TdV – Ostern 2017, Stuttgart

Stage Entertainment, Tanz der Vampire Foto © www.krautbauer.net photocredit mandatory

Stage Entertainment, Tanz der Vampire
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Gerade erst hatte Mathias Edenborn seine Derniere als Graf von Krolock, welchen er von der Premiere in Stuttgart Ende Januar bis zum 30. April spielte. In seinen doch ziemlich kurzen drei Monaten kann ich mich zu den Glücklichen zählen, die die Möglichkeit hatten, ihn noch zu sehen. Bei mir war es vergangenes Oster-Wochenende soweit und ich habe mir gleich mit mehreren Shows ein umfangreiches Bild der Show machen können. Am Freitag lud also Graf Mathias zum Mitternachtsball und am Samstag und Sonntag bat Kirill Zolygin nicht nur Sarah, sondern auch das gesamte Publikum zum Tanz. Beide Darsteller machten ihren Job äußerst gut und so werde ich auch beide Performances näher beleuchten. Ebenfalls neu im Ensemble seit Ende Februar ist Max Meister als Hauptbesetzung, womit er Milan van Waardenburg ablöst, welcher die Rolle von Berlin bis Stuttgart prägte.

Wie auch schon zuvor bei Mark Seibert in Berlin, standen viele Fans, Besucher und Zuschauer der Besetzung von Mathias Edenborn eher skeptisch gegenüber, vor allem da das Stuttgarter Publikum maßgeblich durch Kevin Tartes Darstellung geprägt war. Obwohl Mathias die Rolle vor vielen Jahren schon mal als Zweitbesetzung in seinem ersten deutschen Engagement spielte, schienen nicht sehr viele Leute begeistert zu sein, von gewissen Facebook Postings möchte man gar nicht erst sprechen. Ich weiß, welchen Graf man mag oder nicht, ist immer Geschmackssache, aber lässt man jegliches persönliches Empfinden und jegliche Vorlieben außen vor, hat Mathias Edenborn einen sehr guten Job gemacht.

Seine Stimme klingt voll und klar und füllt meist den ganzen Raum aus, was bei den akustischen Verhältnissen des Palladium Theaters nicht immer sehr einfach ist. Die Partie liegt ihm eindeutig und er meistert scheinbar mühelos alle stimmlichen Herausforderungen und verliert niemals sein ganz eigenes Timbre, welches ihn vom ersten Ton an unverkennbar macht. Seine Darstellung beleuchtet vor allem die verletzlichen und offenen Seiten Krolocks, was natürlich der „Unstillbaren Gier“ eine ganz andere Facette gibt, doch auch das bedrohliche Lachen beherrscht er sehr gut und hält somit die perfekte Waage zwischen den Gefühlen Angst und Mitleid, die beim Zuschauer ausgelöst werden. Während er problemlos und außerordentlich gerne ausschweifend mit seinen Händen und Fingern agiert, scheinen die Vampirzähne nicht so ganz sein Freund zu sein, ab und zu fehlen sie bei Songs, bei denen andere Grafen sie hatten, und auch wenn er sie trägt, scheint er nicht leichtfertig damit umgehen zu können. Abgesehen davon hat er den Abend zu etwas ganz Besonderem gemacht und wieder meinen Grafenhorizont um ein Stückchen erweitert, denn kein Graf ist wie der Andere und genau das macht den Reiz für mich aus.

Damit wären wir auch schon bei der perfekten Überleitung zu Kirill Zolygin, einer Zweitbesetzung, die jedoch schon ziemlich viel Erfahrung mit „Tanz der Vampire“ und der Rolle des Krolock hat, denn sowohl in Paris als auch in Russland spielte er bereits das Stück und die Rolle als Zweitbesetzung. Was für die Wandlungsfähigkeit des Darstellers spricht, ist die Tatsache, dass er auf der aktuellen Deutschlandtour neben Krolock auch noch Herbert und Chagal covert, im Ensemble aber regulär Nightmare Solo ist. Viele Gesichter, die dieser Mann zeigen kann, und Krolock ist auf jeden Fall eines, das er sich verdient hat. Er ist natürlich ganz anders als Edenborn, schon allein deswegen, weil seine Stimmlage etwas höher liegt, weshalb er vor allem an den höheren gefühlvolleren Stellen überzeugen kann. Allgemein ist er etwas leiser und füllt den Raum nicht ganz so gut aus, doch die wichtigen Töne, die laut und deutlich erklingen müssen, sind ohne Probleme da, wo sie hin sollten und verschaffen einem sogar hin und wieder eine kleine Gänsehaut. Sein Spiel ist etwas weniger böse, sondern mehr sarkastisch und verhöhnend und wird nicht eine Sekunde durch den russischen Akzent gestört, den man bei ihm vermuten würde, denn er spricht fließend Deutsch so wie vier weitere Sprachen. Ein Highlight seiner Shows war für mich die „Unstillbare Gier“ welche er facettenreich und sehr gefühlvoll darbot und damit bestimmt nicht nur mir stellenweise eine Gänsehaut verpasste. Kirill ist ein Cover, welches, hätte ich es nicht gewusst, mir durchaus auch als Hauptbesetzung untergejubelt hätte werden können, im Vergleich zu Mathias aber trotzdem in meinen Augen etwas weniger überzeugen konnte.

Ebenfalls seit der Stuttgarter Spielzeit neu in der Cast ist Max Meister in der Rolle des Grafensohnes Herbert, welcher dem Stuttgarter Publikum auch noch bis Ende des Tourstopps erhalten bleibt. Für Fans der Tourproduktion muss er unglücklicherweise die große Lücke füllen, die Milan van Waardenburg, welcher die Rolle bis Ende Februar spielte, bei ihnen hinterlassen hatte, doch der junge Darsteller findet sich ausgezeichnet in der Rolle ein. Gerade erst mit seiner Ausbildung an der Joop van den Ende Academy fertiggeworden, kann er schon eine der besten Rollen in Tanz der Vampire zu seinem Lebenslauf hinzufügen. Herbert, der sogenannte „Scenestealer“ der Show, steht ihm hervorragend und er zeigt seine eigene Interpretation der Rolle. Mit etwas mehr Strenge und bösem Unterton bei seinem Song „Wenn Liebe in dir ist“ macht er Alfred bestimmt noch mehr Angst als dieser ohnehin schon hat, doch auch die sanften weiblichen und verspielten Eigenschaften bringt er super rüber. Okay, man muss zugeben, die Rolle ist auch sehr dankbar geschrieben, aber wenn der jeweilige Darsteller seine innere Diva nicht ausreichend findet, wird das Erlebnis für die Zuseher wohl nicht das selbe sein, doch Max meistert diese Aufgabe bravourös.

Die restliche Besetzung glich in beiden Vorstellungen der Premieren-Cast der Tour von Berlin, München und Stuttgart und überzeugt, wie schon in den Städten zuvor, auch hier das Publikum. Besonders hervorzuheben wäre hier natürlich Veronica Appeddu als Sarah, welcher man kaum noch ein Fünkchen Akzent anhört und welche mit ihrer glockenklaren Stimme und ihrem herausragendem Schauspiel die Zuschauer jedes Mal aufs Neue für sich gewinnt. Tom van der Ven als Alfred spielt schüchtern und verängstigt, zeigt bei „Für Sarah“ aber auch seinen Mut und seine Entschlossenheit, für Sarah und seine Liebe zu ihr zu kämpfen, mit mehr Stimme als man dem kleinen Niederländer zutrauen würde. Ebenfalls herrlich schrullig und immer unterhaltsam ist Victor Petersen als Professor, obwohl man durch die Akustik kaum was versteht, vor allem da er die schnellen Texte oft etwas verschluckt. Nicolas Tenerani, Merel Zeeman und Yvonne Köstler ergänzen als schräges Trio die Besetzungsriege und spielen alle drei wunderbare ihre Rollen in all ihren Facetten, vor allem Chagal, welcher zwischen den zwei besagten Frauen wechselt. Natürlich darf auch Koukoldarsteller Paolo Bianca nicht um seine Erwähnung kommen, hier bleibt nur zu sagen: Wie schafft es ein so großer Darsteller, 3 Stunden so gebückt zu gehen? Er macht seine Sache wirklich sehr gut und sorgt für reichlich Lacher beim Publikum.

Aus dem einwandfrei besetzen Ensemble wären auf jeden Fall noch die drei Nightmare Tanzsolisten, die Tanzdouble für den Grafen, Sarah und Alfred hervorzuheben, denn was diese drei Tänzer leisten, ist der absolute Wahnsinn. Waghalsige Hebefiguren, atemberaubende Sprünge und energiegeladene Choreographien und auch nicht zu vergessen die geniale kultige Spiegelszene mit Alfred, in der einer der Tänzer (Kevin Schmid fantastisch als White Vampire) das Spiegelbild Alfreds tanzt und spielt. So viel Talent ist wirklich atemberaubend, man ziehe den Hut vor Csaba Nagy, Alessandra Bizzarri und Kevin Schmid.

Abschließend muss ich echt noch loswerden, dass abgesehen von der vielleicht ab und zu schwächelnden Technik und Akustik und der abgespeckten Tourversion, was die Kulissen und die Größe des Ensembles betrifft, Tanz der Vampire IMMER einen Besuch wert ist und mit dieser durch die Bank grandiosen Besetzung natürlich noch viel mehr.

Hingehen, anschauen und Jan Ammann genießen…denn der spielt ab dem 2.Mai nur bis Ende des Monats den Grafen von Krolock!

Besetzung:

  • Graf von Krolock: Mathias Edenborn/Kirill Zolygin
  • Sarah: Veronica Appeddu
  • Professor Abronsius: Victor Petersen
  • Alfred: Tom van der Ven
  • Chagal: Nicolas Tenerani
  • Magda: Merel Zeeman
  • Herbert: Max Meister
  • Koukol: Paolo Bianca
  • Rebecca: Yvonne Köstler
  • Tanzsolisten: Kevin Schmid, Csaba Nagy, Alessandra Bizzarri

Artikel von Rebecca