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West End – Romeo and Juliet

Das Globe Theatre in London ist allein schon einen Besuch wert. Wo sonst kann man dem Theatererlebnis wie zu Shakespeares Zeiten so nahe kommen?

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Doch auch hier direkt an der Themse, an einem Sonntagnachmittag, geht es nicht ohne Anstehen. Die Schlange ist lang, aber es kommen beständig Tickets zurück und schon bald haben wir zwei der fünf Pfund Stehplätze. Zeitiges Kommen sichert gute Plätze – das gilt vor allem auch im Globe. Schließlich ergattern wir für die erste Hälfte der Vorstellung noch Plätze direkt am seitlichen Bühnenrand. Wenn auch über die Stunden hinweg ein wenig ermüdend, empfinde ich die Stehplätze – ganz nah dran, mitten in der tobenden Masse und manchmal überrascht von einem neben einem auftauchenden Darsteller – am anregendsten.

Die Inszenierung in der Regie von Daniel Kramer ist modern, alle Darsteller haben maskenartig weiß geschminkte Gesichter. Die in den Wehen liegenden Mütter Capulet (Martina Laird) und Montague (Sian Martin) gebären unheilverkündend zwei Kindersärge.

Bunt, etwas schräg, mit Musik und einiger Action wird die wohl bekannteste Liebesgeschichte erzählt. Der Auftritt Romeos (Edward Hogg) als deprimiert coolem Jugendlichen entlockt dem Publikum bereits einige Lacher. Dass Julia (Kirsty Bushell) um einige Jahr(zehnt)e älter aussieht als von Shakespeare vorgesehen, irritiert ein wenig. Dabei gewann die Aussage im Beautysalon, in dem wir Julia zuerst antreffen, eine ganz andere Bedeutung: „Wenn ich mit dir fertig bin, siehst du aus wie 14“.

Rosen am Bühnenrand und unheilvoll am Bühnenhimmel hängende schwarze Raketen bilden einen starken Kontrast. Die Kostüme schwanken zwischen modern und historisch, dezent schwarz-weiß und auffällig bunt-kitschig. Der Ball der Capulets wird zu einem animalistischen Maskenball, mit Goofy, Elphaba, Godzilla und vielen mehr.

Die Inszenierung ist laut und voller Bewegung. Ob (Box-)Kampf, Schießerei (mit „Bang! Bang!“-schreienden Darstellern), Tanz zur Musik der „Village People“ oder ergreifender Gesang von Mercutio-Darstellerin Golda Rosheuvel, in dieser Inszenierung ist alles dabei.

Intensiver und mit mehr Tempo gestaltet Regisseur Daniel Kramer zwei Monologe von Julia und Romeo, indem er sie ineinander verwebt, die beiden – obwohl räumlich voneinander getrennt – abwechselnd zu Wort kommen lässt.

Wer sich auskennt, hat bereits vor der Vorstellung einen der appetitlich duftenden warmen Pies bestellt. Wer nicht, der muss mit kühlen Getränken und Knabberzeug vorlieb nehmen. Ausgehungert stehen wir in der langen Schlange und haben dann auf dem Weg zurück in den Saal gerade noch Zeit, ein paar unserer Chips hinunterzuschlingen. Nach der Pause ergattern wir Plätze mit besserer Sicht, die wegen der prallen, zum Glück aber bald weiterziehenden Sonne niemand haben wollte. Während die Umstehenden noch Sonnencreme herumreichen, geht das Stück weiter und das Drama nimmt seinen Lauf. Eine Matratze auf der Bühne dient dabei sowohl in der Hochzeitsnacht als auch in der Todesstunde als zentraler Punkt.

Die ehemals weißen, nun in einer Mischung aus verlaufenem Weiß, Schwarz, Rot und durchscheinender Hautfarbe verschandelten Gesichter künden von der sich zuspitzenden Tragödie.

Pater Lorenzo (Harish Patel) in seinem Singsang versucht mit der altbekannten List, das Glück des Paares zu sichern. Doch dank verspäteter Fed-Ex-Lieferung gelangt die Nachricht nie in Romeos Hände. Herzzerreißend ist auch hier das Ende, während nicht nur Romeo und Julia den Tod finden, sondern auch die noch lebenden anderen Handelnden hingerichtet werden.


Artikel von Anne

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