„Sweeney Todd“ in Halle: Horror-Komödie statt Musical-Thriller

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v.l.n.r. Stefan Stara (Büttel Bamford), Gerd Vogel (Sweeney Todd), Katharina Schutza (Mrs. Lovett) und Chor der Oper Halle © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto. Falk Wenzel

Als ich am Abend des 11. März nach der Premiere von Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ die Oper in Halle/Saale verließ, hörte ich hinter mir jemanden fragen: „Und warum hat er nun alle umgebracht?“

Diese Frage fasst das gerade Gesehene nahezu perfekt zusammen. Und das, obwohl sie sich eigentlich gar nicht stellen dürfte, denn das Sujet des „Musical-Thrillers“ um den teuflischen Barbier aus der Fleet Street ist im Grunde genommen recht klar. Es geht, wenn man es vereinfacht auf den Punkt bringen möchte, um die zunehmende Verrohung der Gesellschaft, um Machtmissbrauch und wie ein einzelnes Individuum daran zerbricht.

Ein Plot also, der auch heute noch (und zunehmend wieder) aktuell ist. So sah es wohl auch Regisseur Martin Miotk bei der Entwicklung seiner Inszenierung. Das Stück ins Hier und Jetzt zu holen sei eine Prämisse des Regisseurs, erfährt man zumindest als Zuschauer während der Stückeinführung von Dramaturg Philipp Amelungsen. Und gleich beim ersten Blick auf das Bühnensetting bestätigt sich das Anliegen: Bärchenwurst statt British Pie als Projektion, statt dunkler Londoner Gassen des 19. Jahrhunderts ein Marktplatz mit Springbrunnen und Franchise-Läden wie er in jeder beliebigen beschaulichen deutschen Kleinstadt beheimatet sein könnte.

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Chor der Oper Halle © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto. Falk Wenzel

Etwas diffiziler wird diese Einordnung dann bei den Kostümen (Kostümdesign: Andy Besuch). Diese bilden den krassen Gegensatz zur scheinbar piefigen Kleinstadtbühne. Während die Chordamen in pastellfarbigen Ballkleidern aussehen wie aus einem Jane-Austen-Film entsprungen und damit wenigstens noch annähernd ins 19. Jahrhundert passen, wird es bei der Hauptcast kostümtechnisch abenteuerlich bunt, schrill, provokant, aber – zumindest für mich – ohne erkennbares Konzept. Sweeney Todd (Gerd Vogel) sieht aus wie eine Inkarnation von Alice Cooper, der junge Seemann Anthony (Martin Gerke) erinnert in Aussehen und Habitus unangenehm stark an den Wolfgang Petry der frühen 80er. Mrs. Lovett (Katharina Schutza) mischt Korsett mit Jogginghose, aus Johanna (Andromahi Raptis) wird ein Barbie-Girl und aus dem Jungen Tobias (Julius Dörner) ein Konglomerat aus Pennywise und Snapchat-Dogfilter. Kurz: ein Overkill für die Augen.

Eher konservativ und viel dichter an der Konzeption des Komponisten Stephen Sondheim als manch andere Inszenierung und Verfilmung ist die musikalische Umsetzung (Josep Caballé-Demenech/Peter Schedding), denn Sondheim selbst sah sein Werk eher als Operette denn als Musical. Das Stück ist durchkomponiert, es wird kaum gesprochen. So setzt die Inszenierung der Bühnen Halle denn auch auf klassische Sängerinnen und Sänger, nicht auf die typischen Musicalstimmen. Diese hatten, bis auf ganz wenige Ausnahmen, keine Probleme mit der anspruchsvollen Musik Sondheims, ebenso wenig wie die Staatskapelle im Orchestergraben. Einziges Manko: Es wird ohne Mikrofone gesungen. Das ist in Oper und Operette zwar üblich, in einem Musical, gerade mit Musik wie der von Sondheim, leiden das akustische Gesamterlebnis und die Textverständlichkeit doch deutlich.

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Andromahi Raptis (Johanna) und Martin Gerke (Anthony) © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto. Falk Wenzel

So gut die Inszenierung musikalisch ist, so schwach ist sie unter dem spielerischen Blickwinkel. Die Interaktion zwischen den Darstellern ist auf ein Minimum beschränkt, es dominiert statisches Rampentheater. Vor allem Sweeney Todd und Mrs. Lovett, eigentlich „partners in crime“, kommunizieren nicht wirklich miteinander, sondern eher mit dem Publikum. Die Figurenzeichnung des Regisseurs erlaubt es den Darstellern kaum, die Rollen zu entwickeln und ihnen ein Profil zu geben. So bleiben die Figuren ohne Tiefe, die Charaktere eindimensional und vor allem durch ihre schrillen Kostüme in Erinnerung. Diese Eindimensionalität führt beim einen oder anderen Charakter dazu, dass er in dieser Inszenierung völlig anders erscheint als von Sondheim angelegt. Richter Turpin (Tomas Möwes), dominanter Machtmensch und skrupelloser Frauenvergewaltiger, wirkt hier eher wie ein etwas verwirrter, hilfsbedürftiger älterer Herr, dem man am liebsten über den Kopf tätscheln und versichern möchte: „Alles wird gut“. Mrs. Lovett, verschlagene und geldgierige Pastetenbäckerin, wird hier eher zu einer Art Sprachrohr und PR-Agentin von Sweeney Todd. Ihr Markenzeichen sind in dieser Inszenierung nicht die Backutensilien, sondern ihre sexuelle Bedürftigkeit. Wann immer sie auf der Bühne erscheint, wird diese durch entsprechende Gestik und Mimik herausgehoben.

Überhaupt scheint „Sex sells“ ein Hauptmotiv der Inszenierung zu sein, denn neben Mrs. Lovett unterstreichen vor allem auch Johanna und Anthony nahezu jeden ihrer Auftritte entsprechend. Da wird auch ein Liebeslied schon mal zum Stangentanz an der Laterne. Und Sweeney Todd? Die Haupt- und Titelfigur mutiert nahezu zum Nebendarsteller. Seine Trauer, Wut und fast verzweifelte Raserei ob der Tatsache, seine Frau und seine Tochter an den Richter verloren zu haben, sucht man vergebens. Und damit auch den Ausgangspunkt und inhaltlichen Anker der Geschichte.  

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v.l.n.r. Martin Gerke (Anthony), Dagmar Gelbke (Bettlerin), Gerd Vogel (Sweeney Todd) © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto. Falk Wenzel

Möglicherweise liegt diese totale Überzeichnung in der Absicht des Regisseurs, der laut Programmheft das Stück als „Horror-Komödie“ sieht. Sondheim selbst bezeichnete es als „Musical-Thriller“, wenn auch mit Elementen des schwarzen Humors versetzt. Auf die Spitze getriebener Slapstick ist jedoch kein schwarzer Humor, und für mein Empfinden wurde hier die Grenze hin zum reinen Klamauk deutlich überschritten. So weit, dass die Figuren, ihre Charaktere und damit die ganze Geschichte bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wurden. Da ist es kein Wunder, dass manch Zuschauer am Ende fragt: „Und warum hat er nun alle umgebracht?“

Text: Karina
Bilder: © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto. Falk Wenzel

Weitere Vorstellungen am: 22. / 29. März, 7. / 13. / 22. April, 11. Mai, 21. / 24. Juni 2018

Kreativteam

Musikalische Leitung:  Josep Caballé-Domenech / Peter Schedding
Regie und Bühne: Martin Miotk
Kostüme: Andy Besuch
Dramaturgie:  Philipp Amelungsen
Choreinstudierung:  Rustam Samedov / Peter Schedding

Besetzung

Gerd Vogel (Sweeney Todd)
Katharina Schutza (Mrs Lovett)
Martin Gerke (Anthony Hope)
Tomas Möwes (Richter Turpin)
Stefan Stara (Büttel Bamford)
Andromahi Raptis (Johanna)
Dagmar Gelbke (Bettlerin)
Konstantinos Latsos (Adolfo Pirelli)
Jesper Vöcks / Julius Dörner (Tobias Ragg)

Ballett Rossa
Staatskapelle Halle

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Katharina Schutza (Mrs. Lovett) und Jesper Vöcks (Tobias) © Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto. Falk Wenzel