Gil Mehmert im Interview zu WAHNSINN!

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Am 25. Februar 2018 fand die Weltpremiere des ersten Party-Schlager-Musicals „WAHNSINN! – das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry“ in Duisburg im Theater am Marientor, statt. Das Autoren-Duo Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth wurde von Regisseur Gil Mehmert unterstützt, dem die Inszenierung dieses besonderen Stoffes erst ein wenig Kopfschmerzen bereitete. „Zunächst hatte ich durchaus einige Berührungsängste, die ich aber ganz schnell verloren habe.“ – so erzählt er mir in einem kurzen Interview, welches ich beim offiziellen Pressetermin führen durfte. „Wie Gil, Du machst Wolfgang Petry?“, sei nicht selten die Reaktion seiner Bekannten gewesen, da er mit seinen bisherigen Projekten eher schwere, tiefgehende und intensive Kost, wie Opern, sowie aufwendige Open-Air-Produktionen und Bearbeitungen von großen Filmstoffen auf die Bühne gebracht hat.

Bei der Recherche, die nach seinen Angaben bei Neuinszenierungen bereits ein gutes Jahr vor der Premiere beginne, habe er das Gefühl bekommen, dass sich der Petry-Kosmos fast in einer Parallelwelt abgespielt habe, die er selber gar nicht so wahrgenommen hätte. Er habe festgestellt, dass der Künstler, mit dessen Musik seine neueste Inszenierung zu füllen war, extrem viele treue Fans hatte, auch immer noch habe, und mühelos große Stadien füllen konnte.

Aber was machen gerade die Songs von Wolfgang Petry musicaltauglich? Mehmert kann diese Frage nicht so schnell und einfach beantworten, wie man vielleicht denkt. Es habe erstmal die große Schwierigkeit gegeben, dass Petrys Lieder sehr monothematisch seien. Ein Mann singe über seine Probleme mit der holden Weiblichkeit. Allerdings stünden in einer solchen Produktion wie „WAHNSINN!“ eben mehrere Darsteller auf der Bühne und die Songs hätten inklusive der Texte aufgesplittet und auf verschiedene Paare zugeschnitten werden müssen, so dass plötzlich Duette oder mehrstimmige Partituren entstanden. Das sei der Trick, welcher es dann plötzlich interessant mache, eine passende Geschichte zu erzählen. „Das Besondere an Wolfgang Petry ist seine Ehrlichkeit und seine Authentizität. Unser Musical spielt nicht wie häufig an irgendwelchen besonderen Orten, in reichen Häusern oder im Dschungel zum Beispiel, hier spielen Menschen wie du und ich in einer natürlichen Umgebung. Das ist genau das, was Wolfgang Petry geschaffen hat, er holt die Menschen mit seinen Liedern direkt von zuhause ab und erreicht sie ganz direkt.“

© Ralf Brinkhoff
© Ralf Brinkhoff

Es gehe um den alltäglichen Wahnsinn von vier Paaren im Ruhrgebiet, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Beziehungen befänden – erläutert er mir den Inhalt des Stücks. Das eine Paar würde sich gerade finden, das Zweite zelebriere eine bereits lange Ehe, die allerdings eingeschlafen sei und allmählich vom Alltag gefressen würde, das Dritte trenne sich gerade und das Vierte wäre eigentlich noch nie eines gewesen, sondern habe vor 25 Jahren lediglich eine wunderbare Urlaubswoche gehabt, an deren Ende der gemeinsame Traum aber nicht gelebt wurde. Jetzt seien sie bereits seit 25 Jahren getrennt, lebten an unterschiedlichen Orten und Wolf habe lediglich „ein kleines Stück Papier“ mit der Telefonnummer, die allerdings nicht mehr existiere, von seiner Angebeteten – kein Anschluss unter dieser Nummer. „Vor 25 Jahren waren wir halt noch nicht im Handy-Zeitalter!“, wie Mehmert augenzwinkernd bemerkt. Alle Paare befänden sich also in einer Umbruchsituation und diese führe dazu, dass sie – aus unterschiedlichen Gründen und natürlich rein zufällig – auf einer Insel in Spanien, Bahia del Sol (der Autorenfantasie entsprungen) wieder zusammenfänden. Dort habe Wolfs immer noch große, unvergessene Liebe, den eigentlich gemeinsamen Traum durchgezogen und tatsächlich ein Hotel eröffnet. Auch könnten einige Verbindungen zu dem Namengeber des Musicals in der Inszenierung gefunden werden, so hieße zum Beispiel einer der Bühnenfiguren Karsten Remling, welches der eigentliche Nachname Wolfgang Petrys sei. In der Geschichte habe es diese Rolle früher einmal mit einer musikalischen Karriere versucht, es aber lediglich zu einem Hit gebracht, weshalb er seinen Sohn davon abhalten wolle, Musiker zu werden. Dieses One-Hit-Wonder sei im Stück „Sommer in der Stadt“ – im wahren Leben war dies Petrys erster Hit. „Alle treffen also auf dieser Insel wieder aufeinander und eine solche Reise, weg von dem Ort, wo man eigentlich lebt, führt ja häufig – auch im realen Leben – zu sich selbst. Das ist der WAHNSINN!, den wir erzählen wollen und alle unserer Figuren stoßen ein wenig an ihre Grenzen.“

Da bereits einige solcher Jukebox-Produktionen auf dem Markt sind, interessiert mich, was genau das „Petry-Musical“ von eben diesen anderen unterscheidet. „Ich glaube jeder gibt sich Mühe, wenn er ein Jukebox Musical macht, die Songs möglichst elegant zusammen zu führen.“ Auch sie hätten sich damit große Mühe gegeben, schließlich solle es Sinn machen, warum ein Song gerade an dieser Stelle ausgelöst würde. Der Workshop, den es im Sommer mit namhaften Darstellern zu diesem Stück gegeben habe, habe ihnen gezeigt, dass genau dies erstaunlich gut funktioniere und sich alles habe perfekt zusammenführen lassen. „Das Besondere ist eben auch der Charakter dieser Musik, dieses erdige, rockige und deshalb ist auch unsere Ästhetik so offen und rockig – Rock ‘n’ Roll pur.“ Für viele Petry-Fans sei es hoffentlich besonders, dessen Songs einmal in einem anderen Kontext zu erleben und durch Figuren unterfüttert zu sehen. „Für Diejenigen, denen der Kosmos Wolfgang Petry noch nicht so bekannt ist, wird es einfach toll sein, dessen Lieder und seine Musik kennen zu lernen.“ Viele hätten zwar ein paar Hits von ihm im Ohr, seien aber nicht in diesem bestimmen Genre zuhause.

In unserem Gespräch gehen wir nun weg von der direkten Verbindung zum Musical „WAHNSINN!“. Ich möchte etwas über die Arbeit und den Alltag eines Regisseurs in Erfahrung bringen und frage nach der Dauer, die ein eben solcher eine Produktion begleitet. „Da wir hier eben eine Uraufführung haben, dauerten die Proben doch ein wenig länger, etwa sieben oder acht Wochen, in der Regel sind wir da bei ungefähr sechs. Für die Vorbereitung kommt es darauf an, wann der Auftrag eingeht – wie lange der Vorlauf ist, meist sind das ein bis zwei Jahre.“ Immer wieder schaue man auch während der Spielzeit rein. Viele Inszenierungen wären interessant für andere Theater, die diese dann übernehmen. Da seien die Proben, genau wie bei Wiederaufnahmen nicht ganz so zeitaufwendig. „Hier bei WAHNSINN! steht eine Wiederholungstour im Raum, da wäre ich dann natürlich auch wieder dabei. Ich versuche im Jahr mindestens drei Produktionen zu machen, manchmal werden es auch mehr, da ich ja noch Professor an der Folkwang Uni in Essen bin und auch dort immer eine größere Produktion mit den Studenten habe.“

An der Auswahl der Darsteller sei er ganz intensiv beteiligt, erläutert er uns anschließend. Selbst an Stadttheatern, wo es ein festes Ensemble am Haus gäbe, schaue man, wen man in welche Figur besetzen könne und wen man von außen ergänzend hinzuholen könne. Für ein Musical sei dies an solchen Spielstätten sehr häufig der Fall, schon alleine um dem Genre gerecht zu werden. Bei freien Produktionen würden natürlich alle handverlesen besetzt. „WAHNSINN!“ bräuchte zum Beispiel sehr schauspiellastige Kollegen, die auch dem Rockgenre sehr nahe stünden. Für solche Fälle sei es schön, bereits eine große „Familie“ zu haben, Leute mit denen man gerne arbeitet, aber es wäre auch sehr schön, diese „Familie“ mit neuen Darstellern immer wieder noch weiter zu vergrößern.

Ob es gravierende Unterschiede zwischen Inszenierungen an festen oder Freilicht-Theatern und auch zwischen freien Inszenierungen oder solchen mit Vorlagen, wie beispielsweise Filme, gibt, finde ich ebenfalls interessant zu erfahren. Natürlich sei es ein großer Unterschied, ob Open Air oder Theater. Man sei auf einer Freilichtspielstätte vor allen Dingen choreografisch und ebenfalls in der Ausstattung eingeschränkt. Viele Dinge dürften nicht nass werden, die Choreografien dürften nicht so gefährlich sein, man könne sich auch nicht so oft „auf dem Boden tummeln“ und meist seien die Zuschauer weiter weg vom Geschehen als in Häusern. Häufig fassten die offenen Spielstätten zudem auch deutlich mehr Besucher. Es seien also schon eine Menge Kriterien, die zu berücksichtigen seien und man müsse sich jedes Mal aufs Neue an diese Sachen herantasten. Wenn man, wie er, schon viele Erfahrungen auf diesem Gebiet habe sammeln können, wäre das ein klarer Vorteil, der ihm selbstverständlich auch bei freien Produktionen und während eines kompletten Neuaufbaus eine große Hilfe sei. „Ich bin froh, dass ich schon so viele Erfahrungen auf den unterschiedlichsten Gebieten sammeln konnte und durfte.“

Der Arbeitsalltag eines Regisseurs sei gespickt mit den unterschiedlichsten Aufgaben zu denen natürlich auch solche des Privatlebens gehörten. Er erzählt stolz von seinen Söhnen, die bei ihm leben, dem Kleineren macht er vor der Schule das Frühstück. Gerne würde er sich danach noch ein wenig Schlaf gönnen, da die Probentage doch durchweg recht lang sein könnten, aber meistens ließe das die verbleibende Zeit einfach nicht zu. Früh begäbe er sich ins Theater, die Proben würden oft schon zeitig am Vormittag beginnen und oft bis in die Abendstunden andauern, nur die Endproben wären von Start etwas humaner angesetzt, dauern dafür aber dann noch länger. In der Regel befasse man sich in dieser Zeit nur mit diesem einen Stück, wobei man dann auch für andere bereits wieder in der Vorbereitungsphase stecken würde. Auch müsste man schon mal an ein anderes Theater zu einer Bauprobe, oder sich mit Bühnenbildnern, Kostüm oder Maske treffen, manchmal schlüge man sich Nächte mit dem Schreiben einer Konzeption um die Ohren, sodass sich die Proben zu dem einen Stück häufig mit der Vorbereitung des Nächsten überlagern würden. Zum Begriff Vorbereitung erläutert er mir, dass dies hieße sich intensiv mit einer Vorlage auseinander zu setzen, sprich das Buch zu lesen und Recherche zu betreiben. Bei einem Musical oder Musiktheater arbeite man sich in die Musik ein, indem man diese häufig höre. Man müsse die Hintergründe der Songs kennen, und natürlich müsse man für sich selber auch wissen, warum und wie man die Geschichte überhaupt erzählen möchte. Er ergründe den Mehrwert dessen, warum gerade dieses häufig gespielte Stück schon wieder auf die Bühne soll und ob dies überhaupt einen Sinn mache. „Natürlich muss man auch für sich ein paar Argumente parat haben, man muss für sich selber genau wissen, warum man das macht und sich selber gut rüsten – auch innerlich -. Schließlich geht man damit dann ja auch in eine zwar schöne, aber eben auch eine sehr anstrengende Zeit.“

Vielen Dank Gil Mehmert für dieses überaus interessante Gespräch und für die geschenkte Zeit!


Interview: Astrid