West End – Bat out of hell

London ist immer eine Reise wert. Ob Musical, Schauspiel oder Oper, die Auswahl scheint schier unendlich. In 2 ½ Tagen habe ich für euch in einem kleinen Theater-Marathon fünf Stücke besucht. Besonders gespannt war ich auf das Musical “Bat Out of Hell”, das für kurze Zeit im London Coliseum läuft.

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Die Entstehungsgeschichte von “Bat Out of Hell” beginnt bereits im Jahr 1968. Der junge Jim Steinman schrieb noch während seiner College-Zeit das Musical “Baal”, aus dem sich ein Jahr später “The Dream Engine” und 1977 “Neverland” entwickeln sollten. Im selben Jahr erschien das Meat-Loaf-Album “Bat Out of Hell”, 1993 und 2007 dann Album Nummer 2 und 3, letzteres allerdings ohne aktive Beteiligung von Jim Steinman. Der Stoff entwickelte sich von Baal, über Peter Pan hin zu einer post-apokalyptischen Dystopie, in deren Mittelpunkt die “Lost Boys” stehen. Im Februar schließlich erlebte das Musical “Bat Out of Hell” in Manchester seine Premiere und eröffnete im Juni im Coliseum in London.

Das Theater ist beeindruckend: vergoldeter Stuck, roter Plüsch, drei tiefhängende Ränge und eine Kuppel über dem Parkett. Mit über 2.300 Sitzplätzen ist es zudem auch das größte Haus der Stadt.

Das Bühnenbild steht im krassen Gegensatz zur Eleganz des Coliseum Theater. Kalte Metallpfeiler ragen in die goldene Pracht, auf der Bühne herrscht ein Chaos mit einem Charme zwischen Mülldeponie und Kanalisation mit einem einsamen Motorrad und verbreitet eine dystopische Weltuntergangsstimmung. Eine gruselige Geräuschkulisse stimmt das Publikum im fast ausverkauften Saal auf das Bühnengeschehen ein. Das Stück beginnt unvermittelt, von einem Moment zum anderen ist die Saalbeleuchtung erloschen und wir werden von Bühnenscheinwerfern geblendet. Die Musik erfüllt den großen Saal, das Publikum ist von der ersten Sekunde an hingerissen, jubelt, klatscht und singt die ihnen durch Meat Loaf bekannten Songs mit.
Die Handlung ist eine eher einfach gewebte Story um die 18-jährige Raven, die von ihrem tyrannischen Vater Falco in einem Turm vor dem Kontakt mit der Außenwelt im Allgemeinen und dem Kontakt mit Strat und den für immer 18-bleibenden Verlorenen im Besonderen beschützen will. Dramatisch, romantisch, ein Stück mit mitreißend rockiger Musik und beeindruckenden Bühneneffekten. Um einen besseren Einblick in Ravens Zimmer zu erhalten, werden diese Szenen von einer Kamera begleitet, deren Bilder live auf eine große Leinwand übertragen werden und dem Zuschauer einen deutlicheren Blick auf das Geschehen sowie die Mimik der Akteure werfen lassen. Mit akrobatischen Tanzeinlagen, stimmungsvollen Lichteffekten, Feuer und Wasser (!), wird der Handlung Nachdruck verliehen.

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Die Pause bietet – neben der Chance sich im Zuschauerraum des Coliseum einmal genauer umzusehen – auch die Möglichkeit, sich auf eine echte Harley mit obligatorischem Rinderschädel zu setzen und ein Foto als Andenken mit nach Hause zu nehmen. Natürlich gibt es auch wieder Eiscreme und einen umfangreichen Merchandise-Shop, aus dem nicht nur eine Handvoll T-Shirts zum 2. Akt den Weg in den Zuschauerraum findet.

Betrachtet man die Entwicklung von “Bat Out of Hell”, ist es nicht verwunderlich, dass das Werk auch eng mit anderen Kompositionen von Steinman verbunden ist. Vor allem Melodien aus dem Musical “Tanz der Vampire”, wie die “Unstillbare Gier” und “Totale Finsternis” finden Anklänge. Eine weitere Vampir-Reminiszenz gibt es am Ende, als ein Schwarm Fledermäuse mit leuchtend roten Augen über das Publikum fliegt. Schließlich bleibt ungeklärt, wie die Verlorenen ihre ewige Jugend erhielten.

Als Reminiszenz an eine der Urversionen des Musicals trägt Andrew Polec ein Shirt mit einem Bild von Jim Steinman als Baal während einer Aufführung von “The Dream Engine”.

Nachdem auch Bösewicht Falco geläutert und zum Rock’n’roll bekehrt wurde, gibt es ein Happy End für Strat und Raven. Mit Standing Ovations feiert das Publik die Cast, klatscht, singt und tanzt kräftigt mit.

Andrew Polec ist fantastisch. Als Strat balanciert er in seiner Rolle zwischen dem einfühlsamen Jungen, dazu verdammt niemals zu altern, der mit den anderen verstoßen Lost Boys in der Unterwelt von Obsidian – ehemals als Manhattan bekannt – lebt und einem Vollblut Rockstar.

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An seiner Seite spielt Christina Bennington als Raven, deren Stimme sowohl die zarten Töne der wohlbehüteten Tochter, noch mehr aber die sehnsuchtsvoll-rockigen Klänge wunderbar wiedergibt.

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Ihrem Glück gegenüber stehen Ravens Eltern Falco (Rob Fowler) und Sloane (Sharon Sexton) die mit ihrem Song “Paradise by the Dashboard Light” einen regelrechten Showstopper präsentieren.

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Aus dem Ensemble heraus muss Danielle Steers unbedingt erwähnt werden. Was für eine Stimme! Schade, dass sie in diesem Stück nicht noch mehr Solonummern hat. Aber auch der Rest des Ensembles überzeugt stimmlich und tänzerisch vollkommen.

Mit vielen Special Effects, Live-Videos, Motorrädern und natürlich den fantastischen Songs, die durch Meat Loaf bekannt wurden, ist „Bat Out Of Hell“ wirklich ein Erlebnis und die Reise absolut wert.
An der Stage Door findet der Abend, zwischen zahlreichen Fans, mit Fotos, Autogrammen und netten Gesprächen einen schönen Ausklang.

Zur letzten Show am 22. August sorgten die diversen Fanclubs wie “The Lost” und “The Bat Clan” im Saal für besondere Stimmung. Ab 14. Oktober ist „Bat Out of Hell“ in Toronto, Kanada, zu erleben. Wem der Weg dorthin zu weit ist, muss sich wohl mit der schon lange erwarteten CD, die laut Insider-Informationen demnächst erscheinen soll, bis zur Rückkehr des Musicals 2018 nach London begnügen.


Artikel von Anne