Vera Bolten: „Es gibt keine Zeit nach dem Musical“

Vor dem Konzert „Im Bauch“, von Alex Melcher am 25.09.2017 stand Vera Bolten uns für ein paar Fragen zur Verfügung. An diesem Abend trat sie im Vorprogramm des Solokonzertes mit Titeln ihrer vergangenen Band „Chaosbaby“ auf, die thematisch gut zum Rahmen des Abends passten. Freundlich stand sie uns Rede und Antwort über Traumrollen, den Reiz an Neuproduktionen und auch die Träume, die sich möglicherweise parallel zum aktuellen Bühnenleben verwirklichen lassen.

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Schon während ihrer Karriere spielte Vera große und spannende Rollen, wie Scaramouche in „We will rock you“ oder auch Eponine in „Les Miserables“. Ebenso hat sie mit Eva in „Die Tagebücher von Adam und Eva“ und Christa Lubanski in „Das Wunder“ ihre Figuren von Grund auf selbst entwickelt und ihnen Leben eingehaucht, ohne dass es ein Vorbild gegeben hat. Wir wollen wissen, worin die Herausforderungen hierbei liegen, und ob es vielleicht einfacher ist, wenn man bei einem Vorbild schon einmal ein Auge auf das ein oder andere Detail werfen kann.

Ohne zu zögern beginnt sie sofort aus dem Nähkästchen zu plaudern. Es sei schwieriger, wenn man Produktionen spielt, die am Broadway oder Westend bereits Erfolge gefeiert haben. Denn genau dann kämen die Macher und verlangen, dass es stets genauso aufgebaut ist und im Grunde keine Abweichungen gibt. Gerade das sei aber das Spannende, was jeder Darsteller unbedingt möchte. Der Figur seinen Stempel aufdrücken. Kann man also eine Rolle von Grund auf selbst entwickeln, kann man viel von sich selbst einbringen, erzählt sie. Das täte man zwar auch, wenn man eine Rolle übernimmt, aber es ist wesentlich interessanter, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Der Figur eine eigene Note zu verleihen, sei für den Künstler auf der Bühne immer eine neue Herausforderung. Bei „Das Wunder von Bern“ gab es zwar den Film, aber auch hier entstand in Zusammenarbeit mit dem Regisseur etwas ganz Eigenes. Abschauen läge ihr überhaupt nicht, schmunzelt sie, auch wenn sie natürlich ihre Vorbilder habe.

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Vera erklärt, dass sie keinesfalls zu denjenigen gehören möchte, die sich allerdings zu eng an ebendiese Idole klammern. Sie sucht stets ihren eigenen Weg, um nicht künstlich zu wirken. Es soll natürlich und nicht aufgesetzt aussehen. Als Beispiel bringt sie hier Hannah Fox an, die auch im Original Scaramouche gespielt hat, und von der sie ein großer Fan sei. „Natürlich strebt man dann danach, aber eher nach der Art. Es hätte nichts gebracht, den Slang zu kopieren. Hier muss man immer seine eigenen Wege finden, es geil zu machen.“, sinniert sie.

Zu den Traumrollen, die sie noch nicht gespielt hat, gehören nach wie vor Eliza Dolittle und Evita Peron. Zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Wie denn diese beiden zusammenpassen und nach welchem Aspekt diese Wünsche zustande kommen, haken wir nach. Vera schmunzelt, als sie beginnt die Frage zu beantworten. Eliza habe sie genannt, weil ihr die Rolle ihrer Meinung nach einfach total gut liegen würde. Der Charakter der Figur, das freche, „görige“, gefällt ihr, grinst sie, meint aber bedauernd, dass sie mittlerweile wohl leider zu alt für die Rolle sei, und diese nicht mehr bekommen wird. Sie erklärt weiterhin, dass Eliza auch eher von Stadttheatern selbst besetzt wird, und nur selten von Gästen. Was Evita Peron angeht, gerät sie ins Schwärmen. „Wenn du eine historische Figur darstellst, kannst du dich so toll erstmal in die Lektüre einarbeiten, dann ist das ja auch ein spannendes Stück. Wie sieht man sie? Wie legt man sie an? Das ist einfach eine Traumrolle. Und ich glaube die könnte ich auch durchaus noch spielen. Auch wenn sie jung gestorben ist.“

Mit leuchtenden Augen erklärt Bolten weiter, dass eine Rolle sie fordern und interessieren muss. Je mehr sie sich dafür einlesen und abarbeiten muss, umso besser und interessanter fände sie diese. Zwar wäre es zwischendurch auch angenehm eine einfache Rolle zu spielen, aber gerade bei historischen Figuren hat man doch den Anspruch, diesen gerecht zu werden und das sei ein besonderer Reiz.

Nach allem was man in Erfahrung bringt, wirkt Vera Bolten sehr bodenständig. Doch natürlich sind wir neugierig, ob es für sie einen Unterschied macht, vor einem vielköpfigen Publikum zu agieren, wie zum Beispiel in einem Musical, oder ob das Gefühl in einem kleinen, durchaus sehr intimen Rahmen, wie an diesem Abend, das Gleiche sei.

Derzeit steht sie bei „Blutsbrüder“ im KATiELLi Theater auf der Bühne. Dieses habe gerade 120 Plätze und die erste Reihe sei sehr nah, so dass man als Darsteller auch viel aus dem Publikum mitbekommt. Direktes Feedback ist interessant, kann aber auch ablenken. In einem großen Haus fehlt der intime Kontakt zum Publikum, allein durch die Größe des Raumes und der Bühne müsse man größer spielen, weil auch der letzte Zuschauer im Rang mitgerissen werden soll. Sie findet beides auf seine eigene Art reizvoll, natürlich sei es fantastisch, wenn 1500 Leute applaudieren und aufstehen, aber es sei auch genauso toll, wenn es 120 tun und sich an dem erfreuen, was man getan hat.

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Wir sind neugierig, welche Zukunftspläne es vielleicht bereits gibt und die Antwort fällt sehr eindeutig aus. Es gäbe keine Zeit nach dem Musical. Schließlich existieren ja auch Rollen für 60 und 65jährige Frauen, also ist noch lange nicht Schluss. Es werde sicher nicht einfacher, denkt Vera laut nach, doch darüber wird sie sich erst Gedanken machen, wenn es so weit kommt, dass die Engagements ausbleiben. Sie brennt für die die Bühne. Da sie aber auch bereits Erfahrungen im Bereich Regie gesammelt hat und diese Arbeit ebenso reizvoll findet, kann sie sich vorstellen, auch diese Schiene parallel zu fahren. „Ich nehme es, wie es kommt und dann wird es schon gut sein“, sagt sie fest.

Genug Ideen für eigene Projekte habe sie, erzählt sie weiterhin. Ein eigenes Musical mit dem Partner zusammen oder auch Soloabende. Ein Diplomstück, was sich prima dafür eignet, es noch einmal auf die Bühne zu bringen, habe sie ebenfalls geschrieben. Es mangelt eher an Zeit als an Ideen, erzählt sie, aber sie hofft, dass all das irgendwann seine Zeit finden wird.

Zuletzt möchten wir kurz etwas Privates wissen. Wie lebt es sich mit einem Partner, der ebenfalls Musicaldarsteller ist, mit noch Schulpflichtigen Kindern und häufig getrennt auf Zeit. Wie sehr achtet sie auf Angebote in der Nähe und bringt Job und Familie unter einen Hut?

Vera erklärt fest, dass sie sehr darauf achtet, Engagements in der Nähe zu haben. Die Spielzeit in Hamburg sei eine Ausnahme gewesen, und nur durch einen Vertrag über weniger Shows als üblich möglich gewesen. Sie sei gependelt, eine halbe Woche daheim, eine halbe Woche in Hamburg. Die Familie stetig mitzunehmen und die Kinder aus ihrem Umfeld zu reißen kommt für sie nicht in Frage. Sie haben nicht umsonst das Haus in der Nähe ihrer Eltern gebaut, um deren Unterstützung anzunehmen, wenn es nötig ist. Sie ist sehr dankbar und fühlt sich privilegiert, dass es bislang so gut läuft und hofft, das wird auch noch lange so anhalten. Ihr ist die Unterstützung durch die Familie enorm wichtig, denn alles in allem ist die quirlige Vera ein Familienmensch.


Interview von Andrea