perfekt gestaltetes und durchdachtes Bühnenstück, welches vom Publikum mit Standing Ovations und tosendem Applaus belohnt und gefeiert wurde. Ein genialer Schachzug Mehmerts war es, dieses große Stück von Friedrich Schiller mit den Songs von „Die Toten Hosen“ zu kombinieren.

Die Lieder, welche von einer fantastischen Band gespielt wurden, passten in Perfektion in jede Szene hinein und waren das moderne Element der Aufführung.

Denn genau wie Schiller, so waren auch „Die Toten Hosen“ Rebellen ihrer Zeit. Schiller wurde mit seiner Uraufführung von „Die Räuber“ 1782 über Nacht berühmt. Im Jahr 1982, 200 Jahre später gründeten sich „Die Toten Hosen“ und mischten die deutsche Musikszene mit ihren oft umstrittenen Texten auf. Diese beiden künstlerischen Elemente zu kombinieren war eine grandiose Idee.

Das Bühnenbild war recht schlicht gehalten und bestand hauptsächlich aus beweglichen Elemente in schwarz, welche jeder Szene klar ersichtlich machten. Die Kostüme waren sehr authentisch gestaltet. Auch der Ton war bis auf zwei kleine Momente, welche schnell gelöst wurden, sehr gut abgemischt. Die Texte waren klar verständlich, was bei diesem Stück sehr wichtig ist.

Als kleine Kritik ist einzig anzumerken, dass der Einsatz des Dudelsack leider zu leise war. Ein so wundervolles Instrument, in dieser historischen Kulisse, hätte ein Mikrofon oder eine Verstärkung im Ton benötigt. Daher gingen diese einzigartigen Klänge leider etwas unter.

Wenn man mit der Materie Schiller nicht ganz vertraut ist, benötigt man ein paar Minuten, um in die damalige Wortwahl einsteigen zu können. Als Zuschauer konnte man sich während der exzellent ausgewählten Lieder gedanklich kurz fallen lassen, bis man wieder in diese dramatische Geschichte hineingezogen wurde.

Mehmert ist es wieder einmal gelungen, Theater und Musik in Perfektion auf die Bühne zu bringen. Eine brillante Cast rundete diese Vorstellung ab. Alle Darstellenden lieferten grandiose schauspielerische wie gesangliche Darbietungen ab. Trotz hochsommerlicher Temperaturen und sehr vielen anspruchsvollen Textpassagen, spielten alle auf aller höchstem Niveau. Es war ein Genuss, dieses Stück in einem anderen Gewand und in der wundervollen Stiftsruine erleben zu dürfen. 

Besetzung

David Jakobs spielte in Perfektion den machtgierigen Franz von Moor. Ein junger Mann gefangen in seinen Gedanken und Sehnsucht nach Macht, Liebe, Ruhm und Anerkennung. Diese intensive Rolle, welche im Wahnsinn endet, verkörperte er mit voller Hingabe und Leidenschaft. Seine Mimik und Haltung waren in jeder Szene auf den Punkt. Gesanglich brillierte er in all seinen Nummern und zeigte wie schon in vielen anderen Rollen, welche er in seiner Laufbahn schon verkörperte, wie hervorragend er sein Handwerk beherrscht.

© Hersfelder Festspiele

Yascha Finn Nolting verkörperte den erstgeborenen Sohn Karl. Auch er zeigte sein Können in jedem Moment auf der Bühne und strahlte große Präsenz aus. Ob als rebellischer Räuberhauptmann oder emotionaler Sohn und Verlobter, verlieh er seiner Rolle jede Facette und trug diese ins Publikum. Auch der Zwiespalt zwischen der Sehnsucht nach Zuhause und der Rebellion gegen die Gesellschaft setzte er überzeugend auf der Bühne um. Im Duett mit Amalia (Nora C. Schulte) war sehr viel Harmonie und Emotion zu spüren. Es machte Freude ihm auf der Bühne zuzusehen.

Als Amalia verzauberte die Zuschauer Nora C. Schulte. Sie wirkte so zart und sanft, doch zeigte sie, wie stark und durchsetzungsfähig eine Frau sein kann. Dies gelang ihr hervorragend. Sie sang mit schöner, klarer Stimme und harmonierte mit ihren Kollegen wunderbar. Auch wenn sie die einzige Frau in diesem Stück war, so bot sie den Herren Paroli und nahm die ihre Szenen mühelos in weibliche Hand.

Moritz Spiegelberg, der Konkurrent von Karl, wurde von Christof Messner auf die Bühne gebracht. Er schuf eine unverwechselbare Figur und zeigt, wie viele Facetten diese Rolle bietet. Mit starker Mimik und schauspielerischem Können, nahm Messner das Publikum mit in die Welt und Gedanken des Moritz Spiegelberg. In seinen Gesangsparts überzeugte er mit seiner schönen Stimmfarbe sowie der perfekt zu jeder Note passenden Intonation.

Maximilian, regierender Graf von Moor wurde von Tom Zahner Leben eingehaucht. Er spielte den älteren Herrn mit Hingabe und der für die Rolle notwendigen Bedachtsamkeit. Die Sorge um seinen Erstgeborenen, die Intrigen seines Zweitgeborenen und die Erniedrigung im Verlies eingesperrt zu sein, all diese mit Emotionen belegten Szenen, verkörperte er mit Können und Fingerspitzengefühl.

In weiteren Rollen:

  • Schweizer: Tim Al- Windawe
  • Grimm: Wayne Götz
  • Razmann: Pedro Reichert
  • Schufterle: Andreas Schneider
  • Roller: Markus Schneider
  • Kosinsky: Sven Gey
  • Schwarz: Nico Hartwig
  • Räuberbande: Andrew Chadwick und Wolfgang Türks
  • Hermann: Wolfgang Türks
  • Daniel: Patrick Lammer
  • Ein Pater: Joern Hinkel

Musiker

  • Musikalischer Leiter: Patrick Lammer
  • Gitarre: Bastian Ruppert
  • Bass: Servet Cenk Cenik
  • Drums: Merlin Hellenkamp
  • Gitarre: Pedro Reichert
  • Trommel: Andreas Schneider
  • Dudelsack: Sven Gey

Crew hinter den Kulissen

  • Inszenierung: Gil Mehmert
  • Bühnenbild: Jens Kilian
  • Kostüm: Heike Meixner
  • Musikalische Leitung: Patrick Lammer
  • Choreografie Kampf: Wayne Götz
  • Choregrafie Tanz: Andrew Chadwick
  • Lichtdesign: Michael Grundner
  • Sounddesign: Joerg Gruensfelder
  • Dramaturgie: Irina Müller
  • Regieassistenz, Abendspielleitung: Annika Steinkamp
  • Bühnenbildassistenz: Leon Gesellmann
  • Kostümassistenz: Svenja Stannat, Carry Dück
  • Regie – Praktikum: Carolina Hoffmann
  • Maske: Ute Mai, Stephanie Hanf
  • Requisite: Doris Engel
  • Soufflage: Lara Hauke
  • Inspizienz: Thomas Schäfer, Karl Neukauf
  • Inszenierungsfotos: Johannes Schembs
  • Aufführungsrechte: Felix Bloch Erben, Musikverlag- und Bühnenverein Zürich

Die Bad Hersfelder Festspiele 2025 spielen mit ihren tollen Produktionen noch bis zum 18.08.2025. Unter anderem feiern die erfolgreichen Produktionen aus 2024 „Wie im Himmel“ und „A chorus line“ eine zweite Spielzeit. „Die Räuber“ sind noch bis zum 17. August 2025 an ausgewählten Terminen zu erleben.

Wir bedanken uns bei den Bad Hersfelder Festspielen für die Einladung.


Artikel von Rebecca