Wunder geschehen – Ebertbad Oberhausen

Ein etwas anderer Rückblick – wörtlich genommen – betrachtet das Konzert einmal auf eine sehr besondere Art und Weise, wie man es sonst eher nicht zu lesen bekommt.

Die Hauptakteure des Abends:

Jan Ammann
Maya Hakvoort
Eve Rades
Dennis Henschel

Wer hätte sich nicht schon einmal gewünscht, ein besonderes Erlebnis wieder und wieder in Dauerschleife zu durchleben, die Zeit anzuhalten und Augenblicke einfach zu bewahren? Wenigstens für den Moment eines „Throwbacks“, eines Rückblickes auf ein fantastisches Konzert in Oberhausen, können wir diesen Traum wahr werden lassen. Reichen Sie uns die Hand, lassen Sie sich entführen und setzen Sie sich mit uns vor einen altmodischen Recorder – spulen wir das Band noch einmal zurück, lassen das „Wunder geschehen“ und den Abend des 16. September 2017 noch einmal aufleben. Folgen Sie uns in das kleine Theater und beobachten Sie folgende Szenen als stiller Zuschauer. Sie werden auch Ihnen ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Doch seien Sie vorsichtig, manchmal ist auf diesen Reisen nicht alles real, rückwärts sehen und sich erinnern ist schön, doch eigentlich ist der Weg des Lebens, der der Realität, hoch aufgerichtet mit dem Blick in die Zukunft. Ganz bewusst rollen wir diesen Konzertabend, präsentiert von Sound of Music Concerts, von hinten auf und beginnen mit dem Ende, doch ist nach dem Konzert nicht ohnehin immer auch vor dem Konzert?

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Ein Knistern liegt in der Luft, man kann die Vorfreude auf die nächste Veranstaltung förmlich greifen und mit dieser im Herzen ist es den Zuschauern des Abends leicht, die Uhrzeit für einen Moment zu vergessen. Es ist beinahe 22:30 Uhr, der letzte Ton ist eigentlich schon längst gesungen. Fröhliches Stimmengemurmel ist zu vernehmen, etwa 400 Zuschauer des ausverkauften Ebertbades lachen und schwatzen durcheinander, sie drängen sich vor der Bühne zusammen und versuchen eine Autogrammkarte der Darsteller zu erhaschen. Geduldig verteilen Gastgeber Jan Ammann und seine Kollegen Maya Hakvoort, Eve Rades und Dennis Henschel selbige, bis jeder zufrieden ist. Häufig posieren sie für ein Foto und haben für rasche Wortwechsel und ein Lächeln oder Faxen für fast jede Kamera einen Augenblick Zeit. Doch wie ein Zwinkern vergeht der Moment und die Zuschauer sitzen, die Beleuchtung wird gedimmt und viele blicken auf zuvor verteilte Textblätter mit dem Refrain zu „Wunder geschehen“, jenem Song, der auch dem Abend seinen Namen verleiht. Die warmen Stimmen der Darsteller erklingen und tragen die ersten Töne in den Saal, der Text geht nah und die Moral sitzt messerscharf. An sich selbst zu glauben und daran, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat – die eigene Stärke im Glauben zu suchen und auch zu finden. Vielstimmig stimmt das Publikum in den Refrain ein und der Moment ist beinahe magisch, als der ganze Saal auf einmal von einer warmen Welle der Musik ergriffen wird. Gänsehaut und die ein oder andere Träne im Augenwinkel gehören zu diesem Moment und werden ihn in der Erinnerung fest verankern.

Ein wenig abgewandelt zu seinem ursprünglichen Text überrascht Jan Ammann das Publikum mit seinem Lied „Sänger sein“, welches er textlich ein wenig auf die zu diesem Zeitpunkt bevorstehende Bundestagswahl anpasst und den mahnenden Zeigefinger auch hierin erhebt. Nicht nur ein Schmunzeln, wie sonst, sondern auch einen Denkanstoß gibt er seinen Zuhörern mit auf den Weg, indem er klar zeigt, dass er sich nicht nur auf eine Sache konzentriert, sondern durchaus Realität und Traumwelt miteinander zu verbinden weiß.

Zurück in die Sommermonate, zu seinem Engagement zu den Freilichtspielen Tecklenburg, wo er für seine Rolle als Maxim de Winter im Stück Rebecca den Preis als bester Darsteller gewonnen hat, geht die Reise nun. Mit „Ich hab geträumt von Manderley“, bei dem das Publikum einmal helfend mit dem passenden Text einspringt, bricht das Eis. In „Jenseits der Nacht“ verjagt Eve Rades als „Ich“ die Schatten der Vergangenheit aus Maxims Leben und für „Kein Lächeln war je so kalt“ erntet Jan Ammann, der es meisterlich versteht, das Publikum wieder auf die Freilichtbühne mitzunehmen, großen Applaus. Dennis Henschel verblüfft mit „Eine Hand wäscht die andere Hand“, dem Solo des Unsympathen Jack Favell, und gibt dies derart ausdrucksstark zum Besten, dass man sich wünscht, ihn bald schon einmal in der Rolle zu sehen. Maya und Eve geben „Rebecca“, das Titellied aus dem gleichnamigen Musical, zum Besten, wobei einem Mayas Stimme eine Gänsehaut über den Rücken jagt und man sich unwillkürlich fragt, ob man die sonst so liebenswert wirkende Darstellerin tatsächlich nach dem Konzert noch um ein Autogramm bitten möchte. Die böse Art der Mrs. Danvers steht ihr gut zu Gesicht.

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Mit „Sie ergibt sich nicht“, zeigt Maya ihr Können als Mrs. Danvers, wohingegen Eve mit „Zeit in einer Flasche“ eher ruhige und sehnsuchtsvolle Töne anschlägt, die inhaltlich auch sehr gut zu diesem Rückblick passen. Den Augenblick vor dem Vergehen bewahrt Jan dann noch einmal mit seinem „Zauberhaft natürlich“ und einigen Anekdoten aus Tecklenburg, die den Block abrunden. So erfahren wir, dass es nie leicht ist, auf einer Freilichtbühne zu spielen, und man besser nicht wasserscheu sein sollte, wenn man plant, dort zu agieren. Doch der größte Feind scheint der Wind gewesen zu sein, mit dem es täglich neue Kämpfe auszufechten galt. Unterhaltsam sind diese kleinen Berichte in jedem Fall.

Inspiriert von der Konzertreihe „Merci Cherie“ und den Titeln von Udo Jürgens gibt es auch hierzu einen Block mit einigen Titeln, deren Auswahl wohl durchdacht ist. Dennis, dessen Weg wohl auch alles andere als geradlinig verlief, als ausgebildeter Polizist, der seinen ursprünglich erlernten Beruf zugunsten der Kunst aufgegeben hat, trägt ein äußerst emotionales „Gib mir deine Angst“ vor, was das Publikum zu Recht zunächst den Atem anhalten und schließlich ausgelassen applaudieren lässt. Sein warmer Bariton berührt tief, nicht zum ersten Mal an diesem Abend.

„Der gekaufte Drachen“, ein Lied über den Wert gemeinsamer Zeit und Unternehmungen und darüber, dass man Liebe mit Geld nicht kaufen kann, rührt das Publikum zutiefst und Jan Ammann gibt ihm genau den nötigen Raum, den es braucht, um die Gedanken kreisen, aber nicht zu sehr abschweifen zu lassen. Immer wieder holt er sein begeistertes Publikum zurück.

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Dennis und Eve machen mit „Immer wieder geht die Sonne auf“ klar, dass es stets einen neuen Tag und damit einen Neuanfang gibt, um Chancen wahrzunehmen und sein Glück und seine kleinen Wunder selbst zu suchen, während Jan mit „Vater und Sohn“ die Schwierigkeiten in einer solchen familiären Beziehung darstellt. Nicht alle Lieder sind auf dem aktuellen Album zu finden, aber haben zu Recht einen Platz in diesem Konzert. Sie stimmen auf ihre Art nachdenklich, regen zum Lachen, Nachdenken und manchmal auch dazu an, eine Träne zu verdrücken, doch sie sind immer grundehrlich.

Dass es immer weiter geht, egal wohin der Weg auch führt, und das am besten zu zweit, besingen Jan und Eve mit „Hinterm Horizont“, doch nicht immer ist der einfache Weg der Richtige wie Dennis und Jan feststellen, als sie aus Mozart!, „Der einfache Weg“, singen.
Natürlich dürfen auch Küsse und Bisse nicht fehlen, ein Umstand, der mit der „Totalen Finsternis“ augenblicklich ins rechte Licht gerückt wird und Eve kichern lässt.

Eine Erholungspause für das Publikum und die Darsteller, die sich sichtlich verausgaben, ist angebracht und auch Andreas Luketa, Produzent der Konzerttour, der den ganzen Abend auf den Beinen ist und zwischen Bühne und Technik hin und her eilt, hat diese nötig. Begeisterte Stimmen schwirren durch den Raum und mit Spannung wird erwartet, was noch weiterhin dargeboten werden wird.

Über die Tücken, etwas Altes, neu zu erlernen, klärt Jan sein Publikum mit leuchtenden Augen und Grimassen schneidend auf, als er davon berichtet, dass er die Rolle des Ludwig in Füssen unbedingt antreten wollte, es aber unzählige Änderungen im Text gegeben habe. Leider habe sich die Probenzeit von zwei Wochen auf ebenso viele Tage reduziert, was dann eine ungeheure Herausforderung dargestellt habe. Aber nicht zimperlich, hat er sich dieser gestellt und auch an diesem Schauplatz im Sommer gemeinsam mit seinen Kollegen ein breites Publikum angelockt und begeistert, so dass im kommenden Jahr eine Wiederaufnahme geplant ist. Diesmal hoffentlich mit ausreichend Zeit für alle.
„Kalte Sterne“ und „Geliebte Berge“ holen diejenigen, die es vor Ort bereits gesehen haben, ab und zurück ins dortige Festspielhaus, während viele andere die Sehnsucht überkommt, es im nächsten Jahr bei weitaus mehr Terminen endlich live zu erleben. Sehr intensiv sind die Musik und vor allem die Texte, wie auch das Duett zwischen ihm und Maya, „In Palästen geboren“, zeigt. Zudem ist auch Schloss Neuschwanstein immer eine Reise wert und auch die Figur des Ludwig, obwohl auch die Titel aus diesem Musical auf dem aktuellen Album leider vergeblich gesucht werden, reiht sich als Träumer und Visionär seiner Zeit wunderbar in die Thematik des Abends ein.

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Kaum versieht man sich, da wird man an diesem Abend auch schon an die Hand genommen und entführt. Über Weltmeere hinweg getragen, kaum dass ein Augenaufschlag vergeht. Jan erzählt über seine Zeit, in der er in L.A. Auditions mitgemacht hat und anschließend froh war, wieder daheim zu sein. Dennoch erinnert er sich gern zurück. „I remember L.A.“, ist ein immer wieder gern gehörtes Lied. Ein weiterer Jahresrückblick ist das Fantreffen im Frühjahr, als ein gemeinsamer Kinobesuch Jan und seine Fans in den Kinofilm LALA LAND geführt hat. Dennis singt „Start a fire“, aus dem Film, Eve „Verrückt wie sie“, erstmals in deutscher Sprache, und Jan und Maya sehr gefühlsbetont „Glitzernde Stadt“, nachdem die Band die Ouvertüre vorgetragen hat.

Zur Band kann man, wie so häufig, kaum Worte finden. Mario Stork als musikalischer Leiter arrangiert stets die Stücke so, dass sie für alle Akteure des Abends harmonisch passen. Hierfür gilt ihm ein großes Lob. Doch auch Marina Kommisartchik am Flügel, Hannes Kühn an der Gitarre, Christian Niehues am Bass, Matthias Plewka an den Drums und Vasile Darnea an der Violine sind ein meisterhaft eingespieltes Team und begleiten die Sänger in nie aufdringlicher, aber stets unglaublich präsenter Art. Es ist immer wieder eine wahre Freude, ihnen auf die Finger zu schauen und vor allem zu lauschen.

Dass man nicht immer ganz normal sein muss, um normal zu sein – dass das Mainstreamdenken und mit dem Strom schwimmen einem auch den Blick verschleiern kann, zeigen die folgenden Lieder. Warum also nicht einmal aus dem Strom ausbrechen, und etwas Einzigartiges, oder Verrücktes tun? Das Leben ist zu kurz, um es zu vergeuden. Aus dem Musical Das Lächeln einer Sommernacht stammt „Wo sind die Clowns“, ein Titel, der aktueller denn je ist. Die Welt dreht sich, egal was kommt – Verlust, Trennung, Freude und Gefühl liegen eng bei einander. Aus Next to Normal – Fast normal stammen „Superboy und seine Schwester aus Glas“, sowie „Mir fehl’n die Berge“. Beide Stücke eher schwere Kost, bedenkt man den Hintergrund des Musicals. Doch Träumen wird auch hier wohl noch erlaubt sein, genau wie in dem von Jan vorgetragenen Lied „Leuchtturm“, welches ursprünglich von Nena stammt.

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Mit einer großen Träumerin der Geschichte und einem ebenso großen und berühmten Musical setzen die Künstler hier musikalisch den Auftakt oder für diesen Bericht symbolisch den Schlussakkord. Natürlich ist von Kaiserin Elisabeth und den Titeln aus dem großartigen, gleichnamigen Musical die Rede. Mit seinen Gästen Dennis und Maya trägt Jan zwei Duette aus dem Meisterwerk vor: „Wenn ich tanzen will“ und „Die Schatten werden länger“. Maya intoniert danach wunderbar überzeugend „Ich gehör nur mir“ und Jan „Kein Kommen ohne Gehen“.

Wenn also ein Konzert eigentlich mit dem personifizierten „Tod“ beginnt, so kann man es auch beruhigt rückwärts schreiben. Jeder Anfang ist ein Ende und umgekehrt. Das zeigt doch, dass an einem solchen Abend eigentlich alles möglich ist. Ein Kaleidoskop aus Farben, Formen und Klängen, neuen Eindrücken und wunderbaren Momenten erwartet den Zuschauer also bei dieser Konzertreihe. Leuchtende Gesichter, Jubel und Applaus tragen Sänger wie auch Gäste durch den Abend.


Fotos und Artikel von Andrea