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TdV: Neuinszenierung am Theater St. Gallen

Sie tanzen wieder…

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In St. Gallen fand am 10. September die Wiederaufnahme von „Tanz der Vampire“ statt. In dieser Neuinszenierung von Ulrich Wiggers spielt das Stück in der heutigen Zeit. Daher sind auch die Kostüme modern und nicht mehr klassisch, wobei dies dem Stück kein bisschen schadet.

Aus dem Wirtshaus ist nun das Sanatorium „K“ geworden, bewacht von 2 riesigen Rattenfiguren, wo Alfred dann auch seinen Professor findet. Knoblauch gibt es als Saft aus einer riesigen Knoblauchzehe und statt ganzer Knoblauchketten gibt es nur noch Knoblauchzehen, denn irgendwie müssen „die kleinen runden Dinger“ ja in die Szene passen. Auf seine Frage nach einem Schloss murmelt der Dorftrottel: „Das hier war mal ein Schloss“.  Mir hat sich dabei ein bisschen die Frage gestellt, wo dann der Herr Graf jetzt wohnt – vielleicht zur Untermiete? Und so ist es tatsächlich. Graf von Krolock hat für sich und sein Volk innerhalb des Sanatoriums Räume „reserviert“, in denen sie, unbehelligt von den „normalen“ Menschen leben können. Jagen muss man nicht mehr wirklich, denn im Sanatorium – man beachte die Krankenschwester – gibt es auch Blutkonserven. So trifft man sich nur einmal im Monat, nämlich bei Vollmond, zum großen Ball.

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Aus dem sich drehenden Haus der Originalversion wurden drei Zimmer, die aus dem Bühnenboden kommen (das Schlafzimmer von Alfred und Professor, das „hochmoderne“ Badezimmer in der Mitte und Sarahs Schlafzimmer). Passsenderweise sehen die Betten auch aus wie echte Krankenhausbetten. Seinen ersten Auftritt hat Graf von Krolock dann direkt über Sarahs Schlafzimmer, quasi auf dem Dach, von wo aus er ihr „Gott ist tot – sei bereit“ zuflüstert und sich dabei animalisch herumrekelt.

Natürlich wurden alle Szenen ein bisschen angepasst. So haut Frau Wirtin den untreuen Gatten nicht mehr mit der Salami, sondern mit ihrem Spazierstock, die Tür der badenden Tochter wird mit dem Akkuschrauber zu gemacht usw.

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Für „Logik“ braucht Professor Abronsius viel Kondition, denn er singt nicht nur, er fährt dazu auch noch Spinningrad und tatsächlich machen Sarah, Alfred, Magda und Chagall das Fitnesstraining mit.

Auch ist die liebe Sarah beim Erscheinen des Herrn Grafen im Badezimmer tatsächlich nackt und er überlässt ihr – ganz Gentleman – seinen Mantel aus Tierfell (natürlich nicht echt). Die Schlafzimmerszene, in der Chagall Sarah den Popo verhaut, wurde für die Zuschauer nur schemenhaft sichtbar in ein Zimmer links oben verlegt, von dem man das Fenster sieht. Als Koukol jedoch mit den roten Stiefeln und einem roten Mieder erscheint, sieht man oben Sarah, die ihm bedeutet, sie sei gefangen und so befreit Koukol sie noch aus ihrem Zimmer.

Ein absolutes Highlight ist auf jeden Fall die Choreografie der „Roten Stiefel“. Die Tänzer sind einfach großartig und bei den Wurffiguren stockt einem der Atem. 

Zum Gebet finden sich dann alle außer dem Grafen –  im vorderen Bereich der Bühne ein. Leider sieht man diesen Teil von den hinteren Plätzen nicht wirklich gut. Hier vermisst man schon ein bisschen den tollen Effekt der klassischen Produktion, wenn das Licht durch das Haus strahlt.

Zum Ende des ersten Akts kommt es dann zur Begegnung zwischen Professor und Alfred mit dem Grafen. Hier schaut Graf von Krolock so ganz nebenbei in Alfreds Tasche. Diese kleine Geste spielt in der Gruft eine große Rolle.

„Sei bereit“ war schon immer eine große Szene, aber in dieser Neufassung ist sie ganz anders. Statt Ahnengalerie und Wendeltreppe sitzt Herr Graf am roten Klavier, gekleidet in roten Umhang, rote Hose und weißes Hemd, umgeben von Kerzen und Sarah eilt zu ihm.

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Ein weiteres Highlight ist das „Carpe Noctem – Fühl die Nacht“. Zwar gibt es kein Himmelbett, dafür aber eine Galerie, durch die Hände nach den Schlafenden greifen. Die Tänzer, die alle Effekt-Kontaktlinsen tragen, kommen aus allen möglichen Ecken hervor. Besonders beeindruckend ist hier, dass die Tänzer von Sarah und Alfred den beiden „echten“ sehr ähnlich sehen und dass Sarah zunächst die Szene verlässt und Alfred sich mit dem Vampir einen echten Kampf liefert. Als der Vampir Alfred besiegt und gebissen hat, muss er sein Opfer gegen die anderen verteidigen. Sarah kommt hinzu und nun entbrennt ein neuer Kampf, wer sie beißen darf, Vampir oder Alfred. Zu guter Letzt fallen beide über Sarah her. Diese Tanzszene ist wirklich sensationell gut.

In der Gruftszene bleibt Professor Abronsius, diesmal deutlich erkennbar, an seinen Hosenträgern hängen. Seltsamerweise beleuchtet Koukol sogar die Stiegen, auf denen Alfred in die Gruft klettert. Denn in den Särgen liegen nicht die echten Vampire. Graf von Krolock, Herbert und Koukol beobachten amüsiert vom Bühnenrand aus, wie Alfred dabei scheitert, die Pfähle durch die Herzen zu stoßen.

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Die „Unstillbare Gier“ ist das Lied, mit der jeder Grafendarsteller seine Qualitäten beweisen kann. Thomas Borchert interpretiert das Stück sehr menschlich und zeigt dabei, wie ausdrucksstark seine Stimme ist, schwankend zwischen unsagbar traurig bis hin zu bitterbös und wütend. Brilliant. Was auffällt – Herr Graf singt (im Gegensatz zu der Produktion der Stage) fast immer ohne ausgefahrene Reißzähne. Was ja auch Sinn macht, denn Vampire fahren ihre Hauerchen auch nur kurz vorm Zubeißen aus.

Sehr viel stimmiger ist auch, dass Graf von Krolock, nachdem er Sarah gebissen hat, sie von seinem Blut trinken lässt und umgekehrt am Ende Sarah dann Alfred von ihrem Blut.

Ein echter Hingucker ist „Herbert“, der bei „Du musst zu mir nett sein“ nicht nur am Rand der Badewanne, sondern in ihr sitzt, und zwar nackt. Aber keine Sorge, ausser einem schönen Rücken sieht man nichts, der Bademantel verhüllt alles weitere.

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Es gäbe noch viel mehr zu berichten, aber am besten ist es wohl, wenn sich jeder das Stück einmal selbst anschaut.

Zu den Darstellern noch ein paar Worte. Neben Thomas Borchert als Graf von Krolock spielt Sebastian Brandmeir „Professor Abronsius“, Tobias Bieri „Alfred“ und Mercedesz Csampai „Sarah“.

Überhaupt ist es Ulrich Wiggers, der für den erkrankten Jerzy Jeszke als „Chagall“ noch bis Oktober mit auf der Bühne steht, gelungen, starke Darsteller um sich herum zu versammeln. Alle singen und sprechen so, dass man sie auch wirklich gut verstehen kann.

In weiteren Rollen erlebt man Anja Wessel als „Rebecca“, Sanne Mieloo als „Magda“, Christian Funk als „Herbert“ und Thomas Huber als „Koukol“. Auch die beiden Solisten von „Carpe Noctem“, Christoph Apfelbeck und Philipp Hägeli, überzeugen mit ihren Stimmen.

Insgesamt ist diese Neuinszenierung von „Tanz der Vampire“ in St. Gallen wirklich sehenswert. Leider gibt es nur noch wenige Termine. Weitere Infos findet ihr hier:

http://www.theatersg.ch/de/programm/tanz-der-vampire/411

Hoffen wir, dass diese Vampire samt ihrem Sanatorium irgendwann an einem anderen Ort weiter tanzen. Ein besonderes Dankeschön geht an Ulrich Wiggers, der sehr geduldig alle offenen Fragen beantwortet hat.


Artikel von Ingrid Kernbach für Bühnenlichter.de
Bilder in der Galerie: (c) Ingrid Kernbach

 

 

 

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