Shrek – das Musical, Freilichtspiele Tecklenburg 2017

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Buch und Gesangstexte – David Lindsay-Abaire
Musik – Jeanine Tesori
Regie – Ulrich Wiggers

Ach, du Schreck! Da genügt es nicht, als Kind von zu Hause verstoßen zu werden, nein, da werden einem auch noch ein Haufen Freaks vor der Haustür ausgesetzt. So oder so ähnlich muss Shrek, der grantig-gefräßige Einzelgänger, verkörpert von Tetje Mierendorf, sich wohl fühlen. Es waren beschauliche Jahre in der morastigen Einöde seines Sumpfes, ehe Robert Meyer in seiner Rolle als winziger Lord Farquaad auf die Idee gekommen ist, die Stadt von den Freaks, all jenen, die „anders“ sind, zu säubern. Pinocchio und seine bunte Bande Märchenfiguren landen auf diese Weise, einzeln vorgestellt, im Sumpf und der Kampf um ein lebensfeindliches Stück Land beginnt.

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Dass Märchen und Geschichten nicht immer der Wahrheit entsprechen, ja oft im Kern bereits unwahr sind, zeigen die Figuren mit einer gehörigen Portion Selbstironie, Charme und Witz. Dennoch zeigen sie auch, was man erreichen kann, wenn man sich für ein gemeinsames Ziel verbündet. Sie überzeugen Shrek, dass sie doch eigentlich auf der gleichen Seite stehen und so zieht er aus, den Sumpf zurückzuerobern, indem er ein Wörtchen mit Lord Farquaad redet. Allerdings ist sein Orientierungssinn nicht allzu stark ausgeprägt, so dass ihm Thomas Hohler in der Rolle als nerviger, aber überaus liebenswerter und sympathischer Esel zur Seite stehen muss, nachdem Shrek ihn, unfreiwillig beeindruckt von dessen Mut, vor der Stadtwache gerettet hat. Gemeinsam ziehen die ungleichen Kameraden nun aus und treffen alsbald in DuLoc ein. Leider verläuft nicht alles nach Plan, so dass der Oger als entbehrlichstes Mitglied der Gesellschaft ausgewählt wird, Prinzessin Fiona (Roberta Valentini) zu retten. Farquaad beansprucht sie als Ehefrau, mit dem Ziel, König zu werden und erfüllt selbst nicht die Voraussetzungen, um sie aus ihrem hohen Turm, in welchem sie seit zwanzig Jahren auf ihre Rettung wartet, zu befreien. So ziehen Oger und Esel von dannen und erledigen diese Aufgabe, wobei Shrek die stürmische und unkonventionelle Art der Prinzessin verwirrt und der Esel ganz andere Probleme hat. Spontanverliebt in dessen Redekunst beschließt Jennifer Kohl als Drache, ihn bei sich zu behalten, was dieser jedoch dankend ablehnt.

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Tetje Mierendorf als Shrek und Thomas Hohler als Esel

Fionas Rettung gestaltet sich schwieriger als gedacht, so dass das Trio nun noch langsamer vorankommt. Sie birgt ein Geheimnis, welches sie sich nicht traut zu offenbaren. Bei Tageslicht ganz überdrehte und selbstbewusste Prinzessin, verwandelt sie sich nachts in einen Oger und nur die wahre Liebe wird ihr wahres Gesicht für immer zum Vorschein bringen. Sie geht ihrem Retter gehörig auf die Nerven, indem sie einfach tut, was ihr gefällt und so bändelt sie schon mal mit einer Horde Ratten an oder wirkt, als hätte sie eher zu viele Giftpilze probiert als zu wenig. Als sie dann noch in einen Streit geraten, wessen Kindheit nun die schlimmere war, merken sie das erste Mal, wie ähnlich sie sich eigentlich sind und dass sie sich ganz gut Paroli bieten können. Natürlich gesteht sich der grüne Einzelgänger das erst viel zu spät ein und just in dem Moment, als er den Mut aufbringt, es zu sagen, belauscht er ein Gespräch zwischen Esel und Prinzessin, welches ihm sogleich die Laune verdirbt. Dass er etwas gründlich missversteht, kommt ihm gar nicht in den Sinn. So beschleunigt Shrek nun das Unvermeidbare und macht sich auf den Weg, um den Bräutigam zu holen.

Roberta Valentini als Fiona

Roberta Valentini als Fiona

Dieser hat während der Rettungsaktion auch nicht geruht und weitere Figuren in den Sumpf bringen lassen. Damit hat er sich deren Zorn zugezogen und so ganz nebenbei erfährt man auch etwas über die Persönlichkeit des kleinen Lords, der eigentlich ein großer König sein möchte. In der Sänfte erreicht dieser am Morgen das Lager der ungleichen Drei und Shrek erhält die Besitzurkunde für den Sumpf im Austausch für die gerettete Prinzessin. Die Hochzeit soll noch am gleichen Abend stattfinden.

Robert Meyer als Lord Farquaard

Robert Meyer als Lord Farquaard

Dass auch hier nicht alles ist, wie es sein soll, ist ja beinahe vorhersehbar. Gleich von mehreren Seiten wird die Zeremonie unterbrochen. Während Fiona, aufgrund der späten Stunde und ihrer nahenden Verwandlung, auf Beschleunigung drängt, kommt von einer Seite Shrek und erhebt Einspruch. Aus der anderen Richtung erscheinen sämtliche Verbannte und fordern ihr Recht, in die Stadt zurück zu kehren, angeführt vom Vater Lord Farquaads und aus einer dritten Richtung der treue Esel mit seiner Liebsten, die ein wenig Feuer spuckt.

Lord Farquaard (Robert Meyer) und Fiona (Roberta Valentini)

Lord Farquaard (Robert Meyer) und Fiona (Roberta Valentini)

Am Ende ist alles grün – Fiona und Shrek bekommen einander, auch wenn sie etwas unglücklich über ihre neue Erscheinung zu sein scheint. Dennoch ist er es, der sie davon überzeugt, dass man wahre Schönheit überall finden kann – auch mitten im Sumpf. Oger sind eben doch wie Zwiebeln und nicht wie Torten. Sie sind vielschichtig – und manchmal bringen sie einen zum Weinen.

Mit dem Schaffen dreier übersichtlicher Spielorte wurde der Platz auf der großen Freilichtbühne ideal genutzt. Links beginnend mit dem Reich DuLoc, in welchem der winzige Lord Farquaad zu Hause ist, in der Mitte der Sumpf von Shrek, und rechts auf der Anhöhe der Burgruine der Turm, in welchem die Prinzessin im Alter von sieben Jahren eingesperrt wird. Eindrucksvoll ist hierbei, dass es drei unterschiedlich hohe Türme gibt, in denen die Wachstumsszene von Fiona dargestellt wird.

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Maske, Kostüme und Choreographie müssen eine Herausforderung gewesen sein, was nicht zuletzt an der großen Zahl an Mitwirkenden liegt. Jedes Kostüm ist liebevoll bis ins kleinste Detail durchdacht und keines wirkt fehl am Platz oder überladen. Egal ob es sich um die Märchenfiguren handelt, die auf den ersten Blick benannt werden können, die Dorfbewohner oder Blumen und Bäume, jedes ist so individuell wie der Träger.

Auch die Choreographien, die teilweise das ganze Ensemble mit einschließen, wirken durchdacht und keineswegs wirr und unkoordiniert. Die Zusammenarbeit ist faszinierend und durchaus erwähnenswert!

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Besondere Highlights in diesem Musical sind die Bezugspunkte zu anderen Stücken, Filmen und dem aktuellen politischen Weltgeschehen. Pointen sind zahlreich, aber nicht überladen und einige sind nicht für jeden Zuschauer aufspürbar, so zum Beispiel Anspielungen auf Wicked, das Phantom der Oper, A Chrous Line oder die Tribute von Panem. Dennoch ist für jeden etwas dabei, was ihm ein ganz persönliches Schmunzeln entlockt.
Allerdings ist Shrek nicht nur urkomisch, sondern stimmt mit seiner Moral auch im Nachgang nachdenklich. Es ist kein Stück, welches man mit großen Erwartungen besucht, umso überraschter sind diejenigen, die es sich ansehen und werden auch oft zum Wiederholungstäter. Die Gründe hierfür sind so vielfältig wie das Publikum, welches auf den Bänken sitzt. Manch einer mag einfach den Film und der Besuch der Musicalversion liegt nahe, anderen geht die Musik ins Ohr und wieder andere kommen wegen der fantastischen Cast.

Es ist ein unglaubliches Zusammenspiel. Tetje Mierendorf als Shrek verkörpert den Oger so authentisch, dass man ihm diesen ohne Weiteres abnimmt. Die Stimmungsschwankungen zwischen knurrigem Einzelgänger, frisch Verliebtem, genervtem Fremdenführer und treuem Freund sind wechselhaft und dennoch ungekünstelt.

Roberta Valentini ist die geborene Prinzessin Fiona. Lebhaft, energiegeladen und voller Tatendrang, aber auch ängstlich, ihr eigenes Päckchen tragend, haucht sie der Rolle gekonnt Leben ein, ohne zu übertreiben.

Thomas Hohler verkörpert den Esel absolut großartig; ein liebenswerter und unterhaltsamer Charakter, der charmant zusammenfügt, was zusammengehört, ohne dabei im Schatten zu stehen.

Auch Robert Meyer, der als kleiner Lord Farquaad auf Knien sicher die schwierigste Rolle innehatte, ist nicht zu überbieten. Der zickige und eigensinnige Monarch, dessen Streben nach Perfektion und danach, endlich König zu werden, nicht an der Körpergröße scheitern soll, ist einfach witzig. Eine groß(artig)e Rolle.

Auch all die Märchenfiguren, angeführt von Nicolai Schwab als Pinocchio, sind nicht außer Acht zu lassen. Jede ist individuell zum Leben erweckt und auf den Punkt gebracht, ohne kitschig oder übertrieben zu wirken.

Ein großes Highlight ist auch die stimmgewaltige Drachenlady Jennifer Kohl, die in ihren leider sehr kurzen Auftritten stets großen Applaus erntet.

Für einen unterhaltsamen Abend in Tecklenburg ist der Besuch von Shrek ein Muss, die Lachmuskeln werden es danken. Noch bis zum 27.08.2017 läuft Shrek auf der Freilichtbühne. 


Artikel von Bilder des Schlussapplauses von Andrea