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West End – Hamlet

Tag 2 meines London Theater-Marathons

Der Versuchung, Andrew Scott alias Moriarty aus der BBC-Serie „Sherlock“ in London live auf der Bühne zu sehen, kann ich nicht widerstehen und so warte ich geduldig die zwei Stunden in der Ticketschlange, um einen der wenigen Day seats zu bekommen. Ich habe Glück und sitze am Nachmittag freudig aufgeregt – und mit leicht verrenktem Hals hinaufstarrend – in der ersten Reihe des hübschen Harold Pinter Theaters, das ich bereits von einem früheren Theaterbesuch kenne.

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Modern ist der Londoner „Hamlet“ in der Regie von Robert Icke angelegt. Zunächst etwas skeptisch, bin ich doch schnell froh, mich auf diese Inszenierung eingelassen zu haben, denn sie ist absolut schlüssig. Durch die relativ kleine Bühne ist der Zuschauer näher an den Handelnden, wirkt die Begebung mit den Charakteren intimer und unmittelbarer.

Der moderne Ansatz bringt interessante Möglichkeiten mit sich: So finden wir uns zu Beginn im CCTV-Video-Überwachungsraum des Schlosses Helsingör wieder, in dem der Geist des unlängst verstorbenen Königs (majestätisch David Rintoul) über die Bildschirme flimmert und vor aller Augen verschwindet. Vielleicht etwas zu laut – zumindest auf den billigen Plätzen – erscheinen dabei die Toneffekte.

Die Videoleinwand wird später auch für die Übertragung aktueller Nachrichten, aber auch zur live-Wiedergabe des Bühnengeschehens verwendet. So ermöglichen sie dem Publikum, die Gesichter der königlichen Familie während des von Hamlet manipulierten Theaterstückes genauestens zu beobachten, obwohl sie dafür auf Stühlen vor der ersten Reihe Platz genommen haben und dem Saal den Rücken zukehren.

Durch die Videoleinwand sowie große Schiebetüren über die gesamte Breite der Bühnen, sind Umbauten schnell und on stage möglich.

15. Andrew Scott as Hamlet_credit Manuel Harlan

58. Andrew Scott as Hamlet_ credit Manuel Harlan

Andrew Scott spielt und entwickelt seinen Hamlet durch das Stück hindurch beeindruckend. Seinen Monolog „To be or not to be“ spricht er direkt an der Rampe, in unmittelbarer Zwiesprache mit dem Publikum. Dabei klingen Shakespeares Zeilen natürlich, modern, als würden sie ihm gerade erst einfallen und wären nicht schon 400 Jahre alt. Er liebt, lacht, trauert und hasst und kreuzt am Ende im Zweikampf mit Laertes (voller Energie, Luke Thompson, aktuell im Kino in „Dunkirk“ zu sehen) die Klingen, bevor er selbst in den Armen seines Freundes Horatio (Joshua Higgott) qualvoll stirbt. Wer einen zweiten Moriarty als Hamlet erwartet, ist hier fehl am Platz, hier zeigt uns Andrew Scott weitere Facetten seines Könnens.

17. Jessica Brown Findlay (Ophelia) and Luke Thompson_credit Manuel Harlan

Absolut überzeugend ist auch Jessica Brown Findlay als Ophelia. Ihre Verwandlung von der intelligenten jungen Frau zur verzweifelten Wahnsinnigen ist überzeugend und erschütternd. Sie wird zum Spielball der Anderen und zerbricht schließlich daran. Verstrickt in die Intrigen, als Spionin benutzt und selbst bespitzelt, wie durch die Ermordung ihres Vaters Polonius (Peter Wight) durch Hamlet um den Verstand gebracht, ist es herzzerreißend mit anzusehen, wie Ophelia am Ende ihrer körperlichen und geistigen Kräfte an den Rollstuhl gefesselt ihren letzten (lebendigen) Auftritt hat.

Dass die frisch verwitwete Königin Gertrude (Derbhle Crotty) nicht anders kann, als diesen schneidigen, charmanten Gentleman vom Fleck weg zu heiraten, bestätigt ein Blick auf Claudius und sein Auftreten ihr gegenüber. Trotzdem kann mich Angus Wright nicht ganz überzeugen. Meine Sitznachbarin fasst es schließlich recht treffend in Worte: Er spricht seine Zeilen schön, aber man hat nicht das Gefühl, dass er versteht, was er da sagt. Anders bei Derbhle Crotty. Ihre Gertrud ist vielschichtig und, ob als Mutter, Königin oder verliebte, frisch verheiratete Frau, sympathisch.

Interessant und angenehm empfand ich die Auslegung von Guildenstern (Madeline Appiah) und Rosencranz (Calum Finlay) als Paar. Die Darstellung von Guildenstern als Frau, gibt Shakespeares Worten zum Teil eine zweideutigere Bedeutung und wirft ein anderes Licht auf die (Dreiecks-) Beziehung, so dass man gern mehr über die Vergangenheit der handelnden Personen erfahren würde. Auch lässt es Hamlets Verrat, die beiden dem Tode auszuliefern, noch grauenvoller erscheinen.

Barry Aird als Totengräber jagt einem einen Schauer über den Rücken. Zwischen naiv und philosophisch tritt er ins Zwiegespräch mit Hamlet – und zerschlägt mit glockenhellem Klang einen Totenschädel nach dem anderen.

Angus Wright (Claudius), Andrew Scott (Hamlet) and Derbhle Crotty (Gertrude) - credit Manuel Harlan (237)

Hamlet war das lange Anstehen absolut wert. Obwohl eine Tragödie, hat das Stück auch einigen Wortwitz und heitere Momente zu bieten. Der Stoff ist aktuell und fügt sich problemlos in die moderne Inszenierung.

Endlich einmal habe ich die für uns Deutsche ungewöhnliche Tradition, seine Jacke mit in den Saal zu nehmen, schätzen gelernt, denn es war – vor allem im Vergleich zu den sommerlichen Temperaturen draußen – bitter kalt. Trotzdem ließen es sich viele Briten in der Pause nicht nehmen, kräftigen Gebrauch von den kleinen Eiscreme-Ständen zu machen.

Da wir in der Nachmittagsvorstellung waren, hatten wir am Bühneneingang kein Glück. Mit fast vier Stunden ist Hamlet allerdings länger als „Kinky Boots“, für das wir am Abend Tickets hatten, so dass wir nach einer glitzernden, rot-beschuhten Vorstellung, beschwingt zum Harold Pinter Theatre zurückkehren. Da die Vorstellung noch läuft als wir ankommen, können wir einige der Darsteller zu ihren Auftritten vorbeilaufen sehen. Scheinbar gibt es keinen anderen Zugang in den Zuschauersaal. Zusammen mit ca. 40 anderen, warten wir gespannt auf das Ende der Show. Leider sorgt ein Securitymann des Theaters für leicht angespannte Stimmung, da er wesentlich nervöser scheint als Andrew Scott, der schließlich freundlich lächelnd Autogramme gibt und für Fotos posiert.

„Hamlet“ ist noch bis zum 2. September im Harold Pinter Theatre im West End zu sehen.


Artikel von Anne

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